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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

TRANSAKTIONSANALYSE (TA)

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich hatte immer viele Schwierigkeiten mit meinen Mitmenschen. Irgendwie kam ich mit den meisten Leuten nicht zurecht. Nie bekam ich genug Zuwendung und Beachtung. Deshalb hatte ich dauernd Streit. In der Therapie habe ich in der Gruppe erkannt, daß ich ein ganz paradoxes Spiel spiele: Ich hole mir die Aufmerksamkeit, die ich brauche, über den Streit, den ich vom Zaun breche, weil ich eben keine positive Zuwendung bekomme. Auch verschiedenen anderen Mustern in meinem Leben bin ich auf die Schliche gekommen. Ich gehe heute aufmerksamer und auch liebevoller mit mir selbst um. Deshalb kann ich auch die Mitmenschen mehr schätzen.

 

 

vikas / Transaktionsanalyse
Geschichte und Konzept

Die Transaktionsanalyse wurde in den 50er Jahren von dem amerikanischen Psychiater und Psychoanalytiker Eric Berne (1910-1970) entwickelt. Er meinte, daß es möglich sein müßte, die komplexe Theorie und Praxis der -> Psychoanalyse kompakter, verständlicher und effektiver zu gestalten. Die amerikanische Gesellschaft der 50er und 60er Jahre war einerseits auf Leistung und Gewinn, andererseits auf Selbstbestimmtheit und Leichtlebigkeit hin ausgerichtet. Diese Werte flössen in Bernes Transaktionsanalyse mit ein.

Berne veröffentlichte eine Vielzahl von Artikeln und Büchern, in denen er seine Ideen ausarbeitete und erläuterte. 1964 erschienen der TA-Klassiker »Die Spiele der Erwachsenen«. Transaktionsanalyse wurde in den folgenden Jahren zur mit Abstand populärsten »neuen« Psychotherapie in den USA. Auch im deutschsprachigen Raum wurde sie zunehmend beliebter.

Transaktionsanalyse spielt als eigenständiges Therapiemodell heute allerdings eine geringere Rolle als noch vor zwanzig Jahren. Einige Begriffe der Transaktionanalyse jedoch sind in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen: »das Kind in mir« oder »Psycho-Spiele«.

Neuere Ansätze kombinieren Transaktionsanalyse mit anderen Psychotherapieverfahren. Die Neuentscheidungs-Therapie (Redecision-Therapy) kombiniert TA mit -> Gestalttherapie. -> Psychoanalytische Gedanken werden heute ebenso aufgenommen wie Konzepte der -> Systemischen Familientherapien. Neuerdings wird TA auch mit -> NLP kombiniert.

Die Ausbildung der Transaktionsanalytikerlnnen erfolgt berufsbegleitend und dauert etwa vier bis sechs Jahre. In dieser Zeit wird TA in Theorie und Praxis vermittelt: Besonders wichtig sind dabei die Analysen von Tonbandaufzeichnungen der Therapiegespräche. Zur Selbsterfahrung wird eine Eigentherapie angeregt; auch die Erlebnisse in den Weiterbildungsgruppen gehören dazu. Eine abgeschlossene Berufsausbildung im psychosozialen Bereich wird zur Aufnahme in die Ausbildung vorausgesetzt.

Das Persönlichkeitsmodell der Transaktionsanalyse spielt sowohl in der Beratungs-, Erziehungs- und Sozialarbeit als auch in der Betriebsführung eine wichtige Rolle.


Modell der Persönlichkeit

Berne unterteilt die Persönlichkeit des Menschen in drei »Ich-Zustände«: den »Kind-Ich-Zustand«,  den   »Erwachsenen-Ich-Zustand« und den »Eltern-Ich-Zustand«. Dieses Modell ähnelt dem - > Instanzenmodell der Tiefenpsychologie. Ein Ich-Zustand umfaßt Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen.

Zum Kind-Ich gehören alle Wünsche und Verhaltensweisen, die »kindlich«, spontan, ungezügelt und impulsiv sind. Das Kind-Ich ist von den Erfahrungen gezeichnet, die jeder Mensch in seiner Kindheit gemacht hat. Es ist also so, wie der jeweilige Mensch als Kind war und wie er sich als Reaktion auf die Umwelt entwickelt hat: das »innere Kind«. Berne beschreibt zwei Varianten, in denen die Entfaltung des Kind-Ich-Zustandes beobachtet werden kann: den angepaßten und den freien Kind-Ich-Zustand. Sie zeichnen sich jeweils durch konstruktive oder destruktive Verhaltensweisen aus: Das konstruktiv sinnvoll sozialangepaßte oder gefühlvoll-lustige freie Kind-Ich kann es ebenso geben wie das destruktiv überangepaßte und unangemessen rebellierende oder rücksichtslos-wilde Kind-Ich.

Das Erwachsenen-Ich reagiert mit Gefühlen, Denken und Verhaltensweisen auf das aktuelle »Hier und Jetzt«, auf Erlebnisse mit der Umwelt, mit den Mitmenschen und auf die eigenen Gefühle. Es bietet dem Menschen die Möglichkeit, sich flexibel zu entwickeln, seine Bedürfnisse zu befriedigen und Probleme zu lösen. Ahnlich wie das »Ich« der Tiefenpsychologie hat das Erwachsenen-Ich eine integrierende Aufgabe. Es verhält sich typischerweise sachlich, klar, einfühlsam und nachdenklich.

Das Eltern-Ich entsteht aus den Normen, Vorstellungen, ungeschriebenen Gesetzen, vermittelten Gefühlen und Handlungen der eigenen Eltern im Menschen und läßt ihn so denken, fühlen und sich verhalten, wie er es im Laufe seiner Entwicklung von den Eltern und anderen Autoritäten in sich aufgenommen hat. Auch ganz komplexe Verhaltensweisen können von den Eltern übernommen werden, sich im Eltern-Ich ablagern und in entsprechenden Situationen unbewußt ausgelebt werden. Das Eltern-Ich zeigt sich in zwei Bereichen: dem kritischen und dem fürsorglichen Eltern-Ich-Zustand. Das »kritische Eltern-Ich« kann einerseits konstruktiv kritisch, andererseits auch destruktiv überkritisch sein. Das »fürsorgliche Eltern-Ich« kann ebenso konstruktiv versorgend, als auch destruktiv überfürsorglich in Erscheinung treten.

Alle Ich-Zustände haben also positive und negative Seiten, die ihrerseits jeweils noch eine Skala von positiven und negativen Verhaltensweisen ermöglichen.

Je nach Lebenssituation können Menschen unterschiedliche Ich-Zustände »mit Energie besetzen« und sich »elterlich«, also nach elterlichen Mustern, »kindlich«, also durch Wiedererleben und Wiederholen früherer Erfahrungen, oder »erwachsen«, also selbstbestimmt, verhalten und empfinden.


Kommunikation

»Transaktion« ist der zentrale Begriff der TA. Er leitet sich aus dem Lateinischen her und bedeutet wörtlich »hinüberführen« oder »zu Ende bringen«. Jeder Austausch zwischen Menschen kann als Transaktion beschrieben werden. Menschen handeln manchmal nach bestimmten Mustern von Transaktionen. Diese bestimmen ihre Art und Weise, mit den Mitmenschen im sozialen Umfeld umzugehen. Berne nennt die Transaktionen, die Menschen stereotyp und wiederholt aus immer den gleichen Ich-Zuständen heraus vollziehen, »Spiele«. Spiele sind unbefriedigend, nicht kreativ und halten Menschen in scheinbar unveränderlichen Verhaltensweisen gefangen. Sie gehen immer zum Nachteil mindestens eines der Beteiligten aus.

Wenn Menschen im alltäglichen Leben miteinander umgehen und kommunizieren, tun sie dies aus verschiedenen Ich-Zuständen heraus. Jeder zwischenmenschliche Kontakt beinhaltet Transaktionen und ist ein wichtiger und lebendiger Bestandteil des Alltags. So kann ein Mensch aus dem Eltern-Ich heraus mit dem Kind-Ich des anderen sprechen; der als Kind Behandelte wird aus seinem Kind-Ich heraus handeln: rebellieren, brav sich fügen oder freudig mitmachen, je nachdem.

Sprechen zwei Menschen aus ihrem jeweiligen Erwachsenen-Ich miteinander, gehen sie klar und sachlich miteinander um. Beide können sich dabei wohl fühlen, sind dem anderen nicht unter- oder überlegen. So miteinander umzugehen lernen ist ein wichtiges Ziel der TA-Therapie.

Wenn Menschen auf der gleichen Ebene    miteinander   kommunizieren, wird in der TA von »komplementärer Transaktion« gesprochen: Der Gesprächsfluß verläuft parallel. Bei »gekreuzten Transaktionen« verläuft die Kommunikation auf verschiedenen Ebenen, beispielsweise spricht einer der GesprächspartnerInnen aus dem Erwachsenen-Ich das Erwachsenen-Ich des anderen an, der antwortet aber aus dem Kind-Ich heraus einem Eltern-Ich.

Eine dritte Form der Transaktion nennt sich »verdeckte« Transaktion. Bei dieser Form der Kommunikation sind gleichzeitig mehrere Ich-Zustände angesprochen. Die Botschaft wird auf mehreren Ebenen gesendet: die eine »offen«, die andere »verdeckt«. Die offene Botschaft zielt auf den erkennbaren sozialen Austausch zwischen den beiden beteiligten Personen, die verdeckte Botschaft spricht die Beziehung zwischen den beiden an. Die verdeckte Botschaft ist meistens die wichtigere der beiden und bewirkt, daß ein Spiel entsteht.


Grundbedürfnisse

In der Transaktionsanalyse wird besonders das Bedürfnis nach menschlicher Zuwendung, Zärtlichkeit, Beachtung und Anerkennung herausgestellt. Diese Bedürfnisse müssen lebenslang gestillt und befriedigt werden, um nicht seelisch zu verkümmern: Zuwendung fördert Selbstbewußtsein und Selbständigkeit. Dies gilt besonders für heranwachsende Kinder, aber auch für Erwachsene. »Streicheln« nennt Berne den körperlichen und seelischen Kontakt, nach dem Menschen hungern. Auch Ablehnung, Kritik und Schläge können zur »Streicheleinheit« werden, wenn ein Mensch sonst keinerlei Beachtung erfährt: Negative Beachtung ist dann immer noch besser als gar keine.

TA bemüht sich, den Austausch zwischen TherapeutInnen und KlientInnen liebevoll und voller Zuwendung zu gestalten, um damit das seelische Wachstum der KlientInnen anzuregen. Kreativität, Selbstbewußtsein und Selbstverantwortung entfalten sich in einem solchen therapeutischen Klima leichter.


Lebensmuster und Skript

Berne nennt das Muster, nach dem ein Mensch sein Leben gestaltet, »Skript«, also Drehbuch. Er geht davon aus, daß alle Menschen in ihrem Leben eine bestimmte Rolle übernehmen und in dieser Rolle ihr individuelles Lebensskript schreiben und spielen. Solche Skripte bestehen aus erstarrten, unflexibel und damit unlebendig gewordenen Mustern im Denken, Fühlen und Verhalten. Welche Erlebens- und Verhaltensmuster Menschen in ihrem Erwachsenenleben bevorzugen, hat mit Kränkungen und Verletzungen der Kindheit zu tun. Skripte dienen dazu, sich vor weiteren Verletzungen zu schützen.

Dabei halten sich manche Menschen an immer wiederkehrende kulturübergreifende Verhaltensmuster, wie sie auch in Märchen und Mythen beschrieben werden (-> Analytische Psychotherapie). Lebensentwürfe, wie sie etwa in dem Märchen »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern« dargestellt sind, gelten als »Verlierer-Skript«. Ein Lebensplan hingegen wie der von »Hans im Glück« ist ein »Gewinner-Skript«. Im Verlauf einer TA-Therapie bemühen sich die KlientInnen herauszufinden, welche Art von Skript sie ausleben und welches »Thema« ihr Leben überschattet. Erfahrungen und Erlebnisse von Kindheit und frühem Erwachsenenleben prägen die Wahl der unbewußten Lebensplanung (Skript-Entscheidung).

 

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vikas /Transaktionsanalyse
Therapieablauf

Transaktionsanalyse wird in Gruppen angeboten. Seit den 80er Jahren sind aber ebenso Einzel-, Paar- und Familiensitzungen möglich.

Am Beginn der Therapie schließen die Therapeutnnen mit ihren KlientInnen einen »Vertrag«, an den sich beide Seiten halten sollen. Der Vertrag beschreibt möglichst konkret das Ziel, das die Therapie ansteuert. Im Verlaufe der Therapie kann sich dieses Ziel ändern und ein neuer Vertrag notwendig werden.

Schnelle und wirksame Veränderungen werden  angestrebt.   Die  Therapie  ist abgeschlossen, wenn die im Vertrag festgelegten Ziele erreicht und nach Einschätzung der KlientInnen ausreichend gefestigt sind. Die Dauer der Therapie kann daher, je nach Schwere der Probleme der KlientInnen, zwischen wenigen Stunden und mehreren Jahren liegen.

Manche TherapeutInnen machen zu Beginn der Therapie ihre KlientInnen mit den typischen Grundbegriffen der TA vertraut, damit sie sich mit ihren TherapeutInnen auf gleicher Ebene unterhalten können.

Die KlientInnen sprechen über Erlebnisse aus ihrem Alltag, berichten über besondere Probleme oder schwierige Situationen. Zusammen mit den TherapeutInnen erarbeiten sie dann, welche Ich-Zustände sie in der jeweiligen problematischen Situation einnahmen, und versuchen, ihre Transaktionsweisen genau zu erfassen. Dies dient zum Einstieg in die Problematik.

Besonders wichtig ist es, die Spiele aufzudecken, die die KlientInnen mit sich und anderen spielen: Es sind jene unbemerkt ablaufenden Transaktionen, die in den Gesprächspartnern ein unbehagliches oder angespanntes Gefühl hinterlassen. Zu Spielen verführen sich die GesprächspartnerInnen gegenseitig und leben darin Muster von Verhaltensweisen aus, die sie in der frühen Kindheit erworben haben. Spiele werden nicht mit Absicht inszeniert. Sie erwachsen der Not und der Hilflosigkeit des Kindes, das in einer bedrängenden Lebenssituation keinen anderen Ausweg fand als den eines ganz bestimmten Verhaltens. Wenn ein solches vorübergehend hilfreiches Verhalten sich verfestigt, kann es zum Spiel werden und die Betroffenen immer wieder in ähnliche Situationen wie damals als Kind verwickeln. Die -> Psychoanalyse nennt das Ausleben eines Spiels »Agieren« und den inneren Druck, der zum Agieren treibt, den »Wiederholungszwang «.

In Spielen drängen sich die GesprächspartnerInnen gegenseitig eine von drei verschiedenen Rollen auf: die »Opferrolle«, die »Retterrolle« oder die Rolle des »Verfolgers«.

Dem »Opfer« geht es meistens schlecht. Es braucht andauernd Hilfe und Zuwendung. Das Opfer verharrt unbemerkt in einer kindlichen Haltung.

»Retter« und Opfer ergänzen sich perfekt: Er hilft und tröstet ungefragt, organisiert und ist ein »Macher«. Der Retter kennt nur die »überfürsorgliche Eltern-Haltung« und gestattet sich keine kindlichen Regungen.

Der »Verfolger« braucht das Opfer: Er agiert aus dem »überkritischen Eltern-Ich« heraus und erhält seine Position, indem er das Opfer unterwirft.

Auch mit den TherapeutInnen stellen sich Spiele ein. Im Gegensatz zum Alltagsleben können diese Spiele in der Therapie aber besprochen und modellhaft anderen Lösungen zugeführt werden. Spiele lassen sich besonders eindrücklich erkennen, wenn sie in der Therapie intensiv wiedererlebt und gespürt werden. Das verhilft den KlientInnen dazu, sich mit sich selbst auszusöhnen, ihren persönlichen Weg zu finden, eigenständig, verantwortungsbewußt und ohne krankmachende Rollenvorgaben zu leben. Der veränderte, offenere, liebevollere Umgang mit sich selbst hilft ihnen dabei, auch mit den Mitmenschen anders umzugehen.

 

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vikas / Transaktionsanalyse
Anwendungsbereiche

Transaktionsanalyse wird zur Behandlung von Neurosen, besonders von Ängsten und Depressionen, Persönlichkeits- und psychosomatischen Störungen sowie als Suchttherapie eingesetzt

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vikas / Transaktionsanalyse
Kritik

Berne hat versucht, mit der TA ein Therapiekonzept in »allgemeinverständlicher Form und Sprache« auf der Basis der Psychoanalyse zu erarbeiten. Das Konzept des »Unbewußten« und der »Übertragung« erkennt er allerdings nicht an. Die moderne TA sieht die menschliche Persönlichkeit, ihr Verhalten und ihre Gefühle schon vielfältiger und komplexer, als es der stark vereinfachende Entwurf Bernes vorsah.

Transaktionsanalyse  hat  noch  kein eigenständiges und in sich geschlossenes Konzept menschlicher Entwicklung und seelischer Störung erarbeitet. Studien legen nahe, daß TA für manche KlientInnen nicht geeignet ist.

Ein wissenschaftlicher Nachweis ihrer Effektivität liegt noch nicht vor. Kombiniert mit Gestalttherapie erreicht TA eine gute Wirksamkeit.

 

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vikas / Transaktionsanalyse
Bibliographie

 

 

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 ©    Edition VIKAS 2008