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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

BIOENERGETIK (BIOENERGETISCHE ANALYSE)

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Das Wochenende habe ich fast nicht durchgestanden. Was ich erlebte, hat mich aufgewühlt: Kaum stand ein Teilnehmer nur kurze Zeit in Streßhaltung nach hinten gebogen da, brüllte er wie ein Tier, ein anderer wimmerte, schluchzte und rief nach seiner Mutter, als wäre er ein verletztes Kind. Ich selbst bin in diesen zwei Tagen durch Himmel und Hölle gegangen.
Unter uns Teilnehmern entstand bald ein Gefühl enger Zusammengehörigkeit. Seltsam ist jedoch, daß der Kontakt nachher völlig abriß. Über mich habe ich vieles erfahren. Doch ob ich mich geändert habe? Das bezweifle ich.

 

 

vikas / Bioenergetik
Geschichte und Konzept

Die Bioenergetische Analyse versteht sich als Psychoanalyse des Leibes. Ihr Begründer war der Sportlehrer und spätere Arzt Alexander Löwen (*1910), der in den 40er Jahren mit Wilhelm Reich zusammengearbeitet hat. Das Konzept geht auf Zeitgenossen Sigmund Freuds zurück, Psychoanalytiker, wie Karl Abraham (1877-1925), der eine Charaktertypenlehre entworfen hatte, und Sändor Ferenczi (1873-1933), der als erster die Regel in Frage stellte, daß TherapeutInnen ihre KlientInnen nicht berühren dürften.

Die Grundzüge der Bioenergetischen Analyse entwickelte Löwen gemeinsam mit -> John C. Pierrakos -im wesentlichen mit nur einem einzigen Analysanden: Löwen selbst. 1956 eröffneten die beiden ein Therapie- und Trainingsinstitut.

Löwen verbreitete das Verfahren in unzähligen Schriften und bildete sowohl in Amerika als auch in Europa Bioenergetische AnalytikerInnen aus. Derzeit existieren weltweit etwa 35 Ausbildungsinstitute —, einige auch in Deutschland -, die alle dem Internationalen Institut für Bioenergetische Analyse (IIBA) in New York angegliedert sind. Die Ausbildung erfolgt in Intensivgruppen, die einmal monatlich, über vier Jahre verteilt, stattfinden. Auf die Qualität der Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn wird dabei wenig geachtet; die Ausbildungsstandards sind sehr unterschiedlich.

Die deutschen BioenergetikerInnen sind in sechs Vereinen mit etwa 300 Mitgliedern organisiert. Unter ihnen finden sich ÄrztInnen, PsychotherapeutInnen und HeilpraktikerInnen. In Österreich arbeiten etwa 25 MedizinerInnen und PsychologInnen bioenergetisch, in der Schweiz rund 60.

Zahlreiche TherapeutInnen verwenden darüber hinaus unkontrolliert bioenergetische und andere Körperübungen und bieten sie unter dem Namen Bioenergetik an, verzichten dabei aber oft auf die anschließende Bearbeitung des Erlebten. Darüber hinaus sind bioenergetische Übungen fixer Bestandteil beinahe eines jeden Selbsterfahrungsworkshops geworden.

Die Idee dahinter

Bioenergetische Analyse will aus dem Körperbild die spezifische Störung eines Menschen ablesen und über therapeutische Körperübungen behandeln. Der Organismus gilt ihr als körperlich-seelische Einheit, erfüllt von pulsierender »Bioenergie«, die die Atmung »auflädt« und die sich je nach Seelenzustand in bestimmten Körperbereichen konzentriert. Eine angespannte Muskulatur kann den Fluß dieser vitalen Energie hemmen und das Erleben und Ausdrücken von Gefühlen blockieren. Tut sie das wiederholt, wird die Muskelspannung chronisch (-> . »Muskelpanzer«). Dadurch entsteht ein charakteristisches Körperbild. Bezeichnungen wie »Hartnäckigkeit«, »Engstirnigkeit«, »Aufgeblasenheit« oder »Niedergeschlagenheit« geben dies bildhaft wieder (-> Neo-Psychoanalyse).

Die Bioenergetische Analyse ordnet Körperhaltungen bestimmte Charakterstrukturen zu, die typischerweise entstehen, je nachdem in welcher Entwicklungsphase wesentliche Grundbedürfnisse unerfüllt geblieben sind. Die Charakterstruktur drückt sich im Körper als Haltung, im seelischen Bereich und in den sozialen Beziehungen durch die Grundstimmung aus.

Ähnlich wie die Jahresringe eines Baumes sollen die im Körper »einge­fleischten« seelischen Notlösungen die Lebensgeschichte erzählen. Bioenergetikerlnnen »lesen« daher am Körper ihrer KlientInnen wie in einer Biographie (body-reading) und wollen mit der Analyse dieser Strukturen die darunterliegende Geschichte erhellen.

Die Körperarbeit besteht aus Berührungen, Massagen, sowie der Anregung zu atmen und die Stimme zu benutzen und bestimmte Körperhaltungen einzunehmen. Dies soll das »Körpergedächtnis« aktivieren und die Gefühle freisetzen. Die dramatische Gefühlsentladung soll Körper und Seele von den Verspannungen befreien, in anschließenden Gesprächen wird das Erlebte verarbeitet. Ziel der Bioenergetik ist eine grundlegende Persönlichkeitsänderung: freier Ausdruck, Lebensfreude, Lust und sexuelle Befriedigung.

 

Biosynthese

Auf Biodynamik und Bioenergetik und Tiefenpsychologie griff der Engländer David Boadella (*1931) zurück, als er in den 70er Jahren die Biosynthese entwickelte. Er bezog jedoch in sein Konzept auch vorgeburtliche und transpersonale Prozesse mit ein und erweiterte die Vorstellungen von der in den Muskelpanzerungen eingefleischten Lebensgeschichte um die Idee von einer »Gehirnpanzerung«. Boadella gründete 1981 das Institut für Biosynthese, hielt weltweit Vorträge und Kurse ab und etablierte die Biosynthese in der Schweiz. Die Ausbildung beruht vornehmlich auf seiner Person, zugelassen sind Absolventen eines medizinischen oder sozialpsychologischen Studiums. Biosynthese ist von der Schweizer Charta anerkannt (-> Seelenmedizin Psychotherapie).

Biosynthesearbeit wendet Massage- und Körperpositions-Techniken an, ähnlich wie die Bioenergetik, dosiert diese aber zurückhaltend. Sie richtet sich nicht nur auf Katharsis, sondern auch auf Einsicht und auf das Erlernen neuen Verhaltens durch korrigierende Erfahrungen. Sie wird bei psychosomatischen und seelischen Störungen angewendet und soll speziell geeignet sein bei Borderlinestörungen und Schockzuständen, für Folteropfer und schwer behinderte Menschen. Ein wissenschaftlicher Beleg der berichteten Erfolge steht noch aus.

 

Die Charakterstrukturen der Bioenergetischen Analyse

Der schizophrene  Charakter lebt völlig   Ich-isoliert.   Verspannungen   an allen großen Gelenken und das blockierte Zwerchfell zeigen an, daß die Erinnerung an eine Bedrohung unterdrückt werden soll, die als »vernichtend« erlebt wurde.

Der schizoide Charakter, der frühe Ablehnung erfahren hat, meidet Nähe in Beziehungen. Das drückt er durch Schieflegen des Kopfes aus. Die einzelnen Körperteile  wirken  unproportioniert, scheinen gegeneinander verdreht.

Der orale Charakter neigt aufgrund früher Vernachlässigung und Überforderung in Beziehungen zum Anklammern. Sein Körperbau wirkt schmal, die Muskulatur schwach, das Brustbein ist eingefallen.

Der psychopathische Charakter kann nur zu Menschen Beziehungen aufbauen, die ihn brauchen, denn er wurde als Kind manipuliert.  Der Körper folgt anscheinend dem Befehl: »Brust raus, Bauch rein, Hinterteil zusammenkneifen!« Die Schultern mächtig hochgezogen, wirkt er »aufgeblasen«.

Der masochistische Charakter kann nur mit unterwürfiger Haltung Beziehungen erleben, als Kind wurde ihm seinerzeit »das Kreuz gebrochen«.  Er schützt sich  mit einem  krummen  Rücken, der Körper wirkt gedrungen.

Die   rigiden   Charakterstrukturen zeichnen   sich   durch   energiegeladene Starre aus. Dazu gehört der passiv-feminine Mann und die aggressiv-maskuline Frau: Sie halten sich - mit Hohlkreuz - reserviert; sowie der phallisch-narzißtische Mann und die hysterische Frau: Ihre Ausstrahlung ist sexy. Der rigide Charakter knüpft enge Beziehungen, in denen er jedoch dauernd auf der Hut bleibt. Allen gemeinsam ist, daß der Atem verhalten und der Energiefluß gesperrt ist.

Als Idealbild gilt der freie, genitale Charakter, der nicht beeinträchtigt ist: Sein Körper ist von gesammelter Haltung und anmutigen  Spontanbewegungen, sein Auge beseelt.

 

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vikas / Bioenergetik
Therapieablauf

Am Beginn der Therapie steht die Diagnose: Die KlientInnen stellen sich, kaum bekleidet, vor den TherapeutInnen auf, die aus der Körperhaltung auf die Lebensgeschichte und auf die daraus entstandenen seelischen Störungen schließen.

Das zentrale Element der bioenergetischen Therapie ist die »Grounding-Übung«. Sie soll »Erdung«, also guten Kontakt mit dem Boden bewirken: Die KlientInnen stehen in leichter Grätsche, halten die Zehen etwas einwärts gedreht und die Knie leicht gebeugt. Sie drücken die geballten Fäuste von hinten gegen das Becken und bilden mit dem Körper einen vorgewölbten Bogen. Nach kurzer Zeit des Stehens in dieser Streßposition, beginnen zunächst die Beine ganz von selbst leicht zu vibrieren. Bald greift das Beben auf den ganzen Körper über.

Löwen hat über hundert verschiedene Körperübungen entwickelt, die jeweils unterschiedliche Reaktionen bewirken sollen: Sie sollen Erregung aufbauen, Emotionen abreagieren oder zurückführen in die Vergangenheit. Viele BioenergetiktherapeutInnen setzen darüber hinaus ihr eigenes Repertoire an Körperübungen ein.

Die TherapeutInnen regen die KlientInnen an, tief zu atmen und laut auszudrücken, was sie fühlen. Als besonderes Instrument dient ihnen dazu der »Atemhocker«, ein etwa 60 Zentimeter hoher Schemel, über den sich die Klientin oder der Klient zurücklehnt. Das soll die Atmung vertiefen. Nach einiger Zeit fangen die Betroffen heftig an zu keuchen, zu schreien oder zu schluchzen.

Nicht nur solche Streßpositionen und Bewegungsübungen, sondern auch körperliche Berührungen und bewußtes Verstärken der Gefühle sollen Emotionen wachrufen und den Erinnerungen die Schleusen öffnen. Die KlientInnen werden etwa angeregt, Verspannungen zu verstärken, zum Beispiel zusammengekniffene Augenbrauen noch weiter zusammenzuziehen. Falls der Atem stockt, können die TherapeutInnen auf den Brustkasten drücken. Das setzt heftige Emotionen in Bewegung. Diese werden herausgeschrien und durch Würgen, Beißen in ein Kissen und Schlagen auf die Matte abreagiert. Häufig geht die Gefühlsaufwallung mit Erinnerungen oder Vorstellungsbildern einher. Diese werden auch in Worte gefaßt: »Ich bring' dich um! ... Warum hast du mich immer geschlagen? ... Hör endlich auf!«

Auf der Matte liegend, sollen die KlientInnen »verwundbare« Positionen einnehmen: Etwa wie ein Kleinkind mit ausgestreckten Armen nach Hilfe rufen und auf diese Weise verdrängter Sehnsucht Ausdruck geben.

Auf die Erschütterung folgt zumeist eine Phase der Erschöpfung und Entspannung. Um das Erlebte zu verstehen und  die  Erkenntnisse  in  den  Alltag übernehmen zu können, deuten die TherapeutInnen das Geschehen -> tiefenpsychologisch, oder sie schließen eine -> gestalttherapeutische Arbeit an.

Bioenergetik wird üblicherweise in Gruppen mit zehn bis fünfzehn TeilnehmerInnen durchgeführt, die sich wöchentlich für zwei bis drei Stunden treffen. Meist dauert eine bioenergetische Therapie ein bis zwei Jahre. Einzelsitzungen sind selten; sie dauern meist eineinhalb Stunden.

Die früher beliebten Wochenendworkshops mit Intensivgruppen oder Marathons rund um die Uhr werden nur noch selten durchgeführt, da sie häufig Komplikationen mit sich brachten.

 

 

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vikas /Bioenergetik
Anwendungsbereiche

BioenergetiktherapeutInnen bieten ihre Methode gegen Streß an, zur Behandlung aller psychischen Störungen, Beziehungsstörungen und psychosomatischen Krankheiten. Alle entzündlichen Prozesse sind von dieser Behandlungsart ausgeschlossen.

 

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Kritik

Manche Vertreterinnen der Bioenergetik zweifeln selbst - wie  ihre Kritiker —, ob sich Bioenergetik eignet, psychosomatische  Krankheiten  zu  behandeln.

Die Einteilung in Charakterstrukturen  ist  fragwürdig  und  kann  dazu verleiten, daß die Betroffenen und ihre Störung   falsch   eingeschätzt   werden. Streßpositionen  stehen  im  Gegensatz zur natürlichen Haltung, sie verstärken Verspannungen, und sie unterdrücken eher die Spontanität, als daß sie sie befreien.

Der Atemhocker führt nicht, wie angegeben, zu einer Vertiefung der Atmung. Das Gegenteil ist der Fall: Er behindert den vertieften Atem.

Viele BioenergetikerInnen konzentrieren  sich  einseitig  auf den  Körper und vernachlässigen die Tatsache, daß Störungen auch im seelischen und sozialen Bereich begründet sein können.

BioenergetikerInnen drängen ihre KlientInnen oft dazu, ihre Gefühle auszuagieren.  Das hat bereits in einigenFällen zu körperlichen  Verletzungen geführt,   aber   auch   dazu,   »theatralisches« Gehabe zum neuen Verhaltensmuster zu machen.

Es ist fraglich, ob die bei den Körperübungen auftauchenden Bilder und Gefühle tatsächlich immer dem eigenen Erleben entstammen oder ob sie nicht erst durch die Streßpositionen phantasiert   werden.    Damit   werden   unter Umständen bestehende Probleme über deckt statt aufgearbeitet.

Bioenergetische Techniken können — auch mit  langer zeitlicher Verzögerung - tiefe Krisen auslösen. Bei mangelhaft qualifizierten TrainerInnen bedeutet dies ein großes Risiko.

Die These vom blockierten Energiefluß im Körper und die behaupteten Erfolge  der  Bioenergetischen  Analyse sind bis jetzt nicht nachgewiesen.

Bioenergetik eignet sich nicht als eigenständige Therapieform, um seelische  Störungen  und  psychosomatische Erkrankungen zu behandeln. Im Rahmen eines klinischen Gesamtkonzeptes können ausgewählte Bioenergieübungen körpertherapeutische Techniken begleiten.  Als Methode der Selbsterfahrung eignet sich Bioenergetik nur für gesunde, psychisch stabile Menschen.

 

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vikas /Bioenergetik
Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008