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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

PRIMÄRTHERAPIE (URSCHREITHERAPIE)

| Geschichte und Konzept | Therapieverlauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich hatte schon bei anderen Therapeuten Hilfe gegen meine Angstzustände gesucht. Da riet man mir zu einer Primärtherapie, Nach ihrem Abschluß konnte ich mit großer Kraftanstrengung und vielen Medikamenten noch drei Monate arbeiten. Dann kam ich an einen Punkt, wo ich mich zu meiner eigenen Sicherheit entschloß, eine Klinik aufzusuchen, denn immer öfter dachte ich an Selbstmord. Ich war nicht mehr in der Lage, allem auf die Straße zu gehen, allein in der Wohnung zu bleiben oder die banalsten Dinge selbst zu erledigen.

Nach: Hemminger, H.: Wenn Therapien schaden, Rowohlt, Reinbek 1985

 

vikas / Primärtherapie (Urschreitherapie)
Geschichte und Konzept

Unter Primärtherapeuten gilt Urschreitherapie als »Rolls Royce« der Therapien. Sie geht auf den amerikanischen Psychoanalytiker Arthur Janov (*1911) zurück. Ende der 60er Jahre beobachtete er bei einem von ihm behandelten Patienten etwas Verblüffendes: Auf die Aufforderung hin, nach seinen Eltern zu rufen, sank der Klient wimmernd zu Boden und wand sich gequält. Sein Atem ging schnell und stoßweise, und in lauten Schreien rief er wie ein kleines Kind nach seinen Eltern. Schließlich stieß er einen durchdringenden Schrei aus. Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Hinterher sagte er: »Ich habe es geschafft! Ich weiß nicht was, aber ich kann fühlen!«

Ähnliche Verläufe beobachtete Janov auch bei anderen KlientInnen. Er bezeichnete sie als »primäre Erfahrung«, weil sie offenbar zu den grundlegenden   menschlichen Erfahrungen zählen. In der Folge entwickelte er ein therapeutisches System mit dazu passendem theoretischem Überbau.

Janov vereinfachte die Neurosenlehre der frühen -> Psychoanalyse und erweiterte sie um die Annahme, daß nicht nur frühkindliche, sondern vor allem vorgeburtliche und während der Geburt geschehende Beeinträchtigungen (Traumata) den Menschen entscheidend prägen. Die Nicht-Befriedigung primärer Bedürfnisse lasse nach seiner Theorie im Körper eine Art Urschmerz zurück, der den Organismus von seiner »potentiellen Lebensbahn« abdrängt. Dieser Urschmerz muß erinnert und noch einmal durchlebt werden, auf daß sich im Urschrei der Weg zum »wahren Selbst« eröffne.

Janovs Bücher, vor allem das 1970 erschienene Werk »Der Urschrei«, wurden zu Bestsellern, seine Therapie zur Modetherapie der 70er Jahre. Gelegentlich wurde Primärerfahrung damals mit Hilfe von LSD oder mit anderen -> halluzinogenen Drogen herbeigeführt.

Arbeit auf der Primärebene war und ist der zentrale Therapieansatz des -> Osho-Rajneesh-Kultes. Seit Ende der 70er Jahre wird Primärtherapie unter verschiedenen Bezeichnungen, wie »Early Life« oder »Rajneesh Primal Transformation«, weltweit in den Meditations- und Therapiezentren der Psychosekte oder von frei praktizierenden Rajneeshees betrieben. In der Regel bieten sie Workshops an, allerdings ohne die Möglichkeit, das Erlebte hinterher zu verarbeiten.

Heute wird Arbeit auf der Primärebene auch in andere Therapiekonzepte mit einbezogen. Manche PraktikerInnen sprechen inzwischen von »Integrativer Primärtherapie« und meinen damit — sehr  beliebig  - die  Verbindung  des Janovschen Ansatzes mit Elementen aus -> Transaktionsanalyse, -> Psychodrama, -> Hypnotherapie, -> Systemischer Therapie (s. -> Familientherapie) oder -> Meditation. »Integrativ« soll in diesem Zusammenhang bedeuten, daß man ein besonderes Augenmerk darauf richtet, daß die KlientInnen die Therapieerfahrung ins Alltagsleben umsetzen können.

An Janovs Primal Institute in Los Angeles werden nur TherapeutInnen ausgebildet, die zuvor dort eine eigene Primärtherapie durchlaufen haben. Andere Vorbildung wird nicht erwartet. Im deutschsprachigen Raum bieten vorwiegend unprofessionelle TherapeutInnen Primärtherapie an, nur wenige ÄrztInnen und PsychologInnen sind darunter.

 

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vikas / Primärtherapie (Urschreitherapie)
Therapieverlauf

Vor der Behandlung wird von den KlientInnen ein schriftlich ausgearbeiteter Lebenslauf gefordert. Es folgt eine körperliche Untersuchung sowie ein Eignungsinterview. Zur Therapie verlassen KlientInnen für drei Wochen ihren üblichen Lebensraum, den Wohnort, den Beruf und die Familie, und ziehen sich zu einer Art Klausur in ein Hotel zurück. Es ist nicht erlaubt, Kontakt nach außen zu halten, zu lesen, fernzusehen, Radio zu hören, zu rauchen oder Alkohol zu trinken.

Die Primärtherapie selbst findet in einem extra dafür vorgesehenen fensterlosen, schalldichten und gepolsterten Raum statt. Die KlientInnen liegen — einzeln, manchmal auch in kleinen Gruppen - auf Matten und werden aufgefordert, aus ihrer Kindheit zu erzählen. Geraten sie an eine schmerzhafte   Erinnnerung,   werden   sie   gedrängt, diese Gefühle von Angst, Verzweiflung, Alleingelassensein zuzulassen, sich diesen Gefühlen hinzugeben und sie durch lautes Schreien und Weinen und mit Hechelatmen gezielt weiter zu verstärken. Es ist auch üblich, daß die TherapeutInnen zur Provokation heftiger Gefühle tiefgreifende Manipulationen am Körper durchführen, zum Beispiel Druck auf den Brustkasten ausüben. Dies kann Gefühle vorher unbekannter Intensität freisetzen.

Gelegentlich steigern sich die Ausbrüche in Kreischen, Schreien und Brüllen. Eine derartige Primärerfahrung dauert durchschnittlich eine Stunde, gefolgt von ein bis zwei Stunden Entspannung.

In einer zwei- bis dreiwöchigen Intensivphase, durchgeführt meist in einem abgeschlossenen Therapiezentrum, arbeiten KlientInnen einzeln oder in Gruppen täglich zwei bis drei Stunden mit ihren TherapeutInnen, die für eventuell notwendige Kriseninterventionen rund um die Uhr verfügbar sind.

Nach der individuellen Intensivpha­se setzt sich die Arbeit in einer Gruppe fort, an der die KlientInnen zunächst zwei- bis dreimal pro Woche teilnehmen. Später nehmen sie, über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren, einmal wöchentlich an der Gruppe teil.

In einer solchen Primärtherapie spielt die Gruppe als Gemeinschaft keine Rolle. Alle TeilnehmerInnen arbeiten mit und an sich allein. Lediglich gegen Ende der jeweiligen Sitzung werden die Erfahrungen den anderen Gruppenmitgliedern mitgeteilt.

Primärerfahrung

»Tränen, Schluchzer und Agonie stellen sich ein. Häufig ist der Körper außer Kontrolle ... Der Patient drückt seine Gefühle aus: >Halt mich fest<, >Hab mich lieb<, >Sei lieb zu mir<. Er macht das nicht absichtlich, die Worte strömen aus ihm heraus. Manchmal fehlen die Worte, nur Stöhnen und Schluchzen sind zu vernehmen.«

Aus: Janov, A.: Gefangen im Schmerz. S, Fischer Verlag, Frankfurt 1981, S. 199

 

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vikas / Primärtherapie (Urschreitherapie)
Anwendungsbereiche

Urschrei-TherapeutInnen sind der Ansicht, daß jeder Mensch latent zu Psychosen neigt. Die Konsequenz ist, daß sich jeder Mensch von seinen Geburtstraumata befreien müsse. Urschreitherapie soll auch bei jeder Art von psychischen Störung helfen.

 

 

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vikas / Primärtherapie (Urschreitherapie)
Kritik

Zur Methode gehören tiefgreifende Manipulationen am Körper und hechelnde,  hyperventilierende  Atemtechniken (s. -> Rebirthing).  Ohne    anschließende Aufarbeitung der hervorgerufenen Gefühle tragen solche Methoden das Risiko in sich, Psychosen oder suizidale Krisen auszulösen.

Die  Therapie  ist  gefährlich.   Im Frühjahr  1993 verstarb ein 31 jähriger Schweizer während einer Primärtherapie an Herzversagen.  Er war im Rahmen der Behandlung über längere Zeit mit dem  Gesicht  nach  unten  gegen  eine Matratze gedrückt worden.  Die angewandte Primärtherapie wurde von den zuständigen Behörden bis auf weiteres verboten. Kurz zuvor war in Berlin ein Klient  im  Zuge  einer  Primärbehandlung erstickt. Er war in einen Teppich eingerollt worden.

Janovs Behauptung, Primärtherapie sei das »einzige Heilmittel für psychische Störungen«, ist nicht haltbar.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Primärerfahrungen wesentlich auf der suggestiven  Beeinflussung  durch  die TherapeutInnen  beruhen.   KlientInnen werden  etwa  dazu  angehalten,   ihren rasenden Zorn auf die Eltern, von denen sie sich vernachlässigt oder mißverstanden  fühlen,  hinauszubrüllen.   Daß  es bereits therapeutisch wirkt, wenn man solche Affekte freisetzt, bezweifeln inzwischen auch manche Primärtherapie-AnbieterInnen.

Manche Therapiezentren beziehen die  -> Reinkarnationstherapie in ihr Angebot mit ein und versuchen so, den »Urschmerz aus vergangenen Leben« aufzuarbeiten. Dieses Vorgehen  beruht  auf einer fragwürdigen Theorie.

Primärtherapeutische Eingriffe sind unverantwortlich und ungeeignet, seelische Störungen und  Probleme zu behandeln, solange sie nicht in ein klinisches  Gesamtkonzept eingebunden sind, das garantiert, daß die therapeutische Arbeit kontinuierlich fortgeführt werden kann.

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vikas / Primärtherapie (Urschreitherapie)
Bibliographie

 

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