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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

NEUROLINGUISTISCHES PROGRAMMIEREN (NLP)

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich merkte, wie der Ekel in mir hochstieg. Nein, ich wollte nicht mehr rauchen! Mein Therapeut war zufrieden. Er hatte mich aufgefordert, mir den Glimmstengel intensiv als Fetisch vorzustellen. Die zweite Aufgabe war, vor meinem inneren Auge etwas Gestalt werden zu lassen, das für meine Gesundheit wichtig ist. Ich brauchte gar nicht zu überlegen — plötzlich stand das Bild einer Zahnarztpraxis vor meinen Augen! Es fiel mir ein, daß ich schon längst meine Zähne sanieren lassen sollte.
Anschließend mußte ich diese Bilder in der Vorstellung intensiv wirken lassen. Das hat tatsächlich geklappt: Mein Abscheu gegen die Abhängigkeit vom Fetisch Zigarette hat mich ein halbes Jahr lang vor dem Rauchen geschützt. In dieser Zeit habe ich mich aber zwanghaft ununterbrochen mit meinen Zähnen beschäftigt. Ich habe darin herumgestochert und sie häufig geputzt. Ich habe mir sogar alle Zahnschäden richten lassen. Immerhin, das war sinnvoll. Aber schließlich habe ich den Zahnstocher doch wieder gegen die Zigarette getauscht.
Nach: Stahl, T,: Neurolinguistisches Programmieren. Was es kann, wie es wirkt, wem es hilft. Pal Verlagsgesellschaft. Mannheim 1992


vikas / Neurolinguistische Programmieren (NLP)

Geschichte und Konzept

NLP ist die Erfindung zweier amerikanischer Sprachforscher, -> Richard Bandler (*195O) und -> John Grinder (*1940). In den 70er Jahren beobachteten sie die großen »Magier der Psychotherapie«, -> Milton Erickson, -> Fritz Perls und -> Virginia Satir,   bei   der   Arbeit,   um   das Geheimnis zu ergründen, warum sie so rasch Kontakt zu ihren KlientInnen fanden und warum sie mit nur wenigen Interventionen einen tiefgreifenden Wandel bewirken konnten. Bandler und Grinder studierten Sprache, Gestik und Körperhaltung der drei. Sie entschlüsselten die Kommunikationsmuster, zerlegten sie in ihre Bestandteile und setzten sie wieder neu zu einem System lehr- und lernbarer Techniken zusammen. Sie wollten keine neue Theorie entwickeln, sondern nur erfolgreiche Kommunikationsmodelle kopieren. NLP-Praktikerlnnen haben diese Sammlung verschiedener Techniken stetig ausgebaut.

Seit den 80er Jahren ist NLP zur Modetherapie geworden, nicht zuletzt durch geschickte Werbung mit Slogans wie »NLP - die Zauberformel für den Erfolg«. Zwar bieten nur wenige PraktikerInnen ausschließlich NLP an. Doch die meisten TherapeutInnen - gleich welcher Fachrichtung — haben im Rahmen ihrer Fortbildung schon einmal ein NLP-Seminar besucht und flechten einzelne dieser Techniken in ihre Arbeit ein.

Im deutschsprachigen Raum bieten verschiedene Organisationen, die von ihren InteressentInnen keine einschlägigen Vorkenntnisse verlangen, NLP-Ausbildung an. Die Kurse sind kompakt und straff strukturiert: Auf einen fünftägigen Basiskurs folgt ein zehntägiges Praktikertraining und das zehntägige Master-Programm. Das Zertifikat, das zur Ausübung von NLP berechtigt, erhalten Teilnehmerinnen jedoch schon, wenn sie den Praktikerlehrgang abgeschlossen haben. Sind sie nicht zur Ausübung der Heilkunde befugt, bieten sie NLP einfach als »Lebensberatung« an.

NLP   geht   davon   aus,   daß   jeder Mensch über die notwendigen Erfahrungen und inneren Kräfte verfügt, um kritische Situationen zu bewältigen. Unter bestimmten Umständen ist jedoch der Zugang zu diesen Ressourcen blockiert. Ziel der Therapie ist, die Blockaden aufzuheben. Der Name NLP sagt, wie das gehen soll: »Neuro« meint, daß alle Seelenzustände - ob Angst, Depression oder Euphorie - auf Nervenreizen und Nervenreaktionen beruhen; diese sollen »linguistisch«, also mit der Sprache, beeinflußt werden. Schließlich sollen festgefahrene Haltungen wie »Das schaffe ich nie!« durch positive Einstellungen ersetzt, also »umprogrammiert« werden.

NLP beruht darauf, daß Menschen -> konditioniert werden können — wie einst -> Pawlows Hunde: Zum Beispiel kann eine Melodie angenehme Erinnerungen an einen glücklichen Abend wecken, das Schrillen einer Schulglocke mag unangenehm an Prüfungen erinnern. Auch Gerüche oder Geschmacksempfindungen, Bilder oder Berührungen können automatisch bestimmte dazugehörige Gefühle oder Erinnerungen auftauchen lassen. Dieses Phänomen setzt NLP gezielt ein.

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vikas / Neurolinguistische Programmieren (NLP)

Therapieablauf

NLP ist stets Einzeltherapie. Um rasch in Kontakt zu kommen, wenden NLP-Therapeutlnnen Tricks an: Sie kopieren den Tonfall der Stimme ihrer KlientInnen, verwenden die gleichen Wörter und nehmen die gleiche Körperhaltung ein. Die KlientInnen bemerken das meist nicht.
In einem ersten Gespräch besprechen Klient und Therapeut gemeinsam, worin das Problem besteht. Daraufhin wird der Klient exakt mit diesem Problem konfrontiert: Er wird aufgefordert, sich möglichst lebhaft eine Situation vorzustellen, in der er nicht mehr weiter weiß und völlig blockiert ist, zum Beispiel die Führerscheinprüfung vor einer strengen Kommission. Gelingt ihm das, so verraten Mimik und Körperhaltung jene Unsicherheit und Angst, die er mit der Situation verbindet. Nun drückt der Therapeut fest auf irgendeinen Punkt am Körper des Klienten, beispielsweise am rechten Knie. Im NLP-Jargon heißt das, er »ankert« das Gefühl mit diesem Druck. Wenn der Therapeut später das Knie nochmals berührt, werden die vorher dabei empfundenen Gefühle erneut auftauchen.

Im nächsten Schritt soll sich der Klient an eine gegenteilige Situation erinnern, einen Moment, in dem ihm genau die Stärke und Sicherheit zur Verfügung stand, die ihm bei der Prüfung fehlte. Zum Beispiel kann er sich lebhaft in Erinnerung rufen, daß er erfolgreich eine steile Wand durchklettert. Sobald sich in Mimik und Körperhaltung abzeichnet, daß er ein positives Gefühl verspürt, »ankert« der Therapeut dieses durch Druck auf das andere Knie.

Im dritten Schritt gilt es für den Klienten, sich vorzustellen, er hätte in der blockierten Situation eben diese Ressourcen zur Verfügung gehabt. Was wäre anders gelaufen? Durch Druck auf beide Knie holt der Therapeut beide »geankerten« Gefühle gleichzeitig heran und erreicht, daß diese ineinander »kollabieren«: Das positive Gefühl fließt in das negative, der Block löst sich auf.

Die letzte Aufgabe ist, sich eine künftige, ähnlich blockierende Situation vorzustellen. Aus der Mimik liest der Therapeut ab, ob die Übung erfolgreich war.

NLP-TherapeutInnen bietet sich eine Vielzahl von ähnlichen Techniken, die sich danach richten, mit welcher Bildersprache Klientlnnnen ihre Gedanken oder Gefühle formulieren, was ihre Körperhaltung ausdrückt, welche Redensarten sie bevorzugen und anderes mehr.

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vikas / Neurolinguistische Programmieren (NLP)

Anwendungsbereiche

NLP wird als Krisenintervention und Kurzzeittherapie verwendet. Bei konkret benennbaren Problemen, wie etwa Phobien, treten nach wenigen Sitzungen nachprüfbare Erfolge ein. Meist arbeiten NLP-TherapeutInnen nicht öfter als vier- oder fünfmal mit Klienten.

NLP wird zunehmend häufiger auch in anderen Bereichen eingesetzt, beispielsweise in Verkaufsleiter- und Managerseminaren oder im Hochleistungssport.

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vikas / Neurolinguistische Programmieren (NLP)

Kritik

Die  NLP-Ausbildung  allein  ist keine  ausreichende  Qualifikation  für therapeutische Arbeit.

Eine Psychotherapie sollte eigent lich auf der Beziehung zwischen zwei Menschen aufbauen. NLP-TherapeutInnen  treten mit  ihren  Klientinnen  in Kontakt,   indem   sie   bloß  Techniken anwenden:  Sie kopieren  zum  Beispiel den Tonfall ihrer Klientinnen oder imi tieren deren Körperhaltung. Das reicht aus,   um   zu   den   Klientinnen   rasch Zugang zu bekommen, nicht aber, um eine  therapeutische  Arbeitsbeziehung aufzubauen.   NLP  reduziert  Therapie auf diese äußere Übereinstimmung und auf  wenige   Manipulationstechniken. Werden  diese  von  Laien  angewandt, birgt dies für KlientInnen das Risiko von Beeinflussung in sich.

NLP  ist  eine  Ansammlung  von Einzeltechniken,  die  kurzzeitig  Symptome zurückgehen lassen können. Die Ursache der Probleme wird nicht behoben.   Diese   können   sich  auf längere Sicht verschärfen.

Als typisch amerikanischer Import inszeniert sich NLP mit viel Show. TherapeutInnen agieren wie TrickkünstlerInnen. Viele KlientInnen erleben NLP als unpersönlichen, technischen Eingriff in die Seele und empfinden sich als Spielball einer Manipulation. Die formelhafte Sprache - oftmals Wort-für-Wort-Übersetzungen amerikanischer Vorbilder - klingt für viele KlientInnen künstlich und aufdringlich.

Um eine größere Eigenbeteiligung der KlientInnen zu suggerieren,  wird neuerdings auch von  »Neurolinguistischer Selbstorganisation« (NLS) gesprochen.

Die Wirksamkeit des NLP ist noch nicht ausreichend untersucht.  Nur im Rahmen  eines  klinischen  Gesamtkonzepts   kann   NLP   sinnvoll   eingesetzt werden, als eigenständiges Therapiesystem eignet es sich nicht.

 

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vikas / Neurolinguistische Programmieren (NLP)

Bibliographie

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Publikationen:

  1. Goldner C (2000) Die Psycho-Szene. Alibri: Aschaffenburg
  2. O'Connor J, Seymour J (1994) Neurolinguistisches Programmieren. VAK-Verlag für Angewandte Kinesiologie: Freiburg
  3. Bördlein C (2002) Gefärbtes Wasser in neuen Schläuchen. Das"Neurolinguistische Programmieren" (NLP). Skeptiker 15: 99-104
  4. Kossak H-C (1993) Neurolinguistisches Programmieren. In Hypnose. Ein Lehrbuch. Psychologie-Verlags-Union: Weinheim, pp 146-154
  5. The Skeptic´s Dictionary: Neuro-Linguistic Programming (NLP). http://skepdic.com/neurolin.html

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