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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

KATATHYMES BILDERLEBEN (KB)

| Geschichte und Konzept | Therapieverlauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie/Ergänzungen |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Am Tag, als sie mich in das neue Büro versetzten, fingen die Herzschmerzen an. Ich war immer schon ein eher gehemmter Mensch, die Veränderung machte mir angst, ich hatte mir für meinen Tagesablauf gewisse Rituale angewöhnt, und mein Arbeitsplatz war immer penibel geordnet. Und nun? Neue Kollegen, ein anderer Tagesablauf - meine gewohnte Ordnung zerstört.
Mein Hausarzt schickte mich zum Katathymen Bilderleben. Auf Träume hatte ich nie etwas gegeben: Träume sind Schäume. Aber allmählich merkte ich doch, was alles in mir steckt, was da herausquoll an Phantasien; auch meine Frau war ganz erstaunt, wenn ich ihr davon erzählte. Ich wurde innerlich beweglicher, da sind auch viel mehr Gefühle lebendig geworden! Das war für mich das Wichtigste an der Therapie. Jetzt kann ich mit Veränderungen etwas besser umgehen.

 

vikas /Katathymes Bilderleben
Geschichte und Konzept

Imagination und Traumbild sind uralte Techniken, um »geheimes Wissen« zu erforschen. Schon in der altägyptischen Kultur wurden Traumbücher angelegt, in denen Traumgestalten religiös und magisch als Prophezeiungen gedeutet werden. Seit den Anfängen der -> Psychoanalyse werden Träume und Phantasiegestalten als Ausdruck des Unbewußten verstanden, und es wird versucht, die Bildwelt der Träume und Tagträume systematisch für Diagnose und Behandlung seelischer Störungen zu nutzen.

Der Psychiater und Psychoanalytiker Hanscarl Leuner (* 1919) begann in den frühen 50er Jahren, spontane Tagträume seiner KlientInnen zu erforschen und eine Technik zu entwickeln, mit der er KlientInnen zu Tagträumen anleiten konnte. Dazu setzte er auch LSD ein (-> Psycholytische Therapie, weil er meinte, daß die durch die Droge hervorgerufenen Halluzinationen und Traumbilder den seelischen Zustand seiner KlientInnen verstärkt widerspiegelten. Diese Versuche mußte er abbrechen, als sich herausstellte, daß LSD abhängig macht. Leuner nannte sein angeleitetes Tagträumen Katathymes Bilderleben. Anders als andere Tagtraumverfahren ist es leicht zu lernen und zu verstehen. Das hat sicher dazu beigetragen, daß es so erfolgreich geworden ist. Der Name dieser Therapie ist aus dem Griechischen »katä« für »gemäß« und »thymos« für »Seele, Gefühl« gebildet.

In den deutschsprachigen Ländern ist das Katathyme Bilderleben weit verbreitet. Das hat einerseits mit seiner klaren Systematik, andererseits mit seiner Verbindung zur -> Tiefenpsychologie als klassischer Psychotherapiemethode zu tun. Außerdem ist es ein Kurzzeit- und Kriseninterventionsverfahren, das schon innerhalb weniger Sitzungen —15 bis 30 Stunden - Erfolge zeigen kann.

Die Ausbildung der TherapeutInnen erfordert — wie bei allen von den Kassen anerkannten Psychotherapieverfahren — eine Selbsterfahrung von mehreren hundert Stunden, tiefenpsychologische Theorie und Technik sowie die kontrollierte (supervidierte) Behandlung mehrerer KlientInnen. Die Ausbildung, der sich hauptsächlich PsychologInnen und ArztInnen unterziehen, dauert etwa drei Jahre und schließt mit einem staatlich anerkannten Zertifikat ab.

Das spiegeln innere Bilder

Das Katathyme Bilderleben geht davon aus, daß Bilder, die vor dem inneren Auge vorbeiziehen, Gefühle und unbewußte Konflikte spiegeln. Dieser »innere Film« läuft bei jedem Menschen während des Tages ab, meist allerdings unbemerkt. Wenn man sich darauf konzentriert, lassen sich die Bilder jedoch bewußtmachen. Tagträume unterliegen den gleichen Prinzipien wie Nachtträume, das heißt, KlientInnen können sie - mit Hilfe von TherapeutInnen - im Zusammenhang mit ihrer ganz persönlichen Geschichte deuten und verstehen. Häufig erschließt sich den Tagträumenden der symbolische Sinn aber auch ganz von selbst.

Beim Katathymen Bilderleben geht es darum, sich unbewußte Konflikte bewußt zu machen, mit den TherapeutInnen durchzusprechen, dann die innere Einstellung zu verändern und damit die Konflikte zu lösen. Das ist nur mit Hilfe anschließender therapeutischer Gespräche möglich.

Die Therapie des Katathymen Bilderleben wird in drei Stufen praktiziert. Man unterteilt die Therapie in Unter-, Mittel- und Oberstufe.

 

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vikas / Katathymes Bilderleben
Therapieverlauf

Zu Beginn der Therapie schildern die KlientInnen ausführlich ihre Lebensgeschichte und die Beschwerden und Probleme, die sie zur Therapie geführt haben. KB-Therapeutlnnen legen großen Wert darauf, von ihren KlientInnen zu hören, wie sie sich selbst ihre Schwierigkeiten erklären und welche Hilfe sie sich wünschen.

Für Katathymes Bilderleben werden meist zwei bis drei Sitzungen von 50 Minuten Dauer in der Woche empfohlen. In den ersten 15 bis 40 Minuten wird »gebildert«, der Rest der Stunde dient dem deutenden Gespräch. Für das »Bildern« (Imaginieren) setzen oder legen sich die KlientInnen bequem hin. Zu Beginn der Stunde brauchen sie meist etwas Zeit, um sich »einzufinden« und zu entspannen. Die Therapeutin oder der Therapeut sitzen neben den KlientInnen. Damit demonstrieren sie, daß sie ihnen während der Behandlung Unterstützung geben wollen.

Dann geben die TherapeutInnen entweder eines der Bilder vor, oder sie fordern die KlientInnen zu freiem Phantasieren auf. Die KlientInnen überlassen sich mit geschlossenen Augen nun ganz den Bildern, die vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Jeder ist dabei »Regisseur« seines eigenen inneren Films. Nach einiger Zeit sind diese Vorstellungen der Phantasie und des Unbewußten nicht mehr willentlich zu beeinflussen, sondern laufen autonom ab. Schon während des KB sprechen die KlientInnen laut aus, was sie sehen, wie es sich anfühlt, was innerlich passiert. In diese sogenannte Erlebnisphase mischen sich die TherapeutInnen nicht ein, sie signalisieren höchstens kurz, daß sie noch da sind und die KlientInnen begleiten.

Leuner hat verschiedene Standardmotive für das KB zusammengestellt, die in den Tagträumen vieler Menschen auftauchen. Manche Bilder lassen sich symbolisch verstehen, wie »Haus«, »Wiese« oder »Bach«. Andere Bilder regen das Unbewußte an, wie »Sumpf«, »Höhle« oder »Waldrand«. Wieder andere enthalten Themen, die mit persönlichen Beziehungen zu tun haben, wie das spontane Nennen eines Namens oder das Partnerbild.

Nach dem Imaginieren besprechen KlientInnen und TherapeutInnen die Erlebnisse miteinander. Indem die KlientInnen laut aussprechen, was sie gesehen und empfunden haben, werden sie sich ihrer Gefühle bewußter. Sie lernen, die inneren Bilder als die eigenen anzunehmen oder sie bewußt abzulehnen. Oft sehen sich die KlientInnen in der Therapie auch unangenehmen Gefühlen ausgeliefert, müssen sie durchleben und durchleiden. KlientInnen können sich auf ihrer Traumreise selbst sehen, ihr Handeln und Verhalten beobachten und vielleicht ein ganz neues, bisher fremdes Bild von sich selbst erkennen. Die Deutung, die die TherapeutInnen anbieten, zeigen neue Wege auf und helfen den KlientIinnen, nachsichtiger mit sich umzugehen und die eigene Persönlichkeit besser zu verstehen.

Standardmotive der Grundstufe und ihre häufigsten Bedeutungen

 

Standardmotive der Oberstufe

 

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vikas / Katathymes Bilderleben
Anwendungsbereiche

Katathymes Bilderleben wird bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen als Kurztherapie eingesetzt. Die AnwenderInnen empfehlen es besonders zur Behandlung von Krisen, bei Zwangsneurosen, depressiven Zuständen, psychosomatischen Beschwerden, seelisch ausgelösten Sexualstörungen, Beziehungs- und Familienproblemen. Häufig wird KB mit -> Tiefenpsychologisch orientierter Psychotherapie, -> Analytischer Psychologie oder -> Gestalttherapie kombiniert.

KB ist in Deutschland und Osterreich anerkannt, in der Schweiz dagegen nicht.

 

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vikas / Katathymes Bilderleben
Kritik

KB setzt relativ schnell tiefempfundene Gefühle frei, weil es das Vor- und Unbewußte anspricht. Bei Menschen mit schweren Depressionen, Ängsten und Schizophrenie kann das die Beschwerden verschlimmern und zu akuten Psychosen führen.

Nur qualifiziert ausgebildete TherapeutInnen sind in der Lage, mit dem in den KlientInnen aufsteigenden Konfliktmaterial umzugehen. Nicht immer haben KB-Anwenderlnnen eine ausreichende Ausbildung.

Die gesellschaftlichen Vorstellungen, die hinter dem Katathymen Bilderleben stehen, sind deutlich von den 50er Jahren gezeichnet. Sexualität wird heute nicht mehr dadurch assoziiert, daß sich Männer das »Brechen einer Rose« und Frauen das »Mitgenommenwerden im Sportwagen« vorstellen. Dennoch lassen sich gewisse Schlüsse aus den Phantasien der KlientIinnen ziehen.

Die Wirksamkeit des KB ist noch nicht ausreichend untersucht. Katathymes Bilderleben eignet sich bei leichteren neurotischen und psychosomatischen Beschwerden, um eine tiefenpsychologische oder humanistische Therapie zu begleiten. Es ist aber nicht geeignet zur alleinigen Behandlung von seelischen Störungen.

 

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vikas / Katathymes Bilderleben
Bibliographie / Ergänzungen

C. Goldner: " Die Psychoszene" , Alibri Verlag, Aschaffenburg 2000:

Zitat: (S. 310)
"..selbst in der Hand „ordentlich” qualifizierter KB-Therapeuten kann das Verfahren nicht den Versprechungen genügen, unter denen es antritt. Obgleich KB bereit seit über 40 Jahren betrieben wird und seit Jahren als kassenanerkanntes Verfahren gilt, liegen bis heute nur 2 (!) Effizienzstudien vor. Die eine davon legt eine Wirksamkeit bei der Behandlung von psychosomatischen Störungen und Angstzuständen nahe, ermangelt aber eines Kontrollgruppenvergleiches, die andere zeigt lediglich, daß in der Behandlung von Phobikern kein Unterschied zu Systemischer Desensibilisierung besteht. Die Befundlage, wie Therapieeffizienzforscher Klaus Grawe feststellt, ist „nicht eben eindrucksvoll”. All die Behauptungen, KB habe sich als besonders geeignet erwiesen zur Behandlung von „charakterneurotischen Anpassungsstörungen, Zwangsneurosen, narzißtischen Störungen, Herzneurosen, Magersucht” etc., entbehren jeden ernsthaften Belegs."

Köthke/Rückert/Sinram: "Psychotherapie - Psychoszene auf dem Prüfstand", Hogrefe-Verlag, Göttingen 1999

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