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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

REBIRTHING

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Das war meine erste Sitzung: Zuerst glaubte ich, ich müßte bei den Atemübungen ersticken, fühlte mich wie in einer finsteren Höhle, eingerollt und zusammengepreßt. Dann war mir, als würde ich in hellem Licht explodieren, glühende Farben sprühten und überschwemmten mich. Die Bilder und Empfindungen wechselten in wildem Tempo. Ich verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit. Nun fühle ich mich erschöpft und bin erleichtert, daß es vorbei ist.

vikas /Rebirthing
Geschichte und Konzept

Rebirthing wurde Mitte der 70er Jahre von dem amerikanischen Schriftsteller Leonard Orr (*1938) entwickelt. Die Idee entstand, als er, in einem Holzzuber mit warmem Wasser sitzend, sich plötzlich an sein vorgeburtliches Leben im Uterus der Mutter erinnerte. Versehen mit einer Nasenklemme und einem Schnorchel, führte er weitere Experimente durch und versuchte, längere Zeit unter Wasser auszuharren: Dabei bekam er das Gefühl, sogar seine eigene Geburt wiederzuerleben — daher der Name »Rebirthing«. Ab 1974 bot Orr seine Methode als Therapie an und veranstaltete in San Francisco »Rebir-thingseminare« im Holzbottich. Bald merkte er jedoch, daß nicht das Wasser, sondern das hyperventilierende Schnorchelatmen die Geburtsgefühle bewirkte. In der Folge verlagerte Orr das Rebirthing daher ins Trockene.

Die Deutung der Erlebnisse wird von Orrs eigenen Kontakten zu Gurus mitbestimmt: Der wiedererlebte erste Atemzug nach der Geburt soll die Lebensenergie (Prana) ungehindert fließen lassen.  Folglich fand das  Rebirthing   besonders   in   neohinduistischen Gruppen Anklang.

Rebirthing wird in den Zentren der -> Osho-Rajneesh-Bewegung praktiziert und von ihren Anhängerinnen, die in privater Praxis als TherapeutInnen arbeiten, weltweit verbreitet. Rebirthing, in modifizierter Form auch bekannt unter Begriffen wie »Vivation«, »Prana-Energetic« oder »Quantum-Light-Breath«, zählt zu den zentralen Therapiemethoden der -> Esoterisch-Spirituellen Psychologie und wird in zahlreichen New-Age-Zentren und alternativen Heilpraxen angeboten. Angeblich sollen über 5.000 Rebirtherlnnen im deutschsprachigen Raum tätig sein.

Eine fundierte Ausbildung haben sie selten. Bis Ende der 80er Jahre konnte man ohne jede Vorbildung in einem einzigen Wochenendworkshop zum »Qualified Rebirther« graduiert werden. Inzwischen werden Trainings mit zwei- und dreijähriger Dauer durchgeführt, deren Qualität allerdings nicht überprüfbar ist.

Rebirthing ist eine Atemtechnik, bei der zwischen den Atemzügen möglichst keine Pause entstehen soll. Ein besonderer Akzent liegt auf dem Einatmen, und es gilt, »verbunden« oder »kreisförmig« zu atmen. Dadurch sollen verschüttete Erinnerungen an die Zeit in der Gebärmutter und an die eigene Geburt wachgerufen werden. Rebirthing verspricht überdies Erleuchtung und körperliche Unsterblichkeit. Das angebliche Trauma, durch die Geburt aus paradiesischem Zustand gewaltsam herausgerissen zu werden, soll nach Orr die Wurzel aller psychischen und psychosomatischen Störungen sein. Erlebt man mittels Rebirthing erneut die eigene Geburt, sollen sich  die  »negativen  Lebensprogrammierungen« auflösen, die im Geburtsvorgang ihre Ursache haben. Danach, so heißt es, fühle man sich glücklich und tatsächlich wie neugeboren.

 

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vikas / Rebirthing
Therapieablauf

Leichtbekleidet oder nackt liegt eine Klientin auf dem Rücken. Sie wird angewiesen, ihren Atem »kreisförmig« fließen zu lassen und schneller zu atmen als gewöhnlich. Rasch verselbständigt sich das pausenlose Atmen zur -> Hyperventilation, Phantasie- und Wahnbilder tauchen auf, ihr wird schwindelig, die Ohren rauschen, Farben erscheinen vor dem inneren Auge, und sie nimmt die Umwelt kaum noch wahr.

Der Therapeut greift lediglich bei unterbrochener oder als oberflächlich bezeichneter Atmung in das Geschehen ein. Dann übt er so lange Druck auf den Brustkorb der Klientin aus, bis sie in akute Atemnot gerät und sich bedrängt fühlt. Läßt er den Druck nach, vertieft sich die Atmung der Klientin von selbst, und Phantasiebilder steigen hoch.

Viele KlientInnen berichten nach den Sitzungen von »Energieexplosionen« und »Durchbruchserfahrungen«. In den Sitzungen mancher TherapeutInnen tauchen regelmäßig auch Erinnerungen an die Zeit in der Gebärmutter auf, einige KlientInnen erinnern sich sogar an frühere Leben (-> Reinkarnationstherapie).

Diese dramatischen Eindrücke therapeutisch durchzuarbeiten, ist nicht vorgesehen. Rebirthing hält lediglich die Anweisung parat, daß man eine Reihe positiver Suggestionen vier Wochen lang täglich zwanzigmal aufschreiben und zwischen den Sätzen tief atmen soll. Als Suggestion wird zum Beispiel folgender Satz angeboten: »Ich bin eine wunderbare, liebenswerte Person.« Die Suggestionen sind auf einem Set vorformulierter Kärtchen namens »Ein Kurs für Wunder« zusammengestellt. Sie stammen von der amerikanischen Gruppe »Course in Miracles«, einer Sonderform der Neugeistbewegung (-> Positives Denken).

Rebirthing wird in Einzel- oder Gruppensitzungen durchgeführt. Eine Sitzung dauert etwa eineinhalb bis zwei Stunden, es sind mindestens zehn Sitzungen vorgesehen

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Anwendungsbereiche

Die AnbieterInnen empfehlen Rebirthing bei allen neurotischen und psychosomatischen Erkrankungen, insbesondere bei Asthma, Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck; daneben bei Übergewicht, Schlafstörungen, Drogenabhängigkeit, selbst als Krebstherapie und zur Behandlung von Aids. Betreiben Schwangere Rebirthing, sollen sie nicht nur ihr eigenes Geburtstrauma verarbeiten, sondern es auch ihrem Kind ersparen können.

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Kritik

Rebirthing ist potentiell gefährlich und zur Behandlung psychischer oder psychosomatischer Probleme ungeeignet.

Beim Rebirthing wird mehr Kohlendioxid (CO2) ausgeatmet als normalerweise. Die Folge ist eine Störung des Mineralhaushaltes, die zu anomalen Körperwahrnehmungen und Krämpfen, vor allem der Hände und des Mundes, führt. Die Gehirndurchblutung nimmt ab, Schwindelgefühle, Bewußtseinsstörungen und Wahnvorstellungen, gelegentlich sogar Ohnmachtsanfälle sind möglich. Bei bestehenden Erkrankungen der Atemwege kann es zu Atemnot kommen. Rechtlich gesehen dürfen solche Techniken nur von qualifizierten Personen, also nur von ÄrztInnen oder KrankengymnastInnen, durchgeführt werden. Rebirtherlnnen haben jedoch nur selten eine medizinische Ausbildung.

Die emotionale Rückkehr in frühere  Entwicklungszeiten  läßt  sich  ohne die  gefährliche  Prozedur  auch  durch Suggestion und Autosuggestion erreichen.

Die Geburtserlebnisse gehen nicht von den KlientInnen aus,  sie werden von   den   TherapeutInnen   suggeriert (Fabulation  und  Confabulation).   Die Technik setzt erwünschte Phantasieprozesse in Gang. Wie ungewöhnlich die angeblich    erinnerten    Szenen    auch immer scheinen, als subjektives Erleben der KlientInnen sind sie authentisch. Es sind symbolhafte Geschichten, die, ähnlich   wie   Träume,   innere   Vorgänge erklären  können  und  therapeutischer Bearbeitung  bedürfen.   Dies  geschieht jedoch nicht.

Noch Wochen nach einem Rebirthingseminar können seelische und psychosomatische    Störungen    auftreten. Rebirthing   bei   Asthma  oder   Herzrhythmusstörungen,   bei   Krebs   und Aids zu empfehlen, ist unverantwortlich; Schwangere dürfen sich unter keinen Umständen darauf einlassen.

Wer an  einer  neurotischen  oder psychiatrischen  Störung  oder  Erkrankung leidet, kann durch Rebirthing in eine Psychose oder in Selbsttötungsgefahr geraten.  Es  sind  zahlreiche Fälle bekanntgeworden, in denen nach einer Rebirthingtherapie  Krisenintervention und  psychiatrische  Behandlung  erforderlich waren. Auch ein Todesfall durch Ersticken und Herzstillstand ist dokumentiert.

Rebirthing wird oft in Gruppen durchgeführt, gelegentlich mit bis zu 100 Teilnehmerinnen.  Akute Notfälle können    bei     Massenveranstaltungen nicht rechtzeitig wahrgenommen werden.

Die Behauptung, die Geburt sei derart seelisch belastend, daß durch sie jeder Mensch Schaden erleide, ist unbewiesen.

Die    spirituellen   Aspekte   des Rebirthing   und   die   Behauptungen, Jesus  sei  mittels  Rebirthing von den Toten auferstanden und jeder könne wie er Unsterblichkeit erlangen, gelten als pseudoreligiöse Bauernfängerei.

Rebirtherlnnen bieten auch »Money-and-Love«-Seminare  an,  in  denen Skrupellosigkeit    im    Geschäftsleben gelehrt wird. Regelmäßig werden Kettenbriefe  und  Einsatzspiele  (Pilotenspiel)   gewinnbringend   in   die   Welt gesetzt.   Derlei   Gewinnspiele   gelten gemeinhin als Betrug.

 

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Bibliographie / Ergänzende Literatur

1) Colin Goldner: "Mißgeburt des New Age" in "Secundariusa", BoD Norderstedt 2009

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