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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

ROLFING, STRUKTURELLE INTEGRATION

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Mit hängendem Kopf und krummem Rücken bin ich in die Praxis gestolpert. Meine Freunde hatten mich immer wieder auf meine schlechte Körperhaltung angesprochen. Da habe ich diese Anzeige entdeckt. Ich staunte, als die Therapeutin ihren Fotoapparat zückte und meine Körperhaltung im Bild festhielt. Heute lasse ich meinen Blick offen umherschweifen. Das hat die Anzeige in der Zeitung auch versprochen: Man könne durch Rolfing wieder aufrecht und mühelos durch die Welt gehen. In den Wochen der Therapie aber hatte ich oft das seltsame Gefühl, ich könnte in Einzelteile zerfallen. Und von der Behandlung hatte ich wochenlang blaue Flecken und Muskelkater.

vikas / Rolfing, Strukturelle Integration
Geschichte und Konzept

Rolfing ist eine Massage- und Bewegungsmethode, benannt nach Ida Rolf (1896-1979), die als Biochemikerin am Rockefeller-Institut in New York tätig war. Sie beschäftigte sich mit den chemischen und physikalischen Eigenschaften des Bindegewebes. Beflügelt durch den Wunsch, ihrem Sohn zu helfen, der mit einem unheilbaren Wirbelsäulenschaden geboren wurde, entwickelte sie in den 50er Jahren eine eigene Massagetherapie, um Narben im Bindegewebe aufzulösen. Ida Rolf reiste quer durchs Land zu ihren PatientInnen und wurde bekannt, als sie 1965 -> Fritz Perls, den Begründer der Gestalttherapie, erfolgreich behandelte. Sie gründete eine eigene Therapieschule und bildete TrainerInnen aus, die Rolfing nach Europa brachten.

Der Name des Verfahrens ist im deutschsprachigen Raum geschützt. Das Rolf-Institut verlangt von seinen AusbildungskandidatInnen einschlägige Berufsvorbildung.

Im deutschen Sprachraum arbeiten mehr als 60 ausgebildete Rolferinnen und viele, die sich ohne Ausbildung so nennen. Darüber hinaus bieten eine unbekannte Zahl von TherapeutInnen Rolfing unter dem Namen »Strukturelle Integration«, »Hellerwork« und »Soma« an; ihre Ausbildung ist nicht einheitlich geregelt.

Rolfing geht von der Annahme aus, daß es für jeden Körper eine ideale Struktur gibt, die ihm - an der Schwerkraft ausgerichtet — eine mühelose Bewegung und freie, aufrechte Haltung ermöglicht. Die Statik stimmt, wenn die Körperabschnitte Kopf, Schulter, Rumpf, Bauch, Becken, Beine und Füße in Beziehung zur senkrechten Körperachse »richtig« stehen und sich keine Haltungsfehler eingeschlichen haben. Tiefgreifende Kindheitserlebnisse, Belastungen sowie Gewohnheiten verformen jedoch die Gestalt eines Menschen. Ida Rolf nimmt an, daß sich das Bindegewebe verhärtet, wenn man sich unter den Lebensbelastungen beugt oder verspannt, und daß sich in der Folge auch die muskelumhüllenden Gewebe (Fascien) verkleben und verhärten. Daraufhin verkürzen sich Sehnen, Bänder und Skelettmuskulatur, so daß Gelenke und Knochen bleibenden Schaden nehmen.

Rolfing will mit Manipulationen am Bindegewebe und an den Fascien solcherart eingefleischte Fehlhaltungen lockern und die Muskelhüllen dauerhaft kurieren. Wenn die körperlichen Verspannungen weichen, sollte sich auch die geistige beziehungsweise die seelische Starre lösen; innere und äußere Haltung werden aufrecht, neue Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeiten werden frei.

 

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vikas / Rolfing, Strukturelle Integration
Therapieablauf

Rolfing ist Einzeltherapie. Viele KlientInnen sind überrascht, weil die TherapeutInnen sie vor Beginn der Behandlung fotografieren: So sollen Fehlhaltungen dokumentiert werden. In den ersten Behandlungsstunden liegen die KlientInnen auf dem Massagetisch, die RolferInnen massieren mit Händen, Knöcheln und Ellenbogen und drücken dabei bis tief in das Gewebe. RolferInnen lockern und verschieben die Gelenke: Sie wollen den Körper »modellieren«. Später erleben KlientInnen diese Massage im Sitzen, im Stehen und im Gehen. Dadurch werden ihnen neue Haltungsmuster auferlegt, die sie in der Folge gezielt einüben. Zum Abschluß der Behandlung hält ein neuerliches Foto die neue Haltung fest.

Gesprochen wird beim Rolfing wenig. Auf die Aufarbeitung der während der Behandlung entstandenen Gefühle legen RolferInnen keinen Wert.

Meist raten RolferInnen zu einer Serie von zehn Sitzungen zu je eineinhalb Stunden in wöchentlichen Abständen. Um zu verhindern, daß die Fehlhaltungen und Beschwerden wieder auftreten, empfehlen sie gelegentliche Nachbehandlungen.

 

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vikas /Rolfing, Strukturelle Integration
Anwendungsbereiche

Rolfing will Körperabschnitte »zurechtrücken«, Haltungsschäden bessern und »Gedrückte aufrichten«. Es wird empfohlen bei chronischen Verspannungen, Fehlhaltungen und Problemen des gesamten Bewegungsapparats und bei Behinderungen. Rolfing soll auch das seelische Erleben ändern. Es soll gegen Entwicklungsstörungen und gegen Streß helfen, bei Antriebsschwäche und mangelnder Flexibilität im Denken, Fühlen und Handeln.

Qualifizierte RolferInnen schließen die tiefe Bindegewebsmassage aus bei psychiatrischen Erkrankungen, akuten Krankheiten, Osteoporose und bei entzündlichen und degenerativen Muskelerkrankungen, in der Schwangerschaft, bei Krebsleiden und bei Lähmungen.

 

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vikas / Rolfing, Strukturelle Integration
Kritik

TherapeutInnen der Strukturellen Integration, Rebalancer und P.-I.-TherapeutInnen  haben  keine  ausreichende physiotherapeutische Ausbildung. Faktoren, die eine Behandlung ausschließen, können sie daher nicht erkennen.

Ida Rolfs Theorie von der Verklebung der Fascien widerspricht medizinischer Kenntnis.

Bei zu raschem Vorgehen gegen Muskelverhärtungen können akute Entzündungen innerer Organe und Drüsen auftreten.

Den TherapeutInnen  fehlt  eine psychotherapeutische Ausbildung. Das Risiko ist groß, daß tiefgreifende seelische Prozesse angeregt, aber nicht therapeutisch abgeschlossen werden. Orientierungslosigkeit kann die Folge sein.

Rolfing,  Rebalancing  und  ganz besonders  P.I.   sind  sehr  schmerzhaft und  führen  häufig   zu  Muskel-   und Gefäßverletzungen sowie zu Blutergüssen. Noch Wochen nach der Behandlung kann ein Muskelkater anhalten.

Es ist zweifelhaft, ob tiefgehende Eingriffe in das Bindegewebe psychophysische Blockierungen beheben können. Ob die behaupteten Erfolge eintreten und anhalten ist ebensowenig dokumentiert wie die Nebenwirkungen der Behandlung.

Rebalancer behandeln auch die enitalen Zonen. Das kann Sexualstörungen auslösen und verstärken.

Rolfing und P.I. nehmen Anleihen bei okkulten Vorstellungen von der Körperaura  (s. ->  Kirlianfotografie), Rebalancing ist eingebettet in die spirituellen Vorstellungen der -> Rajneesh- Sekte.

Keine der genannten Methoden ist geeignet, um seelische Störungen zu behandeln.

 

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vikas / Rolfing, Strukturelle Integration
Bibliographie / Links / Meinungen

- Originalseite der European Rolfing Association

- Standpunkt der European ROLFING Association e.V., München, 03.12.2009

 

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