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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

INTEGRATIVE THERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieverlauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich hatte schon seit Jahren immer wieder Juckreiz. Keiner konnte mir weiterhelfen, der Internist fand nichts, die Hautärztin auch nicht. Ich war oft so verkrampft, so angespannt, daß mir die Schultern und der ganze Rücken weh taten. Sicher, ich hatte die Verbrennungsnarben, von damals, als ich als Baby den Unfall hatte, aber die Narben konnten doch nicht so jucken! Ich begann eine Integrative Therapie, weil ich das Gefühl hatte, da, wo Körper und Seele gleichermaßen viel gelten, könnte ich gut aufgehoben sein, Und so war es: Gerade die Sitzungen, in denen ich am Körper arbeitete, waren überwältigend. Ich weiß nun, daß es kein Unfall war: Mein Vater hat mich in einem seiner vielen Wutanfälle mit heißem Wasser begossen! Ohne die Therapeutin hätte ich diese grauenvolle Erkenntnis wohl nicht überlebt: Sie war da, sie hielt mich fest wie ein Baby, wenn ich es brauchte, stützte mich und arbeitete im Gespräch mit mir auf, was das alles heute für mich bedeutet. Ich habe noch ein weites Stück Weg zu gehen.

 

vikas / Integrative Therapie
Geschichte und Konzept

Die Integrative Therapie wird seit Mitte der 60er Jahre von dem Düsseldorfer Psychologen, Theologen, Philosophen und Professor für Klinische Bewegungstherapie an der Freien Universität Amsterdam Hilarion Petzold (*1942) zusammen mit seinen Mitarbeiterinnen entwickelt. Schon als Kind hat Petzold Puppentheater gespielt, Tagebücher und Gedichte geschrieben und illustriert. Seine Mutter, eine Düsseldorfer Schriftstellerin, förderte diese kreative Seite in ihm; sein Vater, ein Saatgutexperte, brachte ihm die Natur nahe. Petzold ging zum Studium der Theologie nach Paris. Während seines Studiums beschäftigte er sich auch mit Philosophie und Psychotherapie. Maurice Jean Jaques Merleau-Ponty (1908-1961), ein berühmter französischer Existentialist und Phänomenologe (-> Daseinanalyse), und die Philosophen Gabriel Honore Marcel (1889-1973), Michel Foucault (1926-1984) und Paul Ricceur (*1913) wurden ihm zu wichtigen Vorbildern. Petzolds Auseinandersetzung mit dem Verständnis von »Leiblichkeit« rührt von Marcel her. Über die Begegnung mit dem russischen Psychologen, Arzt und Philosophen Vladimir Nikolajewitsch Iljine (1890-1974) lernte Petzold das »therapeutische Theater« kennen; bei dem Arzt und Psychiater Jacob Levy Moreno (1889-1974) vertiefte er seine Kenntnisse im -> Psychodrama. In den USA befaßte sich Petzold mit den aktuellen Humanistischen Therapieformen und mit verschiedenen Varianten der -> Körperarbeit. Petzold hatte schon seit Jugendjahren -> Aikido ) und -> Eurythmie betrieben. Auch die vom Psychiater und Analytiker Sändor Ferenczi (1873-1933) beeinflußte -> ungarische Psychoanalyse lernte Petzold kennen: Er machte eine Lehranalyse in dieser aktiven Form der Therapie, die auch Körperberührung mit einschließt.

Seine vielfältigen Erfahrungen und Interessen brachten Petzold dazu, eine Integration der verschiedenen Richtungen zu versuchen und dieser Form der psychotherapeutischen Arbeit gleichzeitig ein wissenschaftliches Fundament zu verleihen.

Integrative Therapie ist darauf ausgerichtet, den Menschen als Ganzheit zu erfassen und entsprechende Therapieangebote zu machen. Sie stützt sich dabei auf die Erkenntnisse der -> neueren Psychotherapieforschung, die zeigen, daß die meisten Therapieverfahren gemeinsame Grundlagen, aber auch ihre -> spezifischen Wirkfaktoren haben, und daß durch eine Kombination dieser Faktoren eine zu einseitige Ausrichtung der Therapie vermieden werden kann. Petzold versucht, in der Integrativen Therapie Theorie und Praxis aus -> Psychoanalyse, -> Gestalttherapie, -> Psychodrama, -> Körpertherapien und -> Kognitiver Verhaltenstherapie zusammenzuführen. Es soll nicht unreflektiert ein Verschnitt der genannten Therapien (Eklektizismus) entstehen, sondern eine übergreifende systematische Theorie erstellt werden.

Die Ausbildung in Integrativer Therapie verläuft berufsbegleitend über mindestens fünf Jahre. Zugelassen werden Personen aus psychosozialen Berufen, aus Pädagogik und Heilpädagogik, Sozialarbeit, Pflege und Medizin. Sie umfaßt über 1.000 Stunden Theorie und Praxis und etwa 500 Stunden praxisorientierte Selbsterfahrung durch Lehranalyse und Supervision. Im deutschen Sprachraum arbeiten einige hundert Fachleute nach dieser Ausrichtung.

Leib und Seele

Das Wesen des Menschen zeichnet aus, daß er Leib und Seele hat und ein leiblich-seelisches Leben führt. Er besitzt sowohl bewußte als auch unbewußte Strebungen und Empfindungen. Er steht von der ersten Minute seines Lebens an im Austausch mit seiner Umwelt und den Mitmenschen. Viele Eindrücke nimmt der Mensch über seinen Körper auf, speichert sie in seinem »Leibgedächtnis«. Menschen drücken sich mit Gesten aus, setzen ihren Körper schöpferisch ein, beispielsweise im Tanz, und handeln mit Hilfe ihres Körpers.

Entwicklung und  Persönlichkeit

Entwicklung des Menschen ist ohne Austausch mit anderen nicht denkbar: »Mensch wird man durch den Mitmenschen« (Petzold). Die Erkenntnisse der -> modernen Säuglingsforschung liefern hierfür die theoretischen Grundlagen. In allen Lebensaltern finden Austausch und Entwicklung statt: Sie ist keinesfalls mit dem frühen Erwachsenenalter abgeschlossen. Seelische Verletzungen und Kränkungen der frühen Kindheit können durch die Erfahrungen späterer Jahre verarbeitet und wettgemacht werden.

Die Erfahrung, mit sich selbst »eins« zu sein (Identität), beginnt schon im Mutterleib. Petzold spricht vom »archaischen Leib-Selbst« des Ungeborenen: Der Fötus spürt, erfährt und erinnert sich über den Körper, den Leib. Gegen Ende des ersten Lebensjahres entsteht das »reflexive Ich«: Das Kind sieht sich selbst bewußt als eigenständigen Menschen und nutzt die Reaktionen seiner Mitmenschen, um seine persönliche Identität auszubilden. Diese Identität verändert sich im Laufe des Lebens. Die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Menschen leben und die ihnen Rollen zuschreiben, haben hieran ebenso Anteil wie die persönlichen Erfahrungen des Menschen und die Konsequenzen, die er daraus zieht.

Da Menschen immer in sozialen Bezügen leben, in Familien, Lebensgemeinschaften, Arbeits- und Freizeitgruppen eingebunden sind, stehen sie auch unter dem Einfluß dieser verschiedenen Gruppen.  Gute und glückliche Beziehungen fördern die Entwicklung eines Menschen und ermöglichen kreative Entfaltung; ebenso aber können Beziehungen hemmen, verletzen und schädigen.

Seelische Gesundheit und  Störungen

Die Integrative Therapie stützt sich auf moderne Erkenntnisse der Entwicklungsforschung, die nachweisen, daß es im Verlauf des ganzen Lebens Erfahrungen und Erlebnisse geben kann, die durch ihre Häufung so eingreifend, kränkend und verletzend sind, daß sie Krankheiten und Störungen auslösen. Dazu gehören andauernder Streß durch Überforderungen, Mangelerlebnisse, Ungewißheit, Unterdrückung von Gefühlen und Konflikte. Ebenso kann aber der Mensch auch ein Leben lang immer wieder auch Erfahrungen machen, die positiv und schützend sind und damit kleinere frühere Verletzungen heilen (-> Psychosomatik). Jeder Mensch erlebt seine eigene individuelle Entwicklung und Lebensgeschichte (Biographie) mit individuellen Belastungen und Störungen vor dem Hintergrund seiner sozialen Beziehungen und der Umwelt, die ihn umgibt. In der Integrativen Therapie wird darauf besonderer Wert gelegt. Deshalb gibt es kein starres allgemeingültiges Schema für die Entstehung von Krankheiten und Störungen.

 

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vikas /Integrative Therapie
Therapieverlauf

Integrative Therapie wird für Kinder und Jugendliche, Erwachsene, alte Menschen, Sterbende (-> Thanatotherapie) und Paare als Einzel-und Gruppentherapie angeboten.

Integrative Therapie bezieht Methoden verschiedener humanistischer, körpertherapeutischer (-> Integrative Leib- und Bewegungstherapie) und -> kreativer Therapieverfahren ein und führt Gespräche in Gruppen oder einzeln durch, wie in der -> Gestalttherapie üblich.

Besonders wichtig ist die vertrauensvolle, einfühlende (empathische) und stützende Beziehung zwischen TherapeutInnen und KlientInnen. Den KlientInnen verhilft eine solche therapeutische Atmosphäre dazu, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, sie in einem angemessenen Medium — über Sprache, Musik, Malen, Bewegung, Körperkontakt — auszudrücken und zu reflektieren. In der Integrativen Therapie geht es nie darum, sich ausschließlich auszuleben (agieren), sondern am Schluß jeder Sitzung steht der Versuch zu verstehen, was geschehen ist. Ohne darüber nachzudenken, warum bestimmte Gefühle auftauchen, welche Bedeutung sie im »Hier und Jetzt« haben, welche vergangenen Erlebnisse dahinterstehen und wie mit den heutigen Erfahrungen die Zukunft gestaltet werden könnte, kann die Therapie nicht erfolgreich sein.

Im Verlauf einer gesamten Therapie, aber auch in den einzelnen Sitzungen spüren die KlientInnen verschiedene Stufen der Vertiefung (Tiefung) ihrer Empfindungen und ihres Wissens um sich selbst. Meist beginnt eine Stunde damit, daß die KlientInnen über etwas nachdenken (reflektieren), die TherapeutInnen leiten sie dazu an, Vorstellungen und die Gefühle, die ihr Problem begleiten, hochkommen zu lassen und sich zu erinnern, woher sie diese Gefühle kennen. Diesen Prozeß kann Malen oder Gestalten mit verschiedenem Material fördern. Erinnerung kann in Szene gesetzt werden mit Techniken des -> Psychodramas oder des -> Puppenspiels. Die aufkommenden Empfindungen lassen sich noch vertiefen, indem sich die KlientInnen ganz in dieses Gefühl hineingeben und es sich auch in ihrem Körper ausbreiten lassen. Dies kann von den TherapeutInnen noch durch bestimmte Berührungen oder durch Anleitung zu bestimmten Körperhaltungen unterstützt werden. Schließlich kommt es zur »autonomen Körperreaktion«: Das Gefühl wird körperlich spürbar und schafft sich Platz: Wut, Trauer, Schmerzen oder Freude brechen hervor. Im anschließenden Gespräch wird über das Geschehene reflektiert.

Mit Hilfe verhaltenstherapeutischer Techniken erproben die KlientInnen modellhaft neues Verhalten.

Vier Wege führen nach Ansicht der Integrativen Therapie zur Heilung: Sinnerfahrung und Einsicht in das Problem, »korrigierende emotionale Erfahrungen« und »Nachnähren« zeigen den KlientInnen, daß »hier und heute« bessere Erfahrungen gemacht werden können als früher; neu erwachende Kreativität verhilft zu schöpferischen, alternativen Erfahrungen, und die Erfahrung von Solidarität in der Gruppe hilft, Einblick in gesellschaftliche Bedingungen zu bekommen.

 

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vikas /Inegrative Therapie
Anwendungsbereiche

Integrative Therapie wird zur Behandlung von -> Neurosen, -> psychosomatischen Störungen, -> Psychosen sowie -> Alkohol- und Drogenabhängigkeit eingesetzt. Zur Begleitung von Menschen mit seelischen -> Alterskrankheiten und -> unheilbaren und chronischen Krankheiten, in der Rehabilitation, in Selbsthilfegruppen und zur Selbsterfahrung ist Integrative Therapie geeignet.

 

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vikas / Integrative Therapie
Kritik

Es gibt Hinweise darauf, daß Integrative Therapie ein wirksames Verfahren ist, noch fehlt aber die wissenschaftliche Absicherung.

Integrative Therapie begreift sich selbst  als  Therapie  und  Theorie   »im Fluß«. Sie hat bewußt kein starr fixiertes Theoriegebäude aufgestellt, das
Konzept   läßt   keine   Differenzierung nach  bestimmten  Störungen  zu.   Das wird ihr von Kritikern vorgeworfen.

Für die Körperarbeit der Integrativen Therapie gelten die gleichen Risiken wie für andere Körpertherapien.

 

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Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008