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Quacksalber und Scharlatane / Heilsame Geschäfte

Von Reinhold Rühl / Süddeutsche Zeitung / URL: /finanzen/artikel/21/113907/article.html



Ein Urteil des Verfassungsgerichtes aus dem Jahr 2004 hat in der Branche der Handaufleger zu einem Boom geführt. Gerade Schwerkranke hoffen auf "paramedizinische" Hilfe - und landen oft bei Quacksalbern.


 

Beate Stürzenbach* atmet leise, sie versucht es jedenfalls. Die Frau leidet unter Asthma. Blütenpollen quälen sie seit Jahren und verursachen besonders im Frühjahr schwere Allergien.

Seit einer halben Stunde ruht die 45-Jährige ganz entspannt mit geschlossenen Augen auf einer Liege, und Wilfried Lubberich versucht, sie von ihrem Leiden zu befreien - allein mit Hilfe seiner Hände.

Im Abstand von 20 Zentimeter lässt er sie über seiner Klientin schweben. Über der Brust, dem Kopf, den Schultern. Berühren muss er die Kranke nicht, denn Lubberich ist davon überzeugt, dass die ,,heilende Energie‘‘ auch so fließt.

Meditative Stille erfüllt den spärlich eingerichteten Raum. An der Wand hängen fernöstliche Kalligraphien, neben der Liege flackert eine Kerze, ein Bronzekreuz ziert das Sideboard. ,,Ich verbinde mich energetisch mit meinen Patienten‘‘, sagt Lubberich nach der Behandlung, die insgesamt eine knappe Stunde dauert.

 

Vage Beschreibung

Er nehme Kontakt auf zur ,,geistigen Welt‘‘, die ihn bei seiner Arbeit unterstütze. Wie das funktionieren soll, kann der 55-Jährige nur vage umschreiben: ,,Wer heilt, befindet sich in einem Bewusstseinszustand, in dem sich der Geist ganz und gar auf die Absicht ausrichtet, einem Mitmenschen zu helfen.‘‘

Das versuchen in Deutschland immer mehr Anbieter paramedizinischer Heil-verfahren. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn viele haben ihre ,,Praxis‘‘ in einer Ecke des heimischen Wohnzimmers.

Der Dachverband Geistiges Heilen (DGH) in Heidelberg zählt 3500 Einzelmitglieder. Mit 19 Mitgliedsvereinen vertritt der Verband 5000 Heilerinnen und Heiler mit verschiedensten Heilweisen und Weltanschauungen.

DGH-Gründer Harald Wiesendanger rechnet vor, dass die etwa 10.000 Heiler im deutschsprachigen Raum pro Jahr 90 bis 120 Millionen ,,geistige Heilsitzungen‘‘ absolvieren.

 

Im Schnitt sind 40 Euro fällig

Manche Sitzungen kosten gar nichts. Bei den meisten sind im Schnitt 40 Euro fällig. Die Gesamteinnahmen addierten sich demnach auf bis zu 4,8 Milliarden Euro, schätzt Wiesendanger. Die Nachfrage wächst weiter. Und die Abzocke auch.

Ebenso unsicher wie die Umsatzzahlen sind die Qualifikationen der Geistheiler. Wilfried Lubberich entdeckte seine paramedizinische Fähigkeit durch Zufall. Er arbeitete als Bürovorsteher in einem Notariat. Tagelang hatte ein Kollege in der Grundbuchabteilung des Amtsgerichts nach einer Akte gesucht. Lubberich spürte das Schriftstück binnen weniger Minuten auf - seine ,,übersinnlichen Kräfte‘‘ hätten ihn zum Fundort geführt, sagt er. Das sprach sich herum. Bald nahmen auch Kollegen und Freunde den Hellseher in Anspruch.

Seit er vor sechs Jahren als Angestellter kündigte, kann der Rheinländer seine nach eigener Einschätzung ,,gottgegebenen Fähigkeiten‘‘ als Unternehmer gewinnbringend nutzen.

 

Repräsentatives Büroappartement

Lubberich eröffnete eine Praxis im rheinischen Hennef und firmierte als ,,Heiler‘‘. Seit zwei Jahren betreibt er eine Zweigniederlassung in München. Im noblen Teil der Ludwigsvorstadt hat Lubberich ein repräsentatives Büroappartement angemietet. ,,Spirituelle Heilweisen‘‘ steht auf dem Schild neben dem Eingang, ,,Termine nach Vereinbarung‘‘.

Noch vor drei Jahren hätte ihm dieses Schild ziemlich viel Ärger eingebracht, denn Lubberich ist medizinischer Laie. Heilen dürfen in Deutschland aber neben Ärzten nur zugelassene Heilpraktiker. Diese Bestimmung hat das Bundesverfassungsgericht mit einer Entscheidung gelockert, die Aufsehen erregt hat.

Wer die Selbstheilungskräfte des Patienten durch Handauflegen aktiviere und dabei keine Diagnosen stelle, benötige keine Heilpraktikererlaubnis, formulierten die obersten Richter im März 2004. Der Heiler müsse jedoch die Kranken vor Beginn ihres Besuchs darauf hinweisen, dass er eine ärztliche Behandlung nicht ersetzt.

 

Nicht ganz geheuer

Seit Veröffentlichung der Urteilsgründe wird in Deutschland eine Praxis für ,,Geistiges Heilen‘‘ nach der anderen gegründet. Der Boom ist selbst dem Spiritus rector der deutschen Geistheilerszene nicht ganz geheuer.

So beobachtet Harald Wiesendanger einen ,,bestürzenden Qualitätsverfall‘‘ durch mäßig begabte, sich selbst überschätzende Möchtegerns. Diese versuchten, ,,mit überzogenen Erfolgsversprechen, wolkiger Esoterik, fragwürdigen Diplomen und dubiosen Titeln‘‘ wettzumachen, was ihnen an therapeutischer Befähigung fehle.

Weit über 1000 Anbieter von Kursen unterschiedlichster Qualität tummeln sich in der deutschen Heilerszene, in denen angeblich beinahe jeder heilen lernen kann. Die Ausbildungskosten addieren sich oft zu fünfstelligen Summen.

,,Es war zu erwarten, dass Quacksalber und Scharlatane das umgehend ausnützen würden‘‘, kritisiert Ingo Heinemann vom Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung in Bonn den Urteilsspruch.

 

Selbsternannte Heiler

An seine Beratungsstelle wenden sich immer mehr Menschen, deren Freund sich plötzlich zum Geistheiler berufen fühlt. Diese selbsternannten Heiler würden im Freundeskreis Diagnosen stellen, behandeln und dann auch noch Geld wollen, meist alles ohne ein Stück Papier, empört sich der Verbraucherschützer.

Wilfried Lubberich distanziert sich von solchen Scharlatanen, die den ohnehin schillernden Ruf der Geistheilerbranche beschädigten. Er ist ein Heiler mit Prädikat, zumindest auf seinem Praxisschild: ,,Empfohlen von der Internationalen Vermittlungsstelle für herausragende Heiler (IVH)‘‘ ist dort zu lesen. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, ,,wirkliche Könner ausfindig zu machen‘‘, sagt Harald Wiesendanger, der die Initiative im vergangenen Jahr gegründet hat.

Um von der IVH empfohlen zu werden, müssen Heiler einen Ehrenkodex anerkennen. Sie dürfen nicht mit Ärzten konkurrieren, weder Heilungsversprechen abgeben noch Diagnosen stellen.

 

Unmissverständliche Absprachen

Seriöse Heiler zeichnen sich aus durch unmissverständliche Absprachen über Behandlungsverlauf und Honorar, setzen Hilfesuchende niemals unter Druck und werben nicht mit irreführenden Titeln.

Mit dem IVH-Prädikat schmücken sich derzeit 125 Heiler. Ein Drittel von ihnen nehmen nur Spenden an, von den Übrigen hilft jeder Fünfte ,,zumindest in Notfällen‘‘ auch unentgeltlich.

Lubberich versteht sich als Vollprofi, er kassiert pro Stunde Einzelsitzung 75 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Mancher Kassenarzt, der im Quartal nur zwischen 45 und 50 Euro pro Patient abrechnen darf, könnte da neidisch werden.

 

Stets ausgebucht

Seine Behandlungstermine in München, zu denen Lubberich zweimal pro Monat für jeweils drei Tage mit dem ICE anreist, sind stets ausgebucht. Manche Kranken kommen bis zu zwölf Mal, um die heilenden ,,Energieströme‘‘ zu spü-ren. Dazu brauchen sie nicht unbedingt in die Praxis zu kommen, denn Lubberich bietet auch ,,Fernheilungen‘‘ an.

Dabei stellt er sich nach vorhergehendem Telefonat ,,gedanklich auf den Hilfesuchenden ein‘‘, nehme dadurch dessen seelische Vorgänge wahr und schicke die ,,universelle Heilenergie‘‘, ganz gleich, wo der Kunde sich befindet. Das Honorar ist in diesem Fall frei vereinbar.

Für viele ist die Behandlung der letzte Strohhalm, nach dem sie greifen. Die Hälfte seiner Klienten hat Krebs, viele quälen chronische Rückenschmerzen, oder sie leiden wie Beate Stürzenbach an multiplen Allergien.

"Keine Heilungsgarantie"Lubberich gibt seinen Klienten allerdings ,,keine Heilungsgarantie‘‘. Das ist anscheinend auch nicht nötig. Denn 65 Prozent der Bundesbürger vertrauen den Fähigkeiten von Geistheilern. Sie würden sich nach einer repräsentativen Umfrage der Wickert-Institute bei einer unheilbaren Erkrankung von einem medizinischen Laien mit besonderen Fähigkeiten durchaus behandeln lassen.

Die Hoffnung gründet sich vor allem auf Berichte über angebliche Wunderheilungen, die den Marktwert der jeweiligen Heiler schnell in die Höhe treiben.

Besonders gut funktioniert das bei Rolf Drevermann, laut Eigenwerbung ,,einer der erfolgreichsten und bekanntesten Heiler Europas‘‘. Die Presseartikel über seine Heilungen hat der geschäftstüchtige Westfale sogar in Kunstleder einbinden lassen.

Glaubt man den Berichten, können Lahme wieder gehen, Blinde wieder sehen und Krebskranke ohne Metastasen weiterleben. Manchmal reichten schon ,,fünfmal 30 Minuten‘‘ bei Rolf Drevermann. So richtig überprüft hat das indes kaum jemand.

 

,,Wunderheiler von Warendorf‘‘

Drevermann wurde als ,,Wunderheiler von Warendorf‘‘ Anfang der neunziger Jahre bundesweit bekannt, musste aber bald seine Heiltätigkeit ins Ausland verlegen. Per Gericht hatte ihm die Kreisverwaltung unter Hinweis auf das Heilpraktikergesetz jegliche weitere Heilertätigkeit untersagt.

Obwohl Drevermann nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes längst wieder in Deutschland praktizieren dürfte, empfängt er schwer-kranke Menschen weiter in seinem Exil, das er im Viersternehotel Los Molinos auf Ibiza eingerichtet hat. ,,Er liebt nun mal die spanische Sonne‘‘, teilt sein Sekretariat im Münsterland mit.

Den Heilungsaufenthalt auf den Balearen hat Drevermann - zumindest für sich - kostengünstig organisiert. Zur Gruppentherapie bittet er die Patienten ins neonerleuchtete Souterrain. Hier bekommen die Kranken auf Sonnenliegen ,,die für sie sehr wichtigen Kräfte oder Energien übertragen‘‘.

 

Von Liege zu Liege

Im weißen Ärzte-Outfit wechselt Drevermann von Liege zu Liege, hält - je nach Ort der Beschwerden - seine Hände mal über den Kopf, mal übers Knie der Patienten.

Zehn Minuten lang lässt der 59-Jährige seine Energie auf jeden Patienten einströmen. Im Hintergrund säuselt seine neue CD mit einer Musik, die entspannen soll. 1100 Euro müssen die Kranken für zehn Behandlungen hinblättern, am liebsten in bar.

Flug- und Hotelkosten für die zweiwöchige Heilreise natürlich extra. Mit diesem Honorar zählt Drevermann zu den Spitzenverdienern seines Gewerbes. Die DGH-Vorsitzende Rita Firgau rechnet schnell nach: ,,Insgesamt 100 Minuten Behandlung pro Patient - ein Stundenpreis von 660 Euro. Das verlangt keines unserer Mitglieder.‘‘

Der Verband schreibt in seinem Verhaltenskodex einen Höchstsatz von 80 Euro pro Stunde vor, inklusive Mehrwertsteuer.

 

Ehemaliger Koch und Kneipenbesitzer

Weit mehr als 25.00 Patienten sollen in den vergangenen 20 Jahren bei dem ehemaligen Koch und Kneipenbesitzer Hilfe gesucht haben. Man könne davon ausgehen, dass sich ,,bei 70 bis 80 Prozent der Fälle ein Erfolg einstellt‘‘, ließ der tiefgläubige Katholik bereits verlauten.

Damit wäre Drevermann weitaus erfolgreicher als sein spirituelles Vorbild, der italienische Kapuzinermönch Padre Pio. Der nach seinem Tod 1968 selig gesprochene Pater war auch als Geistheiler tätig. Allerdings wurden von der katholischen Kirche nur zwei seiner Heilungen als Wunder anerkannt.

Auf ein solches Wunder hofft noch Beate Stürzenbach. Viermal hat sich die Allergikerin bereits von Lubberich behandeln lassen. Und sie wird wiederkommen. Allergien sind hartnäckig.

*) Name von der Redaktion geändert

 

Bibliographie


SZ vom 12.05.07