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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

ATEMTHERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich lag auf der Matte und spürte zum erstenmal meinem Atem nach - ich war erstaunt, wie unterschiedlich der Luftstrom fließen kann und welche Gefühle er transportiert, Besonders bewegt haben mich die »Partnerübungen« mit den anderen Kursteilnehmern, Wir haben aufeinander mit Neugierde, Trauer oder Aggression reagiert, und wir haben viel miteinander gelacht. Seither spüre ich mich und alles, was rundherum vorgeht, viel intensiver als vorher. Endlich fühle ich mich in meinem Körper zu Hause.

vikas / Atemtherapie
Geschichte und Konzept

Viele Schöpfungsmythen berichten davon, wie Gott dem Wesen, das er formte, seinen Atem - und damit das Leben - einhauchte. Der Begriff »Atem« leitet sich aus dem altindischen Sanskrit her, in dem »Atman« so viel bedeutet wie »Weltenseele«. Viele Sprachen verwenden das Wort für Atem gleichbedeutend mit Geist.

In asiatischen Kulturen entstanden eigene Übungen, um den Atem und die Konzentration zu beeinflussen. Ihr Ziel waren persönliche Reifung und transzendentale Bindung. In China gehören Atem- und Bewegungsübungen (-> Qigong) zur täglich praktizierten Gesundheitsvorsorge.

Bewußte Atmung war das Ziel der Pneuma-Schulen in Vorderasien zu Beginn unserer Zeitrechnung. Erst vor zweihundert Jahren entwickelten sich in Mitteleuropa im Rahmen von Bewegungsschulung Atemübungen, überwiegend von Frauen initiiert. Auch in den USA entstanden im 19. Jahrhundert verschiedene Atem- und Stimmschulen. Die beiden deutschen Atemtherapeutinnen Clara Schlaffhorst (1863-1945) und Hedwig Andersen (1866-1957) etablierten die amerikanischen Atemmethoden um die Jahrhundertwende in Deutschland. Drei Richtungen - Heilgymnastik, Stimm- und Sprachheilkunde sowie Atem-Selbsterfahrung - befruchteten einander gegenseitig. Diese Entwicklung wurde in der Zeit des Nationalsozialismus unterbrochen und hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur zögernd fortgesetzt.

Im Westen wird Atemtherapie überwiegend zur Behandlung von Krankheiten der Bronchien und der Lunge eingesetzt. Alle staatlich geprüften KrankengymnastInnen haben eine entsprechende Ausbildung durchlaufen.

Als Methode der Psychotherapie und zur Behandlung psychosomatischer Störungen erlangte die »Arbeit am Atem« erst im Zuge der Entwicklung der Körpertherapie größere Bedeutung. Einen wesentlichen Beitrag dazu lieferte die Atemlehrerin Ilse Middendorf (*1910). Sie entwickelte Übungen, mit denen es KlientInnen gelingt, sich vom »Leitseil des Atems« führen zu lassen, um sich besser zu spüren.

AtemlehrerInnen, die psychotherapeutisch arbeiten wollen, können in Atemschulen eine dreijährige praxisorientierte Ausbildung machen, wenn sie einschlägige Berufserfahrung oder Fachhochschulabschluß haben. Die Ausbildung wird mit Diplom abgeschlossen, ist aber noch nicht gesetzlich geregelt.

Derzeit sind im deutschsprachigen Raum über 1.000 AtemtherapeuIinnen tätig, einige von ihnen in Krankenhäusern und psychosomatischen Abteilungen, in der Behindertenbetreuung oder in der Stimmbildung. Die meisten arbeiten aber in privater Praxis oder in der Erwachsenenbildung.

Atmen ist ein überwiegend unbewußter Vorgang. Richtig atmet heute kaum noch jemand: Nicht nur einengende Kleidung, Bewegungsmangel und verkrampfte Haltung schneiden vielen den Atem ab, vor allem »atemlose Spannung« und ungelöste Konflikte engen den Atemfluß ein. Wer jedoch von seinem Atem »getrennt« ist, ist auch seinem Körper und seinen Gefühlen entfremdet.

Jeder Gedanke, jede Vorstellung, jede Empfindung verändert den Atem. Atem ist an allen Emotionen wesentlich beteiligt: Man schnaubt vor Wut, hält vor Angst den Atem an, stöhnt vor Lust, seufzt unter Bedrückung. Wird die Atmung angeregt, können vergessene Erinnerungen und Gefühle unerwartet und spontan hochkommen. Um das zu erreichen, greifen alle im 20. Jahrhundert entwickelten körperorientierten Therapien auf Atemübungen zurück. Atemtherapien legen Wert darauf, körperliche und seelische Prozesse zu erfahren, zu durchleben und zu erspüren. Als weniger bedeutsam gilt ihnen, das Erlebte zu analysieren und verstandesmäßig zu erfassen.

 

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vikas / Atemtherapie
Therapieablauf

Atemtherapie wird für Einzelne und Gruppen angeboten, die KlientInnen sind bekleidet. Üblich ist ein wöchentliches Training über mehrere Monate hinweg. Je nach Atemschule kann es unterschiedlich ablaufen. Meist beginnen die Stunden mit Räkeln und Sich dehnen; Arme und Beine, Hals und Rachen, Zunge und Zwerchfell werden gelockert.

Einzelarbeit

Durch Massagen und Körperübungen wird  der  unbewußte  Atem   erlebbar. Auf einer Liege ausgestreckt, überlassen sich KlientInnen entspannt und achtsam den Händen der TherapeutInnen, die über ihren Körper streichen und kreisen. Es entwickelt sich gleichsam ein Gespräch zwischen Händen und Körper. Dabei »erfahren« die KlientInnen den unbewußten Atemablauf und werden gewahr, wo er gehemmt ist und wo sich hingegen wohlige Gespanntheit ausbreitet. Im Verlauf der Therapie können sie diesen Zustand immer leichter erreichen.

Arbeit in  der Gruppe

Auf einer Matte liegend, dehnen und räkeln sich die KlientInnen. Sie lenken ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperregionen. Die AtemlehrerInnen beobachten, wie sich der Leib hebt und senkt, eventuell legen sie ihre Hand an eine bestimmte Körperregion - zum Beispiel unterhalb des Nabels. So wird es für Übende leichter, das Ausatmen bewußt dorthin zu lenken. Es geht darum, die körperliche Veränderung, die den neuen Atemgang begleitet, zu spüren und den Atem zu erweitern. Mit dieser Art der Atemlenkung verwandt sind -> Eutonie und -> Funktionelle Entspannung.

Manche  Übungen  beeinflussen von selbst  den  Atemgang. Zum  Beispiel, wenn man auf dem Boden einen festen Stand-Punkt einnimmt und den Gegendruck des Bodens spürt, wenn man auf dem Boden rollt oder wenn man Stimmungen mit weitausholenden Gesten, mimisch oder mit der Stimme ausdrückt. Bei solcher Körpererfahrung wird den Übenden bewußt, welche ihrer seelischen Grundhaltungen der Bewegung entsprechen. So kann in einer Person, die bewußt den Druck der Fußsohlen auf dem Boden spürt, zum Beispiel das innere Bild entstehen: »Ich stehe fest wie ein Baum.« Körperkontaktübungen, wie etwa sich gegenseitig abtasten oder abklopfen, locken aus der Reserve und fördern die Kontaktbereitschaft. Nach den Übungen spüren die Teilnehmerinnen dem Erlebten nach und tauschen ihre Erfahrungen aus.

Diese Formen der Atemtherapie werden speziell von der Methode Middendorf, der -> Konzentrativen Bewegungstherapie und der -> Integrativen Bewegungstherapie angewendet; sie sind Bestandteil der -> Bioenergetik und der -> Biodynamik.

Atemübungen verbessern die Entfaltung des Lungengewebes, beeinflussen das vegetative Nervensystem, das die Atmung steuert, und entspannen auf diesem Weg auch verspannte Muskeln; dadurch steigern sie das Wohlbefinden und die Konzentration und ermöglichen neuen Kontakt zur Gefühlswelt und zum eigenen Körper.

 

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vikas / Atemtherapie
Anwendungsbereiche

Atemtherapie eignet sich dazu, Atemstörungen, Haltungsschäden, funktionelle Störungen des Herz-Kreislauf-Systems und der Verdauung zu beheben. Sie hilft, Unruhe, muskuläre Unter-und Überspannungen, Schlafstörungen,  Erschöpfungszustände und Kopfschmerzen zu lindern; sie dient der Streßbewältigung und dem Gefühlsausgleich; sie verbessert die Kontaktfähigkeit   und   gilt   als   Weg  der Selbsterfahrung. Atemtherapie ist hilfreich bei der Geburtsvorbereitung und bei der Betreuung betagter Menschen.

Im Rahmen einer körperorientierten Psychotherapie kann Atemtherapie vor allem in der Behandlung von Zwängen, Erwartungsängsten  und  depressiven
Zuständen sowie zur Rehabilitation in der Psychiatrie eingesetzt werden.

 

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vikas / Atemtherapie
Kritik

Nur qualifizierte TherapeutInnen, die die Anwendungsgrenzen der Atemtherapie einhalten, können möglicherweise evozierte Gefühle fachgerecht bearbeiten. Atemtherapie,  ausgeführt durch Unqualifizierte, kann bei schweren  seelischen  Störungen  emotionale Krisen auslösen.

Manche TherapeutInnen setzen Atemtechniken eigenständig ein, obwohl bei psychischen oder psychosomatischen Krankheiten Atemtherapie nur in Zusammenarbeit mit ÄrztInnen beziehungsweise  mit  PsychotherapeutInnen oder PsychologInnen angewendet werden darf.

 

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vikas / Atemtherapie
Bibliographie

Cardas, E.: Atmen - Lebenskraft befrei­en. Gräfe und Unzer, München, 3.Aufl. 1993

Middendorf, L: Der erfahrbare Atem. Eine Atemlehre. Junfermann, Paderborn 1993.
Mit zwei Kassetten für das Heimtraining

 

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