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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

VEGETOTHERAPIE, CHARAKTERANALYSE, ORGONTHERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Mein Körper spricht mit mir. Seit der Vegetotherapie kann ich es hören. Anders als früher erkenne ich es sofort als Warnsignal, wenn sich meine Kinnmuskeln verhärten: »Hör endlich auf zu arbeiten, du bist schon weit überfordert!« heißt das für mich, und ich nehme es ernst. Muß ich plötzlich husten, so weiß ich, daß ich mich gerade an ein ekliges Ereignis erinnert habe, das ich »auskotzen« will. Ich achte heute besser auf die Botschaften meines Körpers, fühle mich freier, spüre mich intensiver.

 

vikas / Vegetotherapie, Chafrakteranalyse, Orgontherapie
Geschichte und Konzept

Eine faszinierende Persönlichkeit in der Geschichte der Psychotherapie ist der Wiener Arzt -> Wilhelm Reich (1897-1957). Der Schüler -> Sigmund Freuds galt unter Zeitgenossen als genialer Geist. Seine frühen, ganz in der Psychoanalyse wurzelnden Arbeiten fanden große Zustimmung, in Analytikerkreisen erlangte er binnen kurzer Zeit hohes Ansehen. Bald übernahm er die Rolle des »Lieblingssohns« von Freud, die vor ihm Carl Gustav Jung innegehabt hatte. Bereits in jungen Jahren wurde Reich Leiter der Psychoanalytischen Poliklinik und gründete in Wien 1928 die erste Sexualberatungsstelle. Reich trug zunächst entscheidend zur Weiterentwicklung der Psychoanalyse bei, wandte sich später aber von ihr ab und schlug bei der Behandlung seiner PatientInnen unorthodoxe Wege ein. Reich war Patient der Gymnastiklehrerin -> Elsa Gindler. Ihre Methode faszinierte ihn, und er übernahm ihr Konzept der unmittelbaren Arbeit am Körper.

Reich, ein radikaler Sozialkritiker und Gegner autoritärer Strukturen, war Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs. Deren revolutionäre Ideen suchte er mit den Erkenntnissen der Psychoanalyse zu verbinden. Er war überzeugt, daß seelische Krankheit weitgehend das Ergebnis bürgerlicher Zwangsmoral sei: »Die Eltern unterdrücken die Sexualität der Kleinkinder und Jugendlichen unbewußt im Auftrag der autoritären mechanistischen Gesellschaft.«

1933/34 wurde er sowohl aus der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft als auch aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Den einen war er zu politisch, den anderen zu psychologisch geworden. Schon 1930 war Reich aufgrund des massiven öffentlichen Drucks, dem er vor allem wegen seiner Sexualtheorien ausgesetzt war, nach Deutschland umgezogen und lebte einige Zeit in Berlin, wo er sich der Sexualaufklärung widmete. Die Nationalsozialisten verfolgten ihn wegen seiner Schriften und auch aus rassistischen Gründen. Reich flüchtete auf der Suche nach einem Exil zunächst über Holland, Dänemark, London, Paris, Zürich und Prag, fand 1934 schließlich Aufnahme in Oslo und emigrierte 1937 in die USA. Dort war er als Arzt und Psychoanalytiker ein Jahrzehnt lang erfolgreich tätig. Seine Vegetotherapie fand zahlreiche Anhängerschaft.

Als Reich seine Lehre jedoch zur -> Orgontherapie weiterentwickelte, stieß er in Wissenschaft und Öffentlichkeit auf heftige Kritik. Reich war mittlerweile der Auffassung, daß es eine kosmische Energie gebe, die jeden Organismus durchströmt. Diese Energie nannte er Orgon. Besonders umstritten waren seine biophysikalischen Experimente mit »Orgon-Akkumulatoren«, schrankähnlichen Holzkästen, deren Innenwände abwechselnd mit organischem und anorganischem Material beschichtet und mit Eisenplatten abgedeckt waren. Diese Kästen sollten wie Batterien die kosmische Orgon-Energie sammeln und speichern. Reich setzte kranke Menschen der Energie aus, die in diesen Akkumulatoren angeblich gebündelt war, und berichtete von phantastischen Heilerfolgen.

Bald hielt man ihn für einen Verrückten. Die amerikanische Gesundheitsbehörde ließ seine Apparate zerstören und seine wissenschaftlichen Arbeiten als »Werbeschriften für den Orgon-Apparat« vernichten. Darunter waren jedoch auch grundlegende Arbeiten aus früheren Jahren, lange bevor Reich sich mit dem Orgon beschäftigt hatte, wie zum Beispiel die »Charakteranalyse«, die 1933 erschienen war. Reich wurde angezeigt, weil er sich nicht an das Verbot hielt, den Orgonapparat anzuwenden, und schließlich wegen Mißachtung des Gerichts zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb acht Monate nach Haftantritt.

Insbesondere wegen seines Kampfes gegen die moralischen und gesellschaftlichen Beschränkungen der Sexualität feierte die Studentenbewegung der 60er Jahre Reich als Rebellen und Propheten. Seine Ideen beeinflußten die antiautoritäre Bewegung maßgeblich.

Im deutschsprachigen Raum gibt es nur wenige qualifizierte Vegetotherapeutlnnen. Die Ausbildung kann nur im amerikanischen Zentrum in Princeton absolviert werden; ausschließlich ÄrztInnen mit klinischer Erfahrung und abgeschlossener Eigentherapie sind dafür zugelassen.

Unzählige TherapeutInnen ohne qualifizierte Ausbildung bieten jedoch sogenannte Neo-Reichianische Arbeit an. Meist ist damit eine willkürliche Zusammenstellung bloßer Körpertechniken gemeint, die sich zu Unrecht auf Reich beziehen.

Muskel- und Charakterpanzer

Die Vegetotherapie baut auf der -> Psychoanalyse auf. Anders als diese sieht sie aber den Organismus als eine untrennbare Leib-Seele-Einheit, und sie behandelt die seelische Störung auf der Körperebene.

Gesundheit ist nach den Vorstellungen Reichs nur möglich, wenn die vitale Energie frei und kräftig durch den Körper strömt. Diese »Lebensenergie« versteht Reich im Gegensatz zu Freud nicht als Metapher, sondern als konkrete biologische Energie. Er nennt sie Orgon, abgeleitet von Organismus und Orgasmus. Mit der orgastischen Energie meint Reich jedoch nicht nur die Entladung beim Sexualverkehr, sondern das den ganzen Menschen durchdringende Gefühl freien Fließens, der Hingabe- und Erlebnisfähigkeit.

Angst veranlaßt den Menschen, seine Lebensenergie zu unterdrücken, ihren lebendigen Fluß zu stoppen. Der Energiestau wird zur Quelle neurotischer Störung. Diese Störung ist durch ein charakteristisches Verhaltensmuster gekennzeichnet, von Reich als »Charakterpanzer« bezeichnet. Der Charakterpanzer enthält nach Reich die »erstarrte Lebensgeschichte« eines Menschen. Es ist die chronische Verteidigungshaltung, die ihren Ursprung in der Kindheit hat und die aufgebaut wurde, um sich vor äußeren und inneren Gefahren zu schützen. Der Charakterpanzer schützt zwar vor übermächtigen Gefühlen und Wünschen, aber er hält auch die sexuelle Lust unter Verschluß. Körperpanzerung und seelische Panzerung verstärken einander gegenseitig, hemmen gemeinsam die Energie und schränken die Erlebnisfähigkeit ein

Reich unterscheidet sechs Haupttypen von -> neurotischen Charakterpanzerungen, die durch Konflikte in der frühen Kindheit entstehen, je nachdem, in welcher Entwicklungsphase, in welcher Stärke und in welcher Konstellation Konflikte aufgetreten sind.

Charaktertypen nach Reich:

Die Eigenheiten des Charakterpanzers spiegeln sich in typischen Muskelspannungen wider, die den Menschen formen, seine Bewegungsweise, Mimik und Gestik bestimmen. Sie zeigen sich zum Beispiel in einem »gefrorenen Lächeln«, in einem starren Nacken, in einem Brustkasten, der zu einer »Festung« geworden ist — diese Anzeichen sollen typisch sein für den Zwangscharakter.

In sieben Muskelabschnitten des Körpers verfestigt sich nach Reich die vegetative Verspannung: im Bereich um die Augen, in den Muskeln um Mund und Kiefer, in der Schulter- und Nackenmuskulatur, als Muskelgürtel um die Brust, im Bereich des Zwerchfells, um den Bauch herum und im Beckensegment.

Verkrampfungen im Mund-, Kinn- und Halsbereich deuten etwa darauf hin, daß man Weinen unterdrückt; im Muskelpanzer um den Brustraum erstarren Wut, Weinen und Sehnsucht. Verspannung im Bauchsegment, die mit einer flachen Atmung einhergeht, entsteht aus unterdrückter Erwartungsangst. Verspannung im Becken enthält Ängstlichkeit und Wut. Blockierungen in den Segmenten können die Thera­peutinnen auch an der Beschaffenheit der Hautoberfläche, ihrer Färbung und Temperatur erkennen.

Die Reichsche Charakteranalyse schließt aus diesen typischen Verformungen auf die Wurzeln der seelischen Störung. Im Verlauf der Therapie entwickeln KlientInnen je nach Art ihres Charakterpanzers ein typisches Muster, mit dem sie ihren Widerstand - der sich in jeder Therapie aufbaut - in Szene setzen. Mit diesem Widerstandsmuster arbeiten Vegetotherapeutlnnen gezielt.

Das Ziel von Vegetotherapie und Charakteranalyse ist es, durch direkte Arbeit am Körper die Panzerungen Schritt für Schritt zu lösen und sowohl die Gefühle als auch die Erinnerungen zu befreien, die für die Entwicklung eines neurotischen Charakterzuges entscheidend waren. Die unterdrückten Gefühle werden auf methodische Weise hervorgerufen und entladen. Damit soll das freie, ungehinderte Fließen der Energie - die orgastische Potenz -erreicht werden.

 

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vikas /Vegetotherapie, Chafrakteranalyse, Orgontherapie
Therapieablauf

Vegetotherapie ist Einzeltherapie.

Sie beginnt mit einer medizinischen Diagnose, um Krankheiten zu erkennen, die eine vegetotherapeutische Behandlung ausschließen. Anschließend folgt eine Diagnose zur Ermittlung der »Charakterstruktur«.

Zur Behandlung sind die KlientInnen teilweise oder ganz entkleidet, so daß sich ihre Muskelverspannungen zeigen. Nun sollen sie ihre Atmung vertiefen, um sich mit Energie aufzuladen. Das tiefe, volle Atmen steigert den Druck der blockierten Energie auf die Muskelsperren: Ärger und Tränen brechen hervor. Massagegriffe und Manipulationen der TherapeutInnen verstärken die Muskelspannung noch. Sie drücken zum Beispiel so lange mit dem Daumen auf die empfindlichste Stelle eines verspannten Muskels, bis die KlientInnen die Spannung nicht mehr aufrechterhalten können. Das festgehaltene Gefühl bricht sich Bahn. Platzt beispielsweise die Wut hervor, werden die KlientInnen ermuntert, sich gehenzulassen, sich zu winden, auf die Matte zu schlagen, zu kratzen, zu beißen und Ekelgefühle herauszuwürgen.

Muskeln, die Therapeutinnen nicht mit der Hand erreichen, aktivieren sie auf andere Weise. Ist der Augenbereich verspannt, werden KlientInnen zum Beispiel aufgefordert, mit dem Blick dem Strahl einer Taschenlampe  zu folgen.

Sind Mundhöhle und Kinn verspannt, regen TherapeutInnen zum Grimassieren und zum Würgen an und versuchen so, den Kiefer zu lockern. Das kann die KlientInnen zum Wimmern, Weinen oder Schreien bringen.

Die TherapeutInnen bauen die Verspannungen von außen nach innen ab und arbeiten vom Augenbereich abwärts, über Mund und Kehle, Hals, Schultern, Brustraum, Zwerchfell und Bauch bis zum Damm und zu den Genitalien. Zuletzt wird die Muskulatur des Beckenbereiches von Spannungen befreit. In dieser Reihenfolge setzt der Körper dem Lösen von Blockierungen den geringsten Widerstand entgegen.

Schritt für Schritt sollen damit die bisher verdrängten Gefühle und Erinnerungen freigesetzt werden. Da der Organismus aber zur Abwehr neigt, kann nach der »Befreiung« eines Segments die Panzerung des vorhergehenden wieder auftreten. Dann muß dieses nochmals behandelt werden.

Die Empfindungen und Gefühle, die während der Körperarbeit entstehen, teilen die KlientInnen den TherapeutInnen mit. Die TherapeutInnen weisen laufend darauf hin, was ihnen Mimik, Gestik und Körperbewegungen der KlientInnen verraten. Häufig führt das dazu, daß die angesprochenen Gefühle unerwartet heftig durchbrechen: Plötzlich wird die explosive Wut frei, die hinter dem gefrorenen Lächeln eingesperrt war; oder die tiefe Sehnsucht, die sich hinter der rigiden Starre versteckte, löst sich in Zittern und Tränen auf. Mit den Gefühlen kommen auch die verdrängten Erinnerungen hoch und können im Gespräch bearbeitet werden.

Eine Therapie gilt als erfolgreich, wenn die KlientInnen einen spontanen physiologischen Entladungsreflex entwickeln: ein den ganzen Körper durchdringendes Beben, das von einem Glücksgefühl des »Durchströmt-Seins« begleitet ist. Dann zeigt sich der Körper entspannt und drückt Lebenskraft aus, das Gesicht gewinnt an Ausdrucksfähigkeit, die Symptome verschwinden, und man soll wieder fähig sein, Orgasmen zu erreichen.

Üblicherweise wird einmal wöchentlich je eine Stunde behandelt. Mit zwei bis vier Jahren Therapiedauer muß gerechnet werden.

 

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vikas / Vegetotherapie, Chafrakteranalyse, Orgontherapie
Anwendungsbereiche

Reich selbst setzte seiner Therapiemethode keine Grenzen, er wandte sie gegen alle möglichen Krankheiten an, von der Neurose über Schizophrenie bis hin zu Krebs. Seine SchülerInnen behandeln Neurosen und Sexualstörungen.

Vegetotherapeutlnnen schließen KlientInnen mit einer akuten psychosomatischen Erkrankung von der Behandlung aus sowie Menschen, mit denen aufgrund ihrer religiösen oder politischen Einstellung oder aus Mangel an gegenseitiger Sympathie kein Arbeitsbündnis zustande kommt.

 

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vikas / Vegetotherapie, Chafrakteranalyse, Orgontherapie
Kritik

Reichsche Körperarbeit greift tief in das organische Geschehen ein. Wird der seelische und muskuläre Widerstand zu  rasch aufgebrochen,  kann er seine Scnutzfunktion nicht mehr erfüllen. Die Betroffenen können mit heftigen körperlichen  Krankheiten  reagieren,   seelisch zusammenbrechen und in Selbsttötungsgefahr geraten.   Da viele   »Neo- Reichianer« keine medizinische Ausbildung haben, ist die Gefahr groß, daß ihre  KlientInnen  durch  eine Fehlbehandlung  körperlichen  Schaden  nehmen.

Vegetotherapie mißt nur den Erscheinungen Bedeutung zu, die körperlich sichtbar sind. Damit erfaßt sie nicht alle Symptome seelischer Störungen.

In der sehr vereinfachenden und teilweise unhaltbaren Charaktertypologie, die Reichs SchülerInnen übernommen und ausgebaut haben, steckt die Gefahr, daß sie den Blick für individuelle Probleme der KlientInnen verstellt. Zudem  vernachlässigt  Vegetotherapie auch die psychosozialen Lebenszusammenhänge.

Berührungen im Intimbereich sind Grenzverletzungen und daher abzulehnen.

Es gibt bis jetzt keinen seriösen Nachweis dafür, daß Vegetotherapie zur Behandlung von Neurosen wirksam ist. Von qualifizierten TherapeutInnen ausgeübt, kann sie  jedoch hilfreich sein, Gefühle deutlicher zu erleben und den eigenen Körper besser wahrzunehmen.

Reichs  Vorstellung  von  der  im Körper fließenden kosmischen Lebensenergie ist spekulativ.  Die behauptete Funktionsweise von Orgon-Akkumulatoren  steht  im  Widerspruch  zu den Naturgesetzen.

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Bibliographie

 

 

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 ©    Edition VIKAS 2008