federspiel2V I K A S
Psychotherapien
auf dem Prüfstand

PSYCHODRAMA

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


| Therapien - Geschichte und Selbstverständnis | Therapien - tabellarischer Überblick | INFOSERVER |

Zum  Psychodrama bin ich gegangen, weil ich manchmal so ein nagendes Gefühl von Unzufriedenheit und Traurigkeit spürte. In einer Sitzung war ich Protagonistin. Ich wählte eine Teilnehmerin der Gruppe, die meiner Mutter ähnlich war: Ich wollte mit ihr gemeinsam eine Szene aus meiner Kindheit nachstellen, die irgendwie mit dieser Traurigkeit zu tun haben mußte und an die ich mich oft. vage erinnerte: Ich sitze mit meiner Mutter auf dem Fußboden und spiele mit der Puppenstube, Es ist sehr schön und friedlich. Wir stellten auch diese Szene nach: Meine Mutter sitzt da, ein Kissen an den Leib geschmiegt, wiegt sich hin und her. Plötzlich kam etwas aus der Erinnerung hoch, das ich völlig verdrängt hatte. Mutter sagt ganz traurig: »Weißt du, du hattest einmal ein Brüderchen. Es war drei Jahre älter als du und ist gestorben, als du noch ein Baby warst!« In der Therapiestunde durchlebte ich den Schock, den ich als Kind spürte, von neuem. Deshalb war meine Mutter also immer so fern, immer in Gedanken woanders und irgendwie traurig! Mir hat sie mein Leben lang gefehlt! Da steht mir noch ein Stück seelische Arbeit bevor ...

 

vikas / Psychodrama
Geschichte und Konzept

Das Drama innerer Seelenvorgänge durch szenisches Spiel aufzudecken, ist das Ziel des Psychodrama. Schon der französische Schriftsteller Donatien-Alphonse-Frangois Marquis de Sade (1740-1814) hat sich in seinen letzten Lebensjahren auf einem eigens für ihn eingerichteten Theater in der Irrenanstalt von Charenton bei Paris seine Phantasien und Wünsche von der Seele gespielt. Der russische Psychologe, Arzt und Philosoph Vladimir Nikolajewitsch Iljine (1890-1974) spielte mit Psychiatriepatienten »therapeutisches Theater«, und zwar Stücke, die speziell auf die Geschichte einzelner Patienten zugeschnitten waren.

Spontane Kinder- und Stegreifspiele in den öffentlichen Gärten von Wien haben den Arzt und Psychiater Jacob Levy Moreno (1889-1974) zur Entwicklung des Psychodramas angeregt.

Als Kind einer jüdischen Familie in Bukarest geboren, kam Moreno nach Wien und blieb dort zur Ausbildung. Schon während des Medizinstudiums bewegte er sich viel in Literatenkreisen, gab die expressionistische Zeitschrift »Der Daimon« heraus und gründete mit befreundeten Schauspielerinnen ein Theater, in dem man mit improvisiertem Spiel experimentierte. Moreno war Werks- und Gemeindearzt sowie Betreuer in einem Flüchtlingslager in der Nähe Wiens. Er widmete sich der Erforschung zwischenmenschlicher Beziehungen, woraus er die Grundsätze der -> Gruppentherapie und die Soziometrie entwickelte, ein Testverfahren, um die Beziehungen der Mitglieder einer Gruppe zueinander zu bewerten.

Moreno erfand eine Methode der elektromagnetischen Tonspeicherung. Es gelang ihm aber nicht, wie geplant, diese Erfindung in den USA zu Geld zu machen. Ab 1925 arbeitete er als Psychiater in New Yorker Erziehungsanstalten, Gefängnissen und psychiatrischen Einrichtungen mit Psychodrama und führte dort 1932 Gruppenpsychotherapie ein. Ab 1936 hat Moreno als erster Therapeut noch vor Carl Rogers (-> Gesprächspsychotherapie) seine Therapiestunden tontechnisch aufgezeichnet.

Der vielseitig engagierte Moreno verband seine medizinischen, psychologischen, soziologischen und anthropologischen Interessen miteinander, gab einschlägige Zeitschriften heraus und hat wesentlichen Einfluß auf verschiedene Therapierichtungen genommen. Er nahm die Kernaspekte von Carl Rogers' Gesprächspsychotherapie vorweg und bereitete wichtige Aspekte der systemischen Therapien vor (-> Familien- und Paartherapie). Eric Berne (-> Transaktionsanalyse), Fritz Perls (-> Gestalttherapie), Virginia Satir (-> Familientherapie) und viele andere einflußreiche TherapeutInnen besuchten seine Veranstaltungen.

Im Zentrum von Morenos Denken steht das Individuum, das in ein soziales Netz eingebettet ist und im Rahmen der Gemeinschaft seine Rolle spielt. Jede Rolle hat zwei Anteile: Den gesellschaftlich erwarteten und kulturell vorgegebenen »Verhaltenskonserven« stellt Moreno die kreative Rolle gegenüber, die jeder Mensch im »Hier und Jetzt« spontan gestalten kann. Wie das geht, läßt sich in der Therapie konkret erproben. Ziel des Psychodramas ist es, eingefahrene Rollen abzulegen, ein großes »Rollenrepertoire« zu erwerben sowie echt, flexibel, situationsgemäß und sozial zu handeln. Damit werden alte Rollenklischees und Fixierungen (-> Tiefenpsychologie) überflüssig.

Ab 1936 richteten einige Psychiatrische Anstalten der USA Psychodramabühnen ein, und 1942 wurde die Gesellschaft für Gruppenpsychotherapie gegründet. Das vielfältige Methodeninventar von Psychodrama, Soziometrie und Rollenspiel ist vor allem in die -> Gestalt- und -> Integrative Therapie eingeflossen.

Die Arbeit mit Psychodrama ist im deutschen Sprachraum weit verbreitet. In den letzten Jahren wurde die Methode auch in der Einzelarbeit und speziell für die Behandlung von Kindern angewendet.

Die Ausbildung haben mehrere Institute übernommen, die in nationalen Dachverbänden zusammengeschlossen sind. Sie bieten MedizinerInnen und PsychologInnen mehrjährige berufsbegleitende Weiterbildung zu Psychodrama-Therapeutlnnen an. In Österreich berechtigt die abgeschlossene Ausbildung zur Eintragung in die PsychotherapeutInnenliste. LehrerInnen, Sozialpädagoglnnen und Theologenlnnen können sich zu Psychodrama-Leitern ausbilden lassen. ErzieherInnen und KrankenpflegerInnen können sich zu Psychodrama-Assistenten fortbilden.

Psychodrama wird in Deutschland von etwa 900 Therapeutinnen angewendet, vor allem in Psychiatrischen Kliniken, an Psychosomatischen Abteilungen, in Beratungsstellen und in der Ausbildung von PädagogInnen, in der Jugendarbeit und Erwachsenenbildung sowie in der Unternehmens- und Organisationsberatung .

Viele Elemente des Psychodramas und des Rollenspiels werden aber auch in unkontrollierter und unverantwortlicher Form in Selbsterfahrungsgruppen von methodisch nicht qualifizierten Personen angewendet.

 

^

vikas /Psychodrama
Therapieablauf

Psychodrama ist vorwiegend Gruppentherapie. Üblicherweise findet einmal wöchentlich eine Sitzung statt oder ein Wochenend-Workshop im Monat. Je nach Zusammensetzung der Gruppe und Zielsetzung der Mitglieder kommt man für 25 bis 100 Sitzungen zusammen. Eine typische Sitzung dauert etwa zweieinhalb Stunden und verläuft in drei Phasen.


Erwärmungsphase

Die Gruppe findet sich zusammen und bespricht miteinander, welches Thema die Grundlage für das Spiel werden soll. Meist regen die TherapeutInnen alle TeilnehmerInnen dazu an, von sich zu berichten, ihre Stimmung und ihre Wünsche mitzuteilen. Das muß nicht mit Worten geschehen, sondern kann schon Teil des Spieles sein: Die TeilnehmerInnen können sich zum Beispiel in ein eigenes Kleidungsstück versetzen und dieses »sprechen« lassen. Meist kristallisiert sich schon bald das Problemthema eines einzelnen Teilnehmers oder einer Teilnehmerin heraus. Dieses Thema kann die ganze Gruppe betreffen. Man kann sich aber auch gemeinsam auf irgendein anderes Thema einigen, auf einen Traum, ein Märchen, eine Alltagsszene oder eine Zukunftsvision.

Spielphase

Wenn sich die Gruppe dazu entschieden hat, das Thema eines einzelnen Mitgliedes zu spielen, beginnt dieses, das Spiel rund um sein individuelles Thema zu inszenieren. Dieser Spieler oder diese Spielerin wird »Protagonist« genannt, das bedeutet »Hauptakteur«. Diese Person stellt zum Beispiel ihr seelisches Befinden dar, führt einen aktuellen Konflikt vor, der sie quält, oder inszeniert einen Traum, der sie nicht mehr losläßt. In solchen Inszenierungen spielt der Protagonist meist sich selbst in der Hauptrolle, kann aber auch als »Regisseur« einen anderen das eigene Befinden darstellen lassen. Die anderen TeilnehmerInnen übernehmen bestimmte Rollen in der Szene.

Das Spiel beginnt. Der Protagonist spielt eine erlebte Szene nach, drückt seine Gefühle mit Stimme und Körper so deutlich wie möglich aus, wechselt -wenn nötig - die Rollen, erklärt den MitspielerInnen, ob und wie sie agieren sollen und nutzt die Requisiten, die es im Spielraum gibt. Wenn ein Protagonist beispielsweise eine bedrohliche Szene aus seiner frühen Kindheit nachspielt, kann es sinnvoll sein, daß er sich in der Rolle des hilflosen Kindes auf den Boden unter eine Decke legt oder daß er in der Rolle des Vaters auf einen Stuhl steigt, um groß und übermächtig zu erscheinen.

Von der aktuellen Szene ausgehend, kann man nach und nach zu ähnlich bedeutenden Szenen aus der Lebensgeschichte zurückgehen. Auch der umgekehrte Weg ist möglich.

Wenn der Protagonist die anderen GruppenteilnehmerInnen mit in sein Spiel einbezieht, kann er sie zum Beispiel die Rollen wichtiger Bezugspersonen verkörpern lassen. Zuvor beschreibt er möglichst genau, wie sie sich als Vater, Mutter, Geschwister, Vorgesetzte oder andere Personen zu verhalten haben, um die zugeschriebenen Rollen richtig auszufüllen. Meist gelingt es den MitspielerInnen sehr schnell, in die Haut der Person zu schlüpfen, die sie darstellen sollen, und sie brauchen dann nur noch wenig Anleitung. Das Spiel wird damit freier.

Die Spielszenen können jederzeit unterbrochen, überdacht, neu arrangiert und neu durchgespielt werden. Im Spiel lassen sich Konflikte und Probleme modellhaft auf unterschiedliche Weise durchspielen: Verschiedene Lösungen können probiert werden.

Das Spiel deckt unbewußte Wünsche, verdrängte Erinnerungen und gehemmte Gefühle auf. Innere Konflikte und Problemsituationen, Wünsche und Hoffnungen, soziale Störungen und Beziehungsprobleme werden auf der »Bühne des Lebens« offenbar und können deshalb leichter bearbeitet werden.

Bestimmte Techniken können den therapeutischen Prozeß vertiefen:

Der Therapeut,  die Therapeutin oder  ein  Gruppenmitglied  stellt  sich hinter den Protagonisten und legt ihm eine Hand auf die Schulter. Er oder sie fühlt sich so intensiv wie möglich in Gefühle und Stimmung des Protagonisten ein und spricht an seiner Stelle aus, was  diesen  gerade  bewegt.   In  dieser Rolle als »Hilfs-Ich« wird der Protagonist ermutigt oder mit seinem inneren Geschehen konfrontiert.

Ein  Gruppenmitglied  kann  den Protagonisten in Haltung und Sprache überdeutlich nachahmen und damit spiegeln. Der Protagonist steht in solchen Szenen zuweilen als »Regisseur« auf einem Sessel und kommentiert oder korrigiert den anderen, also damit sich selbst. Die eigene Art zu handeln wird dabei offengelegt, und die Gründe für solches Verhalten können sich erschließen. In einer nächsten Szene kann der Protagonist versuchen, neue Verhaltensweisen zu probieren.

Sehr eindrucksvoll kann es sein, wenn der Protagonist die Rolle eines anderen einnimmt, etwa seinen Vater spielt, und versucht, genau wie dieser zu denken, zu fühlen und zu sprechen. Mit den Augen des Vaters schaut er nun auf sich selbst, sieht die eigenen Reaktionen und kann vielleicht dann besser verstehen, warum der andere auf bestimmte Weise denkt und handelt.


Psychodrama setzt meist intensive Gefühle frei; das Spiel ist »ernste« Realität, und alle begleitenden Empfindungen sind sehr lebendig. Auch auf die Gruppenmitglieder, die nur zuschauen, übertragen sich diese Gefühle: Sie identifizieren sich mit einzelnen Spielern, zeigen Verständnis und Mitgefühl oder spüren Ablehnung und Aggression.

Integrationsphase

Nach dem Spiel setzen sich die Gruppenmitglieder zusammen, teilen ihre Gefühle mit (Sharing), berichten über ihre Erlebnisse und Erfahrungen im Rollenspiel (Feedback). Gemeinsam arbeitet die Gruppe das Erlebte auf. Morenos Credo lautet: »Jedes wahre zweite Mal ist die Befreiung vom ersten.«

Die Therapeutinnen lassen allen Teilnehmerinnen ausreichend Zeit zum Nacharbeiten ihrer Erlebnisse und stützen sie bei der »Nachreifung«.

*

Mit den Methoden des Psychodramas können auch Strukturen und Beziehungen einer bereits bestehenden Gruppe -zum Beispiel des Teams einer Firmenabteilung - offengelegt und verbessert werden (-> Gruppendynamik). Dazu wird das Team angehalten, real geschehene oder phantasierte Situationen am Arbeitsplatz durchzuspielen. Dabei kommt es bald zu neuen Begegnungen zwischen den TeilnehmerInnen. Neue Koalitionen werden gebildet, oder es bricht Streit aus. Streithähne könnnen die Rollen miteinander oder mit den »Stillen« tauschen und die andere Perspektive ausprobieren. Oder sie können sich aus der Runde einen Sekundanten wählen, der mit dem Konfliktpartner verhandelt. Anschließend werden alle Handlungsschritte analysiert, ein gemeinsames Gespräch klärt die verschiedenen Beziehungsmuster.

*

Auch im Monodrama - vom griechischen »mono« für »einzig« - geht es um szenische Darstellung. Der Protagonist verwendet ausschließlich Gegenstände, Symbole, leere Stühle und ähnliches zur Gestaltung seiner Geschichte. Mit ihnen inszeniert er, gibt den Dingen Sprache und Bedeutung. Die Gruppenmitglieder sehen dabei zu.

 

^

vikas / Psychodrama
Anwendungsbereiche

Psychodrama wird zur Behandlung von neurotischen, psychosomatischen und Borderline-Störungen sowie in der Suchttherapie angeboten. Es kann nützlich sein zur Aufdeckung der Lebensgeschichte, zur Selbsterfahrung, zur Klärung aktueller Konflikte und Beziehungsstörungen in Partnerschaft, Familie und am Arbeitsplatz.

Personen mit akuten Psychosen, schweren psychosomatischen Erkrankungen und Selbsttötungsgefährdete sollten nur von besonders erfahrenen und sorgsamen TherapeutInnen mit Methoden des Psychodramas behandelt werden, da die aufkommenden Gefühle die Betroffenen überwältigen können.

 

^

vikas / Psychodrama
Kritik

Die Wirksamkeit von Psychodrama als zusätzlicher Komponente einer umfassenden   Behandlung   ist   belegt, insbesondere bei Beziehungsstörungen und  Persönlichkeitsstörungen.   Noch fehlt der Nachweis, daß diese Methode ausreichende Effekte  erzielt,  wenn sie ausschließlich angewandt wird.

Psychodrama öffnet rasch Zugang zu Konfliktstoffen, und häufig finden -> Regressionen  in  frühe Kindheitsphasen statt.  Es besteht vor allem bei mangelhaft   ausgebildeten TherapeutInnen und in unprofessionell geleiteten Selbsterfahrungsgruppen die Gefahr, daß aufkommende Gefühle die Teilnehmerinnen überschwemmen. Auf der  anderen  Seite  kann  es  auch  bei einem unproduktiven bloßen Ausleben (Agieren)   bleiben,   das   Erlebte wird nicht ausreichend reflektiert und interpretiert.

 

^

 

vikas / Psychodrama
Bibliographie

 

 

^


 ©    Edition VIKAS 2008