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Hintergrundwissen / Wolfgang Rühle / 25.03.2007


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New-Age-Therapien: pro und contra


1. Einleitung
2. Pro und Contra
3. Anspruch und Realität
4. Kommentar

 

1. Einleitung

Holdger Platta veröffentlichte 1997 im Rowohlt Taschenbuch Verlag ein Sachbuch unter mit dem Titel " New-Age-Therapien , Rebirthing, Reinkarnation, Transpersonale Psychologie: pro und contra". Der folgende Beitrag stellt Kernaussagen dieser Veröffentlichung zusammen, die auch für das Verständnis unserer Problematik förderlich sind.

In einem Buch über neue Therapieformen kann der Leser Information über und von zumindestens drei Personengruppen erwarten:

  • den Erfindern und Betreibern dieser neuen Behandlungsverfahren,
  • ihren neutralen Erforschern oder Kritikern
  • und den Patienten selbst.

Stimmen aus dem Kreis der Betroffenen fehlen aus folgenden Gründen in diesem Band von Holdger Platta:

  • zufriedene Absolventen dieser neuen Interventionstechniken fanden sich nicht;
  • und Patienten, die vom Scheitern ihrer Therapien hätten berichten können, fanden sich nicht bereit dazu.
    Sie bekundeten ihre Angst vor solchen Gesprächen, entweder aus Furcht vor der Szene, der diese Behandlungsverfahren zugezählt werden, oder aus Furcht vor dem Wiedererleben ihrer Therapiegeschichte.

Es scheint, was von traumatischen Erfahrungen befreien sollte, ist für viele selber zur traumatischen Erfahrung geworden.

Das ist bemerkenswert, da doch die New-Age-Bewegung Liebe, Sanftheit und Freundlichkeit zu ihrem Prinzip erhoben hat und die dieser Bewegung zugetanen Therapeuten so überzeugt von ihren Erfolgen sprechen. Stattdessen wird in diesem Band nur von Kritikern ab und an über diese Patientenerlebnisse gesprochen.

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2. Pro und Contra New-Age-Therapien

Nachstehende Zitate verdeutlichen, dass Holdger Platta sich in seinem Buch auf einer sachlichen Ebene bewegt. Es werden alle, die mit diesem Thema konfrontiert sind, zu einer offenen und vorurteilsfreien Diskussion eingeladen. Ein Faktum, dass bei der Auseinandersetzung mit dem New-Age-Thema nicht selten vernachlässigt wird. Selbst den hartnäckigsten New-Age-Verfechtern dürfte es schwer fallen, Holdger Plattas Recherchen auf diesem Gebiet als zufällig und einseitig abzuwerten.

Bemerkenswert ist, dass jeder der Interviewten die Zustimmung zur Publikation seiner Auskünfte in dem Bewusstsein gab, dass hier keine Propagandaschrift vorgelegt würde, sondern ein Buch, das eine Kontroverse dokumentiert, einen Disput, der sonst oft nur in getrennten Veröffentlichungen ausgetragen wird – wenn überhaupt. Die Publikation macht auch deutlich, dass in der New-Age-Bewegung nicht nur Idioten, Geschäftemacher oder größenwahnsinnige Egozentriker am Werk sind. Diese hat Holdger Platta bewusst ausgeklammert. Genau das macht diese Publikation lesenswert und die Schlußfolgerungen für unsere Arbeit anwendbar.

"Mein Interesse war, …..nicht die Qualität einer Strömung abqualifizieren zu wollen an den offenbaren Idiotien dieser Bewegung. Also keine Auseinandersetzung mit „Kristalltherapien“ oder „Fernheilung“, „Channeling“ oder Beseitigung von Rheuma durch Wünschelrutengängerei. Statt dessen „Rebirthing“, „Reinkarnationstherapie“ (in zwei Varianten) und „Holotrope Therapie“ – weil dort diskutierbare Thesen vorgelegt worden sind, falsifizierbare oder verifizierbare Tatsachenbehauptungen."

Seine Gesprächspartner charakterisiert Holdger Platta wie nachstehend beschrieben.

"... unstrittig ist, dass mit dem Verweis auf moralische Defekte von Einzelpersonen, auf geistig-affektive Inkompetenz von Therapiebetreibern die Sache (New-Age-Therapien, d.V.) selber noch nicht erledigt ist. Nach meinem Eindruck dürfte keiner meiner Gesprächspartner auf der Betreiberseite solche Verurteilungen rechtfertigen, im Gegenteil. Ich traf durchweg auf warmherzig-intelligente Vertreter dieser neuen Therapien, nicht selten mit ebenso „imponierender“ Ausbildung, wie ihre Kritiker aufweisen können.

Ich jedenfalls empfand die Ambivalenz als bemerkenswert, dass die nämlichen New-Age-Therapeuten, die glaubhaft Offenheit reklamieren gegenüber neuen Ideen, sich alten Erkenntnissen gegenüber merkwürdig verschlossen zeigen. Im Zweifel tendiert noch fast jeder der New-Age-Therapeuten dazu, sich auf die Seite der Antiaufklärung zu stellen oder hinter für selbstverständlich gehaltene Standards der Wissenschaftlichkeit zurückzufallen, wenn es um die Verteidigung vermeintlich neuer Einsichten geht; und bemerkenswert fand ich, zweitens, den Widerspruch, dass persönlich glaubhafte Bescheidenheit von New-Age-Therapeuten sehr wohl mit dem Glauben an höchst unbescheidene Welt- und Therapieerklärungstheorien Hand in Hand zu gehen vermag.

In der New-Age- Philosophie gehen kritische Weltsicht zum einen, Aberglaube zum zweiten und Zukunftsoptimismus zum dritten eine charakteristische Verbindung ein."

 

Auffällig ist, dass keiner der in diesem Buch zu Wort kommenden Kritiker der New-Age-Bewegung den katastrophenträchtigen Zustand der heutigen Welt leugnet. In der Bewertung der Verhältnisse auf unserem Erdball findet sich zwischen ihnen und den Vertretern des „Wassermanns“ kaum ein Unterschied, wenn z.B. um objektive Zustände geht wie Armut oder Hungertod, Umweltzerstörung oder Kriegsgefahr, Überkontrolliertheit des Alltags usw.. Im Befund und im Urteil treffen sich noch fast alle in diesem Band.


Aber in der Analyse der Gründe für diesen Zustand auf unserem Globus und in den Schlussfolgerungen daraus klaffen Abgründe zwischen den Parteien:
"Wo von der New-Age-Bewegung immer wieder dem „Alten Denken“ alles Böse angelastet wird – und damit ist wirklich das „Denken“ gemeint, die Aufklärungsgeschichte nämlich seit Bacon und Descartes -, da sehen die Kritiker dieser Bewegung vor allem in undurchschaut und unbearbeitet gebliebenen emotionalen Antrieben des Menschen den Grund: in Zerstörungswünschen etwa oder in Machtgier. Und wo New-Ageler auf magische Erlösungsstrategien setzen, das setzen die Kritiker eben auf eine aufgeklärtere Aufklärung."

 

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3. Anspruch und Wirklichkeit

So überraschend es für so manchen klingen mag, in mehrererlei Hinsicht geht das vermeintlich neue Denken dieser Psychoverfahren auf alte Hypothesen zurück, auf Erkenntnisse, die auch von "alten" Therapieverfahren geteilt werden (Traumatheorie, Existenz eines Unbewussten, Heilung durch Wiedererlebnis, Zusammenhang zwischen Körper und Psyche).

Die Betreiber der neuen Psychotherapien scheinen sich aber in folgenden Punkten einig zu sein:

  • ihre Verfahren wirken angeblich schneller als die alten Psychotherapien
  • Sie wirken angeblich intensiver und umfassender
  • Sie wirken angeblich mit größerer Gewissheit oder Sicherheit
  • Sie sind angeblich vielseitiger anwendbar als die alten Therapien.
Offenbar gibt es auch nichts, was diese Therapien nicht zu therapieren vermögen. Das fängt bei der Beratung in grundlegenden Lebens- und Sinnfragen an, umfasst alle Neurosen und hört bei der Psychose noch lange nicht auf; sie vermag von Krebs zu befreien und von Aids, sie kann das Waldsterben stoppen und den Rüstungswettlauf. Und sogar die Begegnung mit Gott oder Geistern ermöglichen uns diese Therapien.

"Nirgendwo sonst als in der Bescheidenheitsbewegung des New Age schreibt sich eine Therapiengruppe so viel Allgewalt zu....die für das New-Age typische Verquickung von Heilung und Heilsanspruch, von Psychotherapie und Religion, ist einer von vielen Punkten, an denen die Kritik der Skeptiker einsetzt."

Jedoch auch die anderen Aussagen treffen natürlich auf Widerspruch

  • Dem Schnelligkeitsversprechen wird das Argument entgegengehalten, dass bei einer seelischen Störung meist nicht nur ein einziges Thema aufzuarbeiten ist;

  • das Intensitätsversprechen wird mit der Erfahrung konfrontiert, dass gerade diese „ Paulus“ - Erlebnisse oft nur von kurzer Wirksamkeit sind;

  • dem Gewissheitsversprechen hält man die Erfahrung entgegen, dass selbst bei noch so ausgeklügelter Technik die Unwägbarkeit einer Patienten-Therapeuten-Beziehung von Bedeutung bleibt;

  • das Alltauglichkeitsversprechen dieser Therapien, für alle Leiden der Welt tauglich zu sein, muss sich vor allem eines vorhalten lassen: den völligen Mangel an Bewiesenheit.

Zum Thema Überprüfbarkeit der neuen Verfahren können wir folgendes nachlesen.

Oft zeigen sich Betreiber dieser neuen Verfahrensweisen an Überprüfung ihrer Arbeit gänzlich desinteressiert. … die Abneigung gegenüber präziser Befragung und Selbstbefragung ist sehr allgemein.

Man bedient sich zur Abwehr solcher "Zumutung" gern eines doppelten Tricks:

  • entweder verwechselt man die Frage nach der Wirklichkeit bestimmter Therapieerfahrungen (haben ihre Patienten tatsächlich schon einmal gelebt?, kann man tatsächlich seine eigene Geburt wiedererleben, seine eigene Zeugung?, begegnet man tatsächlich in diesen von ihnen erzeugten Ausnahmezuständen Gott oder einen Daemon?) beharrlich mit der Frage nach der Wirksamkeit dieser Behandlungsverfahren;

  • oder man setzt die Frage nach der Tatsächlichkeit einer Therapieerfahrung und die Frage nach der Erfolgsquote der jeweiligen Therapie mit positivistischer Verbortheit gleich. Die New-Ageler gebe intern als Abneigung gegen die alte, böse Wissenschaft aus, was in Wahrheit Desinteresse an der Wahrheit ist – „Fliegenbeinzählerei“, „Laboratoriumsborniert“, „Unmenschlichkeit“, „Kälte“, „Destruktivität“ – um das schlichteste und selbstverständlichste Realitätsinteresse gleich mit zu erledigen.

Ganz unstrittig steht der Beweis für die Wirksamkeit dieser Therapien noch aus, für die Richtigkeit ihrer spezifischen Grundannahmen zumal („Reinkarnation“, „Geburtswiedererlebnis“, „Gottesbewegung“ usw.). Ein verbindlich ausdefinierter Indikationen- und Kontraindikationen- Katalog fehlt völlig. Die Einbettung dieser Psychotechniken - mehr sind alle diese Verfahrensweisen meiner Meinung nach nicht - in ein psychotherapeutisches Gesamtkonzept - lässt auch noch auf sich warten.

Zusammenfassend stellt Holdger Platta fest:

"Kurz: bis zum Beweis des Gegenteils muss wohl davon ausgegangen werden, dass bestenfalls Suggestionserfolge typisch für diese Therapien sind, Erfolge mit Placebocharakter, von kurzer Dauer, erkauft um die Gefahr der Symptomverschiebung oder den Erwerb okkulter Ideologien.

Und im negativen Fall - dieses Buch zählt einige Fälle auf - dürfte die Anwendung dieser Therapien auch mit Schlimmerem verbunden sein: mit psychotischen Zusammenbrüchen und Suizidalität, mit psychomatischer Dekompensation und mit seelichem Abbau.

Resümee: wenn mein Eindruck nicht täuscht, gibt es Lernprozesse durchaus auch in diesem Bereich……. deutlich ist, dass zumindest einige Behandler Abstand suchen zu den Psi-Gewissheiten und den Überversprechungen in ihrer Zunft, deutlich auch dass manche sich verabschiedet haben von dem allzu eindimensionalen Traumakonzept….. der Mangel an solider psychotherapeutische Ausbildung, der bei vielen Heilern zu konstatieren ist, trifft längst nicht auf alle Therapeuten diese Szene zu….. Was die weltanschauliche Grundorientierung von New-Age-Therapeuten betrifft, die manchen Zeugnissen zufolge tatsächlich jene Grausamkeiten zeigt, von denen vor allem Colin Goldener….. spricht, so halten die meisten meiner Gesprächspartner deutlichen Abstand davon.

Lediglich die karmaorientierten Reinkarnationstherapien zeigen unverkennbar die Tendenz, dem Menschen, der leidet, auch noch die Schuld zu geben an seinem Leid. Solche Deutung macht das Opfer auch noch zum Opfer der Deutung. Und das ist zumindest ebenso schlimm wie die Beschuldigung, ein Patient habe gegenüber der Behandlung versagt, wenn in Wahrheit die Behandlung gegenüber dem Patienten versagt hat.

Die New Age Bewegung ist angetreten mit dem Ziel, den - vor allem technologischen - Allmachtsfantasien des Menschen ein Ende zu setzen. Sie steht jedoch in Gefahr, diesen Allmachtsfantasien der alten Welt magische Allmachtsfantasien der Neuen Welt entgegenzusetzen, um die eigene Ohnmachtserfahrung abzuwehren - nicht zuletzt in Gestalt ihrer Therapien."

 

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4. Kommentar

Holdger Platta zeigt aus unserer Sicht klar und deutlich die Problematik, um die es auch im Osho-Manjusha-Meditations-Zentrum in Schmiedeberg geht, die brisante Vermischung von Heilsanspruch mit Psychotherapie und Religion in Gestalt einer spirituellen Allmachtsphantasie (in diesem Falle in Gestalt von Mahamudra alias Hauke Messerschmidt).

Im Osho-Manjusha wird nachweislich Heilung auf der Basis karmaorientierter Reinkarnationstherapien angeboten (s.a. "Heilung durch Mahamudra").

Aussteigerberichte, unser Briefwechsel und unsere mit Ex-Sannyasin geführten Gespräche bestätigen die Aussage von Holdger Platta, dass die karmaorientierten Reinkarnationstherapien unverkennbar die Tendenz zeigen, "dem Menschen, der leidet, auch noch die Schuld zu geben an seinem Leid. Solche Deutung macht das Opfer auch noch zum Opfer der Deutung. Und das ist zumindest ebenso schlimm wie die Beschuldigung, ein Patient habe gegenüber der Behandlung versagt, wenn in Wahrheit die Behandlung gegenüber dem Patienten versagt hat."

 

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Bibliographie

Holdger Platta:

"New-Age-Therapien , Rebirthing, Reinkarnation, Transpersonale Psychologie: pro und contra".
Rowohlt Taschenbuchverlag GmbH 1997


                                                            © Edition VIKAS 2007