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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

LOGOTHERAPIE und EXISTENZANALYSE nach FRANKL

| Geschichte und Konzept | Therapieverlauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Als damals mein Sohn gestorben ist, bin ich zusammengebrochen, seelisch und körperlich. Ich konnte nicht einmal mehr essen. Mir war das Leben wertlos geworden, nichts hatte noch Sinn. Auch mein Mann war mir irgendwie fremd und fern. Im Krankenhaus konnten sie mir nicht weiterhelfen, aber ein Arzt hat mich an einen Therapeuten empfohlen. Ich hatte Glück: Hier war ich genau richtig. Die Stütze, die mir dieser Therapeut gegeben hat, die Zuwendung, die guten Ratschläge; All das hat mir geholfen, weiterzuleben und es doch noch einmal zu versuchen. Ich habe mich innerlich nun von meinem Sohn verabschiedet. Es tut weh, aber ich kann ihn lassen.

 

vikas / Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl
Geschichte und Konzept

Schon als Medizinstudent in Wien setzte sich Viktor Emil Frankl (*19O5) mit der -> Psychoanalyse und der -> Individualpsychologie auseinander. Er fand aber in beiden Theorien und Methoden nicht das, was sein eigentliches Anliegen war: eine Psychologie, die Menschen hilft, den Sinn in ihrem Leben zu erkennen und zu entfalten. Philosophisch wurde er von den Arbeiten Karl Jaspers' (1883-1969) und Martin Heideggers (1889-1976) beeinflußt, die betonen, wie notwendig die innere Freiheit des Menschen ist, obwohl er in festgelegte Lebensumstände eingebunden ist. Als Psychiater richtete Frankl in den 30er Jahren Beratungsstellen zur Verhütung von Schülerselbstmorden ein.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde   Frankl   zusammen   mit   seiner gesamten Familie verschleppt. Seine Frau, die Eltern und sein Bruder wurden im KZ umgebracht. Über die entsetzlichen Erlebnisse dieser Zeit rettete er sich mit dem festen Glauben hinweg, daß das Leben trotz des größten Grauens einen Sinn haben und er ihn für sich finden müsse. Nach dem Ende der Krieges verarbeitete er seine Erlebnisse in dem vielbeachteten autobiographischen Buch »... trotzdem Ja zum Leben sagen«. Frankl war als Universitätsprofessor in Wien und als Gastprofessor an anderen Universitäten tätig. Er hielt und hält unzählige Vorträge, die zumeist begeisterten Anklang finden. In vielen Veröffentlichungen beschrieb er seine Theorie. Als »Existenzanalyse« bezeichnet man diese Forschungsrichtung der Psychotherapie, und »Logotherapie« heißt die darauf begründete Behandlungsmethode.

Seit den 80er Jahren ist die Logotherapie als Psychotherapie institutionell besonders in Nord- und Südamerika etabliert. Sie ist in Österreich und Deutschland mit nur etwa 300 Therapeuten verbreitet und in nationalen und internationalen Gesellschaften organisiert. Einige Therapeuten haben die ursprüngliche Praxis der Logotherapie erweitert: Sie verwenden Techniken anderer Richtungen und beziehen die Sphäre des Unbewußten mit ein, indem sie auch den Inhalt von Träumen, Phantasien, von Versenkung und Meditation Beachtung schenken. -> Psychodrama , -> Atem- und -> Gestalttherapie werden zur Ergänzung der Logotherapie herangezogen. Die Psychologin Elisabeth Lukas (*1942) ist eine wichtige jüngere Vertreterin der Logotherapie.

Frankl machte die -> Psychoanalyse zur Grundlage seiner Therapie. Er geht davon aus, daß es nicht nur unbewußte Triebe, Phantasien, Begierden, Wünsche und Machtstrebungen gibt, sondern auch eine »unbewußte Geistigkeit«. Diese Geistigkeit umfaßt mehrere Anteile, so das »ethisch Unbewußte«, das dem moralischen Gewissen entspricht, und das »ästhetisch Unbewußte«: das sogenannte »künstlerische Gewissen«.

Der Mensch bewegt sich nach Frankl in drei Dimensionen: Er besitzt eine körperliche Grundstruktur (biologisch­physiologisch), die Fähigkeit zu Gefühlen, Empfindungen, zum Denken und zum Austausch mit anderen im gesellschaftlichen Kontakt (psychologisch­soziologisch) und eine dritte, geistige Dimension (geistig-noetisch), die ihn erst zum empfindenden Menschen macht.

Der Kern von Logotherapie und Existenzanalyse ist die Beschäftigung mit dieser dritten Dimension. Von hier aus wird die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt und nach dem Sinn der Dinge in der Welt gesucht. Innere Festigkeit verleiht dem Menschen seine »Freiheit des Willens«. Die »unbewußte Geistigkeit« des Menschen leitet ihn zur Selbsterkenntnis. Frankl beschreibt, daß sich der Sinn des Lebens oft schlagartig und ganz unerwartet im »richtigen Moment« eröffnet. Der Mensch kann den Sinn nicht selbst herstellen. Er wird von außen gegeben, ist übermenschlich und transzendental: »vorfindlich«, wie Frankl sagt. Im therapeutischen Prozeß kann der Mensch den Sinn des Lebens und auch des Leidens finden, aber er kann den Sinn nicht mit aller Kraft willentlich erzeugen oder erfinden. Frankl geht davon aus, daß jeder Menschen Sehnsucht und »Willen zum Sinn« in sich trägt und den Wunsch hat, auf einer geistigen Ebene  über  sich  hinaus  zu  wachsen.

Wer geistig über seine Grenzen geht, findet damit letztlich zu sich. Alle Menschen tragen eine Ahnung von diesem »Sinn des Lebens« in sich. Der Sinn wird »von Gott eingehaucht«: Weisheit, Intuition und Inspiration erwachsen daraus. Die »eigentliche Existenz geschieht im Geist« (Frankl), nicht im Körper oder im Verstand. Seelisch gesund, zufrieden und glücklich ist der Mensch, dem seine geistige Existenz bewußt ist.

Störungen der seelischen Gesundheit entstehen, weil Menschen den Sinn ihres Lebens nicht erkennen. Manchen Menschen zeigt sich der Sinn ihres Lebens in einer »Sinngestalt«, einem inneren Bild, das den Sinn des Lebens offenbart. Wer sich dagegen sträubt und die Erkenntnis nicht annehmen möchte, wird daran krank. Wer nicht merkt, was er tut, gerät ebenso in eine Krise wie derjenige, der wider seine Erkenntnis nicht das tut, was er tun sollte. Wenn solche Krisen auf eine im Menschen schon angelegte körperliche oder seelische Krankheitsbereitschaft stoßen, löst das eine seelische Störung aus. Deshalb kann es in solchen Situationen auch helfen, die »Trotzmacht des Geistes« anzurufen, um wieder Sinn und damit Heilung in die verfahrene Lage des betroffenen Menschen zu bringen.

Drei Jahre dauert die Ausbildung in Existenzanalyse und Logotherapie, zugelassen für ÄrztInnen, PsychologInnen, PädagogInnen, JuristInnen und TheologInnen. Erst in einem vierten, freiwilligen Aufbaujahr wird Selbsterfahrung als »gelebte Logotherapie« angeboten: Sie besteht aus etwa dreißig Gruppengesprächen in Diskussionsform. In der Hauptsache werden in der Ausbildung theoretische Inhalte zum Menschenbild und der speziellen Methodik der Logotherapie vermittelt

Erfahrungen in anderen psychotherapeutischen Methoden, vor allem im -> Autogenen Training, werden gewünscht. Praxiserfahrung in Psychotherapie wird nicht verlangt.

 

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vikas /Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl
Therapieverlauf

Die Behandlung findet im Sitzen und als Gespräch statt. KlientInnen und TherapeutInnen besprechen die aktuellen Probleme im »Hier und Jetzt«; es wird wenig Wert darauf gelegt, die Vor- oder Kindheitsgeschichte aufzuarbeiten.

Viele KlientInnen fühlen sich deshalb in der Logotherapie so gut aufgehoben, weil die TherapeutInnen sich besonders intensiv mit ihnen solidarisieren. Diese innere Verbundenheit der TherapeutInnen mit ihren KlientInnen macht es ihnen möglich, das Leid, die Bedürfnisse und die Wünsche der KlientInnen zu erspüren, um ihnen dann wirksam zu helfen. Die TherapeutInnen verlassen sich dabei auf ihre Sensibilität und Menschenkenntnis. Die Unterstützung und Fürsorge der TherapeutInnen verhilft den KlientInnen zu größerem Selbstbewußtsein und mehr Sensibilität. So lernen KlientInnen sorgsamer mit sich selbst umzugehen und auf das »Sinnangebot der Welt« zu hören. Durch ihr wachsendes Feingefühl sollen die KlientInnen Sinngestalten erkennen und selbstverantwortlich ergreifen können.

KlientInnen, die mit Ängsten, in innerer Bedrängnis, mit Schuld- oder Schamgefühlen in die Therapie kommen, werden darin unterstützt, auch diesen belastenden Gefühlen einen Sinn abzugewinnen, damit das Leiden daran erträglich wird. Sie werden von den TherapeutInnen dazu angehalten, ihr Gewissen zu befragen, was das Positive ihres Leidens ist. Miteinander werden die inneren Werte ihres Gewissens erforscht. KlientInnen und TherapeutInnen suchen nach dem Positiven im Leiden: »Was hat dieses Leid für Gutes?« Nach Ansicht der Logotherapie gibt es immer etwas zu lernen, sogar in tiefster Not und der schlimmsten Bedrängnis.

Die TherapeutInnen haben die Aufgabe, sich beratend ihren KlientInnen zuzuwenden und sich »improvisierend« auf sie einzustellen: Da jeder Mensch einzigartig ist, muß auch für jeden die Gesprächsform einzigartig sein. Der eine muß eher seinen Verstand einsetzen, der andere eher seine Gefühle. Die menschliche Beziehung zwischen KlientInnen und TherapeutInnen dient als Funke für die »Zündung zur Selbsterkenntnis«. Das Gespräch wird als »sokratischer Dialog« geführt, in dem die TherapeutInnen die KlientInnen mit gezielten Fragen dazu anregen, über ihren bisherigen Rahmen hinauszudenken.   »Humor,  autonomes  Handeln und Güte des Herzens« werden als die drei wichtigsten Bedingungen angesehen, um das Leben zu meistern und seelische Störungen heilend anzugehen.

In der Logotherapie werden drei Techniken der Gesprächsführung besonders herausgestellt, die unter anderen Bezeichnungen auch in der -> Kognitiven Verhaltenstherapie Anwendung finden: Paradoxe Intention, Dereflexion und Einstellungsmodulation.

»Paradoxe Intention« bedeutet, daß die TherapeutInnen ihre KlientInnen dazu anregen, sich in der Phantasie die Situation, vor der sie sich besonders fürchten, ganz deutlich und lebendig auszumalen und dann auch real zu durchleben. Wer also beispielsweise Angst vor dem Alleinsein hat, sollte sich vorstellen, auf einer einsamen Insel zu leben oder sich für einige Stunden ganz allein in seine Wohnung zurückzuziehen. Der Effekt ist häufig, daß die Angst gar nicht auftritt, weil die KlientInnen erleben, daß die Realität gar nicht so schlimm ist, wie sie sich diese vorgestellt hatten. Frankl nennt das »die Neurose ironisieren«.

»Dereflexion«   bedeutet,  seine  Aufmerksamkeit von den Symptomen abzuziehen und sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Wer also beispielsweise großen Kummer hat, sollte sich bewußt in vergnügter Gesellschaft mit anderen ablenken. Dadurch werden die Symptome nebensächlich und unwichtig; sie verlieren an Gewicht.

»Einstellungsmodulation« schließlich zielt darauf, die innere Einstellung zu verändern. Wer das Leben bedrückend und sinnlos findet, sollte sich bemühen, die positiven und angenehmen Dinge im Leben zu suchen. Je mehr gute Dinge sich finden, desto eher gelangt man zu einer »aufkeimenden Güte des Herzens«, mit der sich die Welt versöhnlicher und freundlicher betrachten läßt, auch wenn sie weder schöner noch besser geworden ist. Es geht darum, sich selbst zu verändern und nicht auf die Hilfe und Veränderung der Welt zu hoffen.

Eine Behandlung mit Logotherapie dauert meistens zehn bis zwanzig Stunden, sie wird in unregelmäßigen Abständen von Tagen bis Wochen durchgeführt. Seltener sind längere Behandlungen über mehrere Jahre.

 

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vikas /Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl
Anwendungsbereiche

Logotherapie und Existenzanalyse werden zur Behandlung aller seelischen Störungen empfohlen. Sie bietet sich auch speziell zur Intervention in -> Sinn- und Existenzkrisen an. »Ärztliche Seelsorge« heißt die Logotherapie, die für unheilbar Kranke und Sterbende entwickelt wurde. Auch in den Bereichen von Erziehung, Wirtschaft und Arbeitswelt, der Rechtsprechung und Resozialisierung und der kirchlichen Dienste findet die Logotherapie Anwendung.

Viele psychosomatische Kliniken in kirchlicher Trägerschaft arbeiten mit Logotherapie.

 

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vikas /Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl
Kritik

Die Theorie der Existenzanalyse ist in sich nicht eindeutig. Es wird davon ausgegangen,  daß  jeder Mensch  Sinn suche   und   diesen   Sinn   auch   finden
könne. Dieser offenbare sich in einem Sinnerlebnis. Die Existenzanalyse sieht die Aufgabe des Menschen darin, seinen Sinn   im   Streben   nach    Kreativität, Wahrheit  und  Schönheit,   in  Geduld, Mäßigkeit und Mut, Liebe und in letzter  Konsequenz  im  Annehmen  seines Schicksals  in  Gott  zu  suchen.  Frankl lehnt es ab, seine Theorie als Philosophie  oder  Weltanschauung  gelten  zu lassen. Er sieht sie als wissenschaftlich begründetes Heilverfahren. Der Nachweis  der  Wissenschaftlichkeit  wurde aber bisher nicht geführt. So wird im Namen der Wissenschaft eine religiös getönte Weltanschauung vermittelt.

Logotherapie enthält  keine  Entwicklungs-,     Persönlichkeitsstruktur­ oder    Krankheitstheorie    außer    der Annahme, daß Neurosen durch Gewissenskonflikte,  geistige  Probleme  oder existentielle Krisen entstünden. Solche Ereignisse können Neurosen auslösen, aber müssen nicht deren Ursache sein.

Keine  Therapie  kann  ohne  Beschränkungen alle seelischen Störungen behandeln, wie es die Logotherapie von sich behauptet.

Existenzanalytikerinnen sehen ihre Aufgabe  darin,   ihre   KlientInnen  zur Erkenntnis zu führen. Da aber in der Existenzanalyse von einer individuellen Geistigkeit ausgegangen wird, können die KlientInnen den Sinn ihres Lebens eigentlich nur selbst finden. Die TherapeutInnen können im Grunde nur von ihrer eigenen Geistigkeit ausgehen. Sie werden damit zu Seelsorgern, die den KlientInnen die Inhalte einer besonderen Moral und Ethik vermitteln.

Die Anweisungen zur Gesprächsführung sind sehr vage. TherapeutInnen sind auf ihre eigene Sensibilität, Menschenkenntnis und Integrität angewiesen.  Nicht alle TherapeutInnen haben aber   »von Natur  aus«   entsprechende Möglichkeiten. Selbsterfahrung, die die Fähigkeiten   der   TherapeutInnen   am
eigenen Beispiel schulen könnte, wie es in allen anderen anerkannten Therapien der Fall ist, gibt es in der Logotherapie nur als freiwillige Zusatzveranstaltung und mit geringer Stundenzahl erst am Ende der Ausbildung. KlientInnen können sich deshalb bei nicht integren TherapeutInnen  der  Beeinflussung  ausgesetzt sehen.

Auch  empörendste  Ungerechtigkeiten sollen, wenn sie scheinbar nicht zu  ändern  sind,   in  der  Therapie  auf ihren Sinn befragt werden. Wenn die Methode   nicht   kritisch   angewendet wird, kann sie dazu führen, daß KlientInnen sich in unerträgliche Lebensumstände einfügen, statt nach Möglichkeiten zu suchen, sie zu verändern.

 

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vikas /Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl
Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008