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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

INTEGRATIVE BEWEGUNGS- UND LEIBTHERAPIE (IBT)

| Geschichte und Konzept | Therapieverlauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich hätte nicht gedacht, was mein Körper mir alles erzählt und was dabei alles zutage kommt. Es war wie ein Abenteuer: spannend, beängstigend und bereichernd. Dass ich manche Episode aus meinem Leben einfach vergessen konnte - das kann ich nicht fassen. Ein leichter Druck an einer bestimmten Körperstelle brachte die Erinnerung zurück wie einen Blitz. Es dauerte eine Weile, bis ich die Erschütterung verdauen konnte. Ich habe gelernt, in mich hineinzuhorchen und das, was ich empfinde, ernst zu nehmen. Ich «wohne» endlich in meinem Körper und kann das Leben viel mehr genießen.

 

vikas / Integrative Bewegungs- und Leibtherapie (IBT)
Geschichte und Konzept

IBT verbindet Bewegungsarbeit mit Leibtherapie. Sie wurzelt im experimentellen Theater des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Der russische Theaterpionier Konstantin Stanislawski (1863-1938) hatte für seine SchauspielerInnen Übungen ausgearbeitet, mit denen sie ihren eigenen Körper besser erfahren konnten. Diese Übungen lernte der Mediziner, Philosoph und Psychotherapeut Vladimir Iljine (1890-1974) bei ihm kennen und bezog sie in seine therapeutische Arbeit ein, zu der bereits eine Vielzahl an Körper-, Atem- und Bewegungstechniken gehörten. All dieses verband er mit Ansätzen seines Lehranalytikers Sändor Ferenczi (1873-1933), dem der Leib als »Ort der Wahrheit« galt, und bezeichnete seine Arbeit fortan als »Therapeutisches Theater«. Der Psychotherapeut und Heilpädagoge Hilarion G. Petzold (*1944) erweiterte diesen Ansatz um Elemente aus der -> Atemtherapie, dem -> Psychodrama und der -> Gestalttherapie. Daraus entwickelte er in den späten 60er Jahren die IBT (s.a. -> Integrative Therapie, die er auch »Thymopraktik« nannte. Thymos ist der griechische Begriff für »Lebensenergie«.

IBT beziehungsweise Thymopraktik wird heute in Kliniken, Rehabilitationszentren sowie in der Heilpädagogik eingesetzt. Seit 1989 gibt es eine Berufsvereinigung mit mehr als 150 Mitgliedern. Die IBT-Ausbildung ist am Fritz-Perls-Institut in Düsseldorf möglich, als Voraussetzung gilt ein abgeschlossenes medizinisches oder psychosoziales Studium. Sie dauert vier Jahre und wird mit einem Zertifikat abgeschlossen. An der Universität Amsterdam besteht ein eigener IBT-Studiengang.

Die IBT sieht den Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele, als Teil seines sozialen und ökologischen Umfelds in seiner Zeit. All dies umfaßt der Begriff »Leib« im Sinne der IBT. Das »Leibgedächtnis« speichert und erinnert alle Lebensereignisse: Störungen in der frühen Kindheit, noch vor der Zeit, in der das Kind sprechen konnte, verhindern, daß der Mensch eine angemessene Beziehung zu seinem Leib entwickelt und ein selbstbewußtes »Ich« mit prägnanten Grenzen aufbaut. Die Theorie der IBT besagt, daß solche Störungen nicht allein mit Hilfe des Gesprächs behandelbar sind. Auch der Leib muß erschlossen werden: Erst wenn KlientInnen ihren Leib wachsam wahrnehmen, können sie ihre verschütteten Gefühle und verdrängten Erinnerungen finden. Und erst wenn sie sie auch mit dem Leib ausdrücken können, haben sie die Chance, sie aufzuarbeiten. IBT-Therapeutlnnen bieten sich ihren KlientInnen in der Therapie als »neue liebevolle Eltern« an, um einen ursprünglichen Mangel an Zuwendung aufzuwiegen.

KlientInnen erleben in der Therapie gleichzeitig Körperempfindungen und emotionale Erfahrung. Wenn der Zusammenhang dieser Empfindungen mit den Lebensereignissen offenbar wird, kommt es zu einem intensiven, spontanen Gefühl von Klarheit (vitale Evidenz). Aufgrund dieses Einblickes ist es KlientInnen möglich, ihr Handeln neu auszurichten.

 

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vikas / Integrative Bewegungs- und Leibtherapie (IBT)
Therapieverlauf

IBT-Therapeutlnnen erstellen eine klinische Diagnose, bei der die eigene Wahrnehmung der KlientInnen eine bedeutende Rolle spielt.

Von Therapeutin oder Therapeut aufgefordert, richten die KlientInnen ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperregionen (gelenkte Wahrnehmung) und spüren aufmerksam dem nach, was sie dort fühlen. Dann lenken sie gezielt ihren Atem in diese Körperregionen und berühren den Bereich mit den Händen. Sie sind ganz auf das Körpergeschehen konzentriert, ihr Atem strömt ruhig. Nun erforschen und erproben sie neue Möglichkeiten zu atmen und sich mit der Stimme auszudrücken. Entspannungs- und Haltungsübungen schließen sich an, um die innere Spannung zu lösen und die Haltung zu korrigieren. Damit wächst auch die Fähigkeit, Empfindungen wahrzunehmen. Improvisationen mit verschiedenen Bewegungen - ähnlich wie beim KBT - fördern das Gefühl für die Orientierung in Raum und Zeit.

Anfänglich scheuen sich die meisten Klientinnen, ihre Gefühle mit Gebär­den und Stimme auszudrücken. Doch nach einiger Zeit, in der Musik und Tanz sie dazu angeregt haben, trauen sie sich weiter vor. Allmählich wagen sie Zorn, Schrecken, Scham, Ekel, Freude, Trauer oder Übermut zu zeigen. Das wiederum stärkt ihr Selbstvertrauen und macht Mut, mit anderen Kontakt aufzunehmen. Durch Übungen, bei denen sie innere Bilder phantasieren, lernen die KlientInnen, Gefühl und passenden Ausdruck deutlicher wahrzunehmen, den Körper als zu sich gehörig, als »Leib, der ich selbst bin«, zu empfinden.

Das Kernstück der Leibtherapie ist die Thymopraktik. Diese Arbeit wird zum Teil auf der Matte durchgeführt. Der Therapeut berührt den Leib des Klienten an bestimmten, meist verspannten Stellen, um die Erinnerung anzuregen und Szenen aus früher Zeit ins Gedächtnis zu rufen. Der Therapeut kann auch dazu anregen, bestimmte Körperhaltungen einzunehmen, um Lebenserinnerungen zu wecken. Nun gilt es, diese Szenen nochmals — in der Phantasie oder real - durchzuspielen. Auf diesem Weg und im abschließenden Gespräch können schädigende Erfahrungen gedeutet und durchgearbeitet werden. Zuletzt werden alternative, positive Erlebnisse angeregt und neue Verhaltensweisen eingeübt.

Gearbeitet wird in der Gruppe und in Einzelstunden, üblicherweise einmal pro Woche. Die Dauer der Behandlung hängt von der Schwere der Störung ab.

Hat man eine thymopraktische Leibtherapie durchlaufen, so kann man bei Bedarf später mit der dabei erlernten Methode der gelenkten Wahrnehmung eigenständig arbeiten.

Der Schreibkrampf

Ein 29jähriger Sozialarbeiter begibt sich wegen häufiger schmerzhafter Schreibkrämpfe und Sehnenscheidenentzündungen in Behandlung. Er nimmt an der IBT-Gruppentherapie teil und absolviert zudem noch Einzelstunden. In der dritten Sitzung liegt er auf der Matte, er soll seine Hände auf den Bauch legen und den Atem in diese Körperregion lenken. Plötzlich beginnen seine Unterarme heftig zu zittern. Das Zittern läßt sich nicht beeinflussen und nicht erklären. In der nächsten Zeit träumt er viel, kann sich jedoch nicht an die Trauminhalte erinnern. Endlich gelingt ihm in einer Therapiestunde eine tiefe, entspannte Bauchatmung. Nun wird er aufgefordert, die Arme ganz langsam zu heben, was er als ungeheure Anstrengung empfindet. Plötzlich läßt er die Arme fallen und bricht in heftiges Schluchzen aus; dem Therapeuten berichtet er, daß er sich gekränkt und gedemütigt fühlt, ohne jedoch zu wissen, warum. Nach dieser Therapiestunde bleiben die Schreibkrämpfe aus.

Eines Nachts träumt der Mann von einem toten Mädchen, das nackt vor ihm liegt. Als er später in der Therapie abermals die Arme langsam heben soll, stöhnt er auf und schlägt auf die Matte ein, bis er erschöpft niedersinkt: Nun erinnert er sich plötzlich, daß er im Alter von dreizehn Jahren seiner Schwester an die Kehle gegangen war. Sie hatte ihn oft unterdrückt und verpetzt; ihretwegen wurde er zurückgesetzt und mußte häufig Schläge einstecken. Nach dem Zwischenfall kam er ins Internat. In den Gesprächen mit dem Therapeuten erkennt er, daß seine Freundin ihn ähnlich unterdrückt wie einst seine Schwester. Die Schreibkrämpfe gehen zwar zurück, treten aber doch manchmal wieder auf. Erst als sich der Mann von seiner Freundin trennt und eine neue Beziehung mit einer weniger dominanten Frau eingeht, bleiben sie ganz aus.

 

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vikas / Integrative Bewegungs- und Leibtherapie (IBT)
Anwendungsbereiche

IBT eignet sich zur Behandlung von Neurosen, von frühen Störungen und psychosomatischen Erkrankungen; zur Aufarbeitung von Unfall-, Operations- oder Mißhandlungstraumata; zur Behandlung von Kindern; zur heilpädagogischen Förderung körperlich oder geistig Behinderter, zur Entlastung alter, pflegebedürftiger Menschen und zur Behandlung und Vorbeugung von Suchterkrankungen.

Schmerzhafte Interventionen am Körper werden von der Thymopraktik abgelehnt. Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind von bestimmten Atemtechniken ausgenommen.

Menschen mit sexuellen Zwangsvorstellungen oder massiver Konversionsstörung können in eine akute Krise geraten, wenn man sie körperlich berührt. Darum verzichten qualifiziert ausgebildete TherapeutInnen bei ihnen auf die körperliche Berührung.

IBT-Therapeutlnnen respektieren -im Unterschied zu manchen anderen Leibpsychotherapien - die Schamgrenzen der Klientinnen; Brüste und Genitalbereich berühren sie nicht.

 

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vikas / Integrative Bewegungs- und Leibtherapie (IBT)
Kritik

Da es sich bei Thymopraktik um ein rasch und tief eingreifendes Verfahren handelt, bedarf es einer besonders qualifizierten Ausbildung. Mangelhaft ausgebildete TherapeutInnen können eventuell auftretende Krisen nicht auffangen.

 

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Bibliographie

 

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