V    I   K   A   S -  i N F O T H E K 

Psychomarkt/Esoterik -> Hintergrundwissen

 

Der direkte LINK:| HOME | VIKAS -Regional| VIKAS -Spezial | VIKAS-Infothek-Übersicht |VIKAS aktuell| WHO`s WHO der ESOTERIK | Aktuelle Umfrage |

 

    

 

Von der Seele zur Psyche

Christa Federspiel, " Kursbuch Seele", Kiepenheuer & Witsch 1996/03.10.2010


Die Seele ist ein weites Land
Wachstum der Seele
Körper und Seele beeinflussen einander
An Konflikten reifen

 

Die Seele lässt sich nicht fassen, messen oder mit wissen­schaftlichen Methoden beschreiben. Dennoch weiß jeder, wie sich seelische Bewegung ausdrückt: Freude, Nachdenklichkeit, Angst oder Abscheu spürt jeder zeit­weilig in sich selbst und kann diese Gefühle an dem Gesichtsausdruck und der Körperhaltung anderer Men­schen erkennen. Was die Seele bewirkt, ist also beschreibbar, doch sie selbst entzieht sich der Beobachtung.

 

In vielen Menschen leben altüberlieferte Seelenvor­stellungen fort: Mit Seele verbinden sie Mystisches und Religiöses; Seele ist Gefühl, romantisch, unbewusst, übersinnlich, göttlich. Gefragt, wo diese Seele denn sein soll, sprechen die meisten vom Brustraum, dem Herzen oder dem Bauch. Für die Menschen der Antike waren Mut und Seele eins. Sie nannten sie »thymós« - daher rührt unser Wort für die Thymusdrüse, die sich hinter dem Brustbein befindet.

 

Viele GeisteswissenschaftlerInnen und Religionsfor­scherInnen haben sich mit der Natur des Seelischen beschäftigt, und das ist bis heute so geblieben. Auch in Philosophie, Kunst und Literatur hat die Seele in viel­fältigen Bedeutungen ihren angestammten Platz. Ansonsten ist sie weitgehend von der »Psyche« ver­drängt worden — dem, was Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie betrachten und behandeln.

 

Dabei beschreiben die Begriffe Seele und Psyche eigentlich dasselbe. Nur schließt die Psychologie alle religiösen und philosophischen Betrachtungs- und Beschreibungsformen der Seele aus. Mystische oder mythologische Inhalte, Geschichten und Märchen erkennt sie kaum an. Sie konzentriert sich auf die Aus Wirkungen der Seelenbewegungen und beschreibt, wie sich Innen- und Außenwelt zueinander verhalten. Sie erläutert in streng wissenschaftlicher Weise das Mitein­ander menschlicher Körperprozesse, der Lebenserfah­rung und Einflüsse der Umgebung auf den Menschen.

 

Obwohl die Psyche ebenso ungreifbar ist wie die Seele, scheint sie auf diese Weise eher beschreibbar. Die Psyche wird im Kopf lokalisiert, wo sie die Gedanken beeinflusst; man kann sie mit Umdenken, Verhaltens­training und Medikamenten beeinflussen, sie spiegelt sich in den Verhaltensweisen der Menschen.

 

 

VIKAS-Infothek

Die Seele ist ein weites Land

 

Wann der Mensch zum ersten Mal erkannte, daß im Körper auch eine Seele wohnt, bleibt im Dunkel der Geschichte verborgen. KulturforscherInnen vermuten, daß der Mensch auf seiner ganz frühen Entwicklungsstu­fe geistig noch nicht reif genug war, um begreifen zu können, daß es außer seinem täglichen Tun noch etwas »darüber hinaus« geben könne. Sie stellen sich den Früh­menschen vor wie ein »halbes Tier«, das ohne Bewußt­sein von Seele seinen täglichen Verrichtungen nachging, um zu überleben. Fragen wie »Wer bin ich?«, »Was fühle ich?«, »Was treibt mich an?«, »Was ist der Sinn des Lebens?« stellten sich für die Frühmenschen nicht, da sie noch nicht über sich selbst reflektieren konnten.

 

Erste Vorstellungen von »Seele« entstanden, als der Mensch eine Entwicklungsstufe erreicht hatte, von der aus er sich und die Welt auch mit Distanz, das heißt bewußt betrachten konnte. Erst als er begriff, daß es nicht nur Schlafen, Wachen, Jagen, Essen und sexuelle Triebe im Leben gibt, erkannte er, daß er auch ein Innenleben hat.

 

»Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren.«

Novalis (1772-1801)

 

 

 

Die Geschichte von Amor und Psyche

 

Gott Amor, der Sohn der Göttin Venus, trifft das Mädchen Psyche, verletzt sich dabei zufällig an einem seiner eigenen Pfeile und verliebt sich daraufhin in sie. In vielen Nächten genießen Amor und Psyche die kör­perliche Liebe; tags verschwindet Amor ungesehen, um seinen Aufgaben nachzugehen. Er hat Psyche verboten, jemals Licht auf ihn fallen zu lassen, da er nicht erkannt werden will. Sie wird von drei bösen Schwestern aufge­stachelt, sich ihren Liebhaber genauer anzusehen und ihn dann zu töten. Denn es war ihr geweissagt worden, sie werde von einem Ungeheuer entführt und mit ihm verheiratet werden.

 

Sie entzündet eine Öllampe, um den schlafenden Amor anzuschauen. Als Psyche Amor im Licht der Lampe sieht, verliebt sie sich unsterblich in ihn. Ein Tropfen heißen Öles fällt auf Amors Körper und weckt ihn auf. Er schwört, nie wiederzukommen, da Psyche ihr Ver­sprechen gebrochen hat, und entflieht.

 

Psyche möchte Amor wiedergewinnen; die Götter legen ihr schwere, lebensgefährliche Prüfungen auf. Sie steigt sogar in die Unterwelt hinab, um mit ihrem Geliebten wiedervereint zu werden. Als sie wieder in die Oberwelt zurückkehrt, ist ihre Prüfungszeit abgeschlos­sen: Amor und Psyche werden in wahrer Liebe zusam­mengeführt.

 

Diese Erzählung ist von vielen PsychoanalytikerIn­nen als die Geschichte der Seele verstanden worden, die zum Bewußtsein findet. Im Dunkel des Liebeslagers ist die Seele unbewußt und agiert ausschließlich ihre Bedürfnisse aus. Um Bewußtsein zu erlangen, sind viele Prüfungen nötig. In die eigenen Tiefen, manchmal bis an den Rand des Todes, kann der Weg der Erkenntnis führen. Erst dann ist reife Liebe, Erwachsensein und Bewußtheit möglich.

 

Die Bewußtwerdung des Menschen in der Frühzeit stellt man sich heute so vor: Der Mensch beobachtete, daß alles Lebendige atmet, auch er selbst. Alte Menschen standen manchmal nach einer Krankheit nicht mehr auf und waren auch nicht zu wecken.

 

Tiere, die bei der Jagd erschlagen wurden, verhielten sich ebenso: Sie lagen reglos, und aus ihrem Mund strömte kein Atem mehr. Was lag also näher als der Schluß: Atem ist Leben. Daraus erwuchs die Überzeu­gung, daß dem sichtbaren Körper eine unsichtbare Kraft innewohnt. Diese lebendige Kraft des Atems galt als »Seele«.

 

In den Schöpfungsmythen der verschiedenen Kultu­ren lebt diese Vorstellung fort: Gott haucht dem Men­schen Leben ein. So wird er zum beseelten Wesen, das im Tode »sein Leben aushaucht«.

 

Den Schlaf erlebten Menschen immer schon als ein Zwischenreich zwischen Leben und Tod. Im Schlaf läßt sich träumen, in unbekannten Welten umhergehen, man trifft fremde und bekannte, auch längst verstorbene Menschen. Während des Schlafes kann man sich am Ort und zugleich weit entfernt von seinem Körper aufhal­ten. So festigte sich die Anschauung, daß im Menschen eine Geistseele lebt, die im Wachen im Körper ist, während des Schlafes aber zeitweise und beim Tod für immer aus dem Körper entweicht.

Diese Seele stellte man sich als flüchtiges, körperlo­ses, schattenähnliches Etwas vor, das den Körper bewohnt und ausfüllt, ähnlich dem Atem.

 

»Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.«

Josef Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

 

Manchen Menschen ist es vertraut, daß ihnen Ver­storbene im Traum erscheinen. In vielen Kulturen gel­ten diese Traumerscheinungen als die Seelen der Toten. Da sie oft Schemen- oder schattenhaft sind, haben einige Völker diese Gestalten Schatten genannt. Viele Völker benennen Seele, Geist und Schatten mit demselben Wort, und in Märchen und Literatur taucht immer wie­der das Motiv des armseligen Menschen auf, der seine Seele dem Teufel verkauft und fortan ohne Schatten leben muß.

 

»Du bist ein Schatten am Tage / Und in der Nacht ein Licht; / Du lebst in meiner Klage / Und stirbst im Herzen nicht.«

Friedrich Rückert (1788-1866)

 

Das deutsche Wort Seele stammt vom altgermani­schen Wort für »See« oder »Binnengewässer« ab. Die Seelen der Ungeborenen und Toten lebten nach germa­nischer Überlieferung im Wasser. Nixen, Meerjungfrau­en, Sirenen, Nock, Wassermann und Seeungeheuer ver­körpern bei vielen Völkern Seelen, die im fließenden Wasser leben; meist unheimliche und gefährliche Gestalten, die die Menschen mit ihrem Gesang ver­führen, ihre Liebe ausnutzen und sie für immer in ihr Wasserreich ziehen.

 

Wenn ein Kind geboren werden soll, kommt der Storch, der Frühlingsbote und Glücksbringer, und holt es aus dem Lebensbrunnen oder Weltenteich, um es sei­nen künftigen Eltern zu überbringen. Diese Kindermär gründet auf jahrhundertealten Vorstellungen.

 

Die ältesten abendländischen Überlieferungen über die Vorstellungen von der Seele stammen aus der griechi­schen Naturphilosophie des sechsten Jahrhunderts vor Christus. Die Seele des Menschen wird mit den Grund­elementen des Universums verbunden gesehen: mit Erde, Wasser, Luft und Feuer. Die Seele hat eine ungreif­bare Gestalt und wird als Teil der Welt im Menschen verstanden. Nach dieser Vorstellung gibt es in allen lebenden Wesen eine Seele, in Tieren und Pflanzen, dem Wasser, den Steinen, den Lüften.

 

Umgekehrt kann die Seele auch Tiergestalt anneh­men: Den Germanen erschien sie als Bär, für die Grie­chen nahm sie Wolfsgestalt an, und bei den Römern symbolisierte die Schlange die Seele. Märchen, wie bei­spielsweise der »Gestiefelte Kater«, berichten davon, daß die eigene Seele in Tiergestalt dem Menschen in Notlagen beisteht. Auch der christliche Schutzengel kann als Verwandlungsform der Seele verstanden wer­den.

 

Die Menschen haben immer schon versucht, sich ein Bild davon zu machen, wie die Seele den Leib im Tod verläßt. Sie entweicht in Gestalt eines kleinen Mensch­leins, dessen Gesicht dem Verstorbenen gleicht, oder auch in Tiergestalt als davonflitzende Maus, als Wurm, als Schlange, die ihre Haut abstreift. Schmetterlinge galten vor allem den alten Griechen als Kinderseelen. In frühsteinzeitlichen Gräbern fand man ein in die Wand hineingemeißeltes Seelenloch, durch das die Seele in die Welt hinaus entschlüpfen konnte, um später wiederge­boren zu werden.

 

Viele Kulturen sehen die Musik als die Sprache der Seele an. Die Seele singt und tanzt, sie läßt sich von Musik anrühren. In der modernen -> Musik-, -> Tanz- und -> Kunsttherapie  lebt dieses uralte Wissen fort.

 

»Rhythmus und Harmonie dringen am tiefsten in das Innere der Seele ein und ergreifen sie am stärksten.«

Platon (427-347 v. Chr.)

 

 

In der altindischen Mystik stellte man sich vor, daß es Einzelseelen und die Weltseele gäbe. Ohne die Wel­tenseele sind alle Einzelseelen schwach und hilflos und ebenso auch die Weltenseele ohne die Einzelseelen, denn sie brauchen einander als Teile eines Ganzen. Der Sitz des Lebens ist »Atman«: der Hauch, der Atem, die Seele.

 

Alles Lebende in der Welt soll aus der Weltseele ent­standen sein. Deshalb wirkt sie als Lebenskraft in allem Lebendigen. Auch das Ich als Bewußtsein des Menschen ist Teil der kosmischen Ordnung und der Natur. Auf­gabe der Seele ist es, die Einheit von Einzelseele und Weltseele zu erreichen und sich durch Seelenwanderung und Wiedergeburt zu erlösen. Die Lehren des -> Yoga beschreiben einen möglichen Weg, um die Seele zu befreien. Im Traum streift die Seele den Körper ab und begibt sich zu ihrem Ort im Jenseits, wie ein Fisch, der zwischen zwei Ufern eines Flusses hin und her schwimmt.

 

»Der, welcher in allen Wesen wohnend von allen Wesen verschieden ist, den die Wesen alle nicht ken­nen, dessen Leib alle Wesen sind, der alle Wesen von innen lenkt, der ist dein Atman, der heimliche Len­ker, der Unsterbliche.«

Aus den altindischen Schriften »Brihad-Aranyaka-Upanishad« (ca. 600 v. Chr.)

 

Im alten Ägypten gab es vielfältige Vorstellungen von der Seele. Dort kannte man beispielsweise den See­lenvogel: Wenn die Seele sich im Sterben vom Körper trennt, erhebt sie sich als Seelenvogel über den Leib und kann sich erst nach langen Irrfahrten durch das Schat­tenreich wieder im Jenseits mit dem Leib vereinen. Auch im Herzen ist für den Ägypter die Seele zu finden. Nach dem Tode wird das Herz von den Göttern Thot und Anubis gewogen. Wenn es schwer genug von Gerechtigkeit und Wahrheit ist, wird das Herz ins Totenreich entlassen, wenn nicht, dem Totenfresser zur Mahlzeit vorgeworfen.

 

Vergleichbare Vorstellungen haben sich bis in die christliche Tradition gehalten: Das jüngste Gericht han­delt von der Seelenwägung und dem Einlaß ins Paradies oder dem Abstieg in die Hölle.

 

Der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) unterschied als erster zwischen Leib und Seele. Er sprach der Seele göttlichen Ursprung zu, sie ist unsterblich. Die Seele, griechisch »psychè«, umschwebt den Men­schen wie ein Vogel, wohnt in ihm und entflieht beim Tode aus seinem Mund. Sie kehrt dann in die Welt der Ideen und des Lichtes zurück. Die Seele ist Teil einer Lebenskraft im Menschen, die ihm hilft, sich zu ent­wickeln und zu vollenden. Daneben gibt es noch den »thymós«: Herz, Mut und Gemüt. Er ist eine individuelle Seelenkraft, die hilft, sich ein »Herz zu fassen«.

 

Der Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.), ein Schüler Platons, beschrieb die Seele als allgemeines Lebens- und Wirkprinzip in allen lebenden Organis­men. Der Mensch besitzt darüber hinaus die Fähigkeit, mit seiner Seele zu empfinden, zu begehren, zu fühlen und sich Vorstellungen und Phantasien zu machen.

 

»Die Seele sehnt sich immer danach, etwas zu tun.«

Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.)

 

 

Auch nach christlicher und jüdischer Vorstellung ist die Seele göttlichen Ursprungs. So wurde Adam in der Schöpfungsgeschichte der »Odem Gottes« eingehaucht. In diesen und anderen Religionsgruppen ist eine wichti­ge Aufgabe des Menschen im Leben, seine Seele rein zu halten. Dazu muß er einerseits die Gebote halten, die auf das Miteinander in der Gesellschaft zielen, wie das Gebot der Nächstenliebe, andererseits die Gebote befol­gen, die das individuelle Verhalten leiten. Das ganze Jahr über gibt es vielfältige Reinigungs- und Reinhal­tungsrituale zu beachten. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Essensgebote und Fastenzeiten oder Reini­gungsgebote nach Menstruation und Entbindung.

 

Die Seele trennt sich beim Tode vom sterblichen Leib, reinigt sich im Fegefeuer und kann am Jüngsten Tage erlöst werden und in das Paradies eingehen, wenn sie nicht in die ewige Verdammnis der Hölle übergehen muß. Im Himmel wird der Mensch mit einer neuen Seele wie mit einem sauberen, frischen Hemd bekleidet. Dieses Motiv der neuen Einkleidung findet sich auch in fielen Märchen wieder.

 

»Unsere Seele muß, wenn sie nicht verkommen will, jeden Tag ihre Wäsche wechseln.«

Gottfried Keller (1819-1890)

 

In Anlehnung an den französischen Philosophen René Descartes (1596-1650) vertrat die frühe Psychologie eine sehr mechanistische und vernunftbetonte Vorstel­lung von der Welt und dem Menschen. Der Mensch besteht hiernach aus zwei ganz verschiedenen Anteilen: einerseits der unfaßbaren geistig-seelischen, denkenden Substanz und andererseits der konkret faßbaren materi­ellen Substanz des Körpers. Diese beiden Anteile wirken miteinander und beeinflussen sich gegenseitig.

 

Franz Josef Gali (1758-1828) aus Tiefenbronn in Baden entwickelte die Lehre der Phrenologie: Er wollte beweisen, daß sich den Zonen des Schädels und des Gehirns bestimmte Gefühle und Eigenschaften zuord­nen lassen. Er stellte sich vor, daß die Eigenschaften umso stärker ausgeprägt wären, je größer diese Areale seien. Seine Lehre wurde in Wien per kaiserlichem Edikt verboten, aber in Frankreich und England nahm man seine Vorstellungen begierig auf. Gali versuchte als erster, der Seele einen festen Ort im Gehirn zu geben. Heute sind sich die WissenschaftlerInnen sicher, daß bestimmte Körperbereiche an festgelegten Orten im Gehirn repräsentiert werden, wenn auch in einem ande­ren Sinne, als Gali es sich vorstellte.

 

Zur Zeit der Romantik veränderte sich die Vorstel­lung von Seele erneut. Der Dresdener Arzt, Naturfor­scher, Maler und Philosoph Carl Gustav Carus (1789-1869) verglich das Seelenleben mit einem im Dunkel des Unbewußten dahinfließenden Strom, der an einer Stelle vom Licht des Bewußtseins angestrahlt und erhellt wird.

 

Die moderne Psychologie beginnt mit der Arbeit des Physiologen Wilhelm Wundt (1832-1920), der als Psychologieprofessor in Leipzig lehrte. Er verstand die Seele nicht mehr als eine eigene Substanz mit besonde­ren Eigenschaften, sondern stellte Willen und Bewußt­sein des Menschen in den Vordergrund.

 

Von dann an galten in wissenschaftlicher Betrach­tungsweise nur noch die zu beobachtenden und zu mes­senden Äußerungen der menschlichen Seele, ob sie sich nun körperlich in Verhaltensweisen oder geistig als Gefühlsausdruck zeigen. Der Begriff »Seele« wird seit­dem in der Psychologie nur noch selten verwendet.

 

Die »Psyche« hat ihre Stelle eingenommen. Heute wird unter Psyche das seelische und geistige Leben des Men­schen verstanden. Dazu gehören die bewußt erlebten und verarbeiteten Eindrücke und Erlebnisse ebenso wie unbewußte Vorgänge. Die bewußten Vorgänge in der Psyche sind wissenschaftlichen Methoden zugänglich und werden hauptsächlich von der experimentellen Psy­chologie erforscht (-> Verhaltenstherapie).

 

Die unbewußten Bereiche interessieren die mehr geisteswissenschaftlich ausgerichtete Psychologie (-> Tiefenpsychologie, -> Humanistische Psycho­logie). Symbole, die sich in Träumen, Mythen und Märchen finden, und ihre Bedeutungen werden von geisteswissenschaftlich ausgerichteten PsychologInnen erforscht; ebenso die Art, wie sich menschliche Gefühle im Alltag, in Kunst und Kultur und in den Sitten ver­schiedener Völker zeigen.

 

In der modernen -> Psychosomatik bemüht man sich um einen neuen Ansatz für das Ver­ständnis der Seele, der wieder zu einem ganzheitlichen Blick zurückführt und den Menschen nicht in Körper und Seele — oder Psyche — teilt.

 

Untersuchungsergebnisse der -> Neurophysiologie stützen dabei die wissenschaftliche Annahme, daß Seele und Körper ineinandergreifen und zusammen­wirken.

 

 

VIKAS-Infothek

Wachstum der Seele

 

In seiner Entwicklung vom Säugling zum Erwachsenen durchläuft der Mensch verschiedene seelische und kör­perliche Reifestadien. Dieser Prozeß verläuft bei allen Menschen ähnlich: In fester Reihenfolge folgt eine Phase der nächsten. Dennoch sind beispielsweise nicht alle Kinder einer Altersgruppe gleich weit entwickelt.

 

Die seelische Entwicklung unterliegt vielen förderli­chen oder hemmenden Einflüssen: durch die Familie, durch Menschen der näheren Umgebung und durch gesellschaftliche Verhältnisse. Die Persönlichkeitsstruk­tur des Kindes beeinflußt seine Entwicklung, und umgekehrt wird die Struktur durch die Entwicklung selbst geprägt. Auch erbliche Faktoren bestimmen zum Teil die Persönlichkeitsausstattung des Kindes.

 

Wie leicht die Entwicklung störbar ist, zeigt sich daran, daß irritierende oder hemmende äußere Einflüsse, wie der Verlust eines geliebten Menschen, Notsituatio­nen oder Schicksalsschläge, die Reifung eines Kindes und die Entwicklung zum Erwachsenen verzögern, manchmal aber auch übermäßig beschleunigen können. Einzelne Reifungsschritte können also gestört, unvoll­ständig durchlebt oder gar übersprungen werden.

 

 

 

Zu schnell erwachsen geworden

 

Johanna hatte im Alter von zehn Jahren durch einen Unfall die Mutter verloren. Da der Vater ganztägig arbeitete und sich die Familie keine Haushälterin leisten konnte, mußte sie viele der im Haushalt anfallenden Arbeiten erledigen, sich um die jüngeren Geschwister kümmern und manchmal sogar den Vater trösten, wenn er müde und niedergeschlagen war.

 

Bis zu diesem Ereignis war sie ein verspieltes und träu­merisches Kind, das viel malte und las. Danach veränderte sie sich innerhalb weniger Monate: Sie wirkte plötzlich rei­fer, ernsthaft und streng. Sie lernte den Haushalt zu führen und die Hausaufgaben der jüngeren Geschwister zu beauf­sichtigen. Zum Malen kam sie nicht mehr. Über den Tod der Mutter hat sie nicht geweint. »Die Träumerin ist richtig erwachsen geworden!« hieß es in der Nachbarschaft.

 

Viele Jahre später reagierte Johanna auf die Trennung von ihrem Ehemann mit einer Depression. Sie hatte in ihrer Ehe immer alle Verantwortung auf sich genommen; spieleri­sche Leichtigkeit gab es im Zusammenleben mit ihm nie. Erst jetzt erkennt Johanna, was es für ihre Entwicklung bedeutet hat, nach dem Tod der Mutter ins Erwachsenleben gestoßen worden zu sein: Einige Phasen der Kindheit waren ihr ein­fach verschlossen geblieben.

 

 

In jeder Entwicklungsphase gibt es ganz typische Konfliktkonstellationen, an denen Menschen reifen kön­nen (-> An Konflikten reifen, ->Grundlagen der Psychosomatik). Gelingt die Bewältigung nicht, kann sich das noch nach Jahren daran zeigen, daß sich -> neurotische Störungen oder Krankheiten herausbilden, die sich langfristig oft nur noch durch eine psychotherapeutische Behandlung bessern lassen.

 

Die Entwicklungspsychologie, die das Wachstum der Seele zu begreifen sucht, ist selbst noch ständig in Ent­wicklung begriffen, verwirft veraltete Vorstellungen und begründet neues Wissen. Vor etwa hundert Jahren hat die -> klassische Psychoanalyse eine ausführli­che Theorie der menschlichen Entwicklung erarbeitet. Sie, die ursprünglich medizinisch geprägt war, bezog ihre wesentlichen Erkenntnisse aus der Beobachtung und Behandlung von Menschen mit psychischen Problemen und Störungen. Aus dem, was man an Hand gestörter Menschen lernte, zog man Rückschlüsse auf die »norma­le« Entwicklung. Im Laufe der Zeit wurden in das heute bestehende Modell, das der Psychoanalyse von der menschlichen Entwicklung zu eigen ist, Anregungen anderer Psychotherapieschulen (-> Humanistische Psy­chologie) aufgenommen und eingearbeitet.

 

Der Einsicht, daß sich gestörte oder kranke Men­schen nicht unbedingt eignen, um an ihnen eine gesun­de Entwicklung zu studieren, trug man seit den 40er Jahren Rechnung: Nun begann man, gesunde und in ihrer Entwicklung ungestörte Säuglinge und Kleinkin­der systematisch psychologisch zu beobachten. Auch in der Gegenwart liegt der Schwerpunkt der Forschung auf der Untersuchung gesunder Säuglinge.

 

Zwar gibt es unterschiedliche psychologische und biologische Interpretationen, wie seelische Entwicklung abläuft; sie eint aber die Vorstellung, daß alle Menschen einen inneren Impuls zum Lernen besitzen, der ihre per­sönliche Entfaltung antreibt.

 

 

VIKAS-Infothek

Körper und Seele beeinflussen einander

Über ihre Sinnesorgane lernen Kinder schon als Unge­borene und noch intensiver von der ersten Minute ihres Lebens an die Welt kennen. Alle Eindrücke, die Kinder auf diese Weise bekommen, hinterlassen Spuren an ihrem Körper und in ihrer Seele. Mit jeder Bewegung, Empfindung oder Tätigkeit des Kindes geht eine seeli­sche Regung einher, oder es hat sie zur Folge: Körperli­che und seelische Eindrücke regen sich gegenseitig an.

Kinder entwickeln sich, weil ihre Umwelt sie ermuntert, ihre Fähigkeiten zu erweitern. Die Kleinen wiederholen, was ihnen Spaß gemacht hat, und vermei­den, was ihnen nicht gefiel. Jedes neue Erlebnis und jeder Eindruck provozieren eine Reaktion. Kinder haben Lust am Lernen und daran, neue Erfahrungen zu machen. Dazu brauchen sie aber die Unterstützung und die Anregung der Umwelt.

 

Laufend lernen

 

David konnte mit dreizehn Monaten schon gut an der Hand der Eltern laufen, zog sich manchmal an Möbel­stücken hoch, um zu stehen, konnte und wollte aber nicht frei laufen. Wenn die Eltern ihn einmal beim Gehen losließen, weinte er und ließ sich fallen.

 

An einem Nachmittag beobachteten die Eltern aus einem Nebenzimmer, wie David auf dem Fußboden spielte. Die Sonne spiegelte sich in der Glasscheibe eines Tisches, und er schaute sehr interessiert hin. Plötzlich stand er auf und lief auf den Tisch zu. Auf hal­bem Weg blieb der kleine Junge stehen und schaute ganz erschreckt. Dann wechselte sein Gesichtsausdruck: Er strahlte und lief weiter auf den Tisch zu. Dann »rief« er nach den Eltern, und als sie zu ihm kamen, lief er auf sie zu und lachte über das ganze Gesicht. Dann lief er weiter, die Eltern folgten ihm und spielten Fangen mit ihm.

 

David hat erlebt und gelernt, daß ihm eine neue körperliche Fertigkeit, das freie Laufen, neue Möglich­keiten eröffnet. Sein Bewegungsraum wird größer, und er kann zusätzlich mit den Eltern auf eine neue Art in Kontakt treten.

 

 

Kinder, die in einer stumpfen, ereignislosen Welt heranwachsen, in der sie von spannenden Erlebnissen abgeschirmt sind, oder gar Kinder, die vernachlässigt werden, können sich nicht über einen gewissen Grad hinaus entwickeln. Sie lernen nur das, was ihre körperli­che Entwicklung ihnen ermöglicht, beispielsweise Ste­hen und Laufen (-> Kinder- und Jugendlichentherapie). Zu anderen Menschen Kontakt aufzunehmen und ihnen Vertrauen zu schenken, mit ihnen zu spre­chen oder ohne Worte zu kommunizieren, lernen Kin­der nur dann, wenn andere Menschen sie dazu liebevoll ermuntern und anregen.

 

Seit den 70er Jahren erforscht die Entwicklungspsy­chologie zunehmend mehr, auf welche Weise sich die Fähigkeit der Menschen entwickelt, miteinander umzu­gehen (Interaktion). Und langsam beginnt sich das Bild zu runden, das anfänglich sehr einseitig war. Lange Zeit wurden besonders Säuglinge regelrecht als Teil der Mut­ter angesehen, und die Mutter-Kind-Beziehung stand ganz im Zentrum der Betrachtung. Alle anderen Bezie­hungen des Kindes wurden nicht beachtet oder für unwichtig gehalten. So wurden Generationen von Müt­tern allein für die Entwicklung ihrer Kinder verant­wortlich gemacht und schuldig gesprochen, wenn in der Erziehung der Kinder Probleme auftraten oder sie vom rechten Weg abkamen. Einige wissenschaftliche Studien der 70er Jahre lasteten es sogar ausschließlich den Müt­tern an, wenn ihr Kind im späteren Leben schizophren wurde. Diese Konzepte sind heute glücklicherweise überholt.

 

Seit den 80er Jahren sinnen WissenschaftlerInnen auch darüber nach, wie der Vater die Entwicklung von Kindern beeinflußt. Traditionellerweise gehört zur sozialen Rolle der Mutter, stets anwesend zu sein. Mit ihr erlebt das Kind den Alltag. An den vornehmlich abwesenden und vielen Kindern eigentlich fast unbe­kannten Vater knüpfen sich deshalb vielfach Phantasien, Wünsche und »Sonntagserfahrungen«. Vor allem femi­nistische TherapeutInnen (-> Feministische Therapie) haben aufgezeigt, wie negativ die Abwesen­heit des Vaters die Entwicklung eines Kindes beeinflußt.

 

Die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie haben dazu beigetragen, daß sich Kinder heute — anders als in früheren Jahrhunderten - ungestörter entwickeln können. Sie werden nicht mehr als Miniaturausgaben der Erwachsenen betrachtet; Familie und Schule achten mehr auf die altersgemäßen Bedürfnisse des Kindes und auf eine altersgerechte Förderung.

Allerdings haben nicht alle Kinder das Privileg, unter optimalen Umständen und mit der notwendigen Förderung aufzuwachsen. Glücklicherweise werden aber dennoch nicht alle benachteiligten Kinder gestört oder seelisch krank. Ihre große seelische Anpassungsfähigkeit ermöglicht es Kindern, zeitweilige Belastungen relativ unbeschadet zu überstehen und daraus zu lernen. Zudem wachsen sie im Umfeld von Familie und Gesell­schaft auf und kommen im allgemeinen mit vielen ver­schiedenen Menschen in Kontakt. Sie erhalten Anregun­gen und Aufmerksamkeit an unterschiedlichen Orten, in verschiedener Art und Weise und auch von anderen Menschen als den Eltern. Vielfältige soziale Kontakte erleichtern die Verarbeitung seelischer Belastungen.

 

VIKAS-Infothek

An Konflikten Reifen

 Schon das Neugeborene ist aktiv an seiner Umwelt interessiert und knüpft durch Mimik, Gestik und Schreien Kontakte. Kontakt, Austausch und Beziehung sind lebenswichtig für Entwicklung und Wohlbefinden eines Kindes. Auch im Erwachsenenalter brauchen Men­schen Ansprache und Austausch mit anderen. Doch nicht jeder nimmt gern und freiwillig Kontakt zu ande­ren auf, denn jeder hat schon mindestens einmal schmerzlich erfahren, daß Kontakt auch Konflikt bedeuten kann.

 

Konflikte sind immer mit einem Gefühl des Unbe­hagens verbunden; sie bringen die Betroffenen häufig, wenn auch meist nur vorübergehend, aus dem Gleichge­wicht (-> Seelenkrankheiten). Für viele Menschen sind Konflikte deshalb kaum zu ertragen. Das kann so weit gehen, daß sie in übergroßem Harmoniebedürfnis »um des lieben Friedens willen« allen Auseinandersetzungen ausweichen, auch wenn es letztlich zu ihrem Nachteil gereicht. Andere Menschen gehen mit Konflikten offensiv um. Manche wirken, als suchten sie geradezu die Kontroverse. Oft ist dieser »Angriff als beste Verteidigung« aber nur ihre persönliche Art, die unangenehme Spannung einer Konfliktsituation abzubauen. Wieder andere Menschen finden Konflikte eher anregend und spannend.

 

In allen Altersgruppen geraten Menschen in phasentypische Konflikte (-> Lebenskrisen). Damit sich die Persönlichkeit von Menschen entwickeln und entfalten kann, ist es notwendig, daß sie sich diesen speziellen Konflikten stellen und kreative Lösungsmöglichkeiten finden. Konflikte sind als Antrieb zum Wachsen und Reifen unumgänglich.

 

Heute gehen Psychologie und Psychiatrie davon aus, daß die unbefriedigende Lösung von Konflikten die Wurzel seelischen Leids ist. Konflikte, die nicht ausgetragen werden, haben einen wesentlichen Anteil daran, daß -> seelische Störungen entstehen und bestehen bleiben. Biologische Faktoren, wie Erbanlagen und Stoff­wechselbesonderheiten, sind daran nur in einem geringem Maß mitbeteiligt (-> Seelenkrankheiten).

 

Nicht immer ist gleich erkennbar, ob ein Konflikt wirklich bewältigt oder ob er nur vorläufig durch einen »faulen  Kompromiß« beseitigt wurde. Solche Kompro­mißlösungen stimmen die Betroffenen keineswegs voll­auf und langfristig zufrieden. Scheinlösungen können zu einem späteren Zeitpunkt, manchmal erst im Alter, der Anlaß für aufbrechende Konflikte oder seelische Störun­gen sein. Oft ähnelt die Grundstruktur der neuen Pro­bleme dann der des ursprünglichen verdrängten Kon­flikts (-> Wiederholungszwang). Die -> Psycho­analyse  meint, konflikthafte Situationen müßten so oft wiederholt werden, bis eine wirkliche Klärung stattgefunden hat. Erst dann könne sich der Grundkonflikt auflösen.

 

Konflikte, die ungelöst bestehen bleiben, müssen aber nicht unbedingt dazu führen, daß sich die Betroffe­nen dauerhaft gestört oder unwohl fühlen. Auch »faule« Kompromisse können lange Zeit tragfähig sein. Solange die Betroffenen so in ihr Umfeld integriert und einge­paßt sind, daß keine zusätzlichen Spannungen auftreten, werden sie keinen Grund haben, ihren ungelöst geblie­benen Konflikt zu bearbeiten. Warum sollte beispiels­weise der geliebte »Muttersohn« darüber nachgrübeln, warum er mit keiner Frau dauerhaft zusammenleben kann, solange seine Mutter ihn bestens versorgt und er hin und wieder eine Affäre haben kann? Erst eine ein­schneidende Veränderung bringt dann den Konflikt ans Tageslicht, zum Beispiel, wenn die Mutter stirbt, seine Attraktivität nachläßt oder eine Geliebte ihn nicht los­lassen möchte.

 

Ein Modell des Lebenszyklus mit seinen typischen Auseinandersetzungen hat der Frankfurter Künstler, Lehrer und Kinderanalytiker Erik Homburger Erikson (1902-1994) entwickelt. Er emigrierte in der Zeit des Nationalsozialismus in die USA und wurde zum bekanntesten Kinderanalytiker Amerikas.

 

Sein Modell der menschlichen Entwicklung ist in seinen wesentlichen Grundzügen anerkannt, wenn es auch der vorgeburtlichen Zeit, der Erwachsenenzeit und dem höheren Alter zu wenig Beachtung schenkt. Erikson beschreibt die typischen seelischen Konflikte des Menschen in verschiedenen Altersstufen. Diese inne­ren Auseinandersetzungen stehen in engem Zusammen­hang mit den Erlebnissen mit der Umwelt und Konflik­ten, die sich mit den Mitmenschen ergeben.

 

 

 

 

Bibliographie


Christa Federspiel, " Kursbuch Seele", Kiepenheuer & Witsch 1996