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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

PROVOKATIVE THERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieverlauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Als mir der Therapeut sagte, ich benähme mich wie eine Nonne und ich sollte öfter vögeln, sonst würde ich bald den Anschluß verpassen, war ich geschockt. Nonne? Nein, das wollte ich nicht sein. Unmittelbar nach der Stunde stürzte ich mich ins erste Abenteuer. Ein paar weitere folgten nach. Keine dieser amourösen Geschichten hat mir wirklich Spaß gemacht.
Es dauerte einige Zeit, bis ich merkte, daß sich diese kurzlebigen Affären gegen mein, »inneres Gesetz« richteten. Ich bekam größere Probleme als je zuvor. Erst in einer Gesprächstherapie bei einem anderen Therapeuten fand ich die Ursache meiner Schwierigkeiten heraus — es war ein Vergewaltigungserlebnis, das ich verdrängt hatte und das Sex und Beziehungen für mich so kompliziert gemacht hatte, Jetzt arbeite ich daran, den Seelenmüll loszuwerden.

 

vikas / Provokative Therapie
Geschichte und Konzept

Provokative Therapie wurde Anfang der 60er Jahre von dem Amerikaner Frank Farelly (*1931) publik gemacht. Er war - nach einer wenig erfolgreichen Karriere als Amateurboxer - mehrere Jahre als Sozialarbeiter in psychiatrischen Anstalten tätig gewesen. In der Arbeit mit Schizophrenen, Drogenabhängigen und kriminellen Psychopathen erprobte er, ob er die PatientInnen nicht eher erreichte, wenn er Einfühlsamkeit und Provokationen kombinierte. Das galt damals als revolutionär, und Farelly entwickelte seinen Ansatz für die praktische psychotherapeutische Arbeit weiter.

Seit Ende der 80er Jahre veranstaltet er regelmäßig Fortbildungsworkshops in Deutschland. Sie werden von TherapeutInnen verschiedener Ausrichtung besucht, die Aspekte der Provokativen Therapie in ihre eigene Arbeit einbauen. Ein Ausbildungsinstitut in München bietet seit 1991 fortlaufendes Training aus einzelnen Seminaren an, ein Lehrgang ist nicht festgelegt. In Österreich und in der Schweiz ist Provokative Therapie kaum verbreitet,

Als Markenzeichen der Provokativen Therapie gilt das ausdrücklich »humorvolle« Vorgehen. Farelly will die KlientInnen wohlmeinend auf den Arm nehmen und zum Lachen bringen. Angeblich löst das die lähmende Bedeutung der Probleme, so daß die KlientInnen die eingefahrenen Geleise verlassen können. Als Mittel dazu dienen paradoxe und provokante Herausforderungen: Den KlientInnen wird nahegelegt, ihr bisheriges selbstschädigendes Verhalten nicht zu bekämpfen, sondern unter allen Umständen fortzusetzen. Dieses Paradoxon — auch »sokratische Ironie« genannt - ist zugleich augenzwinkernd und impertinent, so daß sich die Betroffenen notgedrungen dagegen wehren müssen; sie müssen sich von diesem Ratschlag losreißen, um einen eigenen, vernünftigen Lösungsweg zu finden. Dieser Teil der Provokativen Therapie ist den -> Hypnosetechniken Milton H. Ericksons verwandt. Anders als Ericksons Hypnosemethode arbeitet Provokative Therapie aber auch mit harten Provokationen, die den KlientInnen die Schattenseiten oder jene Anteile ihres Wesens in grellem Licht zeigen, über die sie sich besonders schämen.

 

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vikas / Provokative Therapie
Therapieverlauf

Provokative Therapie ist immer Einzeltherapie. Ausgerechnet das Thema, das die   KlientInnen zu vermeiden suchen, greifen die TherapeutInnen auf. Beispielsweise wird ein korpulenter Klient, dem sein Übergewicht zum Problem geworden ist, ironisch aufgefordert, sich vorsichtig zu setzen, da sonst der Stuhl zu Bruch gehen könnte.

Auf diese Weise wird die Arena abgesteckt für das, was Farelly »psychologisches Judo« nennt. In pechschwarzem Humor und mit Vulgärbegriffen führen die TherapeutInnen ihren KlientInnen all die »negativen« Denkweisen und Überzeugungen vor Augen, die zu ihrem aktuellen Dilemma geführt haben.

Parallel zu ihren zynischen Äußerungen bemühen sich die TherapeutInnen zu vermitteln, daß ihnen das vorgetragene Problem sehr wohl und ernsthaft am Herzen liegt. Diese doppelten Botschaften aber — Zynismus und Zuwendung zugleich — verwirren, weil sie das eigene Seelengefüge widerspiegeln. Dies soll die Ambivalenzen des eigenen Innenlebens bewußtmachen und ermöglichen, sie augenzwinkernd zu akzeptieren.

Provokative Therapie versteht sich als Kurzzeittherapie, sie umfaßt meist nicht mehr als acht bis zehn Sitzungen zu etwa 20 Minuten.

 

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vikas / Provokative Therapie
Anwendungsbereiche

Provokative Therapie wird bei allen Störungen eingesetzt, ihre AnwenderInnen empfehlen sie insbesonders für die Behandlung von Depressionen, Phobi-en, Zwängen, Süchten und von sexuellen Störungen

 

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vikas / Provokative Therapie
Kritik

In der Provokativen Therapie fehlt der einfühlsame  Kontakt zwischen TherapeutIn und KlientIn.

Provokative Therapie besteht im wesentlichen oft darin, KlientInnen so in die Ecke zu treiben oder zu beschämen, daß sie sich nicht mehr trauen, ihre Probleme einzugestehen. Das beseitigt die Störung nicht.

Das vermeintlich Provokative besteht oft bloß darin, vulgäre, frauenfeindliche Sexualbegriffe  zu  gebrauchen. Viele KlientInnen empfinden dies als diskriminierend.

Einzelne, gelegentliche Provokationen   und   paradoxe   Interventionen können  Therapien  durchaus  herzerfrischend  bereichern.  Als  eigenständiges Verfahren  ist Provokative Therapie jedoch nicht tragfähig. Es mangelt an seriösen   Dokumentationen über die Wirksamkeit der Therapie.

Es fehlt ein klinisches Konzept. Farelly vertraut bei manchen Techniken auf Hellsichtigkeit  und  übersinnliche Heilkräfte.   Diese  parapsychologischen Ideen müssen als zweifelhaft gelten.

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vikas / Provokative Therapie
Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008