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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

FESTHALTETHERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Die dreijährige Daniela ist zornig, sie brüllt wie am Spieß. Verzweifelt schlägt sie um sich, kratzt und strampelt, sie versucht immer wieder, sich loszureißen. Doch ohne Erfolg. Wie in einem Schraubstock hält ihr Vater sie an sich gepreßt, lange Zeit und ohne loszulassen, bis Daniela ihren Widerstand endlich aufgibt, sie nur noch ganz schwach strampelt und weich in seinen Armen hängt.

vikas / Festhaltetherapie
Geschichte und Konzept

Die Festhaltetherapie wurde in den USA entwickelt und erprobt, konnte sich dort allerdings nicht durchsetzen. Im deutschsprachigen Raum wird das Festhalten bei autistischen oder verhaltensauffälligen Kindern seit Anfang der 80er Jahre von der Lehrerin und Psychologin Jirina Prekop (*193O) propagiert.

Mit ihrem Bestseller »Der kleine Tyrann« machte Jirina Prekop diese Methode ab 1988 weithin bekannt. Festhaltetherapie ist in erster Linie für den »Hausgebrauch« zur Selbstanwendung gedacht. Eltern oder Erzieherinnen »renitenter« Kinder werden in drei- bis fünftägigen Kursen in Theorie und Praxis der Methode unterwiesen. Die Anweisungen lassen sich auch den Schriften Jirina Prekops entnehmen sowie der seit 1992 erscheinenden Ver-bandszeitschrift »Holding Times«. Wie viele Familien das Festhalten als Erziehungsinstrument anwenden, ist nicht bekannt.

Festhaltetherapie versteht sich als Maßnahme gegen aufmüpfige Kinder, die - laut Jirina Prekop - zwischen dem starken Wunsch nach Kontakt und der Angst davor hin- und hergerissen sind. Dieser innere Widerspruch soll sich durch das Festhalten als Maßnahme von außen auflösen, so daß das Kind künftig leichter soziale Beziehungen eingehen und sich gesund weiterentwickeln kann. Dem Kind wird durch das Festhalten ein Gefühl von Orientierung und Geborgenheit vermitteln. Als erfolgreich abgeschlossen gilt die Therapie, wenn das Kind sich widerstandslos halten läßt und sich angepaßt benimmt.

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vikas / Festhaltetherapie
Therapieablauf

Manche Kinder werden zappelig, wild oder wütend, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Statt sich mit dem Kind auf Diskussionen einzulassen, zu erklären oder sich sonstwie um sein Verständnis zu bemühen, wird es von einem Elternteil, manchmal aber von einem Therapeuten oder einer Therapeutin gegen seinen Widerstand so lange in ganz enger Umarmung festgehalten, bis es sich nicht mehr wehrt.
Falls die Kräfte der Erwachsenen nicht ausreichen, kann ein eigener Festhaltegurt, eine Art »Zwangsjacke für zwei«, verwendet werden. Nach Angaben seiner Befürworter sollen Kinder bei akuten Anlässen immer festgehalten werden. »Wilde« Kinder kann man auch ohne besonderen Anlaß möglichst häufig, mindestens aber einmal täglich festhalten. Das Festhalten kann mehrere Stunden dauern.

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vikas /Festhaltetherapie
Anwendungsbereiche

Festhaltetherapie wird gegen alle psychischen Störungen bei Kindern empfohlen. Besonders wirksam soll es bei hyperaktiven, überängstlichen, geistig behinderten Kindern sein. Autistischen Kindern soll es ebenfalls helfen.

Festhaltetherapie wird ausdrücklich auch zur Behandlung »unbotmäßiger« Ehefrauen anempfohlen.

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vikas / Festhaltetherapie
Kritik

Wie der Deutsche Kinderschutzbund feststellt, bietet die Festhaltetherapie   die   »perfekte   Maskerade   und Rechtfertigung für Gewalt«. Promente Erziehungswissenschaftlerlnnen und PsychotherapeutInnen  haben  sich  entschieden  gegen  diese  Therapie  ausgesprochen, weil sie eine Strafe für nichtangepaßtes Verhalten in »Therapie im Interesse des Kindes« umdefiniert. Mit dem Festhalten kann therapeutisch verbrämt  werden,  daß   in  Wahrheit  mit Gewalt    die    eigenen    Vorstellungen durchgesetzt   werden   sollten.   Jirina Prekop allerdings versteht ihre Methode als christlich, menschenfreundlich und humanistisch.

Das Kind wird in extrem negative Gefühle gestürzt, die bis hin zu akuter Todesangst reichen können. So wird der Wille des Kindes gebrochen.

Nachweislich kann die Methode zu Neurotisierungen und sogar zum Ausbruch schizophrener Störungen führen.

Festhaltetherapie ist zur Behandlung psychischer Störungen ungeeignet. Sie ist insgesamt abzulehnen.

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vikas / Festhaltetherapie
Bibliographie / Ergänzende Publikationen

(1) Colin Goldner: Die Psychoszene, Aschaffenburg: Alibri-Verlag, 2000, S. 269

(2) Colin Goldner, Secundariusa,  BoD Norderstedt 2009:  Und bist du nicht willig

(3) Udo Schuster, Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus e.V., Jahresfachtagung 2006: Festhaltetherapie nach Prekop - Wirksame Hilfe oder pseudowissenschftlich verbrämte Kindesmißhandlung?

(4) Georg Feuser in Behindertenpädagogik, Heft 2, Mai 1988, 27. Jahrgang: Aspekte einer Kritik des Verfahrens des 'erzwungenen Haltens' (Festhaltetherapie) bei autistischen und anders behinderten Kindern und Jugendlichen

(5) Monika Krenner, Seminararbeit im Grundstudium, Universität Würzburg, 1999: Ein Erklärungsmodell zur "Festhaltetherapie" nach Jirina Prekop
 

(6) Falk Burchard: Festhaltetherapie in der Kritik; Dreiteilige Beobachtungsstudie zur Praxis der Festhaltetherapie nach 1 bis 5 Jahren; Edition Marhold 1992



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letzte Aktualisierung: 01.09.2010


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