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Psychotherapien auf dem Prüfstand

PSYCHOTHERAPIEN - VERFAHREN IM ÜBERBLICK

Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele";
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996


| Entspannungsverfahren | Esoterisch-spirituelle Verfahren | Humanistische Psychologie | Hypnose und suggestive Verfahren | Körper- und Bewegungsverfahren | Kreative Therapien | Therapien für besondere Zielgruppen |Transpersonal-psychologische Verfahren| Tiefenpsychologische Verfahren | Verhaltenstherapie | » Tabellarische Übersicht «|

Ergänzende Texte: | Colin Goldner: Schnellkurse unter der Lupe - Qualifikation der Therapeuten | AGPF: Heilbehandlung auf dem Psychomarkt |


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/ Psychotherapien im Überblick /Entspannungsverfahren

ENTSPANNUNGSVERFAHREN


| GESCHICHTE UND KONZEPT | SELBSTVERSTÄNDNIS | AKTUELLER STAND | BESCHREIBUNG DER VERFAHREN | BIBLIOGRAPHIE |


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GESCHICHTE UND KONZEPT

Zu allen Zeiten gab es Entspannungsverfahren. Sie gründen auf dem seit Jahrtausenden weitergegebenen Wissen, daß rhythmische Prozesse das Leben ordnen: Der Atem strömt ein und aus, das Herz schlägt seinen regelmäßigen Takt, Wachen und Schlafen wechseln einander ab. Alle Techniken zur Entspannung beziehen diese natürlichen Rhythmen ein.

Viele Kulturen nutzen solche Techniken zur meditativen Versenkung (-> Meditation). Sie helfen, mit einer Gottheit Kontakt aufzunehmen, zu beten oder Botschaften aus dem eigenen Inneren in Form von Bildern oder Zeichen zu erhalten.

Im modernen Leben scheinen viele der traditionellen Entspannungsweisen verlorengegangen zu sein. Zwar sind die Arbeitszeiten kürzer geworden, mehr Freizeit will gefüllt sein, aber eben das wird manchen zum Quell von Freizeitstreß. Das Tempo des Lebens insgesamt hat sich beschleunigt, und die Zeit, die manchem zur Verfügung steht, wird randvoll mit Aktivitäten gefüllt. Das streßt.

Im alltäglichen Sprachgebrauch erscheint Streß meist als etwas Negatives. Zum Wohlfühlen gehört aber beides: Anspannung (Eustreß) und Entspannung. »Völliges Fehlen von Streß bedeutet den Tod«, fand der Arzt und Streßforscher Hans Selye (1907-1982) heraus. Auf die richtige Mischung kommt es an: Zu intensive Anspannung oder ein chronisch unausgeglichenes Gefühlsleben verursachen schädlichen Streß (Dysstreß), der auf Dauer Körper und Seele krank werden läßt: -> Funktionelle Beschwerden und ->psychosomatische Krankheiten können die Folge sein. Genauso »stressig« kann dauerhafte Unterforderung werden. Wer weder Aufgaben noch Sinn im Leben findet, weder Kontakte zu den Mitmenschen pflegt noch persönlichen Interessen und Hobbies nachgeht, wer körperlich und seelisch nicht aktiv und beweglich bleibt, wird krank vor Langeweile: Schmerzzustände, seelische und körperliche Verkrampfungen und Störungen des Wohlbefindens machen das Leben zur Last. Entspannungsverfahren entlasten hingegen Körper und Seele. Sie unterstützen Menschen darin, inneren Ausgleich zu finden und wieder zu sich selbst zu kommen.

Bei der -> Hypnose nutzen TherapeutInnen ihre Überzeugungskraft (Suggestion), um KlientInnen darin zu unterstützen, Entspannung zu erreichen. Aus der altbekannten Hypnose wurden in diesem Jahrhundert weitere Verfahren entwickelt: -> Autogenes Training, -> Katathymes Bilderleben und -> Aktives Klarträumen . Über den Körper wirken -> Biofeedback , -> Funktionelle Entspannung und -> Progressive Relaxation. Diese Techniken nutzen Körperreaktionen und -rhythmen. Auch geburtsvorbereitende Übungen entspannen den Körper, wirken aber gleichzeitig ausgleichend auf die Seele.


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SELBSTVERSTÄNDNIS

Jeder hat schon erlebt, wie Gemütszustände Körperreaktionen auslösen: Angst macht unruhig, kalt, läßt einen zittern und gleichzeitig schwitzen. Umgekehrt können körperliche Zustände Gefühle bewirken: Unruhe, Kälte und Zittern machen angst. Innere Ruhe und Gelassenheit gehen mit dem Gefühl von Wärme, wohliger Schwere, Gelöstheit und Weichheit einher. Und auch hierbei ist das Umgekehrte möglich — das Gefühl von Wärme und Schwere  ruft  Ruhe  und  Entspannung hervor. Das erklärt, warum Entspannung von außen bewirkt werden kann - etwa durch Hypnose, Berührung oder Handauflegen. Der Sinn der meisten Entspannungsverfahren ist, sich auf längere Sicht allein in einen gelösten Zustand bringen zu können und die Übenden so von den TherapeutInnen unabhängig zu machen.

Die meisten Entspannungsverfahren werden in der Gruppe erlernt. Die Erfahrungen, die die KlientInnen dabei machen, werden besprochen, wobei sich die Teilnehmerinnen untereinander Hilfestellung geben, indem sie ihre Erlebnisse einander mitteilen (Feedback).

Beim -> Biofeedback werden Apparaturen eingesetzt, die den KlientInnen einige der in ihrem Körper ablaufenden Prozesse wahrnehmbar machen und rückmelden. So können sie zum Beispiel an einem Gerät die Stromspannung der angespannten Muskulatur messen und so Erfolg oder Mißlingen der Übungen ablesen. Ein anderes System, die -> Mind-Machine, versucht durch Licht- und Musikimpulse entspannend zu wirken.

Manche Menschen erwarten von einer Entspannungstherapie, verwöhnt und versorgt zu werden. Einige glauben sogar, ein Entspannungsverfahren könne man wie von selbst und ohne eigenes Zutun erlernen. Dem ist nicht so: Entspannende Verfahren zu lernen ist zwar nicht schwer, kann aber bis zu mehreren Monaten dauern. Nur wer die Ausdauer mitbringt, regelmäßig zu üben, kann mit Erfolg rechnen.


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AKTUELLER STAND

Für viele Menschen, die in Beruf und Privatleben äußerem und innerem Druck ausgesetzt sind, haben Therapien großen Reiz, die entspannter, ruhiger und zufriedener machen können. Es gibt sogar spezielle Computerprogramme, die gestreßten BildschirmfreundInnen zur Entspannung verhelfen sollen.

Viele TherapeutInnen fügen entspannende Verfahren zum Beispiel in Form gezielter Atemübungen (-> Atemtherapie) und geleitetem innerem Loslassen (-> Katathymes Bilderleben) in ihre Behandlungen ein, um schwierige Situationen in der Therapie aufzulockern.

Allerdings gibt es auch zahlreiche selbsternannte »TherapeutInnen« und »TrainerInnen«, die eine Mischung verschiedener Verfahren in Eigenregie lehren. Nicht immer sind deren Kenntnisse und Methoden ausreichend fundiert, doch ihren Kenntnisstand zu beurteilen, ist schwierig. Eine Möglichkeit ist, nach der Ausbildung zu fragen, die sie durchlaufen haben.

Entspannungstherapien werden hauptsächlich gegen all jene Krankheiten und Beschwerden angewendet, die mit -> Streß, -> Anspannung, -> Verkrampfung, -> Erschöpfung, -> Überanstrengung, -> Schmerzen und -> Ängstlichkeit zu tun haben. Während einer Entbindung helfen sie der Schwangeren, den Kreislauf von Angst, Spannung und Schmerz zu unterbrechen, um ihr Kind leichter zur Welt zu bringen.

Bei -> psychosomatischen Störungen beeinflussen Entspannungsverfahren die Erkrankung sowohl auf der seelischen als auch der körperlichen Ebene positiv. Entspannungsverfahren können Streßbelastungen erleichtern und zu einer gelasseneren Einstellung im Leben führen. Auf diese Weise beugen sie Krankheiten vor.

Bei -> Depressionen, Ängsten und Phobien,  bei   ausgeprägten   Partner- oder Familienkonflikten oder schweren psychosomatischen Krankheiten können Entspannungsverfahren allein nicht helfen. Hier ergänzen und unterstützen sie die Behandlung.

Für Menschen mit -> Abhängigkeitsproblemen sind Entspannungsverfahren nicht sinnvoll. Sie ermöglichen den Rückzug von den Problemen des Alltags, und das kann die Suchttendenzen dieser Menschen noch fördern. Bei Menschen, deren Störung in der Angst besteht, die Kontrolle zu verlieren, oder die Wahnerscheinungen haben, können Entspannungsverfahren eine Krise auslösen und die Symptome massiv verschlimmern.

Sich ausschließlich der Entspannung hinzugeben kann Probleme langfristig zudecken. Sinnvoller ist es, sich im Anschluß an eine Entspannungstherapie mit den Gründen für die Verspannungen zu beschäftigen.

 


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BESCHREIBUNG DER VERFAHREN (5)

| Autogenes Training | Biofeedback |Funktionelle Entspannung |Mind-Machines |Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson |

 


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BIBLIOGRAPHIE

 

 

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ESOTERISCH-SPIRITUELLE VERFAHREN


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GESCHICHTE UND KONZEPT

Barfuß, Blumen im offenen Haar, Hand in Hand tanzten die Darstellerinnen über die Bühne am New Yorker Broadway und besangen »The Age of Aquarius«. Das war 1968. Das Musical »Hair« trug das Motto der Hippies »Make love, not war« um die Welt.

Die Jugend wollte aus der seelenlosen Konsumwelt ausbrechen. Sie wandte sich ab vom kriegerischen, technologischen, umweltzerstörenden Zeitalter. Viele suchten nach Möglichkeiten der Bewußtseinserweiterung. Manche stillten ihre Sehnsucht mit Drogen, andere interessierten sich für Okkultes, viele Blumenkinder reisten nach Indien und ließen sich von Gurus in östliches Gedankengut einweihen. Die Suchenden wurden zu Wegbereitern einer neuen Denkrichtung.

Die IdeologInnen der neuen Ära versprachen, daß nun das »Zeitalter des Wassermannes« herandämmere und die Menschen zu einem neuen, höheren Bewußtsein hinführe. Vorbei sei das dunkle »Zeitalter der Fische«, die Zeit der zurückliegenden zweitausend Jahre, die von Machtkämpfen, Kriegen, Hunger und Elend gekennzeichnet waren. Wann die Neue Zeit (New-Age) anbricht, darüber sind sich ihre KünderIinnen nicht einig. Die einen legen den Beginn der neuen Ära nach astrologischen Berechnungen in die 60er Jahre. Andere erwarten die Neue Zeit an der Jahrtausendwende.

Die New-Age-Ideologie hat verschiedene Wurzeln. Ihre VertreterInnen berufen sich gerne auf die Ideen des Philosophen und Dichters Marie Joseph Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) und des Psychotherapeuten Carl Gustav Jung. Die ProphetInnen des New-Age - darunter der in Österreich geborene, in den USA tätige Physiker Fritjof Capra (*1939), die amerikanische Schriftstellerin Marilyn Ferguson (*1940) und die amerikanische Heilerin Chris Griscom (*1942) — kündigen eine paradiesische Welt des Lichtes und der Liebe an. Die Führung werde in den Händen einer spirituellen Avantgarde liegen.

Diese romantischen Vorstellungen sind nicht neu, sie knüpfen an die Okkultismusbewegung des 19. Jahrhunderts an (im Lateinischen bedeutet occultus verborgen). Die okkulten Strömungen entstanden aus der Begegnung der westlichen Kultur mit den östlichen Hochreligionen in den Kolonialstaaten und stellten eine Gegenbewegung zu den umwälzenden gesellschaftlichen Veränderungen in Europa dar. Die Theosophische Gesellschaft (-> Anthroposophie), die sich als Geheimlehre verstand, repräsentierte diese Gedanken. Sie erlebte gegen Ende des Jahrhunderts ihre Hochblüte. Einige ihrer Leitfiguren vertraten auch rassenideologische Grundsätze. Diese Wurzeln treiben in der esoterischen Gemeinschaft heute noch aus: Eine Untersuchung über heutige New-Age-Gruppen ergab, daß jede sechste von ihnen Kontakt zu Personen hat, die der rechtsextremen Szene zugerechnet werden.



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SELBSTVERSTÄNDNIS

New-Age — neuerdings auch Light-Age genannt — versteht sich als »Sanfte Verschwörung«. So lautet auch der Titel des 1980 erschienenen Kultbuches von Marilyn Ferguson. Die Autorin vertritt die Ansicht, daß eine Hinwendung zur Innenwelt und zur Spiritualität die gesamte Kultur von innen her revolutionär verändern werde. Mit dieser Vorstellung wendet sich die New-Age-Bewegung von den sozialkritischen und politischen Reformbewegungen der späten 60er Jahre ab und einem »holistischen«, gemeint ist: ganzheitlichen Weltverständnis zu. Die Heilung des Individuums und der Welt soll sich von der geistigen Ebene aus im Gleichklang mit der materiellen Ebene vollziehen.

Die Erweckungsbewegung des New-Age verfügt weder über eine einheitliche Organisation noch über gemeinsame Ziele, noch über ein gemeinsames Programm. Verschiedene Gruppen, Vereine und Einzelpersönlichkeiten vertreten phantasievolle, oft weit voneinander abweichende Ideen. Einig sind sie in der Ablehnung des rationalen Denkens und in der Sehnsucht nach Frieden und Heil. Sie halten an dem Glauben fest, daß ein neues Bewußtsein eine historische Wende bringen wird. Dafür sollten andere Paradigmen als die der Logik und der Naturwissenschaft die Grundlagen bilden. Der Begriff »Paradigmenwechsel« ist zum Schlagwort der Bewegung geworden.

In dieser Weltanschauung gehen kritische Weltsicht, Magie und Zukunftsoptimismus eine eigenwillige Verbindung ein. Die Heilslehren des New-Age sind vielfältig, sie alle greifen jedoch auf religiös oder esoterisch begründete Vorstellungen und auf Erklärungsmodelle zurück, die vor dem Zeitalter der Aufklärung Gültigkeit hatten und sich rationalem Denken verweigern. Sie versprechen glatte Lösungen für komplexe Probleme und bieten einfache Lebensmodelle an.

New-Age-Psychologie

Ganzheitlichkeit, Intuition, Transformation, Einklang, Vision, Bewußtseinsebene, Kreativität, Ökologie - das sind die Schlagworte der New-Age-Psychologie. Von Kalifornien aus verbreitete sie sich über die gesamten USA und gelangte von dort nach Westeuropa, gespeist von der -> Humanistischen Psychologie, von östlichem Gedankengut und vielfach auch von Aberglauben. Kaleidoskopartig setzt sie Versatzstücke aus verschiedenen Glaubenslehren, Kulturkreisen und Zeiten zusammen. Es ist kaum möglich, sich in ihrem wuchernden Angebot zurechtzufinden. New-Age-Psychologie hat eine eigene kultische Sprache entwickelt, in deren Zentrum der Begriff »Energie« steht: Die Rede ist von Energie-Gleichgewicht, -Konstellation, -Fluß und -Feld, von Schwingungen, Strahlen und Vibrationen. Diese physikalischen Begriffe werden jedoch verfremdet und nicht in ihrem ursprünglichen Sinn gebraucht. Und obwohl New-Age der Technik feindlich gegenübersteht, wächst in ihrer Psychoszene der Apparatepark: Mit besonderen Geräten wird die »Bioresonanz« gemessen, es wird mit Lichtduschen behandelt, und Geräte wie »Brain-Tech«, »Synchro-Energizer« und »Mind-mirror« sollen neue Bewußtseinsebenen eröffnen.

Der New-Age-Psychologie geht es weniger darum, seelische Alltagsprobleme zu lösen, vielmehr will sie spirituelle Selbst- und Seinserfahrung vermitteln. Es gilt, die geistige Wirklichkeit jenseits der materiellen Ebene wahrzunehmen. Es heißt, daß jede Seele aus dieser geistigen Ebene heraus in einen bestimmten Körper eintritt und sich von diesem wieder löst, wenn er stirbt. Die Seele selbst ist unsterblich und verbindet sich immer wieder mit einem neuen Körper (-> Wiedergeburt). Die spirituelle Psychologie versucht, Probleme des aktuellen Lebens aus der Sicht der seelischen Entwicklung über viele Leben hinweg zu erklären und zu heilen. Sie vertritt die Anschauung, daß unbewältigte Probleme aus früheren Leben als -> »Karma« schicksalhaft in das jetzige Leben herüberwirken. Derjenige, dem es gelingt, in frühere Inkarnationen zurückzugehen, soll daher aktuelle Probleme lösen können (-> Reinkarnationstherapie; -> Rebirthing).

Es soll auch möglich sein, mit den Seelen Verstorbener oder mit reinen Geistwesen, wie etwa Schutzengeln, Kontakt aufzunehmen, um über drängende Lebensfragen Aufschluß zu bekommen. Durch okkulte Praktiken, wie die Befragung von Medien (-> Channeling), will man die Verbindung zu diesen Wesen herstellen. Viele suchen in der Therapie auch Kontakt zu dem »Höheren Selbst«, das mit dem Kosmos verbunden ist.

Hinter all diesen Vorstellungen verbergen sich religiöse Elemente. Die Anhänger der New-Age-Psychologie trennen diese spirituelle Weltanschauung jedoch nicht von ihren therapeutischen Zielen.

- Man glaubt, daß kosmische Gesetze das Leben des einzelnen bestimmen, daß alles mit allem verbunden ist:
Die aus der Astrologie der Antike stammende »hermetische« Kurzformel »Wie oben, so unten« beschreibt diese schicksalhafte Verkettung. Nach esoterischer Vorstellung kann der Mensch nur dann geistig-seelisch reifen und sich wirklich »heil fühlen«, wenn er die kosmischen Gesetze erkennt und im Einklang mit ihnen lebt.

- Um diese Gesetze zu ergründen, wendet man alte Orakelverfahren an:
Man befragt die Sterne (-> Astrologie), das Pendel oder die Tarotkarten . Auch Hellsehen, Handlesen und Lesen der Aura sollen über die kosmischen Gesetze Aufschluß geben.

- Vielfach gilt das angewandte Verfahren zugleich als diagnostische Methode und als Therapie.
Zum einen vermittelt es die Erkenntnis, an welchem Punkt der einzelne aus der »Einheit des Seins« oder dem »Energiegleichgewicht« herausgefallen ist. Daraus wird abgeleitet, warum es zur Erkrankung oder zur seelischen Krise gekommen ist. Zum anderen zeigt das gleiche Verfahren Möglichkeiten auf, wie er zu dieser Einheit oder Balance und damit zu umfassender Gesundheit zurückfinden kann

- Man sucht verschiedene Zugänge, um die Vorbestimmung des Charakters zu ergründen:
Er soll auf der biologischen Ebene zu errechnen sein, etwa mit dem -> Biorhythmus, oder aus Vorlieben für bestimmte Farben (-> Lüscher-Farbtest oder aus der Schrift (-> Graphologie) erkennbar sein. Dies sind Methoden, in deren ursprünglich positiven Bewertung sich die Wissenschaft korrigiert hat. Was lange belächelt wurde, etwa das -> Hellsehen, gilt unter Esoterikern nun als parapsychologische Eigenschaft, und sie meinen, daß besonders begabte Sensitive zu außersinnlicher Wahrnehmung verborgener Dinge fähig seien (-> Radiästhesie). Um die höheren Mächte zu beeinflussen, werden magische Riten (-> Schamanistische Therapie) wiederbelebt.

- Geheilt wird mit geistigen Mitteln,
mit sogenannter feinstofflicher Energie, wie etwa in der -> Bach-Blütentherapie, mit der Kraft der -> Kristalle und der des Geistes (-> Geistheilung), oder man nutzt direkt die »kosmische Energie« (-> Reiki).

- Die VertreterInnen der esoterisch­spirituellen Psychologie greifen durchweg mystische, okkulte und antirationale Ansätze auf:
Sie verstehen sich als neuzeitliche SchamanInnen, Medizinmänner und -frauen, MagierInnen, Hexen und Druiden. Sie schöpfen aus hinduistischen, buddhistischen oder taoistischen Quellen und beziehen Vorstellungen der afrikanischen, indianischen oder nordischen Naturreligionen und Mythen in ihre Konzepte ein.

Rund um charismatische Personen aus diesem Kreis haben sich seit Beginn der 70er Jahre im deutschsprachigen Raum etliche -> Psychokulte herausgebildet.



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AKTUELLER STAND

Esoterisch-spirituelles Gedankengut hat bereits alle Lebensbereiche erfaßt:
Okkultpraktiken, wie Kartenlegen oder Pendeln gehören zum Allgemeinwissen der Jugend, Börsenhoroskope finden Anhänger in den Führungsetagen der Wirtschaft, Familien rücken die Betten aus gefürchteten »Erdstrahlstörfeldern«, energiegeladene Pyramiden zieren Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien, Volkshochschulen und Fernsehsender halten Astrologiekurse ab, Gesundheitsfarmen bieten »holistische Kosmetik« an. Fast jede Buchhandlung hat eine eigene Abteilung für Esoterik. Die einschlägigen Titel gehen in die Zehntausende, die Auflagen der esoterisch orientierten Magazine in die Hunderttausende.

Eine aktuelle Erhebung ergab:
Ein Drittel der deutschen Bevölkerung hält Zukunft für voraussehbar, jeder Fünfte ist überzeugt, daß man mit dem Jenseits Verbindung aufnehmen kann, jeder Siebente glaubt an Hexerei und traut sich selbst magische Kräfte zu, jeder Zwanzigste hält sich für telepathisch begabt.

Seit den 70er Jahren hat sich ein einschlägiger »Psycho-Supermarkt« entwickelt,
in dem unzählige Zentren verschiedene Methoden anbieten: Allein in Österreich gibt es mehr als 220 esoterische Institute, von der »Traumfabrik« bis zum »Lotus Projekt«. Internationale Konzerne, wie zum Beispiel das »Psycho Political Peace Institute«, oder reisende Jet-set-Anbieter, wie Art Reade, verbreiten in diversen »Akademien« im deutschsprachigen Raum zugleich mit den Therapien esoterisches Gedankengut.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen    in    Stuttgart schätzt, daß in dieser Szene in Deutschland mehr als zehntausend Menschen tätig sind. Die AnbieterInnen greifen einzelne Techniken etablierter Therapieverfahren auf und reichern ihre Methode je nach Kenntnisstand und Vorliebe mit Elementen aus verschiedenen Kulturkreisen an, die sie »therapeutisch« verbrämen.

Unentwegt erscheinen Neuerungen auf dem Markt, kommen in Mode und verschwinden wieder:
Gruppentherapie in der Schwitzhütte, Obertonsingen an einem Kraftort, Auspendeln mit dem Biotensor — unentwegt erscheinen Neuerungen auf dem Markt, kommen in Mode und verschwinden wieder. Manche halten sich hartnäckig und finden einen großen InteressentInnenkreis.

In jedem Fall soll das Bewußtsein erweitert werden:
durch Meditation, Anregung der Sinne, Neue Körperlichkeit, Imagination, Kommunikation, Rituale. Für viele Menschen werden diese Kontakte zu wichtigen Erlebnissen. Sie lernen, mit ihren Sinnen die Natur und die Umwelt bewußter wahrzunehmen. Sie hören wieder aufmerksamer auf ihre innere Stimme. Menschen, die an das esoterische Weltbild glauben, können aus Ritualen das tröstende Gefühl gewinnen, eingebettet zu sein in der Gemeinschaft und im Kosmos. Was in Workshops und Seminaren erfahrbar ist, kann das Ichgefühl stärken. Im Unterschied zu den etablierten Psychotherapieverfahren, die darüber hinaus zum Ziel haben, die soziale Balance zwischen dem Individuum und seinen Mitmenschen herzustellen, bleiben die esoterischen Methoden jedoch vordergründig auf das eigene Ich konzentriert. Die meisten esoterisch-spirituellen Verfahren können durchaus eine wohltuende Wirkung haben. Diese beruht auf der Erwartungshaltung und dem Glauben der Hilfesuchenden sowie auf der Ausstrahlung und der Überzeugungskraft der AnbieterInnen.

Hier kommen die »unspezifischen« Wirkfaktoren zum Tragen,
die jede Form der Psychotherapie und Krankenbehandlung auch enthält - neben ihrer spezifischen Wirksamkeit. Ob sich esoterische Therapien darüber hinaus zur Behandlung von seelischen Störungen eignen, ist fraglich. Es fehlen Nachweise über die Aussagekraft der esoterisch­spirituellen Diagnosemethoden, und es gibt über Therapieerfolge keine Dokumentationen, die wissenschaftlichen Kriterien entsprechen.

Esoterische Therapiezentren und Heilpraxen haben großen Zulauf,
obwohl ihre Preise oft weit über denen von etablierten Therapieformen liegen. Nach dem Grundsatz, daß die Kosten nur für Verfahren übernommen werden, deren Erfolge nachgewiesen sind, bezahlen die Krankenkassen esoterische Behandlungen üblicherweise nicht.

Laut einem Urteil des Landgerichts Kassel aus dem Jahr 1984 (AzlS49/84) sind auch die Klienten selbst nicht verpflichtet, Behandlungen zu bezahlen, die sich auf magische Kräfte berufen. Das Urteil bezieht sich auf § 306 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB), der festhält: »Ein auf unmögliche Leistung gerichteter Vertrag ist nichtig.« Verschiedene Gerichtsurteile haben diese Rechtsauffassung bestätigt, beispielsweise für das Erstellen astrologischer Horoskope oder für Geistheilung.



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KRITIK

In der New-Age-Bewegung suchen viele Menschen eine Neuorientierung.
Diese   Suche   hat   ihre   Ursachen   im Anwachsen  weltweiter Gefahren  und Bedrohungen,  die Ängste  hervorrufen und   Gefühle   von   Hilflosigkeit   und Ohnmacht  erzeugen.   Die Antworten, die New-Age darauf gibt, sind jedoch problematisch.   Wer   sich   im   Kreis zusammensetzt,   um   die  Atomgefahr wegzumeditieren, wird damit die drängenden  politischen  und  ökologischen Probleme nicht lösen. »Bewußtseinserweiterung« wird auf diese Weise zum Versuch, die Ängste zu verdrängen, und verführt dazu, sich und anderen Harmonie vorzutäuschen. Die esoterischen Therapien bieten unsicheren Menschen
ein nur flüchtiges Erlebnis von Sicherheit. Mit der Behauptung, die Macht der Gedanken könne Berge versetzen, nähren sie kindliche Allmachtsphantasien, anstatt diese an der Wirklichkeit auszurichten.

Die großen  Heilsversprechungen werden  nicht  eingelöst. 
Erklärt wird dies häufig damit, daß die Betroffenen selbst  noch  nicht   »reif«  genug  seien und sie sich unzureichend um ihre Heilung bemüht hätten.  Das erzeugt beiden KlientInnen immer wieder Selbstzweifel, Gefühle von Enttäuschung, Wertlosigkeit und Versagen.

Esoterische TherapeutInnen wollen bewußt Alternativen zu herkömmlichen Methoden anbieten:
Statt eine klinische Diagnose der seelischen Störung zu stellen, »schwingt« man sich auf die KlientInnen ein, häufig genügt schlicht die Einfühlungskraft (Intuition). Sehr weit verbreitet ist die Diagnostik aus dem astrologischen Horoskop. Diese Formen der Diagnostik führen zu höchst zweifelhaften Ergebnissen. Das kann bedeuten,  daß  bestehende  Störungen  nicht rechtzeitig erkannt werden und unbehandelt bleiben oder daß Gesunde, die bloß bewußtseinserweiternde Spitzenerlebnisse suchten, für krank erklärt und dann  entsprechend falsch  behandelt werden.

Gruppendruck oder  eingreifende  Psychotechniken können latente  Probleme  und psychotische Krisen aufbrechen lassen:
Manche  seelisch  Kranke  suchen, unzufrieden  mit   herkömmlichen  Behandlungen, unter ihrem Leidensdruck gezielt  esoterische    Therapien.    Und manche sind deshalb Suchende, weil sie an latenten seelischen Störungen leiden, ohne es selbst zu ahnen. Gruppendruck oder  eingreifende  Psychotechniken  (-> Rebirthing) können bei diesen  Menschen  latente  Probleme  und psychotische Krisen aufbrechen lassen, beispielsweise bei medialer Kontaktaufnahme  mit  Höheren  Wesenheiten  (-> Channeling).   Es   besteht keine Möglichkeit, den Einsatz risikoreicher Verfahren zu kontrollieren.

Meist   keine   umfassende psychotherapeutische Ausbildung:
Da die AnbieterInnen und »TherapeutInnen«   meist   keine   umfassende psychotherapeutische Ausbildung durchlaufen haben, können sie nur unzureichend helfen und seelische Krisen nicht auffangen.

Zwischenfälle werden nicht systematisch dokumentiert
.
Allerdings mußten die meisten psychiatrischen Kliniken bereits Patienten behandeln, die durch esoterische Therapien geschädigt wurden.

Meditative Praktiken, die spirituelle  Energie  freisetzen  sollen,  führen nicht selten zur Verwirrung eines religiösen  Glaubens. 
Auch  dies  kann  zu Leiden führen, die einer psychiatrischen oder   psychotherapeutischen   Behandlung bedürfen.

Okkulte Praktiken, die als Spielerei ausprobiert werden, können eskalieren
und im Einzelfall, etwa bei Menschen mit -> Borderlinestörungen oder -> Psychosen, riskant werden. Im letzten Jahrzehnt hat die Anwendung von Okkultpraktiken einige deutsche Jugendliche in den Suizid getrieben.

Treten Therapieschäden auf, werden nicht selten die KlientInnen selbst dafür verantwortlich  gemacht.  
Dann heißt es, sie hätten sich nicht richtig auf die Therapie eingestellt,  nicht richtig mitgemacht. Oder es wird behauptet, die Krise sei ihnen durch ihr Karma vorbestimmt gewesen. Manche AnbieterInnen verlangen  ihren  KlientInnen die Bestätigung ab, daß sie auf eigenes Risiko an der Einzel- oder Gruppentherapie teilnehmen. Klagen Geschädigte, besteht kaum eine Chance auf Erfolg.

 


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BESCHREIBUNG DER VERFAHREN (27)

| Aromatherapie | Astrologische Psychologie | Aura-Lesen | Bach-Blüthentherapie | Bioresonanztherapie | Biorhythmik | Channeling | Edu-Kinesthetik | Farbtherapie | Feuerlauf | Graphologie | Geistheilung/Wunderheilung | Handlesen | Hellsehen/Wahrsagen | Kinesiologie | Kirlianfotografie |Kristalltherapie | Lüscher-Farbtest | Pendeln | Polaritätstherapie | Positives Denken| Radiästhesie (Muten) | Rebirthing | Reiki (Radiance-Technik) | Reinkarnationstherapie | Schamanistische Therapie | Tantra | Tarot |

 


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BIBLIOGRAPHIE

 

 

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AS
/ Psychotherapien im Überblick /Humanistische Psychologie

HUMANISTISCHE PSYCHOLOGIE

| GESCHICHTE UND KONZEPT | SELBSTVERSTÄNDNIS | AKTUELLER STAND | BESCHREIBUNG DER VERFAHREN | BIBLIOGRAPHIE |


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AS
/ Psychotherapien im Überblick /Humanistische Psychologie

GESCHICHTE UND KONZEPT

Die Humanistische Psychologie formierte sich in den 60er Jahren in den USA als psychotherapeutische Bewegung. Sie verstand sich als »Dritte Kraft« auf der Landkarte der Psychotherapien und grenzte sich strikt gegen -> Tiefenpsychologie und -> Verhaltenstherapie ab. Sie entwickelte absichtlich kein geschlossenes System und umfaßt inhaltlich ein breites Spektrum an Ansätzen.

Im Jahre 1962 wurde die »American Association for Humanistic Psychology« (Amerikanische Gesellschaft für Humanistische Psychologie) von dem amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908-1970) als einem der »Gründerväter« ins Leben gerufen. Die Besonderheit dieser Richtung war zu ihrer Zeit, daß sie sich speziell für den gesunden Menschen, sein Fühlen, Verhalten und Denken interessierte. Der gesunden seelischen Entwicklung, den schöpferischen Kräften, Energien und Fähigkeiten des Menschen, seiner »Ganzheit« war ihre Aufmerksamkeit gewidmet.

Diese Vorstellungen der Humanistischen Psychologie erwuchsen auf dem philosophischen Hintergrund des europäischen Existentialismus (-> Daseinsanalyse) und des amerikanischen Fortschrittsglaubens und Pragmatismus. Zahlreiche PsychoanalytikerInnen und PsychologInnen hatten Europa in der Zeit der faschistischen Diktaturen verlassen müssen und ließen sich in Amerika nieder. Viele von ihnen trugen mit ihrem Gedankengut zur Entwicklung der Humanistischen Psychologie bei: unter anderem Erich Fromm (1900-1980), Jacob Levy Moreno (1889-1974, -> Psychodrama, Charlotte Bühler (1893-1974, -> Spieltherapie), Karen Horney (1885-1952, -> Feministische Therapie), Ruth Cohn (*1912, -> TZI), Fritz (1893-1970) und Lore Perls (1906-1990, -> Gestalttherapie). Maslow zählt darüber hinaus sämtliche »abtrünnigen« Freudianerlnnen, insbesondere die Neo-Psychoanalytikerlnnen (-> Neo-Psychoanalyse) zu den Vordenkerlnnen der Humanistischen Psychologie und nennt Alfred Adler (1870-1937, -> Individualpsychologie), Otto Rank (1884-1939), Carl-Gustav Jung (1875-1961, -> Analytische Psychologie), Wilhelm Reich (1897-1957, -> Körper- und Bewegungstherapien), Michael Bälint (1896-1970, -> Balintgruppe), Melanie Klein (1882-1960), Heinz Kohut (1913-1981) und Donald Winnicott (1896-1971, -> Wachstum der Seele). Neben psychoanalytischen und existentialistischen Gedanken enthält die Humanistische Psychologie Anschauungen der Gestaltpsychologie (-> Gestalttherapie), der Systemtheorie (-> Familien- und Paartherapie), sowie Aspekte fernöstlicher Philosophien, beispielsweise des Taoismus und des Zen.

Die Humanistische Psychologie hat in kurzer Zeit weitreichende Bedeutung erlangt. Eine große Zahl verschiedener Therapien werden heute unter diesem »Etikett« angeboten. Allerdings berufen sich auch zahlreiche, oft dubiose Verfahren der -> Transpersonalen und insbesondere der -> Esoterisch-Spirituellen Psychologie fälschlicherweise auf Werte und Traditionen der Humanistischen Psychologie. Die Tatsache, daß die Humanistische Psychologie keine einheitlich ausformulierte Theorie besitzt, leistet der Vermengung   seriöser   und   fragwürdiger Verfahren bedauerlicherweise Vorschub.

 


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SELBSTVERSTÄNDNIS

Im Zentrum des therapeutischen Handelns der Psychotherapieverfahren, die sich an der Humanistischen Psychologie ausrichten, steht eine von Vertrauen, menschlicher Zuwendung, Offenheit und Flexibilität getragene Beziehung. Es soll im Verhältnis zwischen KlientInnen und TherapeutInnen weder ein Gefälle geben, noch sollen gar Abhängigkeit oder Autorität herrschen.

Die Bezeichnung »Humanistische« Psychologie nimmt auf die geistige Erneuerungsbewegung des Humanismus Bezug. Zu dieser Zeit, im 14. bis 16. Jahrhundert (Renaissance), besannen sich Philosophen und Wissenschaftler wieder auf die antike Kultur. Der Humanismus richtete sich unter anderem ausdrücklich gegen die Autorität der katholischen Kirche. Ein unabhängiges, auf Wissen und Vernunft begründetes Welt- und Menschenbild wurde angestrebt.

Ähnlich sind die Ziele der Humanistischen Psychologie: Der Mensch wird als Maß aller Dinge angesehen, ihm wird aufgetragen, sich und die Welt nach seinen Vorstellungen zu ändern und zu entwickeln. Jeder Mensch ist -im Verständnis dieser Therapierichtung — in seinem tiefsten Inneren gut und seelisch gesund. Innere Energien treiben ihn an, seine Bedürfnisse zu befriedigen, Sicherheit, Geborgenheit, Zuwendung, Nähe, Glück, Freude und Liebe zu verwirklichen. Solange Menschen seelisch stabil und zufrieden ihr Leben gestalten, sind ihre lebensgeschichtlichen Vorerfahrungen relativ unbedeutend, denn es zählt das Leben im »Hier und Jetzt«.

Aggressionen, Haß, Neid, Zerstörungskraft und andere negative Impulse und Gefühle werden als Symptome und Störungen der Persönlichkeit begriffen. Sie entstehen, wenn Menschen durch Enttäuschung, Zurückweisung, Mißbrauch und Verletzung daran gehindert wurden, sich frei zu entfalten. Dann werden sie zwangsläufig unfrei, gehemmt, seelisch und körperlich starr und unbeweglich. Die Fähigkeit, sich selbst zu verwirklichen, wird blockiert, Kreativität und Phantasie werden beeinträchtigt oder verlöschen gar.

Da die Humanistische Psychologie sich so intensiv der seelischen und körperlichen Gesundheit, der »Ganzheit« des Menschen widmet, können schon das alltägliche, »ganz normale Unglück« und Gefühle der Entfremdung Gründe für eine wachstumsfördernde Therapie sein. Die Humanistische Psychologie sieht sich besonders dazu berufen, die freie Selbstentfaltung, Selbsterkenntnis und Erforschung und Entdeckung noch unbekannter Persönlichkeitsbereiche zu fördern. Aber auch bei seelischen Störungen, wie Neurosen und Psychosen, bieten die Humanistischen Verfahren Hilfe an.

Humanistische Psychologie hat sich zur Aufgabe gestellt, nicht nur dem Individuum zu innerem Wachstum zu verhelfen, sondern auch in die Gesellschaft hinein zu wirken und für menschenwürdigere und menschengerechtere Lebensverhältnisse einzutreten. Diese Aufgabe bedeutet gesellschaftliches Engagement und Emanzipation. Zur Therapie im Verständnis der Humanistischen Psychologie gehört daher immer auch der bewußte und aktive Einsatz für gesellschaftlichen Wandel. Psychotherapie darf nicht zum elitären Zeitvertreib unbefriedigter Konsumenten   werden.   Genau   diesen   Vorwurf müssen sich auch alle die Therapien gefallen lassen, die den selbstgesetzten Anspruch auf soziales Engagement und Emanzipation nicht einlösen.

 


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AKTUELLER STAND

Zu den »klassischen« Humanistischen Therapien zählen heute die -> Gesprächspsychotherapie, die -> Integrative Therapie, die -> Gestalttherapie, die -> Logotherapie und Existenzanalyse, das -> Psychodrama und die -> Transaktionsanalyse. Auch die -> Bioenergetik ist ein humanistisches Verfahren, wird aber meist unter die Körpertherapien gezählt. -> Themenzentrierte Interaktion, bestimmte Formen der -> Familien- und Paartherapie und -> Positive Psychotherapie werden gelegentlich dazugezählt.

In den öffentlichen Beratungs- und Therapieeinrichtungen von Gemeinden und Verbänden, in der Arbeit mit alten, kranken oder behinderten Menschen, in der Resozialisierungs- und Rehabilitationsarbeit mit Straffälligen, Alkohol-und Drogenabhängigen werden heute mehrheitlich therapeutische Ansätze aus der Humanistischen Psychologie verwandt.

Auch in der Praxis moderner Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie haben sich Ideale und Ideen der Humanistischen Psychologie etabliert. Viele Gedanken der Humanistischen Therapien, die vor wenigen Jahren noch vehement bekämpft wurden, sind mittlerweile positiv aufgenommen und integriert worden.

Die Kosten für die meisten Humanistischen Psychotherapien werden von den Krankenkassen nicht übernommen, da sie - mit Ausnahme der Gesprächspsychotherapie, der Familientherapie und der Gestalttherapie - bisher keinen überzeugenden wissenschaftlichen Nachweis ihrer Wirksamkeit erbringen konnten.

 


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BESCHREIBUNG DER VERFAHREN (7)

| Gesprächspsychotherapie nach Rogers | Gestalttherapie | Integrative Therapie | Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl | Positive Psychotherapie nach Peseschkian | Psychodrama | Transaktionsanalyse (TA) |

 


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BIBLIOGRAPHIE

 

 

VIKAS / Psychotherapien im Überblick /Humanistische Psychologie


 

 


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/ Psychotherapien im Überblick /Hypnose und suggestive Verfahren

HYPNOSE UND SUGGESTIVE VERFAHREN


| GESCHICHTE UND KONZEPT | SELBSTVERSTÄNDNIS | AKTUELLER STAND | BESCHREIBUNG DER VERFAHREN | BIBLOGRAPHIE |


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/ Psychotherapien im Überblick /Hypnose und suggestive Verfahren

GESCHICHTE
UND KONZEPT

Der älteste ägyptische Papyrus, der unter den Trümmern Thebens gefunden wurde, bezeugt, daß schon die Ärzte der damaligen Zeit die Kunst der Hypnotherapie beherrschten. Er enthält die Anleitung: »Lege deine Hände auf ihn, um den Schmerz der Arme zu beruhigen, und sage, daß der Schmerz verschwinden wird!«

Hypnose ist ein besonderer Zustand des Bewußtseins, in dem es möglich wird, die innere Haltung von sich aus oder durch Anleitung - durch Suggestion — grundlegend zu verändern. Hypnose und Suggestion, Trance und Ekstase waren immer schon Bestandteil der Heilungsriten aller Völker. Der Bewußtseinszustand, in den sich Yogis und Fakire mit ihren hinduistischen Meditationspraktiken versetzen, ist mit dem Trancezustand der Hypnose ebenso verwandt wie der, der durch die Selbstversenkung im Buddhismus, im Zen oder im Taoismus zu erreichen ist (-> Meditation). Aus dem antiken Griechenland ist überliefert, daß man seelische Leiden mit den Trance-Riten des »Tempelschlafs« behandelte; die keltische Kultur benutzte dazu die beschwörenden Reimgesänge der Druiden. Durch Handauflegen, verbunden mit dem Blick in die Augen der Kranken, heilten Jesus und seine Jünger. Ähnlich verfuhren im Mittelalter viele kirchliche Würdenträger, zum Teil in Massenzeremonien.

Paracelsus (1494-1541) empfahl als erster solche Techniken ausdrücklich zur Behandlung von Nervenkrankheiten. Seit dem 16. Jahrhundert wurden hypnotherapeutische Kuren als Magnetisierung gedeutet. Damals bestrichen Ärzte die Körper ihrer Patientinnen beschwörend mit Magneten, um sie von Schmerzen und Nervenleiden zu befreien. Englische und schottische Ärzte versuchten mit dieser Methode, notwendige Operationen erträglich zu machen.

Daran erinnerte sich der Wiener Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815), als ihn eine junge Patientin, die an zahlreichen wechselnden Symptomen litt, um Hilfe bat. Durch Bestreichen mit Magneten konnte er sie für einige Stunden von den Schmerzen befreien. Immer mehr solcher Heilungen gelangen Mesmer, und er vermutete bald, daß die wirksame Medizin nicht der Magnet, sondern seine eigene Ausstrahlung sei, die er »animalischen Magnetismus« nannte.
Mesmer versetzte seine Patientinnen in Verzückung: Nach einer Berührung durch ihn verharrten sie noch stundenlang in Zuckungen oder Verwirrtheit, danach waren viele ihrer Leiden verflogen. Bald war Mesmer berühmt. Er paßte seine Methode der riesigen Nachfrage an. Für Nervenkranke aus der zahlungskräftigen Adelsschicht führte er in seinem Haus Großgruppentherapien mit mehr als zweihundert Patientinnen durch. Die Armen behandelte er im Freien. Er ließ sie einen von ihm »magnetisierten« Baum umarmen.
Als Naturwissenschaftler bemühte sich Mesmer um wissenschaftliche Anerkennung - lange Zeit vergeblich. Erst 1784, als seine Heilungen zum Gesellschaftsspektakel ausarteten und ganz Paris in hellen Aufruhr versetzten, berief der französische König eine akademische Untersuchungskommission, die sich mit dem Phänomen befassen sollte. Ihre Mitglieder verschafften sich einen persönlichen Eindruck von den -im Fachjargon als »hysterisch« bezeichneten - Wirkungen bei den PatientInnen. In dem geheimen Bericht an den König warnte die Kommission vor der »erotischen Anziehung« dieser Behandlung. In dem öffentlichen Bericht stellte sie fest, daß wohl nicht der Magnetismus wirke, sondern ein besonderer Bewußtseinszustand: die »Einbildung«. Erst hundert Jahre später setzte sich die Erkenntnis durch, daß diese Art der »Einbildung« kein Hirngespinst ist, sondern daß sich dahinter interessante seelische Fähigkeiten des menschlichen Bewußtseins verbergen.

Der Mesmerismus, die Hypnose mit Magneten, breitete sich - meist als Schaubudenzauber — über ganz Europa aus. Als Methode zur Operationsvorbereitung verlor die Hypnose erst an Bedeutung, als um 1850 die Betäubungsmittel Äther und Lachgas eingeführt wurden. Seelische Krankheiten wurden jedoch weiterhin mit Hypnose behandelt. So lernte Sigmund Freud diese Methode im Psychiatrischen Krankenhaus Salpetriere in Paris als Behandlungsmethode der Hysterie kennen. Daß Freud sich jedoch bald wieder von der Hypnose abwandte, war mit ein Grund, warum sie in Europa in Vergessenheit geriet.

Dagegen kamen Methoden der Selbsthypnose in Mode: Kranke bemühten sich, mit täglich wiederholten Formeln wie »Mein Magengeschwür geht zurück, ich fühle mich immer besser...« von körperlichen Beschwerden zu befreien (s. Emile Coue). Doch die Ergebnisse enttäuschten.

Mehr Erfolg brachten autosuggestive Entspannungsverfahren, wie das Autogene Training, die Progressive Relaxation und geburtserleichternde Techniken, die in den 20er und 50er Jahren entstanden.

Unter den Nationalsozialisten waren suggestive Methoden und Hypnose geschätzt, nach dem Zweiten Weltkrieg verloren sie in Deutschland an Ansehen, denn man meinte, daß sie die Symptome nur zudeckten. In den USA hingegen wandten PsychoanalytikerInnen die Hypnose weiterhin in der Klinik an. Denn mit Hilfe der Versenkung gelang es, frühkindliche Erlebnisse rasch aufzudecken. Bald wurde Hypnose auch in der -> Verhaltenstherapie angewendet, weil sich in Trance die therapeutisch angestrebten Lernprozesse leichter anregen und seelische Umstrukturierungen problemloser einleiten lassen. Der Psychiater Milton H. Erickson (1901-1980) entwickelte in den 60er und 70er Jahren neue Trancetechniken und einfallsreiche Formen der Gesprächsführung, die sich allmählich auch in Europa verbreiteten.

Es entstanden neue Therapieformen, die Selbstsuggestion im Wachen nutzen, wie zum Beispiel -> Aktives Klarträumen oder -> Katathymes Bilderleben. Neuere Ansätze, wie -> Neurolinguistisches Programmieren oder -> Provokative Therapie, verwenden Teilaspekte von Hypnosetechniken.


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SELBSTVERSTÄNDNIS

Hypnoide Zustände sind aus dem Alltag bekannt: Bei der Lektüre eines spannenden Buches versinkt die Welt rundum. Auch der Orgasmus entrückt aus der profanen Wirklichkeit.
Das gleiche gelingt der Hypnose: Sie schafft eine besondere Bewußtseinslage. Dabei konzentrieren sich Denken, Fühlen, Vorstellen und Empfinden auf die Innenwelt.
Früher glaubte man, Hypnose wirke durch die besonderen Fähigkeiten des Hypnotiseurs. Doch was an ihr wirkt, ist vielmehr dieser eigene gelöste Zustand. Eine Hypnose kann nur gelingen, wenn die Klientlnnnen tiefes Vertrauen in ihre TherapeutInnen haben und wenn sich diese ihren PatientInnen emotional vollkommen zuwenden. Fachleute bezeichnen dieses intensive Aufeinander-Bezogensein als »Rapport«, Musikerinnen nennen es »groove« und »feeling«: Man schwingt auf einer gemeinsamen Wel­lenlänge.

In diesem Trancezustand steigt die Bereitschaft, Suggestionen anzunehmen. Das kritisch vernünftige Urteil tritt zurück, neue Informationen werden unterschwellig aufgenommen und kreativ verarbeitet. Die verbreitete Angst, von HypnotiseurInnen willenlos manipuliert zu werden, ist jedoch nicht gerechtfertigt: Niemand kann in Hypnose gezwungen werden, etwas zu tun, was seinem Wesen nicht entspricht.

Auf drei Arten wird Hypnose zur Behandlung  von  Krankheiten  eingesetzt.

Klinische Hypnose

Hypnose wirkt entspannend. ÄrztInnen nutzen diesen Effekt hauptsächlich, um Schmerzen zu lindern, die Einnahme von Schmerzmitteln zu reduzieren und Ängste abzubauen.

Hypnotherapie

Mit Hypnose (-> Hypnotherapie, Seite 410) oder Vorstellungsbildern (-> Kata-thymes Bilderleben, Seite 413) versuchen PsychotherapeutInnen, tiefliegende Erlebnisschichten ihrer Klientinnen - das Unbewußte - zu erreichen. Ziel der Behandlung ist, daß die KlientInnen ihre Gedanken und Vorstellungen, die bisher zu unangebrachten Verhaltensweisen und Störungen führten, neu »arrangieren« können, so daß ihnen ein neues Verhalten möglich wird.

Selbstsuggestion, Entspannungsverfahren

Die selbstsuggestiven Entspannungstechniken führen bei regelmäßiger Übung zu einer Gesamtumschaltung des vegetativen Nervensystems und aller Körperfunktionen, die es steuert (-> Entspannungsverfahren). Dadurch tritt nicht nur körperliche, sondern   auch   seelische   Entspannung ein

 


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AKTUELLER STAND

Autosuggestive und -> entspannende Techniken sind heute elementarer Bestandteil psychotherapeutischer Ausbildung. Sie werden häufig eingesetzt, weil sie den Weg für eine weiterführende Psychotherapie bereiten können. In den letzten Jahren wird Hypnose wieder vermehrt angewendet, um Schmerzen zu behandeln, und es wächst das Interesse daran, Hypnosetechniken im Rahmen verschiedener Psychotherapieverfahren einzusetzen. Im deutschsprachigen Raum arbeiten einige tausend ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen mit Hypnosetechniken. Darüber hinaus wenden etwa 200 Heilpraktikerinnen Hypnose an. Daß sie dies allerdings ohne medizinische Ausbildung und klinische Erfahrung tun, birgt für KlientInnen ein gewisses Risiko.

Mittlerweile wird Hypnose in leichtfertiger Weise auch wieder häufiger bei Festen oder in TV-Shows von medizinischen Laien für Schaulustige durchgeführt. Der -> New-Age-Welle kommt der mystische Aspekt der Hypnose entgegen; zum Beispiel bedient sich die -> Reinkarnationstherapie der Hypnose. Esoterisches Gedankengut durchsetzt zunehmend mehr auch die seriösen Hypnosevereinigungen und verwässert die therapeutischen Ziele. Das erschwert es, Hypnosetechniken zum Wohle von körperlich oder seelisch Kranken gezielt einzusetzen.

Überdies gilt der »Magnetismus« im Kreise von Naturheilerinnen auch heute noch fälschlich als heilsame Kraft, und es verbreiten sich neuere Heilmethoden, die »magnetische« oder »kosmische« Heilkräfte nutzen wollen (-> Reiki, -> Polarity).

 


VIKAS/ Psychotherapien im Überblick /Hypnose und suggestive Verfahren

BESCHREIBUNG DER VERFAHREN (5)

| Aktives Klarträumen | Hypnotherpie | Katathymes Bilderleben | Neurolinguistisches Programmieren (NLP) | Provokative Therapie |

 


VIKAS/ Psychotherapien im Überblick /Hypnose und suggestive Verfahren

BIBLIOGRAPHIE

 

 

VIKAS / Psychotherapien im Überblick /Hypnose und suggestive Verfahren


 


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/ Psychotherapien im Überblick /Körper- und Bewegungsverfahren

KÖRPER- UND BEWEGUNGSVERFAHREN

| GESCHICHTE UND KONZEPT | SELBSTVERSTÄNDNIS | AKTUELLER STAND | BESCHREIBUNG DER VERFAHREN | BIBLIOGRAPHIE |



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Psychotherapien im Überblick /Körper- und Bewegungsverfahren

GESCHICHTE
UND KONZEPT

Die verschiedenen Körpertherapien wurzeln zum Teil in östlichen, zum Teil in abendländischen Traditionen. Sie umfassen Massage- und Atemtechniken, Bewegungsmethoden, Ausdrucksübungen und vielfältige Kombinationen dieser Möglichkeiten mit psychotherapeutischen Techniken.

Im Fernen Osten werden seit Jahrtausenden Übungswege zum  »Selbst« durchgeführt, etwa die im indischen Kulturkreis entstandenen Formen des -> Yoga, die durch Körperbeherrschung die Seele befreien wollen. Auch die chinesische Atem- und Bewegungstechnik des -> Qigong gehört dazu: Sie will jene Energie in Fluß bringen, die den Organismus beseelt. Einssein mit sich selbst, mit der Natur und dem Kosmos ist das Ziel dieser Methoden.

Anders die westliche Kultur, die vom fünften vorchristlichen Jahrhundert an Körper und Seele als zwei getrennte Wesenheiten sah. Der Philosoph Piaton (427-347 v.Chr.) nannte den Leib den »Kerker der Seele«, da er das »Ich« in Zeit und Raum festhalte.

Die alten Römer strebten danach, daß »in einem gesunden Körper ein gesunder Geist« wohne. Der christlichen Lehre galt der Leib als »Tempel Gottes«. Den Körper genußvoll zu erleben, war jedoch mit Sünde belegt, die Körperlichkeit wurde verteufelt und die außereheliche Sexualität verbannt. Auch die bürgerliche Gesellschaft, zum Beispiel in der Viktorianischen Epoche, war körperfeindlich. Den eigenen Körper anzuschauen, geschweige denn, ihn mit Lust zu berühren, war verpönt.

Unter den Philosophen war Friedrich Nietzsche (1844-1900) der erste, der sich engagiert »gegen die Verächter des Leibes« wandte. Nietzsche formulierte bereits  die  Grundzüge  jener Theorie, die die Grundlage heutiger Körpertherapien bildet und von der neurophysiologischen Forschung bestätigt wird. Die moderne Leib-Philosophie sieht Körper und Seele als innige Einheit: Der Mensch hat nicht den Körper, sondern ist Leib. Seele und Körper gemeinsam bilden das Ich. Durch den Leib hat das Ich teil an der Welt, durch ihn drückt sich der Mensch aus und geht auf die Mitmenschen zu.

Vom 18. Jahrhundert an hatte sich in Europa allmählich eine eigene Körperkultur herausgebildet. In der Schweiz und im deutschen Raum entstand eine Bewegung, die gegen die Verweichlichung und Naturentfremdung Leibesübungen propagierte. In Schweden etablierte sich die medizinische Massage. Sie war der Versuch, Krankheiten mit den Händen durch Streicheln und Kneten des Körpers zu heilen und Schmerzen zu lindern. Die medizinische Massage wurde in den letzten Jahrzehnten zur Grundlage neuer Massagetechniken, die neben der körperlichen auch der seelischen Entspannung dienen wollen.

Auch das Theater brachte wichtige Impulse für die Körperpsychotherapie. Aus den Erfahrungen und den Beobachtungen der Arbeit auf der Bühne erkannte man, daß die Körperhaltung die innere Haltung spiegelt. Und man vermutete, daß man die Seele zusammen mit dem Körper »ins Lot« bringen könne.

Den entscheidenden Anstoß für die Entwicklung der modernen Bewegungstherapien gab die Gymnastiklehrerin Elsa Gindler (1885-1961), die gemeinsam mit den beiden Psychoanalytikern Sändor Ferenczi (1873-1933) und Wilhelm Reich (1897-1957) zu den Pionieren der Körperpsychotherapie zählt. Elsa Gindler hatte mit Reich gearbeitet und von ihm gelernt, daß die Körpermuskulatur Lebenserinnerungen speichert (Leibgedächtnis) und daß sich im Körper seelisches Leid manifestiert. In ihrer Arbeit verband sie heilgymnastische mit psychoanalytischen Kenntnissen. Einige Formen von Bewegungs-, Haltungs- und Atemtherapie bauen auf ihrer Arbeit auf. Sie zielen darauf, die »innere Wachsamkeit« zu fördern und neue Möglichkeiten des Empfindens und Wahrnehmens zu eröffnen.

Auf die bahnbrechenden Arbeiten Wilhelm Reichs (-> Vegetotherapie) geht die Entstehung der »Leibpsychotherapien« zurück. Es sind Methoden, die durch Berührungen und Bewegungen des Körpers seelische Störungen analysieren und eine Katharsis herbeiführen wollen, eine Reinigung und Abreaktion der in den Muskelverspannungen gebundenen Gefühle. Reich emigrierte 1933 aus Deutschland und sammelte in den USA eine Gruppe von Schülern um sich, die seine Methode modifizierten. Seine Idee, daß die unterdrückte Sexualität zu seelischen Störungen führe, daß sie sich durch Körpertherapie befreien lasse, wodurch auch die Seele gesunde, wurde von der 68er-Generation begierig aufgegriffen. Dazu trug auch bei, daß sich bei Reich und seinen Nachfolgerinnen Vorstellungen von einer allumfassenden kosmischen Lebensenergie finden, die den östlichen Ideen der universellen Lebenskraft ähneln.

Die 68er-Generation wandte sich östlichen Traditionen zu und hing der Humanistischen Wachstumsbewegung an. Die Ziele der körperorientierten Verfahren entsprechen den Idealen dieser Bewegung, die durch die -> Humanistische Psychologie angeregt wurde: die vorhandenen Potentiale des Organismus und der ganzen Person, die innere Entwicklung und die persönliche Reifung zu fördern. Von der amerikanischen Westküste aus verbreitete sich diese Wachstumsbewegung in den 60er und 70er Jahren, und mit ihr wurden auch die neuen Körpertherapien unter dem Begriff »Neo-Reichianische Therapien« populär. In den letzten Jahren stieg das Interesse an Körperverfahren enorm an.

Die Konzepte vieler Verfahren blieben spekulativ, es gab kaum Untersuchungen über ihre Wirkungsweise und keine Dokumentation über ihre tatsächliche Wirksamkeit. Erst gegen Ende der 70er Jahre wurden die Körpertherapien durch den Psychotherapeuten Hilarion G. Petzold (*1944) und sein Forscherteam auf den Boden entwicklungspsychologischer Forschung gestellt und in ihren psychomotorischen Auswirkungen untersucht.

 


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Psychotherapien im Überblick /Körper- und Bewegungsverfahren

SELBSTVERSTÄNDNIS

Etwa die Hälfte der zwischenmenschlichen Kommunikation läuft nicht über die Sprache, sondern über den Körper. In Haltung, Mimik und Gestik drückt der Körper nicht selten etwas anderes aus als das, was der Mensch in Worte faßt. Gute KörpertherapeutInnen können an diesen Zeichen und Widersprüchen innere Konflikte ihrer KlientInnen erkennen.

Bei den meisten Gesprächsverfahren ist Körperkontakt verpönt. Bewegungs­und KörpertherapeutInnen hingegen berühren ihre KlientInnen auf unterschiedliche Weise. Manche korrigieren mit Handgriffen Atmung oder Körperhaltung, andere massieren bestimmte Körperregionen. Körperpsychotherapeutlnnen stellen in der Arbeit manchmal auch den eigenen Körper zur Ve­fügung: Sie halten und umarmen ihre KlientInnen, lassen sie sich anlehnen, bieten sich als KampfpartnerInnen an und anderes mehr. Viele Verfahren regen zu bestimmten Körperhaltungen an, um den KlientInnen gezielt Gefühle und Empfindungen zu entlocken.

Während der Therapiestunde sind die KlientInnen meist nur spärlich bekleidet, bei der Vegetotherapie zum Beispiel auch ganz nackt, damit die TherapeutInnen die Veränderungen des Körpers besser wahrnehmen können. Bevor man sich zu einer solchen Therapie entschließt, sollte man sich darüber im klaren sein, ob man sich zutraut, das über längere Zeit durchzustehen (s. -> Liegen auf der Matte).

In unserer Kultur wird körperliche Berührung vorwiegend als erotische oder sexuelle Annäherung empfunden, es können sowohl bei KlientInnen als auch bei KörpertherapeutInnen intensive Liebesgefühle ausgelöst werden, und es besteht somit die Gefahr von Grenzverletzungen (s. -> Schaden durch Therapie). Da es im Verlauf einer Therapie  kaum   Kontrollmöglichkeiten gibt, ist es besonders wichtig, sich vor Therapiebeginn ein Bild über die persönliche Integrität der KörpertherapeutInnen zu machen.

Die körperorientierten Verfahren gliedern sich in fünf Gruppen mit unterschiedlichen Zielsetzungen, Konzepten und Sichtweisen vom Menschen.

Massagen

Die Wirkung aller Massagen beruht darauf, daß der Körperkontakt beruhigt, Schmerz lindert und eine Art von Beziehung stiftet. Die klassische Massage ist eine Reizbehandlung, die alle Körperfunktionen, wie Kreislauf, Temperaturregelung, vegetatives System, Produktion von Gewebshormonen und anderes mehr, anregt. Durch Massage werden die Nervenenden gereizt, Empfindungen, wie Wärme, Berührung, Druck und Zug werden weitergeleitet und beeinflussen die Organe im Körperinneren. Schmerzhafte Griffe können den Schmerzkreislauf durchbrechen und die Selbstheilung anregen. Menschen, deren Körpergefühl durch körperfeindliche Erziehung, verletzende Erfahrungen oder Vereinsamung gestört ist, können durch Massage Zuwendung erleben und Selbstvertrauen gewinnen.

Die psychotherapeutischen Massageverfahren sollen entspannen und das Wohlbefinden steigern. Sie sind meist Mischformen aus der klassischen Massage und fernöstlichen Traditionen. Sie erklären ihre Wirkung mit einem kosmischen Energiefluß, den die TherapeutInnen als MittlerInen übertragen, und der im Körper ungehindert zirkulieren soll. Zu diesen Massageformen zählen Akupressur, Shiatsu, Polarity (s. -> Esoterische Verfahren), Rolfing, Strukturelle Integration, Rebalancing, Posturale Integration.

Haltungs- und Aufbauschulung

Diese Methoden gehen davon aus, daß die Seele im Körper ihren Ausdruck findet und daß daher das Trainieren der Körperhaltung und der körperlichen Beweglichkeit seelische Vorgänge positiv beeinflussen kann. Gemeinsam ist ihnen die Notwendigkeit, fortlaufend zu üben. Zu ihnen zählen -> Alexander-Technik, -> Eutonie, -> Feldenkrais, -> Qigong, -> Yoga.

Atemmethoden

Gefühle sind eng mit dem Fluß des Atems verbunden. Viele körperorientierte Psychotherapieverfahren versuchen daher gezielt, Einfluß auf den Atemgang auszuüben, bei einigen stehen spezielle Atemtechniken sogar im Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit. Diese Verfahren wollen den Atemfluß verbessern, Zugang zu neuem Körperempfinden beziehungsweise zu verschütteten Erinnerungen eröffnen und Selbsterkenntnis fördern. Zu ihnen zählen -> Atemtherapie, -> Eutonie, -> Primärtherapie (Urschrei), -> Schreitherapie (New-Identity, Bonding) und -> Rebir-thing (s. -> Esoterische Verfahren).

Wahrnehmungs- und Bewegungspsychotherapie

Diese Verfahren begreifen den »Leib« als eine Einheit von Körper, Geist und Seele. In der Bewegung des Leibes drückt sich aus, wie ein Mensch auf die Umwelt zugeht, wie er sich seinen Platz in ihr schafft; was der Mensch erlebt, beeinflußt und formt wiederum seinen Bewegungsablauf und auch das Bild, das er von sich selbst und vom eigenen Körper hat. Gezielte Körperbewegung soll dafür sorgen, daß man seinen Körper auf neue Art wahrnimmt, seine Gefühle spürt und neue Möglichkeiten der Bewegungsfreiheit entdeckt. Das veränderte Körperselbstbild schafft dann Voraussetzungen dafür, besser zu verstehen, warum man in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise handelt (Handlungsmuster).

Zu diesen Therapien zählen: -> Konzentrative Bewegungstherapie, -> Integrative Bewegungs- und Leibtherapie (Thymopraktik), -> Klinische Tanztherapie (s. -> Kreative Therapien). Seit etwa fünzehn Jahren werden auch die Budo-Kampftechniken als therapeutische Methoden neuen Körpererlebens angeboten. Dazu zählen -> Taekwondo, -> Karate, -> Jiu Jitsu, -> Aikido und -> T'ai-Chi sowie -> T'ai-Chi-Chuan.

Körperorientierte Psychotherapien (Leibtherapien)

Auch Leibtherapien wollen den Menschen in seinem körperlichen, geistigen und gefühlsmäßigen Erleben erreichen. Sie sehen den Leib als System, das von vitaler Energie rhythmisch durchströmt wird. Seelische Belastungen blockieren den Fluß dieser Energie; auf Dauer verspannt sich dadurch die Muskulatur. Jeder Mensch entwickelt sein eigenes individuelles Muster der Blockierung. Dieses bestimmt die Art und Weise, wie sich der Mensch bewegt, empfindet, denkt und handelt. Körpertherapien wollen die vitale Ursprünglichkeit befreien, indem sie Blockierungen lösen, seelische Störungen heilen und Selbsterkenntnis fördern. Zu diesen Verfahren gehören -> Vegetotherapie, -> Bioenergetik, -> Biodynamische Psychotherapie, -> Hakomi, -> Core-Energetik, -> Radix.

Menschen mit psychischen und psychosomatischen Störungen oder mit schmerzhaften Erkrankungen sind in ihrem Körpererleben erheblich beeinträchtigt. Sie sind in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt und auch kaum in der Lage, sich zu entspannen. Psychische Störungen führen häufig dazu, daß die körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten gehemmt sind. In solchen Fällen ist die positive Wirkung der klassischen Massage, von Bewegungs-, Atem- oder Entspannungstherapien wissenschaftlich belegt. Sie können das Körpererleben verbessern, den körperlichen Ausdruck und die Kommunikation fördern, Schmerzen und andere Symptome reduzieren. Solche Verfahren gewinnen zunehmend an Bedeutung. Sie erweitern die Behandlungsmöglichkeiten bei psychiatrischen Patientinnen, geistig behinderten Menschen und körperlich Kranken, und sie können das Leben alter Menschen erleichtern.

Von klinisch erfahrenen TherapeutInnen praktiziert, eignet sich körperorientierte Psychotherapie, um psychosomatische Störungen und Persönlichkeitsstörungen zu behandeln, sie verbessert die Körperhaltung und ist eine Methode der Selbsterfahrung. Bis die durch die Therapie bewirkten Veränderungen jedoch selbstverständlicher Bestandteil des Lebens der KlientInnen geworden sind, vergeht viel Zeit. Wie bei der Gesprächspsychotherapie muß man Geduld haben. Manchmal sind Langzeitbehandlungen von zwei bis vier Jahren erforderlich.

 

Dokumentierte Zwischenfälle nach unsachgemäßen Körpertherapien

Häufig  kommt es bei  unsachgemäßer Behandlung zu psychosomatischen   Reaktionen,   wie   Kopfweh, Herz- und Atemstörungen.

Extreme Körperhaltungsübungen führen zu Zerrungen und Überdehnungen; es wurde von einem Bruch des Fersenbeins und der Mittelhand, von Bandscheibenvorfall und Nervenquetschungen berichtet.

Durch bioenergetische Manipulationen am Hals können Gefäßverletzungen und Bewußtlosigkeit auftreten.

Bloßes Abreagieren bei Wochenendworkshops   ohne   therapeutische Nachbegleitung kann eine bestehende Neurose verlängern oder eine schlummernde Psychose zum Ausbruch bringen.  Eine  Körpertherapie,  die  nicht abgeschlossen   wird,   kann  Orientierungslosigkeit und Desintegration des »Ich« zur Folge haben.

Nach    Primärtherapie-Gruppen kommt es wiederholt zu Depressionen und Psychosen. Plötzliche Konfrontation mit sexuellen Konflikten oder mit verdrängter Erinnerung an Vergewaltigungserlebnisse führt zu  Psychosen und Suizidgefährdung.

Durch  Primärtherapiemethoden sind bereits Klienten zu Tode gekommen.

 



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Psychotherapien im Überblick /Körper- und Bewegungsverfahren

AKTUELLER STAND

Mit der -> Konzentrativen Bewegungstherapie (KBT) und der -> Integrativen Bewegungstherapie (IBT) finden die körperorientierten Therapien Einsatz in manchen psychiatrischen Institutionen. Die Wirksamkeit dieser Verfahren bei seelischen Krankheiten wurde wissenschaftlich nachgewiesen. IBT wird an einigen Universitäten in den USA gelehrt, auch in Amsterdam wird ein Studiengang angeboten.

Die anderen Körperpsychotherapien sind nicht allgemein anerkannt, obwohl von ihnen große Heilkräfte ausgehen können. Die Psychiatrie lehnt sie vor allem deshalb ab, weil sie sehr aufwühlend wirken und unvorhersehbare Krisen auslösen können. Die psychologische Wissenschaft steht ihnen skeptisch gegenüber, weil sie zum Teil auf fragwürdigen Konzepten beruhen und weil grundlegende Dokumentationen über die Wirksamkeit fehlen.

Im deutschsprachigen Raum gibt es für Körpertherapien keinen übergeordneten Berufsverband, der Ausbildung oder Praxis verbindlich regelt. Erst allmählich definieren die einzelnen Fachgesellschaften ihre Standards. Seriöse Vereinigungen fordern Ausbildungszeiten von vier bis fünf Jahren. Nur wenige Schulen schreiben den TherapeuIinnen jedoch die für Körperarbeit unbedingt notwendige klinische Erfahrung vor.

Körpertherapien beinhalten auch Manipulationen direkt am Organismus — zum Beispiel massiert oder verschiebt der Therapeut bestimmte Muskelpartien, oder er regt mit bestimmten Massagegriffen die Atmung an. Rechtlich gelten Manipulationen am Körper als »Ausübung der Heilkunde«. Wer im deutschsprachigen Raum den Körper von Fremden behandelt, ohne dazu als Arzt, Heilpraktiker oder KrankengymnastIn befugt zu sein, macht sich strafbar. In der Realität herrscht dennoch »Wildwuchs«: Immer mehr selbsternannte »TrainerInnen« — ohne seriöse Ausbildung und ohne klinische Erfahrung — bieten körpertherapeutische Arbeit in Gruppen oder Einzelstunden an. Das läßt das Risiko von Zwischenfällen enorm ansteigen. Schäden werden jedoch üblicherweise nicht dokumentiert, die Dunkelziffer ist hoch. Überdies ist es möglich, daß Psychosen oder Suizidgefahr noch Wochen nach körpertherapeutischer Arbeit auftreten und daß der direkte Zusammenhang mit der Körpertherapie verborgen bleibt.



 


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Psychotherapien im Überblick /Körper- und Bewegungsverfahren

BESCHREIBUNG DER VERFAHREN (20)

| Alexander-Technik | Akupressur und Shiatsu | Atemtherapie | Biodynamik | Bioenergetik | Budo | Eutonie | Feldenkrais-Methode | Hakomi | Integrative Bewegungs- und Leibtherapie (IBT) | Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) | Neo-Reichianische Therapien | Primärtherapie (Urschreitherapie) | Qigong | Rebalancing und Posturale Integration | Rolfing, Strukturelle Integration | Schreitherapie (Bonding, New-Identity) | T'ai-Chi | Vegetotherapie, Charakteranalyse, Orgontherapie | Yoga |

 


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Psychotherapien im Überblick /Körper- und Bewegungsverfahren

BIBLIOGRAPHIE

Milz, H.: Der wiederentdeckte Körper. Vom schöpferischen Umgang mit sich selbst, dtv, München 1994
Petzold, H., Hrsg.: Die neuen Körper­therapien, dtv, München 1992
Petzold, H.: (Hrsg.): Psychotherapie und Körperdynamik. Junfermann, Paderborn 1985

 

 

VIKAS / Psychotherapien im Überblick /Körper- und Bewegungsverfahren


 


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/ Psychotherapien im Überblick /Kreative Therapien

KREATIVE THERAPIEN

| GESCHICHTE UND KONZEPT | SELBSTVERSTÄNDNIS | AKTUELLER STAND | BESCHREIBUNG DER VERFAHREN | BIBLIOGRAPHIE |


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/ Psychotherapien im Überblick /Kreative Therapien

GESCHICHTE UND KONZEPT

Funde aus prähistorischer Zeit lassen ahnen, welch bedeutende Rolle künstlerischer Ausdruck seit jeher in magi­schen Heilritualen spielte.
Ob Schamanen
oder orientalische Heiler - sie wußten um die heilsame Wirkung des formgeben­den Gestaltens auf die Seele. Auch in der altgriechischen Heilkunst spielte die musische Behandlung seelischer Zustände eine zentrale Rolle. Sie wurde von Pythagoras (gest. 500 v.Chr.) in die griechische   Medizin    eingebracht    — wahrscheinlich als Erbe der ägyptischen Medizin. Aristoteles (384-322 v. Chr.) betonte die reinigende Wirkung durch Musik, Poesie und Drama, die zu einer »heiteren Freude« führe. Die schöpferi­sche Tradition der Medizin, die auch die kreativen Kräfte der Kranken anregte, ist mit der Zeit jedoch versiegt.

Erstmals setzten im ausgehenden 18. Jahrhundert Pioniere der modernen Psychiatrie wieder Malerei und Theateraufführungen zur Behandlung seelisch und geistig Kranker ein. Berühmt wur­den die Aufführungen im Hospiz von Charenton, die der dort internierte Mar­quis de Sade (1740-1814) inszenierte. Manche Therapieversuche mit künstlerischen Mitteln wurden wieder aufgegeben, kreatives Gestalten wurde reduziert auf einfache Handarbeiten und mündete in der Beschäftigungstherapie (s. Seite 391) für psychiatrische Patien­ten. Neue Anregungen für die psychia­trischen Therapiekonzepte brachten vom 19- Jahrhundert an Künstlerinnen: Schauspielerinnen, Malerinnen, Musi­kerinnen und Tänzerinnen.

Zum Verwirrspiel gerieten die verschiedenen Namen, unter denen kreative Therapien Einzug in die Psychiatrie hielten:
Man nannte sie Kunsttherapie« oder »Gestaltungstherapie« und anderes mehr. Zur Beschäftigung mit Kunstwerken oder zu kreativem Tun regte man vorwiegend PatientInnen an
, die durch Gesprächsverfahren nur unzureichend behandelt werden konnten.

Sein ganzes Leben lang sammelte der Heidelberger Nervenarzt Hans Prinzhorn (1886-1933) Texte und Bilder der PatientInnen seiner psychiatrischen Klinik, als »Sammlung Prinzhorn« wurden diese Zeugnisse kreativer Arbeit von seelisch Kranken berühmt. Eine ähnliche Sensation war 1981 die Einrichtung des »Hauses der Künstler« in der Psychiatrie im niederösterreichischen Gugging: Dort wurden künstlerische Arbeiten von PatientInnen gefördert. Die Kunstszene bewunderte ihre Bilder und Gedichte, in der Behandlung wurde jedoch der schöpferische Prozeß höher eingeschätzt als das geschaffene Werk. In die Psychotherapie fanden Behandlungstechniken, die Kunstbetrachtung oder künstlerisches Tun mit einbezogen, nur zögernd Eingang, und erst im letzten Jahrzehnt entstanden spezifische, klinisch lehrbare Methoden der » Kunstpsychotherapie «.

Diese Methoden basieren im wesentlichen auf der -> Traumdeutung der Psychoanalyse und auf der Lehre von den -> Archetypen, die Carl Gustav Jung (1875-1961, -> Analytische Psychologie) entworfen hatte. Themen, Vorstellungen und Gestalten, die jedem Menschen geläufig sind, wie etwa »der Riese«, »die weise Alte«, »das tiefe Wasser«, »der dunkle Wald«, stammen nach Ansicht Jungs aus dem kollektiven Unbewußten. Sie tragen für alle Menschen die gleiche symbolische Bedeutung in sich, finden sich in Träumen und Mythen, in den Religionen und in der Literatur. Jung fand solche Gestalten auch in den Kunstwerken - gleichermaßen im Volksmärchen wie in Bildern aus Künstlerhand. Kunstpsychotherapie nützt diese symbolischen Bedeutungen, um Zugang zu den seelisch Kranken zu finden und auch, um den Betroffenen selbst das Tor zu ihrem inneren Geschehen und seiner Deutung zu öffnen. Ist für einen Menschen ein spezielles Thema lebensbestimmend, wie etwa die »im tiefen See versunkenen« Wünsche und Gefühle, so kann die Begegnung mit einem Kunstwerk, das diese Symbolik aufgreift, oder der eigene künstlerische Ausdruck dieses inneren Bildes eine intensive Beschäftigung mit dem Thema auslösen und seine Bewältigung unterstützen.

Wichtige Impulse für die Kunsttherapie kamen auch von der -> Gestalttherapie, die selbst künstlerisch tätige TherapeutInnen hervorgebracht hat. Im deutschen Sprachraum gehen einige Anregungen auf die Ideen -> Rudolf Steiners (1861-1925) zurück, der in der -> Waldorf-Pädagogik durch Beschäftigung mit Kunstwerken das geistige Schauen fördern und in der -> Anthroposophischen Medizin die heilsamen Anteile des musischen Gestaltens therapeutisch nutzen wollte.

 


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SELBSTVERSTÄNDNIS


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/ Psychotherapien im Überblick /Kreative Therapien

AKTUELLER STAND

Kunstpsychotherapie umfaßt verschiedene Techniken. Einzelne kunsttherapeutische Elemente können im Rahmen eines klinischen Konzepts wirksam eingesetzt werden. Sie können etwa zum »Aufwärmen« vor einer Gesprächstherapie dienen oder im Laufe einer Therapie, an bestimmten Entscheidungsstellen eingesetzt, Entwicklungsprozesse in Gang bringen.

Nur in Form der -> Integrativen Therapie kann Kunsttherapie als eigenständiges therapeutisches Angebot gelten. Immer öfter werden einzelne Methoden der Kunsttherapie in therapeutische Konzepte einbezogen. Ob sie erfolg ­reich sind, hängt von der Qualifikation der TherapeutInnen ab. Bei -> psychosomatischen Störungen und zur Behandlung von -> Neurosen hat sich schöpferisches Gestalten bewährt. Es kann Patienten in der Psychiatrie, -> Alkohol- und ->Drogenabhängige sowie -> Behinderte darin unterstützen, sich selbst besser wahrzunehmen und auszudrücken. Kunsttherapie hilft Kranken und Leidenden, mit ihrem Schicksal besser zurechtzukommen, sie fördert die Entwicklung bei Kindern mit -> Lernstörungen und -> Behinderungen.

Wenn Menschen im Rahmen von Selbsterfahrungsgruppen unter qualifizierter Anleitung lernen, kreativ tätig zu sein, so kann die neue Erfahrung ihre persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten erweitern und ihr Interesse an der Kultur wecken.

Die Ausbildung von KunsttherapeutInnen ist je nach Methode sehr unterschiedlich organisiert, meist erfolgt sie in privaten Institutionen, nur selten an Hochschulen. Es gibt keine Regelung für den Ausbildungsgang, die berufliche Qualifikation der AnbieterInnen ist entsprechend unterschiedlich. Für TherapeutInnen, die der »Deutschen Gesellschaft für Kunsttherapie« angehören, sind jedoch Mindeststandards vorgeschrieben. Bedeutende Lehrstätten wurden ab 1967 die Fachhochschule Ottersberg und ab 1974 das Fritz-Perls-Institut in Düsseldorf.

 


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/ Psychotherapien im Überblick /Kreative Therapien

BESCHREIBUNG DER VERFAHREN (5)


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BIBLIOGRAPHIE

VIKAS / Psychotherapien im Überblick /Kreative Therapien


 

 


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/ Psychotherapien im Überblick /Therapien für besondere Zielgruppen


THERAPIEN FÜR BESONDERE ZIELGRUPPEN


| GESCHICHTE UND KONZEPT | SELBSTVERSTÄNDNIS | AKTUELLER STAND | BESCHREIBUNG DER VERFAHREN | BIBLIOGRAPHIE |


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/Therapien für besondere Zielgruppen


GESCHICHTE UND KONZEPT

Schon seit den Anfängen der wissenschaftlichen Seelentherapie um die Jahrhundertwende werden auch Kinder psychotherapeutisch behandelt. Sigmund Freud (1856-1939) nahm beispielsweise einen Vierjährigen, den »Kleinen Hans«, wegen seiner Angst vor Pferden  in  Therapie.   Seine  Geschichte nahm Freud zum Beispiel, um den -> Ödipuskomplex zu beschreiben.

Der »klassischen« Rollenverteilung entsprechend, wurde die Kindertherapie (-> Kinder- und Jugendlichentherapie zum Arbeitsfeld von Frauen: Viele Mitarbeiterinnen Freuds, die Ehefrauen seiner Mitarbeiter und auch seine Tochter Anna Freud (1895-1982) etablierten die Kindertherapie fest in der Seelenheilkunde. In den 50er Jahren entwickelten sich humanistisch-psychologische Ansätze für die Therapie mit Kindern; besonders die -> Spieltherapie fand weite Verbreitung. Sie basiert auf der -> Gesprächspsychotherapie . Auch -> Gestalttherapie und -> Integrative Therapie brachten Varianten für Kinder und Jugendliche hervor.

In den 60er Jahren wurden Partnerschaften und Familien zum Gegenstand psychotherapeutischer und sozialwissenschaftlicher Forschung (-> Familien- und Paartherapie. Die Forsche­rinnen sehen seither Familien als »Systeme« an, deren Mitglieder miteinander in ganz spezieller Weise umgehen und einander gegenseitig beeinflussen. Diese Sichtweise ermöglichte es, die Beziehungen innerhalb von Familien oder anderen Kleingruppen besser zu verstehen.

Mit der Frauenbewegung in den 70er Jahren bildete sich ein neues Therapieverständnis für die speziellen Probleme von Frauen heraus (-> Feministische Therapie. Bis dahin entsprachen die Vorstellungen von Ursachen für seelische Störungen und die Therapiekonzepte häufig charakteristischen männlichen Denkmustern. Erst als man begann, frauentypische Probleme aus weiblicher Perspektive zu betrachten, wurde deutlich, was die Therapie von Frauen behindert hatte: Frauen und Männer waren häufig auf Rollenstereotype festgelegt, als »gesund« galten Verhaltensweisen, die den Rollen entsprachen. Neue Wege zum Verständnis weiblicher Lebensschwierigkeiten zeichneten sich ab, und heute wird nicht mehr von »normal männlichem«, und »normal weiblichem« Verhalten gesprochen.

In der klassischen Psychotherapie, vor allem der -> Psychoanalyse, hielten die TherapeutInnen über 60 Jahre alte Menschen lange Zeit für nicht therapiefähig, weil sie ihnen keine seelische Beweglichkeit mehr zutrauten. Diese Vorstellungen sind heute überholt: Eigene Behandlungsmöglichkeiten (->Therapie im Alter) berücksichtigen die besonderen Probleme von Seniorinnen.

Welche Verfahren für welche Gruppen?

Für eine bestimmte Altersgruppe:
-> Kinder- und Jugendlichentherapie, -> Spieltherapie, -> Therapie im Alter,

Für eine Gruppe mit einer bestimmten Organisationsform
:
-> Familien- und Paartherapie, -> VET, -> Gruppendynamik, -> TZI

Für eine Gruppe mit spezifischen Problemen oder in Krisensituationen:
-> Frauen, -> Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, -> Drogenabhängigkeit, -> Alte Menschen, -> Sterbende, -> Sexualtherapie, -> Körperlich Kranke, -> Geistig Behinderte, -> Arbeits- und Beschäftigungstherapie, -> Balint-Gruppe

Menschen mit ganz speziellen Krankheiten und Störungen, wie beispielsweise -> Süchten, -> Sexual­problemen, -> körperlichen Gebrechen oder -> geistigen Behinderungen, können seit den 50er Jahren gezielt mit besonders auf ihre Probleme zugeschnittenen Therapien behandelt werden.

 


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SELBSTVERSTÄNDNIS

Die verschiedenen Spezialformen von Therapien gründen auf recht unterschiedlichen theoretischen Konzepten. Häufig vereinen sie die Konzepte verschiedener Schulen, bei der -> Sexualtherapie beispielsweise die von Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Dementsprechend vielseitig ausgebildet und hochspezialisiert sind auch die TherapeutInnen. Fast alle Hauptrichtungen der Psychotherapie bieten auch eine Variante ihrer Therapieform für Gruppen und für Kinder und Jugendliche an.

Spezialtherapien können und sollen nur bei den speziellen Problemen helfen, für die sie entwickelt wurden. Es sind überwiegend Kurztherapien, die sich auf umgrenzte Problembereiche konzentrieren. Sie wirken meist relativ schnell.

In der Kinder- und Jugendlichentherapie, der Feministischen Therapie und den Suchttherapien arbeiten Betroffene an der Änderung ihrer ganzen Persönlichkeit. Die Aufgabe der anderen Spezialtherapien ist es, ausschließlich aktuelle Beschwerden zu bessern und gezielt nur belastende Symptome abzubauen.

Einige dieser Therapien sollen vornehmlich stützen und begleiten, so zum Beispiel die Psychotherapie bei körperlichen Erkrankungen und bei geistigen Behinderungen sowie die Therapie zur Begleitung Sterbender. Alte, sterbende und selbstmordgefährdete Menschen werden darin unterstützt, eine Bilanz ihres Lebens zu ziehen und sich den Sinn ihres Daseins vor Augen zu führen. In Familien-, Paar- und Sexualtherapie, in Feministischer Therapie, in den Balint-Gruppen, bei der TZI und der Gruppendynamik sind Beziehung, Kontakt und Kommunikationsweisen wichtige Themen in der therapeutischen Arbeit.

Die Spezialtherapien laufen sehr unterschiedlich ab. Mit einem Kind kann sich die Behandlung im Sandkasten abspielen, mit einem alten Menschen bei einem Spaziergang im Garten oder am Krankenbett gestalten. Ein Paar wird seine Sexualprobleme im Dreiergespräch mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten aufarbeiten. Suchtkranke können ihre Probleme in der Gruppe mit ebenfalls Betroffenen oder auch während der Arbeit in einer Rehabilitationseinrichtung besprechen. Und wieder anders wird sich die Arbeit von Familienmitgliedern mit einem Therapeutenteam gestalten.


 


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AKTUELLER STAND

Psychotherapieverfahren für besondere Gruppen haben zunehmende Bedeutung erlangt. Sie werden vielfach in Kliniken angewandt und dort auch wissenschaftlich überprüft. Bisher haben aber nur wenige Verfahren den wissenschaftlichen Beweis ihrer Wirksamkeit erbracht. Deshalb übernehmen die Krankenkassen die Kosten nicht für alle Verfahren. Kliniken und Ambulanzen rechnen allerdings oft pauschal ab, so daß die Kosten dann doch zu Lasten der Krankenkassen gehen.

 


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BESCHREIBUNG DER VERFAHREN (18)

| Balint-Gruppe | Begleitung Sterbender | Beschäftigungs- und Arbeitstherapie | Ehe- und Paartherapie | Familien- und Paartherapie | Feministische Therapie | Festhaltetherapie | Gruppendynamik | Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie | Psychotherapie bei Körperkrankheiten | Raucherentwöhnung | Sexualtherapie | Spieltherapie | Themenzentrierte Interaktion | Therapie bei Alkoholabhängigkeit | Therapie bei Drogenabhängigkei | Therapie bei geistigen Behinderungen | Therapie im Alter |

 


VIKAS/ Psychotherapien im Überblick /Therapien für besondere Zielgruppen

BIBLIOGRAPHIE

 

VIKAS/ Psychotherapien im Überblick /Therapien für besondere Zielgruppen


 


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/ Psychotherapien im Überblick / Tiefenpsychologische Verfahren


TIEFENPSYCHOLOGISCHE VERFAHREN

| GESCHICHTE UND KONZEPT | SELBSTVERSTÄNDNIS | AKTUELLER STAND | BESCHREIBUNG DER VERFAHREN | BIBLIOGRAPHIE |


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/ Psychotherapien im Überblick /Tiefenpsychologische Verfahren

GESCHICHTE UND KONZEPT


Den Begriff Tiefenpsychologie hat Sigmund Freud (1856 - 1939) geprägt: so nannte er die Theorie, die dem Therapieverfahren Psychoanalyse zugrunde liegt. Er stellte fest, daß unter den bewußt erfahrenen Vorgängen und erlebnissen des Alltags und auch hinter allen Gefühlsempfindungen ein dem Menschen unbekannter Seelenbereich existiert: Freud nannte diesen Seelenbereich das Unbewußte.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Psychologie eine Wissenschaft, die sich rein experimentell mit Bewußtsein, Denken und Wahrnehmen beschäftigt hatte: Die Abläufe dieser geistigen Pro­zesse wurden auf biologische, neurologische und physikalische Prinzipien zurückgeführt. Es kam einer Revolution gleich, im ausgehenden 19. Jahrhundert - einer sehr wissenschaftlich orientierten Zeit - das Unbewußte in den Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Theo­rie zu stellen, ließ es sich doch mit den gängigen Methoden nicht beobachten und erforschen. Freuds Theorie galt somit lange als unwissenschaftlich.
Immer wieder hatte Freud bei seiner praktischen Tätigkeit als Nervenarzt erleben müssen, daß die damals gängi­gen neurologischen Theorien ihm nicht helfen konnten, die Beschwerden und Probleme seiner Patientinnen zu erklären.Freud versuchte sich von den alten Methoden zu befreien: Er beobachtete, analysierte und hörte genau zu. Seine Überlegungen und Forschungen zielten daraufhin, daß das Unbewußte Gefühle, Handlungsweisen und auch seelische Störungen stark beeinflußt. Er faßte seine Erkenntnisse in einer neuen Theo­rie, der Tiefenpsychologie, zusammen und arbeitete sie gemeinsam mit Ärz­tinnen, Pädagoginnen und Geisteswissenschaftlerlnnen weiter aus. Gleichzei­tig entwickelte er ein Therapieverfahren, das auf der neuen tiefenpsychologischen Theorie gründet: die Psychoanalyse (s. Seite 254). Sowohl die Tiefenpsycholo­gie als auch die Psychoanalyse waren völlig neue Entwicklungen. Manche sei­ner Vorstellungen mußte Freud später revidieren: Die Erfahrung hatte ihn eines Besseren belehrt.Bereits zu Freuds Lebzeiten spalteten sich von der ursprünglichen Tiefenpsy­chologie neue Schulen ab, die zwar andere Schwerpunkte setzten, aber die Grundideen der Tiefenpsychologie bei­behielten. Alfred Adler (1870-1937) (s. Seite 275), Carl Gustav Jung (1875-1961) (s. Seite 280) und Viktor Frankl (*19O5) (s. Seite 327) traten als erste aus dem Kreis um Freud heraus. Auch innerhalb der Psychoanalyse selbst (s. Seite 254) kam es im Laufe der fast hun­dert Jahre ihres Bestehens zu einschnei­denden Neuerungen, denn die Thera­peutinnen sahen sich auch weiterhin damit konfrontiert, daß die bisher ent­wickelte Analyse manche Störungen einfach nicht erklären und heilen konn­te. Die Tiefenpsychologie hat ihre Theo­rien intensiv überdacht, erweitert und ausgebaut.

Theoretische Neuerungen in der Tiefenpsychologie

- Abwendung von der Triebtheorie durch die -> NeoPsychoanalyse in den 30er und 40er Jahren Einführung von -> Ich- und Selbstpsychologie in den 50er Jahren, ihre Erweiterung in den 70er Jahren

- -> Objektbeziehungs-Psychologie der 70er und 80er Jahre

Um den neuen Forschungsergebnissen Rechnung zu tragen, sind die Konzepte der Tiefenpsychologie - in guter wissenschaftlicher Tradition - in ständigem Wandel begriffen.


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SELBSTVERSTÄNDNIS


Am Beginn der Tiefenpsychologie stand die Beobachtung und Behandlung von Menschen mit seelischen Störungen: Es ging darum, die Störung verstehen zu lernen, um eine angemessene Heilmethode zu entwickeln. Erst die moderne Psychoanalyse versucht, die Seele »gesunder« Menschen faßbar zu machen.
Die Tiefenpsychologie sieht die Ursachen für Störungen in seelischen Konflikten, deren Wurzeln bis in die frühe Kindheit zurückreichen (-> Modell der Seelenkrankheit). Als eine der wichtigen Triebfedern im menschlichen Erleben erkannte sie die Sexualität. Dieses in die öffentliche Diskussion zu bringen, hat der Tiefenpsy­chologie zu Freuds Zeiten und auch später viel Widerstand eingetragen und sie teilweise einseitig festgelegt.
Tiefenpsychologie hat das Ziel, den Menschen zu helfen, sich von ihren inneren Zwängen und alten Verhaltens­und Erlebensmustern zu befreien. Ihre Grundidee ist, daß eine Weiterentwicklung nur dann möglich ist, wenn Menschen ihre verborgenen Wünsche und Vorstellungen erkennen, sich von Althergebrachtem lösen und ein Leben in mehr Offenheit führen können. Allerdings beurteilt die Tiefenpsychologie selbst skeptisch, ob eine wirkliche Befreiung gelingen kann. Sie befürchtet, daß die meisten Menschen doch zum Teil lebenslang in bestimmten Mustern gefangen bleiben, weil Ände­rungen viel innere und äußere Unruhe verursachen. Der oft getätigte Ausspruch »Die Analyse dauert lebenslang« hat seinen besonderen Sinn: Das Nachdenken über sich selbst (Reflexion) - einmal begonnen - hört ein Leben lang nicht auf. Es kann lange dauern, bis man in der Lage ist, Konsequenzen aus seinen Erkenntnissen zu ziehen, es kann abermals lange dauern, bis man bereit ist, Veränderungen einzuleiten und auch durchzustehen.

Modell der Seele

Die Tiefenpsychologie hat im Vergleich zu anderen psychologischen Ansätzen das ausführlichste und fundierteste Seelenmodell entwickelt. Viele Therapieschulen und -richtungen haben es mehr oder weniger übernommen und gering­fügig abgewandelt.

Die Grundannahme lautet, daß es in jedem Menschen einen ihm unbekannten Seelenbereich gibt. Dieser Bereich, das Unbewußte, wird als eine Zone beschrieben, die dem Menschen nicht unmittelbar zugänglich, also nicht »bewußt« ist, die aber dennoch alle wesentlichen Gefühle und Handlungen steuert. Als Beweis für die Aktivität des Unbewußten galten Freud beispielsweise doppeldeutige Versprecher oder Verhaltensweisen, deren Sinn nicht direkt einsichtig ist, die aber bei genauerem Hinsehen verborgene Wünsche und Vorstellungen offenbaren.
Freud fand heraus, daß das Unbewußte in Witzen, Mythen und Traum­bildern wirkt. Mythen als Spiegel unbewußter, völkerübergreifender Phantasien zu verstehen, scheint heute ganz selbst­verständlich, war seinerzeit jedoch revolutionär.
Aber das Unbewußte - und das war eine der sensationellen Entdeckungen Freuds - konnte seine Wirkung auch auf eine andere Weise zeigen. Freud beobachtete immer wieder, daß einige Menschen körperliche Störungen ent­wickeln konnten, beispielsweise Läh­mungen, ohne daß es dafür einen unmittelbar einsichtigen Grund - eine organische Ursache - gab. Freuds intensive Forschungen ergaben, daß unbewußte Wünsche und Phantasien die Ursache waren;  sie  fanden durch  ein körperliches Symptom ihre Verwirklichung. So konnte die Lähmung der Ausdruck dafür sein, daß man nicht bereit war, im übertragenen Sinne »einen bestimmten Schritt zu tun«. Symptome, die symbolisch unbewußte, nach Freuds Ansicht verbotene sexuelle Wünsche ausdrücken, werden »hysteri­sche Symptome« genannt (-> Konversionsneurose).
Zunächst versuchte Freud, seelische Vorgänge als Körperreaktionen, Nerven­erregungen und Energieflüsse zu erklä­ren und so eine naturwissenschaftliche Basis seiner Theorie zu unterlegen. Da er auf diese Weise aber nicht weiter­kam, entwickelte er ein Modell, das die Zusammenhänge auf einer rein psycho­logischen Ebene zu erklären suchte. Freud stellte sich die Seele als in drei Schichten gegliedert vor: das Bewußte, das Unbewußte und das Vorbewußte. Das Vorbewußte nimmt zwischen den beiden anderen eine Sonderstellung ein, weil   seine   Inhalte   zwar   weitgehend unbewußt und vergessen sind, aber schnell ins Bewußtsein treten können, wenn man versucht, sich zu konzentrie­ren oder zu erinnern.


Modell der Seelenkrankheit

Freud wurde bei seiner Tätigkeit als Arzt immer wieder damit konfrontiert, daß er nicht alle seelischen Leiden mit den damals üblichen Mitteln, wie zum Beispiel -> Hypnose zufriedenstellend bessern konnte. Das ließ ihn seine Diagnosen und die seiner Kollegen radikal überdenken. Er stellte das damals gängige Erklärungsmodell für Neurosen in Frage: Zu seiner Zeit gal­ten Neurosen noch als rein organische Hirnkrankheit. Freud war jedoch aufge­fallen, daß es häufig einschneidene Erlebnisse gab, die die Störungen seiner Patientinnen erklärten: Er hatte beispielsweise beobachtet, daß viele seiner Patientinnen in der Hypnose über Ereignisse und Erlebnisse aus ihrer Kindheit berichteten, die mit einer »Verführung« (Freud), also mit einem sexuellen Übergriff zu tun hatten. Er schloß daraus, daß diese schwere seeli­sche Verletzung (Trauma) die Ursache für spätere seelische Störungen und Neurosen sein müßte.
Später zweifelte er immer mehr daran, daß so viele Menschen, wie sie ihm als Patientinnen begegneten, in ihrer Kindheit tatsächlich mißbraucht worden sein rachte ihn dazu, seine ursprüngliche Neuro­sentheorie zu erweitern: Auch wenn ein Mensch kein verletzendes (traumatisches) Kindheitserlebnis hatte, kann es zu neurotischen Symptomen kommen. Ihre Ursache vermutete Freud im dem Konflikt, Triebbedürfnisse zu empfinden, sie aber nicht befriedigen zu dürfen. Er definierte Neurose also als das Ergebnis eines ungelösten Konfliktes zwischen Trieb und Abwehr.

Modell der Persönlichkeit

In Freuds Persönlichkeitsmodell formen bestimmte Einheiten (Instanzen) das Seelenleben. Das »Es« ist der Ort der biologisch festgelegten, triebhaften und emotionalen Bedürfnisse des Menschen. Diese drängen nach Befriedigung; Men­schen, die dem nachgeben, folgen dem Lustprinzip. Das »Ich« muß die auftre­tenden Wünsche gegen die Ansprüche der Realität und des »Über-Ich« abwägen. Das Über-Ich ist jene Instanz, die die elterlichen und gesellschaftlichen Werte und Normen in Form des Gewis­sens vertritt. Ein Teil des Über-Ich, das »Ideal-Ich«, umfaßt die persönlichen Werte, Normen und Ideal-Vorstellun­gen, die ein Mensch von sich hat.
Das Ich steht also als Mittler zwi­schen den anderen Instanzen der Per­sönlichkeit. Es vermittelt zwischen inneren Antrieben und gesellschaftli­chen Normen. Es sorgt für ein ausge­wogenes Seelenleben zwischen den Ansprüchen von Es und Über-Ich. Das Ich reagiert nach dem Realitätsprinzip: Es wägt Vor- und Nachteile einer Ent­scheidung ab und sucht einen akzepta­blen Mittelweg.
Dieses Modell von Es, Ich und Über-Ich dient als Erklärung dafür, daß Kon­flikte nicht nur mit der Umwelt auftre­ten können, sondern auch innerhalb eines Menschen bestehen und daß sie, falls sie ungelöst bleiben, zu Störungen, wie -> Neurosen oder -> Psychosen führen können.

Modell der Triebe und der psychosexuellen  Entwicklung

Indem Freud Kinder beobachtete und vor allem Rückschlüsse aus den Erinnerungen seiner Patientinnen zog, kam er zu dem Ergebnis, daß die seelischen Instanzen im Laufe der kindlichen Entwicklung erst heranreifen müssen und daß sie den Menschen in jeder Reifungsphase in typische Konflikte verwickeln. Er nahm an, daß die Sexualität der zentrale Trieb sei und mit ihr die meisten Konflikte auftreten; infolgedessen sprach er von psychosexueller Entwicklung.
Diese Thesen waren zu seiner Zeit vollkommen neuartig und anstößig. Einem Kind gestand man Sexualität keinesfalls zu. Freud meinte damit allerdings auch nicht die geschlechtliche Sexualität im engeren Sinne, sondern verstand darunter eher allgemein eine von Trieben angeregte Lebensener­gie: die »Libido«, nach dem griechi­schen Wort für »Lust«. Dieser Energie stellte er in späteren Jahren und unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges den »Todestrieb« gegenüber. Den Men­schen ziehen also zwei entgegengesetzte Strebungen im Unbewußten hin und her.

In seinem Modell der psychosexuellen Entwicklung stellte Freud dar, daß sich die Hauptquellen der Lust und damit auch der Konflikte beim Kind in seinen verschiedenen körperlichen Reifungsstufen unterscheiden:

• Bis zum Ende des ersten Lebensjahres will das Kind vor allem Hunger und Durst befriedigen; der Mund ist die Körperzone, über die das Kind seine hauptsächlichen Bedürfnisse stillt. Diese Phase wurde deshalb, nach dem lateinischen Wort »os« für Mund, die orale Phase genannt. In dieser Zeit soll das Kind noch kein wirkliches Bewußtsein, kein Ich und damit keinen Willen haben, sondern nur triebhaft erleben und reflexhaft handeln. Freud beschrieb, daß der Säugling in dieser Phase lernt, sich von anderen Menschen und innen von außen zu unterscheiden. Das Kind beginnt allmählich, eine Vor­stellung von sich zu entwickeln und baut ein »Körperbild« auf. Der Mund mit seinem feinen Tastsinn ist in dieser Zeit auch ein wichtiges Kontaktorgan. In dieser Lebensphase werden die Grundlagen für Vertrauen oder Mißtrauen gelegt.

• Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr gelingt es dem Kind, seine A usscheidungsfunktionen zu kontrollien. Es erfährt seine größte Befriedigung darin, seinen Stuhl zu halten oder herzugeben.   Diese  Phase  heißt,   nach   der lateinischen Bezeichnung  »anus« für
Darmausgang,  anale  Phase.  Das  Kind befreit sich aus seiner frühkindlichen Abhängigkeit und entwickelt nun die Fähigkeit zu Autonomie und Selbstbestimmung. In dieser Zeit reift das Ich heran;  mit  der  Reinlichkeitserziehung bildet sich das Über-Ich aus (s. Von achtzehn Monaten bis drei Jahren, Seite 46).

• Mit   dem   dritten   und   vierten Lebensjahr kommt das Kind in die ödipale Phase. In dieser steht die Beziehung zu den Eltern im Mittelpunkt: Es spielt sich ein entscheidender Konflikt um die geschlechtliche   Identität   ab.   Freud benannte dieses   »innere  Drama«   nach dem griechischen  Mythos  von  König Ödipus. Kleine Jungen begehren im Alter von drei bis vier Jahren ihre Mutter und rivalisieren mit dem Vater. Mädchen geht es umgekehrt ebenso: Sie möchten den Vater ganz für sich allein und rivalisieren mit der Mutter. Über einen komplizierten Prozeß von Verzicht und Neuorientierung gibt das Kind letztlich das gegengeschlechtliche »Liebesobjekt« auf und identifiziert sich mit dem gleichgeschlechtlichen.
In der ödipalen Phase erlebt das Mädchen angeblich den sogenannten Penisneid, wenn es merkt, daß Mädchen keinen Penis haben und daß seine Klitoris kleiner ist als ein Penis (s. Von drei bis sechs Jahren, Seite 47).

• An die ödipale Entwicklungsphase schließt sich die Latenz, die »Ruhephase« an.

• In der Pubertät wird die Sexualität noch einmal zu einem wichtigen Thema. Mit dem Erwachsenenalter ab etwa 25 Jahren ist nach diesem Modell die Entwicklung des Menschen abgeschlossen.

Freuds Vorstellung von den Entwicklungsphasen fußten weniger auf der intensiven Beobachtung von gesunden Kindern als auf den Erinnerungen Erwachsener an einschneidende Erlebnisse, Auseinandersetzungen und seelische Verletzungen aus ihrer Kinderzeit. Schon deshalb kann diese Entwicklungslehre nicht vollständig sein. Sie bietet ein Grundgerüst, um die Konflikte des Menschen in verschiedenen Altersstufen und die Ursachen für seelische Störungen zu erklären. Die komplizierten Vorstellungen, die Freud entwickelte, um zu beschreiben, wie sich die psychischen Instanzen ausbildeten, waren schon zu seinen Lebzeiten unter seinen Schülerinnen Gegenstand der Diskussion, die auch Freud beeinflußte. Letztlich lieferten die tiefenpsychologischen Thesen einen wichtigen Beitrag zu dem heute gültigen Konzept der kindlichen Entwicklung (-> Wachstum der Seele, Seite 38).

Abwehrmechanismen, Fixierung  und Wiederholungszwang

Das Modell psychosexueller Entwicklungsphasen führte zu einer neuen Definition von Neurose. Sie galt nun als Ergebnis eines Konfliktes, der in einer bestimmten Entwicklungsstufe durchzumachen ist und nicht befriedigend bewältigt wird. Deshalb bleibt der Mensch dem Thema dieser inneren Auseinandersetzung (Komplex) verhaftet (fixiert) (-> An Konflikten reifen, Seite 40). Der Komplex (-> Analytische Psychologie nach Jung, Seite 280) wird in den Bereich des Unbewußten geschoben (verdrängt), damit der betroffene Mensch nicht ständig unangenehm damit konfrontiert ist. Diesen Prozeß nennt die Tiefenpsychologie »Abwehr«.

Anna Freud (1895-1982), die jüngste Tochter Sigmund Freuds, hat die Abwehrmechanismen umfassend beschrieben. Sie war Lehrerin und eine begeisterte Psychoanalytikerin und arbeitete seit ihrer Jugend mit ihrem Vater zusammen. Auch seit der Emigration nach London lebte und arbeitete sie mit ihren Eltern in einem Haus. Sie gründete die psychosomatische Kinderklinik »Hampstead Clinic« in London (-> Psychoanalytisch-interaktionelle Therapie, Seite 274).

Der bekannteste Abwehrmechanismus ist die Verdrängung (-> Psychoanalyse, Seite 254). Verdrängt werden solche Gefühle, die in der aktuellen Situation, in der sie ausgelöst und hervorgerufen wurden, nicht verarbeitet oder ausgelebt werden können. Sie schlummern aber weiter im Unbewußten. Wenn jemand irgendwann mit einem verdrängten Thema (Komplex) konfrontiert wird — eventuell auch in verwandelter Form —, bricht der alte Konflikt wieder auf und bewirkt Störungen und Schwierigkeiten. Diese kann man selbst oft erst gar nicht verstehen, weil sie nun aus dem ursprünglichen Zusammenhang ihrer Entstehung gerissen sind. Die ungelöste Bindung an bestimmte Themen aus der Kindheit kann sogar den Charakter eines Menschen prägen und dazu führen, daß sich manche Probleme immer wiederholen, weil das Ursprungsproblem niemals gelöst wurde. Dieses nennt Freud den »Wiederholungszwang«. Der Zwang zur   Wiederholung    ist    im   Grunde unproduktiv und lähmt die Kreativität des betroffenen Menschen. Erst wenn er an der Langeweile oder den Schwierigkeiten, die damit einhergehen, zu leiden beginnt, erwächst ein Impuls zur Veränderung und Überwindung des Wiederholungszwanges .

Wichtige andere Abwehrmechanismen sind Reaktionsbildung, Projektion, Identifikation und Regression. Alle Abwehrmechanismen laufen unbewußt ab.

Reaktionsbildung bedeutet, seine Gefühle ins Gegenteil zu verkehren, beispielsweise einem zutiefst gehaßten Menschen überfreundlich und zuvorkommend zu begegnen, um ihn so auf Distanz zu halten.

Da es vielen Menschen schwerfällt, negative Gefühle zu ertragen, nutzen sie die Projektion, um sich zu entlasten. Dabei wird das eigene Gefühl dem anderen angelastet: Es wird auf ihn projiziert wie ein Diapositiv auf eine Leinwand. So behauptet beispielsweise mancher, ein Mitmensch möge ihn nicht leiden, um unbewußt zu verdecken, wie unlieb ihm selbst der andere ist.

Viele Menschen übernehmen die Ansichten und Verhaltensweisen ihrer Eltern oder anderer Menschen: Sie identifizieren sich mit ihnen und nehmen dadurch an deren Leben teil. Auch die Identifikation kann zur Abwehr werden: Beispielsweise entwickeln mißbrauchte Frauen oft unbegreiflich großes Verständnis für die Mißbrauchtäter und schätzen sich selbst als wertlos ein, so wie die Täter mit ihnen umgehen. Sie schützen sich so vor der unerträglichen Erkenntnis dessen, was ihnen angetan wurde.

Regression ist ein sehr häufiger Abwehrmechanismus. Gerade bei Kindern kann man beobachten, daß sie in belasteten Lebenssituationen, wie nach der Geburt eines Geschwisterkindes, in eine frühere Entwicklungsstufe zurückfallen (regredieren), bis sie seelisch stabil genug sind, um sich den veränderten Lebensumständen zu stellen.

Auf der Vorstellung des Wiederholungszwanges basieren die Behandlungskonzepte aller tiefenpsychologischen Schulen. Da die Ursachen für Störungen hauptsächlich in Fixierungen an frühkindliche Konflikte vermutet werden, gilt es in der Therapie, diese Konflikte zu erkennen. Fixierungen lassen sich nur dann lösen, wenn die in der Kinderzeit nicht geglückte Lösung des Konflikts mit allen begleitenden Schmerzen und Schwierigkeiten im »Heute« nachgeholt wird. Deshalb versteht sich der tiefenpsychologische Therapieprozeß als »Nacherziehung« und »Nachreifung«. Er soll dazu beitragen, daß sich der Mensch schrittweise mehr innere Beweglichkeit und Einsicht erlaubt - auch gegen gesellschaftliche Tabus und Vorschriften. Freud verstand die Tiefenpsychologie als Emanzipationsbewegung.

Weiterentwicklungen der Tiefenpsychologie

Mit zunehmender Erfahrung stellte sich heraus, daß sich nur bestimmte Störungen, vor allem die Neurosen, mit dem tiefenpsychologischen Konzept verstehen und erfolgreich mit Psychoanalyse behandeln lassen. Andere, wie etwa die -> Borderline-Störung , bei der die Betroffenen Schwierigkeiten haben, Kontakte und Beziehungen zu gestalten, blieben unerklärbar. Außerdem wurde immer deutlicher, daß sich die Psychoanalyse zu einer »Einpersonen-Psychologie« entwickelt hatte, die alles mit innerseelischen Konflikten erklärte. Sie berücksichtigte zu wenig, daß auch die Kontakte und Beziehungen zu den Mitmenschen Probleme auslösen können.

Seit den 50er Jahren und verstärkt in den 70er und 80er Jahren gab es in dieser Hinsicht Veränderungen. So entstand unter dem Einfluß der Sozialpsychologie die sogenannte Objektbeziehungstheorie. Mit »Objektbeziehung« ist gemeint, daß in der realen Beziehung Erwachsener zueinander immer auch Erwartungen, Vorstellungen und Wünsche mitschwingen, die auf Erfahrungen mit Personen aus der Kindheit zurückzuführen sind. Wie groß der Einfluß des gesellschaftlichen Umfeldes ist, wie sehr Phantasien auch die realen Beziehungen prägen, bewerten die verschiedenen ForscherInnen unterschiedlich. Wichtige Arbeit in diesem Bereich haben   die   Analytikerinnen   Melanie Klein (1882-1960), Donald Winnicott (1896-1971) und Michael Bälint (1896-1970) geleistet. In den späten 60er Jahren führte vor allem der amerikanische Psychiater und Analytiker Otto Kernberg (*1928) die Objektbeziehungstheorie in die analytische Praxis ein.


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/ Psychotherapien im Überblick /Tiefenpsychologische Verfahren

AKTUELLER STAND


ie heute bestehenden Schulen der Tiefenpsychologie sind Weiterentwicklungen des ursprünglichen Konzeptes und setzen in Theorie und Praxis unterschiedliche Schwerpunkte.
Die Existenzanalyse nach Frankl (s. Seite 327) und die Transaktionsanalyse nach Berne (s. Seite 318) rechnet man heute eher zu den Humanistischen Verfahren. Die Vegetotherapie, entwickelt von Freuds Schüler -> Wilhelm Reich fußt auf der Psychoanalyse und wurde zur Basis verschiedener Körperpsychotherapien. Zahlreiche andere Verfahren bedienen sich tiefenpsychologischer Modelle, oft ohne das im einzelnen zu benennen.

Psychotherapieverfahren, die auf der Tiefenpsychologie gründen, sind sehr weit verbreitet. Ärztinnen und Psychologinnen, die die Zusatzbezeichnung »Psychotherapie« oder »Psychoanalyse« und damit die Berechtigung zur Abrechnung über die Krankenkassen erworben haben, sind entweder nach dem Freudschen, Jungschen oder Adlerschen Verfahren ausgebildet.


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/ Psychotherapien im Überblick /Tiefenpsychologische Verfahren

BESCHREIBUNG DER VERFAHREN (7)

 


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/ Psychotherapien im Überblick /Tiefenpsychologische Verfahren

BIBLIOGRAPHIE

 

VIKAS / Psychotherapien im Überblick /Tiefenpsychologische Verfahren



VIKAS / Psychotherapien im Überblick /Transpersonal-psychologische Verfahren

TRANSPERSONAL-PSYCHOLOGISCHE VERFAHREN

| GESCHICHTE UND KONZEPT | SELBSTVERSTÄNDNIS | AKTUELLER STAND | BESCHREIBUNG DER VERFAHREN | BIBLIOGRAPHIE |


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/ Psychotherapien im Überblick /Ttranspersonal-psychologische Verfahren

GESCHICHTE UND KONZEPT

Abraham Maslow (1908-1970), einer der Begründer der -> Humanistischen Psychologie, vertrat in seinen späten Lebensjahren die Ansicht, das Ideal einer »ganzheitlichen Persönlichkeit« müsse auch Erfahrungsbereiche mit einbeziehen, die jenseits der eigenen Person (transpersona) liegen. Unterstützung erhielt er durch Kollegen wie Anthony Sutich (* 1907-1976) und Stanislav Grof (*1931). Sie alle bezogen sich auf Carl Gustav Jung (-> Analytische Psychologie) und seine Idee vom »Kollektiven Unbewußten«, das alle Menschen verbinden soll. Sie vertraten die Ansicht, daß Therapien, die sich auf die individuelle Lebensgeschichte beschränken, solche »transpersonalen« Aspekte nicht erfassen könnten.

Die Rede ist von »Erleuchtung«, »kosmischer Einheit« oder »Rückbindung zum göttlichen Ursprung«, von »Ekstase« und von »höchster zwischenmenschlicher Begegnung«. Dies sind Begriffe, die der Sprache der östlichen Mystik und ihrem Alleinheits-Denken  entlehnt  sind.   Es  heißt,  der Mensch könne sich über die raum-zeitliche Begrenztheit hinaus erweitert erleben oder gar mit dem Universum verschmelzen. Um solche außergewöhnlichen Bewußtseinszustände zu erreichen, experimentierten Maslow und Sutich mit -> halluzinogenen und psychedelischen Drogen, vor allem mit LSD. 1968 prägten sie den Begriff der »Transpersonalen Psychologie«, die den Weg zum mystischen Erlebnis ebnen sollte.

Schon in der -> Anthroposophie Rudolf Steiners in den 20er Jahren finden sich Gedanken, daß es des Menschen Aufgabe sei, sich zu einem Geisteswesen emporzuentwickeln. Auf einer eigenen Theorie vom Überbewußten baute der italienische Psychiater und Analytiker - > Roberto Assagioli in den 20er und 30er Jahren seine Psychosynthesetherapie auf. So wie Steiner griffen auch Karlfried Graf Dürckheim und Maria Hippius auf östliches Gedankengut zurück, als sie in den 50er Jahren die -> Initiatische Therapie entwickelten, die im deutschsprachigen Raum die bekannteste Form der Transpersonalen Psychologie ist. Als zentralen Bestandteil ihres Verfahrens führten sie die -> Meditation ein und förderten deren Verbreitung in der Psychotherapie.

In bezug auf ihre Fragestellung nach »übergeordnetem Sinn« ist auch -> Viktor Frankls Logotherapie transpersonal.

 

 


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SELBSTVERSTÄNDNIS

Die Transpersonale Psychologie ist ein Sammelbecken religiöser und esoterischer Vorstellungen über die wahre Bestimmung des Menschen, dessen Dasein als eine »Pilgerreise« verstanden wird. Dies ist im übertragenen, mystischen Sinn gemeint: eine Reise, auf der sich das persönliche Ich der Selbsterfüllung oder Erleuchtung nähern soll. Dieser Weg führt durch fortlaufende Einweihungen (Initiationen) in immer umfassendere Erkenntnisse und Bewußtseinsdimensionen.

Den Heilsuchenden werden meist keine Therapien im herkömmlichen Sinn angeboten, denn die Verfahren verstehen sich als unterstützende Begleitung auf dem spirituellen Entwicklungsweg. Man bedient sich hierzu aller Methoden, die geeignet erscheinen, »Gipfelerlebnisse« (peak experiences), Ekstasezustände, Visionen oder »Gottesbegegnungen« herbeizuführen. Neben -> Meditation und -> Imagination werden bevorzugt -> Atemtechniken eingesetzt. Sie werden beliebig ergänzt durch mystisch-religiöse Rituale oder schamanistische Praktiken, aus welchem Kulturkreis auch immer.

Die Transpersonale Psychologie bemüht sich zwar um Anerkennung seitens der akademischen Psychologie, doch sieht sie sich keineswegs wissenschaftlichen Kriterien verpflichtet. Zweifel an der Tragfähigkeit ihrer Vorstellungen werden in der Regel mit dem Argument abgewehrt, daß spirituelle und übernatürliche Erfahrungen weniger der Wissenschaft als vielmehr dem Bereich von Religion und Glaubenslehre angehören. Selten werden bei dieser Therapierichtung kritische Stimmen laut, die über mögliche schädliche Wirkungen aufklären, etwa darüber, daß -> psychotische Schübe ausgelöst werden, daß gelegentlich Neurosen »ins Transpersonale verdrängt« werden, daß es zur »Ich-Flucht« oder Weltflucht kommen kann oder zur Abhängigkeit von transpersonalen Erlebnissen.

 

 


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AKTUELLER STAND

Heute sind die Übergänge zwischen der Transpersonalen Psychologie und der -> Esoterisch-spirituellen Psychologie des -> New-Age fließend. -> Grofs Holotrope Therapie bildet das Bindeglied zu den esoterischen Verfahren.

Die Grenze zwischen den sehr wohl von Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbewußtsein getragenen Ansätzen etwa von Assagioli oder Dürckheim und den überwiegend unseriösen Praktiken des New-Age ist im Einzelfall nur schwer zu ziehen. Nach des Grafen Dürckheim Tod 1988 hat sich Rütte denn auch zum New-Age-Zentrum gewandelt.

Unter der Bezeichnung »Transpersonale Psychologie« steht sinnvolle psychotherapeutische Arbeit in den Grenzbereichen menschlichen Bewußtseins unmittelbar neben verantwortungslosem Unfug.



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BESCHREIBUNG DER VERFAHREN (5)

| Antroposophische Therapie und Biographiearbeit | Holotrope Therapie | Initiatische Therapie | Meditation | Psychosynthese |


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BIBLIOGRAPHIE/ERGÄNZUNGEN

Gordon-Brown, I., Somers, B.: Transpersonale Psychotherapie. In: Rowan, J., Dryden, W: Neue Entwicklungen der Psychotherapie. Transform Verlag, Oldenburg 1990

Platta,   H.:   New-Age-Therapien.  Pro und contra. Quadriga, Weinheim 1994

 

 

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VERHALTENSTHERAPIE

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SELBSTVERSTÄNDNIS

 


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BIBLIOGRAPHIE

 

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