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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

PSYCHOSYNTHESE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Meine Position in der Firma, meine gepflegte Erscheinung, mein Leistungswille, mein Erfolg, nichts half mir. Auch meine .Familie gab mir keinen Halt. Ich gab den Beruf auf, widmete mich den Kindern - es half nichts. Dann, kam die Trennung von. meinem Mann. Ich hatte das Gefühl, die Treppe hinunterzufallen: Ich hörte Stimmen, fühlte mich außerhalb meines Körpers. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und fühlte mich unsichtbar, wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewegte. Als der Therapeut meinen Zustand als Sinnkrise beschrieb, war ich beinahe dankbar. Ich sollte meine Biographie aufschreiben, meinte er. Und dabei begegnete mir das einsame Kind von damals, das vom Vater verlassen, von der Mutter mißhandelt wurde, aber auch die willensstarke Frau, die ihre Wut gegen alles richtete. Als ich bei den Phantasiereisen »erlebte«, wie ich als winziges Wesen an der riesigen, schwarzen Gestalt vor mir hochklettern konnte bis zum Scheitel, da warf ich meine Arme empor und wußte, ich hab's geschafft!

 

 

vikas / Psychosynthese
Geschichte und Konzept

Die Psychosynthese wurde von Roberto Assagioli (1888-1974) entwickelt. Der Arzt und Psychiater Assagioli entstammte einer jüdischen Familie, in der man sich intensiv mit -> Theosophie beschäftigte. Er war ein Schüler Freuds und brachte als erster die Psychoanalyse nach Italien. Bald trennte er sich jedoch von Freuds Gedanken und entwickelte in den 20er und 30er Jahren sein Konzept vom »Überbewußten«. 1926 gründete er in Rom sein eigenes Institut für Psychoanalyse.

Das Institut wurde von den Faschisten geschlossen, Assagioli wurde verfolgt und mußte flüchten. Nach 1945 lehrte er - international kaum bekannt - in Florenz. In den 60er Jahren setzte sich das Verfahren unter der Bezeichnung Psychosynthese in den USA durch, da ähnliche Ideen von -> Ganzheitlichkeit formulierte, wie sie zu dieser Zeit die aufkommende -> Humanistische Psychologie propagierte.

In den 70er Jahren kam die Psychosynthese zurück nach Europa. Nur wenige TherapeutInnen und BeraterInnen im deutschsprachigen Raum arbeiten nach dieser Methode. Es gibt Ausbildungszentren in den USA, in London und in Südamerika, aber keine einheitliche Schule. Weiterbildung bieten TrainerInnen in verschiedenen Kursen an.

Das Überbewußte

Laut Psychosynthese hat der Mensch alles in sich, um »zu werden, was er ist«. Ein natürlicher Wachstumsprozeß führt ihn zu seinem »spirituellen Identitätszentrum«. Dieser Weg wird mit dem Ersteigen eines Berges verglichen, von dessen Gipfel aus sich der Blick in die Tiefen erweitert und sich der Überblick über das Ganze ergibt. TherapeutInnen gelten als BegleiterInnen auf diesem Weg. Von ihnen wird erwartet, daß sie ihren eigenen Entwicklungsweg bereits gefunden haben.

Jede Person besteht aus vielen Teilpersönlichkeiten, die miteinander in Konflikt geraten können. Der Bereich jenseits der bewußten Wahrnehmung, gebildet aus dem »Überbewußten«, dem »transpersonalen Selbst« und dem »kollektiven Unbewußten«, soll die Kraft und Inspiration verleihen, solch störende Anteile in der eigenen Person zu bewältigen. In dieses »größere Ganze« ist der Mensch eingebettet. Die Psychosynthese will diese transpersonale Dimension erfahren lassen und KlientInnen dabei unterstützen, sie im täglichen Leben zum Ausdruck zu bringen. Im Einklang mit dem großen Ganzen sollen sie größere Klarheit und einen Lebenssinn finden.

 

 

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vikas / Psychosynthese
Therapieablauf

Psychosynthese wird ebenso in Einzel­stunden wie in Gruppen durchgeführt und umfaßt mindestens 25 Sitzungen.

Die TherapeutInnen bieten eine warme Atmosphäre an, die durch Zuwendung Sicherheit bietet. Die Arbeit geht von der aktuellen Lebenssituation der KlientInnen aus. Es geht darum, die »Unterwelt des eigenen Unbewußten« zu erforschen und die widerstreitenden Teilpersönlichkeiten kennenzulernen, zu akzeptieren und zu vereinen. Auf der »transpersonalen« Ebene werden gemeinsam mit dem Therapeuten oder der Therapeutin die »höheren Bereiche des Seins« erkundet - Ethik, Intuition, Weisheit, Liebe, Wille. Auch das Interesse an gesellschaftlichen Fragen wird unterstützt.

Die Therapie ist vielfältig, umfaßt Gespräche, Körperarbeit und kreatives Tun: Wenn im Gespräch Gefühle anklingen, die offenbar auf ihre Befreiung drängen, wird dies mit verschiedenen -> Atemtechniken gefördert. Dann regt der Therapeut oder die Therapeutin dazu an, die Aufmerksamkeit wachsam auf körperliche Empfindungen zu lenken. -> Entspannung, -> Meditation und -> Reisen durch die Phantasie eröffnen den Kontakt zur inneren Bilderwelt und sollen Erinnerungen wiederbeleben. Die KlientInnen werden angeregt, mit ihren Teilpersönlichkeiten einen inneren Dialog zu führen, um sie annehmen zu lernen. Auf diesem Weg sollen sie auch ihre »innere Weisheit« kennenlernen, um diese Ressource nutzen zu können.

Das Erlebte wird anschließend im Gespräch aufgearbeitet. Da die neuen Einsichten und Haltungen verankert werden sollen, werden neue Verhaltensweisen konkret im szenischen Spiel ausprobiert und eingeübt. Zusätzlich bekommen KlientInnen die Aufgabe, ein Tagebuch zu schreiben oder Übungen durchzuführen, die den Willen stärken.

 

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vikas / Psychosynthese
Anwendungsbereiche

Angeboten wird Psychosynthese überwiegend in Gruppenworkshops zur Selbsterfahrung, für Personen in Existenz- und Sinnkrisen, in der Ausbildung von PädagogInnen und in Managementtrainings.

 

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vikas / Psychosynthese
Kritik

Zur Selbsterfahrung und Begleitung in Lebenskrisen hat die spirituell orientierte Methode einen gewissen therapeutischen Wert, doch es fehlt eine seriöse Dokumentation ihrer Wirksamkeit.

Als eigenständige Behandlung seelischer Störungen eignet sie sich nicht.

 

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Bibliographie/Ergänzungen

 

 

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