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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

POSITIVES DENKEN

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Jeden Morgen nach dem Aufwachen sage ich den Spruch auf: »Es geht mir jeden Tag besser und besser.« Zehnmal, zwanzigmal. Das soll meine Stimmung heben. Ich bemühe mich, diese Sätze ganz automatisch herzusagen, wie wir es im Kurs gelernt haben. Gemeinsam mit den anderen Menschen fiel mir das nicht so schwer, wie nun allein daheim. Aber ich werde es nicht aufgeben, und ich hoffe, daß mir die Übung eines Tages vielleicht doch die trüben Gedanken vertreiben wird.

 

 

vikas / Positives Denken
Geschichte und Konzept

Die Wurzeln des Positiven Denkens las­sen sich bis zu Immanuel Kant (1724-1804) zurückverfolgen. Der Königsberger Philosoph beschrieb die Kraft der Gedanken, mit denen Menschen sich selbst Mut zusprechen.

Im 19. Jahrhundert entstanden parallel und unabhängig voneinander in den USA und in Europa zwei Richtungen des Positiven Denkens. Die Lehre des amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson (1803-1882) gilt als Grundlage der Neugeistbewegung, später »Positive-Thinking«-Bewegung in den USA. Die europäische Variante entwickelte der französische Apotheker Emile Coue (1857-1926). Er glaubte, mit Selbstsuggestionen alle körperlichen und seelischen Krankheiten heilen zu können. Dies hat sich als Irrtum herausgestellt, doch die Beobachtung, daß Autosuggestionen entspannende Wirkung zeigten, war wegbereitend für die Entwicklung des -> Autogenen Trainings.

In Deutschland wurde 1921 von Oskar Schellbach (1901-1970) ein Institut   zur   Verbreitung   des   »Mentalen Positivismus« gegründet, aus dem mit dem »Großdeutschen Erfolgsring« Ende der 20er Jahre eine ganze Volksbewegung hervorging. Von den Nazis wurde diese Bewegung vereinnahmt. Die aktuelle Therapie durch Positives Denken beruht auf den Schriften der amerikanischen Prediger Joseph Murphy (gest. 1981), Norman Vincent Peale (1898-1993) und Dale Carnegie (Lebensdaten geheim). Ihre Bücher sind seit den 50er Jahren Bestseller. Sie vertreten, wie der Titel des Carnegie-Buches lautet, das Motto: »Sorge dich nicht, lebe!« Im deutschsprachigen Raum gilt als Hauptvertreter dieser Methode der Münchner Heilpraktiker Erhard Freitag (*1940), der spezielle Suggestionsformeln (Affirmationen) für jede nur denkbare psychische oder kör­perliche Störung entwickelt hat. Die Formeln müssen täglich und möglichst oft aufgesagt werden.

Positives Denken wird zur Selbsthilfe empfohlen und in verschiedenen Heilpraxen durchgeführt. Eine geregelte Ausbildung in dieser Behandlungsform gibt es nicht. In den letzten Jahren hat die Methode an Bedeutung verloren.

 

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vikas / Positives Denken
Therapieablauf

Die KlientInnen ruhen, bequem gekleidet, auf Liegen. In den ersten Sitzungen machen sie sich mit - > autogener Entspannungstechnik vertraut. In den folgenden Stunden hören sie, entspannt ruhend, Tonbandkassetten mit positiven Suggestionen, die sich endlos wiederholen. Im zweiten Teil der Therapie erarbeiten die KlientInnen persönliche Suggestionsformeln, mit denen sie ihr konkretes Problem in Eigenarbeit angehen sollen. Die Therapie umfaßt üblicherweise 20 Doppelstunden.

Zur Selbsthilfe soll man die Formeln möglichst oft am Tage und möglichst entspannt aufsagen.

Neben zahlreichen Selbsthilfebüchern, in denen positive Leitsätze für jedes Problem vorformuliert sind, sind Hunderte von Tonbandkassetten mit Selbstsuggestionen auf dem Markt.

Tonbandkassette »Hilfe bei Ängsten«

  1. Ich fühle mich jetzt frei und gelöst.
  2. Ich bin in vollkommener Harmonie.
  3. Ich blicke mit Optimismus und Mut in die Zukunft.
  4. Ich bin voller Kraft und Energie.
  5. Ich bin erfüllt von Lebensmut und Lebensfreude.
  6. Ich denke positiv, meine Ausstrahlung ist positiv.
  7. Mein mutiges Vertrauen drückt sich in allen meinen Gedanken und
    Handlungen aus.
  8. Ich erledige alles immer sofort.

•  Ich bin in jeder Situation geborgen und sicher.
... und so fort.

 

 

 

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vikas / Positives Denken
Anwendungsbereiche
/ Kritik

Positives Denken wird angeboten, um seelische und körperliche Erkrankungen zu überwinden.

SubliminaI Tapes

Eine technische Besonderheit des Positiven Denkens sind Tonbandkassetten, auf denen die Suggestionen angeblich so in Musik oder Naturgeräusche »eingewoben« sind, daß man sie nicht bewußt wahrnehmen kann. Die Botschaften sollen sich dem Unterbewußten einprägen und daher um so wirksamer Einfluß nehmen können. Nach Angaben der Hersteller sind die Heilsuggestionen gelegentlich sogar im Zeitraffer oder rückwärts gesprochen aufmoduliert.

Über 200 subliminale Tonbandprogramme finden sich auf dem deutschsprachigen Markt, von »Hilfe bei Depression« und »Stop Smoking« bis hin zu »Mehr Spaß am Sex«.

Oft wird behauptet, daß Pop-Gruppen subliminale Geheimbotschaften senden.

Mentales Training

Experimente von Psychologen in den 60er Jahren zeigten, daß sich sportliche Leistungen verbessern lassen, wenn man sich in konzentriertem Zustand den körperlichen Bewegungsablauf intensiv vorstellt Heute wird solches mentales Bewegungstraining durch Training der emotionalen Vorstellung ergänzt. Haben Sportlerinnen einmal das Gefühl gehabt »Jetzt stimmt's!« und können sie dieses Gefühl wieder in sich wachrufen, kann sich dadurch ihre Leistung noch weiter steigern. Der psychologische Fachbegriff »Mentales Training« bedeutet heute, sich an einen solchen positiven Gefühlzustand zu erinnern und ihn automatisch wieder hervorzurufen.

Der Fachbegriff »Mentales Training« hat also im Lauf der Zeit seine Bedeutung geändert. Verfechterinnen des Positiven Denkens (s. Seite 500) benutzen ihn heute noch in seiner ursprünglichen Bedeutung und verstehen darunter, daß allein die wiederholte (Wunsch-)Vorstellung, der Beste oder die Siegerin zu sein, ausreicht, um tatsächlich in einer sportlichen Konkurrenz oder einem geistigen Leistungswettlauf einen Spitzenplatz zu erringen.

Forschungen haben ergeben, daß dies nicht stimmt, trotzdem werden teure Kurse für etwa 500 DM unter dem Titel »Mentales Training« angeboten.
Tatsächlich sind Formeln wie »Ich kann es, ich schaffe es, ich bin der Größte!« nur wirksam, wenn sie für die jeweiligen SportlerIinnen psychologisch individuell ermittelt werden.

Silva-Mind-Control

Diese Methode »zur Steigerung der Kreativität und Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns« wurde in den frühen 50ern von dem Texaner Jose Silva (*1914) entwickelt. Der Elektroinstallateur mit Interesse für die Parawissenschaft konstruierte verschiedene Apparaturen, um Gehirnströme zu messen, und führte Experimente mit seinen Kindern durch. Er stellte fest, daß das Gehirn in entspanntem Zustand (dieser zeigt sich in der Form von Alpha-Wellen) besondere Wahrnehmungs- und Problemlösefähigkeiten freisetzt. Daraufhin entwickelte er eine Autosuggestionstechnik, die er Silva-Mind-Control (Kontrolle des Geistes) nannte und in Viertageskursen lehrte. Die Anleitungen sind simpel: Augenschließen, in einem Winkel von 20 Grad nach oben sehen, zurückzählen von hundert bis null. Dann tritt der angeblich heilsame, entspannte Zustand ein. Alles, was man in diesem Zustand visualisiert, soll man verwirklichen können. Hat man zehn Tage lang trainiert, kann man die Zahlenreihe täglich abkürzen, und letztlich soll es genügen, von fünf bis eins zu zählen, um den Trancezustand zu erreichen. Er wird nach einiger Zeit durch Zählen von eins bis fünf wieder gelöst.

In den frühen 60ern wurden in vielen westlichen Ländern Trainings veranstaltet. Der Zulauf war enorm. Mit aufkommender Konkurrenz anderer bewußtseinserweiternder Methoden ging Mitte der 70er das Interesse an Silva-Mind-Control zurück, es bildeten sich Gruppen und Zirkel mit sektiererischem  Charakter.  Heute gehört Silva Mind Control zum Programm mancher Kureinrichtungen und kann zur Selbsthilfe aus Büchern erlernt werden. Es soll sich angeblich zur Streßbewältigung, aber auch zur Behandlung von Depression und Suchtverhalten eignen und überdies außersinnliche Wahrnehmung ermöglichen.

In der Übung kann ein gewisser Entspannungseffekt eintreten, einem Vergleich mit anderen Entspannungsmethoden hält Silva-(oder Multi-) Mind-Control allerdings nicht stand und ist für psychotherapeutische Zwecke nicht geeignet. Es gibt keine seriöse Dokumentation über die tatsächlichen Effekte.

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vikas / Positives Denken
Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008