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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

POSITIVE PSYCHOTHERAPIE nach PESESCHKIAN

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich bin in Therapie gegangen, weil ich so sehr zugenommen hatte. Immer, wenn ich im Streß war, Kummer hatte oder mich unwohl fühlte, habe ich gefuttert. Ich fand mich furchtbar, konnte mich nicht mehr ansehen, weil ich so dick war: zwanzig Kilo Übergewicht. Alle meine Freunde und Bekannte fanden es schlimm, und mein Mann hat mich deshalb abgelehnt. Zu meiner größten Verblüffung hat der Therapeut als erstes mit mir versucht herauszufinden, was denn Gutes an meinem Eßverhalten ist und wie man mein Übergewicht positiv beschreiben könnte. Und es stimmt; Was ich wirklich gut kann, ist genießen. Ich kann mir ein. »dickes Fell« zulegen und mir Stabilität geben, wenn ich sie brauche. Allmählich habe ich gelernt, die Stabilität und Kraft in mir selbst zu suchen und zu finden. Das Essen brauche ich jetzt nicht mehr dazu. Ich esse mit Genuß und nicht aus Verzweiflung.

 

vikas / Positive Psychotherapie nach Peseschkian
Geschichte und Konzept

Der Begründer der Positiven Psychotherapie Nossrat Peseschkian (*1933) ist gebürtiger Perser aus Teheran. Mit 21 Jahren kam er zum Studium der Medizin nach Deutschland und ließ sich zum Psychiater und Neurologen ausbilden. In seiner psychotherapeutischen Weiterbildung in Deutschland, der Schweiz und den USA und in der späteren Arbeit seit den 70er Jahren stieß er sich immer wieder an der Art und Weise, wie man hier, in der europäischen Kultur, seelische Störungen sieht. Aus seiner Heimat Persien kannte  er  einen  anderen  Blickwinkel auf seelische und körperliche Störungen, der traditionellerweise mehr auf die Gesundheit ausgerichtet ist. ArztInnen haben dort eher die Aufgabe, die Gesundheit der Menschen zu erhalten, als ihre Krankheiten zu heilen. Der Blick ist also zum Positiven hin gerichtet. Um diesen Standpunkt auch in die ärztliche Psychotherapie einzuführen, entwickelte er sein Verfahren. Positive Psychotherapie ist als Zweitverfahren in der Ausbildung zum Zusatztitel »Psychotherapie« in Deutschland zugelassen. Es gibt etwa 60 TherapeutInnen im deutschsprachigen Raum, die in dieser Methode ausgebildet sind und mit ihr arbeiten.

Die Positive Psychotherapie geht immer von den vorhandenen Möglichkeiten und Fähigkeiten eines Menschen aus. Sie möchte damit nicht nur Verhalten und Symptome umdeuten, sondern ein prinzipiell anderes Verständnis von Störungen einführen. Wenn KlientInnen ihre Störungen positiv verstehen, können sie den Sinn einer Krankheit oder Störung leichter erfassen und einen Weg finden, durch Änderung ihres Verhaltens diese Störung überflüssig zu machen.

Peseschkian geht davon aus, daß Normen und Gebräuche in verschiedenen Kulturen zwar unterschiedlich sind, die Kulturen aber gerade deshalb voneinander lernen sollten. Die Weisheit in Volksgeschichten, Parabeln, Redensarten und Lebensweisheiten sieht er als »Medien einer Volkspsychotherapie« an und versucht, diese in seine Therapie mit einzubringen. Nach Peseschkians Auffassung können -> soziale Normen zum Auslöser für Störungen und seelische Leiden werden. Auch dem religiösen Engagement einer Gesellschaft mißt er große Bedeutung zu.

 

Modell der Seele

Peseschkian schreibt dem Menschen zwei »Grundfähigkeiten« (Aktualfähigkeiten) zu: die »Liebesfähigkeit« (Emotionalität) und die »Erkenntnisfähigkeit« (Kognition). Liebesfähigkeit bedeutet, lieben zu können und sich lieben lassen zu können. Aus der Liebesfähigkeit erwachsen die sogenannten primären Fähigkeiten: Gefühl, Geduld, Zeithaben, Kontakt, Vertrauen, Sexualität, Hoffnung, Glaube, Zweifel, Gewißheit und Einheit. In der Religion zeigen sich die primären Fähigkeiten als »Sinngebung«.

Erkenntnisfähigkeit bedeutet, lernen und lehren zu können. Aus ihr entwickeln sich die sogenannten sekundären Fähigkeiten: Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnung, Gehorsam, Höflichkeit, Offenheit, Treue, Gerechtigkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit. In der Wissenschaft sind diese Fähigkeiten besonders hilfreich zur »Sinnfindung«.

Beide Grundfähigkeiten sind angeboren, werden im Laufe der Entwicklung differenziert, und sie führen zu der einzigartigen Persönlichkeit jedes Menschen. Jeder Mensch ist seinem Wesen nach gut.

 

Beziehung zur Umwelt, Konflikte, Störungen

Die Aktualfähigkeiten bringen den Menschen in Kontakt, aber auch in Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Mit Hilfe eines speziellen psychologischen Testverfahrens (Wiesbadener Inventar zur Positiven Psychotherapie und Familientherapie) werden die Aktualfähigkeiten erfaßt und dienen dann der Persönlichkeitsdiagnostik.

Hintergrund für die Art und Weise, wie Menschen Konflikte angehen und lösen, sind nach Peseschkian die vier »Vorbilddimensionen«, die auch im Erwachsenenleben die Beziehungsstruckturen eines Menschen kennzeichnen: die Beziehung von Eltern und Geschwistern zum Kind, die der Eltern untereinander, die der Eltern zur Umwelt und die der Eltern zur Religion beziehungsweise zu ihrer Weltanschauung.

Alle Konflikte des Menschen werden in der Positiven Psychotherapie vor dem Hintergrund der Konflikte aus der Kinderzeit verstanden. Aus unverarbeiteten »Grundkonflikten« bilden sich die »Aktualkonflikte« im »Hier und Jetzt«. Aktuelle Lebensereignisse, wie beispielsweise persönliche oder berufliche Änderungen, die Geburt eines Kindes, ein Todesfall in der Familie oder eine Scheidung lösen Aktualkonflikte aus. Auch sogenannte »Mikrotraumen« können die Betroffenen in Konflikte bringen. Dieser Begriff setzt sich aus den griechischen Worten für »klein« und »Verletzung« zusammen. Mikrotraumen sind kleine, anhaltende und sich anhäufende Ereignisse, alltägliche Kleinigkeiten, wie dauernde Unzuverlässigkeit oder Unpünktlichkeit des Partners, wiederholte Ungerechtigkeiten und vieles mehr.

Peseschkian vertritt die Vorstellung, daß alle Verhaltensweisen und Reaktionen die Menschen in eine als »Schlüsselkonflikt« bezeichnete Spannung zwischen »Höflichkeit« und »Ehrlichkeit« bringen. Höflichkeit ist die Fähigkeit, sich in eine gegebene Ordnung einzufügen und auf eigene Bedürfnisse verzichten zu können. Allzu höflich sein kann Ängste und Aggressionen auslösen.

Ehrlichkeit heißt, zu sich und seinen Bedürfnissen stehen zu können und sich Aggressionen zuzugestehen. Sowohl Aggression als auch Angst können Körperreaktionen auslösen oder durch solche provoziert werden. Peseschkian sieht im Schlüsselkonflikt die Ursachen für -> Befindlichkeitsstörungen, -> Neurosen, -> Psychosen und alle körperlichen Erkrankungen. Nur wer innerlich unabhängig ist, kann sich den Mitmenschen liebevoll zuwenden, Kontakte knüpfen und stabile Beziehungen eingehen.

Positive Psychotherapie arbeitet systemisch (-> Familien- und Paartherapie). Sie versteht viele Symptome als Ergebnis von Spannungen und Störungen innerhalb von Paar- und Familienbeziehungen.

 

Die seelische Entwicklung

Nach Peseschkian verläuft sowohl die Entwicklung des Menschen vom Kind zum Erwachsenen als auch die Entwicklung einer Partnerbeziehung dreistufig in drei »Interaktionsstadien«.

Im »Stadium der Verbundenheit« befindet sich der Mensch vor der Geburt mit seiner Mutter und nach der Geburt mit Bezugspersonen und der Umwelt. Das Kind braucht Zuwendung und Versorgung. Beides hilft ihm, Liebesfähigkeit auszubilden. Die Bezugspersonen in seiner Umwelt fühlen sich mit dem Kind verbunden und erfüllen ihm so weit wie möglich seine Bedürfnisse. Aber sie haben selbst auch Wünsche an das Kind; es muß also lernen, sich mit der Umwelt zu arrangieren. Das Bedürfnis nach Verbundenheit bleibt dem Menschen sein ganzes Leben lang erhalten.

Das zweite Stadium heißt »Differenzierung«. Sie ist ein Grundprinzip jeder Art von Entwicklung, ob sie nun körperlich, seelisch oder sozial ist. Kontakt und Auseinandersetzungen mit der Umwelt bringen das heranwachsende Kind dazu, seine Fähigkeiten zu verfeinern und seine Möglichkeiten zu erweitern.

Durch »Ablösung« schließt der Mensch seine Entwicklung zum Erwachsenen ab. Ablösung bewirkt Selbständigkeit, Entschlußkraft und die Fähigkeit, sich von den Ansprüchen und Erwartungen der Umwelt abzugrenzen. Nur wer innerlich unabhängig ist, kann sich den Mitmenschen liebevoll zuwenden, Kontakte knüpfen und stabile Beziehungen eingehen.

 

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vikas / Positive Psychotherapie nach Peseschkian
Therapieablauf

Positive Psychotherapie findet meist als Paar-, Familien- oder Gruppengespräche im Sitzen statt. Auch Einzelgespräche sind möglich. Die Stunde wird nach den Bedürfnissen der KlientInnen gestaltet: Sie kann 50 Minuten dauern, aber auch eine kürzere Unterredung sein und je nach der aktuellen Situation ein- oder mehrmals in der Woche stattfinden. Als Kurztherapie umfaßt sie durchschnittlich 15 bis 25 Sitzungen. Es werden bewußt Elemente aus anderen Verfahren und verschiedene Medien eingeflochten: -> Psychodrama, -> Rollenspiel, -> Imagination (-> Katathymes Bilderleben), Geschichten aus dem orientalischen Kulturbereich, Märchen und Malen (-> Kreative Methoden).

Positive Psychotherapie versteht sich als Anleitung zur Selbsthilfe. Peseschkian legt dabei das orientalische Motto zugrunde: »Wenn Du eine hilfreiche Hand brauchst, suche sie am Ende Deines eigenen Arms.« Über »fünf Stufen« bringen die TherapeutInnen ihre KlientInnen mit den eigenen Fähigkeiten in Kontakt.

Auf der ersten Stufe, der »Beobachtung«, nehmen die KlientInnen eine distanzierte Haltung zu ihren Problemen ein, indem sie in Gedanken einen »Schritt zurück« machen, um »schärfer« sehen zu können.

Im zweiten Schritt, der »Inventarisierung«, besprechen KlientInnen und TherapeutInnen miteinander die Symptome, die auslösenden Momente der Störung und die Lebensumstände, als die Beschwerden begannen. Die Probleme werden positiv gedeutet. Beispielsweise können Schlafstörungen bedeuten: Wer seine Träume verwirklichen will, muß wach sein. Übergewicht kann bedeuten, fähig zu sein, sich etwas Gutes zu gönnen. Damit wird das Selbstwertgefühl der KlientInnen gestärkt: Sie erkennen, daß Probleme auch positive Seiten haben können, so wie jede Münze zwei Seiten hat. Vielfach finden sich in Märchen, Geschichten, Spruchweisheiten und Redensarten verschiedener Kulturen Hilfen für die positive Deutung. Im Orient ist beispielsweise die üppige Figur ein Zeichen für Wohlstand, Genuß und Erotik, ganz im Gegensatz zum Verständnis in westlichen Kulturen. Solche Gegenbeispiele regen zu einer veränderten Sichtweise an.

Der dritte Schritt, die »situative Ermutigung«, ist die Suche nach den neuen Möglichkeiten, die das positiv verstandene Symptom bietet. Wer also erkannt hat, daß er beim Essen seine Genußfähigkeit lebt, wird üben, auch andere Dinge genießen zu lernen. Das stärkt die positiven Fähigkeiten und regt zu einem veränderten Umgang mit sich und der Umwelt an. Außerdem soll diese Taktik die Aufmerksamkeit der KlientInnen vom Symptom ablenken. Damit verliert es an Bedeutung.

Auf der vierten Stufe, der »Verbalisierung«, geht es darum zu lernen, sein Problem in Worte zu fassen, es zunächst mit  den  TherapeutInnen,  dann  aberauch mit der Partnerin oder dem Partner, der Familie und Freunden zu besprechen. Dazu ist es notwendig, offener zu werden, Kontaktaufnahme und Auseinandersetzung zu üben.

Die fünfte Stufe, die »Zielerweiterung«, schließlich führt zur Ablösung vom Symptom. Am Ende der Therapie steht ein lebbarer, positiver »Gegenentwurf« zur bisherigen Lebensweise. Neue Möglichkeiten werden zunächst modellhaft in der Phantasie durchgespielt und dann in das Alltagsleben aufgenommen (integriert). Auf diese Weise werden ganz gezielt die einzelnen Problembereiche der KlientInnen durchgearbeitet. Die fünf Stufen greifen als lebendiger Prozeß ineinander.

Eine spezielle Technik in der Positiven Psychotherapie ist das sogenannte »Psychoserum«. Mit Hilfe von -> Entspannungstechniken versetzen sich die KlientInnen zunächst in tiefe Gelassenheit und stellen sich dann die positiven Aspekte ihres Problems oder ihrer Störung lebhaft vor. In entspannter Verfassung scheinen auch belastende Probleme viel weniger kompliziert, die positiven Seiten wiegen schwerer. Die KlientInnen fassen Mut, sich an die Lösung der Schwierigkeiten zu machen. Auch entspannende Geschichten und Erzählungen können in diesem Sinne wirken. Schriftliche Notizen dienen dazu, Gefühle, Wünsche und konkrete Pläne festzuhalten. Positive Psychotherapie soll den KlientInnen dazu verhelfen, sich selbst zu helfen: »Was folgt, ist Selbsthilfe, und die dauert ein Leben lang« (Peseschkian).

 

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vikas /Positive Psychotherapie nach Peseschkian
Anwendungsbereiche

Die Positive  Psychotherapie  wird   zur Behandlung  von  Beziehungsstörungen, Partner- und Familienproblemen, psychosomatischen Störungen, Neurosen und Psychosen angeboten

 

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vikas / Positive Psychotherapie nach Peseschkian
Kritik

Ganz  verschiedene  Ansätze  von Psychotherapie miteinander zu verbinden, wie es die Positive Psychotherapie tut, ist in der Praxis sinnvoll, es verwischt aber die theoretischen Konzepte der  einzelnen  Verfahren.   Diese   sind nicht   immer   miteinander   vereinbar, sondern vertreten oft ganz gegensätzliche  Vorstellungen,  wie  beispielsweise -> Tiefenpsychologie  und -> Verhaltenstherapie.

Bei   schweren  Störungen  ist  es nicht  möglich,  die  Symptome positiv umzudeuten, es kann die KlientInnen dann nicht einmal trösten. Bei weniger schwerwiegenden  Problemen  kann  es sehr wirkungsvoll  sein,  Positives  herauszufinden und, wie in der Kognitiven Verhaltenstherapie  üblich,  es  kognitiv zu verstärken.

Die  TherapeutInnen  versuchen, mittels ihrer positiven Einstellung Vorbild   für   ihre   KlientInnen   zu   sein. Damit  besteht  aber  die  Gefahr,  daß unsichere KlientInnen sich allzu eng an die  TherapeutInnen  anschließen  und die   positive   Sichtweise   nur   deshalb übernehmen, weil das das Ziel der Therapie  ist.  Um  Abhängigkeiten vorzubeugen, brauchen die TherapeutInnen ausreichend Selbsterfahrung.

Die Positive Psychotherapie versucht vor allem zu praktischen Strategien für den täglichen Umgang mit Problemen anzuregen, eine Dokumentation über die Langzeitwirkung momentaner Erfolge fehlt. Als ergänzende Methode im Rahmen einer umfassenden Behandlung ist Positive Psychotherapie sinnvoll.

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vikas / Positive Psychotherapie nach Peseschkian
Bibliographie

 

 

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 ©    Edition VIKAS 2008