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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

HYPNOTHERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Der Therapeut sprach leise und eindringlich: »Sie atmen, ruhig und entspannt...« Es war, als ob er sich allmählich entfernte. Bald kam ich mir entrückt vor. Ich kann mich kaum daran erinnern, worüber er gesprochen hat, aber ich sehe noch deutlich das Bild einer wunderbaren Berglandschaft vor mir. Ich fühlte mich friedlich und entspannt. Die Stunde verging mir wie im Flug. Ich weiß, daß ich künftig wieder öfter wandern gehen will — das werde ich wirklich tun. Die quälenden Schmerzen in meinem Fuß sind verflogen.

vikas / Hypnotherapie
Geschichte und Konzept

Hypnose war lange Zeit das wichtigste Mittel der Medizin gegen Schmerzen (-> Hypnose und Suggestive Verfahren). In dieser Funktion erlebt sie derzeit eine Renaissance. Im deutschsprachigen Raum bieten mehrere ärztliche Gesellschaften ÄrztInnen und ZahnärztInnen eine fundierte Ausbildung an. Auch PsychologInnen und PsychotherapeutInnen können die Palette ihrer Strategien durch Hypnosetechniken erweitern. Nach einer fundierten Ausbildung werden sie zusätzlich zur Weiterbildung unter Aufsicht verpflichtet.

In Deutschland können jedoch auch HeilpraktikerInnen und Laien Hypnose erlernen, obwohl sie medizinisch nicht ausreichend geschult sind, diese Technik anzuwenden.

Das bewirkt Hypnose

Erst die klinische Arbeit mit Hypnose in den letzten Jahrzehnten ließ erkennen,  welche  Mechanismen  ihrer  Wirkung zugrunde liegen. Hypnose ist kein Schlaf, wie man früher glaubte, und kein psychischer Ausnahmezustand; sie schafft ein eingeengtes, nach innen gerichtetes Bewußtsein. Das geht mit typischen körperlichen und seelischen Veränderungen einher:

Auch die gewohnten Einstellungs-, Gefühls- und Denkschemata sind reduziert. Die TherapeutInnen können diese Muster nun leichter in ihre Einzelelemente »zerteilen«; KlientInnen können sie leichter zu einer neuen Haltung »zusammensetzen«.

Erzählen die TherapeutInnen etwa symbolhafte Geschichten oder verwenden Metaphern, so beschäftigen diese das Bewußtsein der hypnotisierten Person. Dadurch wird ihr logisches Denken unterlaufen. Wenn das Bewußtsein keine Möglichkeit mehr hat, sich einzumischen, erschließen sich die indirekten Aussagen oder Aufträge, die die TherapeutInnen in das Erzählte einschleusen. Das wirkt auch im Wachzustand: Sagt der Arzt zum Beispiel dem Operierten, daß alles gut gelaufen sei, werden diesem vielleicht Zweifel bleiben. Wendet sich der Operateur aber einer Schwester zu, die neben dem Krankenbett steht, mit der Bemerkung: »Erstaunlich, wie gut sich unser Patient erholt!«, wird der Kranke den Satz begierig aufnehmen.

HypnotiseurInnen können KlientInnen auch auffordern, sich bestimmte symbolhafte Bilder vorzustellen oder von sich aus eine Reise durch innere Phantasiewelten anzutreten. In der Trance werden bildhafte Symbole, deren Inhalt das Bewußtsein nicht entschlüsseln kann, verstanden. Auf diesem Weg lernen KlientInnen, ihre unbewußten Quellen zu erforschen, ihre innere Erlebniswelt neu zu verstehen und flexibel und kreativ zu verändern. Hypnotherapie zielt vorrangig auf eine solche Veränderung von Haltung und Verhalten. Erst im zweiten Schritt geht es in weiterführenden Gesprächen darum, Einsicht in die Ursachen der Probleme zu gewinnen.

 

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Therapieablauf

Eine gründliche körperliche und seeli­sche Untersuchung sollte jeder Hypnose vorausgehen.

Die meisten KlientInnen haben Angst vor einer Manipulation durch Hypnose, die ein vertrauensvolles Gespräch jedoch ausräumen kann. Eine richtig geführte ärztliche Hypnose ist gefahrlos; niemandem kann gegen seinen Willen etwas suggeriert werden.

Während der Hypnose können die KlientInnen bequem sitzen oder liegen. Wenn sie dann die Spitze eines Schreibstifts fixieren oder ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen kleinen Gegenstand oder Reiz lenken und von der beruhigenden Stimme der TherapeutInnen geleitet werden, tritt bald ein tranceähnlicher  Zustand  ein,  in  dem  eine besonders innige Beziehung den Therapeuten und den Klienten verbindet.

Mit einer Reihe von Techniken und Kniffen können die TherapeutInnen die Trance so intensiv gestalten, wie es für die Behandlung nötig ist. So zum Beispiel, indem sie ihren Atemrhythmus auf den der KlientInnen einstellen, eine ähnliche Sitzhaltung einnehmen, deren Redeweise  übernehmen  oder auf ihre Vorstellungswelt eingehen. Meist merken die KlientInnen davon nichts.

Die KlientInnen konzentrieren sich auf die monotone Stimme der TherapeutInnen: »Sie liegen jetzt bequem und entspannt. ... Sie atmen ruhig und gleichmäßig. ... Lassen Sie Ihre Gedanken ruhig abschweifen, aber hören Sie auf meine Stimme. ... Allmählich fühlen Sie, wie Sie müde werden. Ihre Augenlider werden schwer. ... Dabei fühlen Sie sich angenehm müde. ... Ihr rechter Arm wird sich heben. ...«

Tatsächlich senken sich die Lider der KlientInnen ohne ihr Zutun, der Arm fühlt sich leicht an und hebt sich von selbst.

Sobald die Trance eingesetzt hat, können die TherapeutInnen das Problem ansprechen und gezielt heilsame formelhafte Sätze im Unterbewußten der KlientInnen verankern. Bei Schlafstörungen können sie etwa den Auftrag erteilen, zu bestimmter Zeit einzuschlafen und entspannt wieder zu erwachen. Wiederholen die TherapeutInnen entsprechende direkte Formeln (Suggestionen) in mehreren Hypnosesitzungen, verstärkt das die innere Ausgewogenheit und das Selbstvertrauen der KlientInnen, und das Problem — wie zum Beispiel die Schlaflosigkeit — schwindet, zumindest für einige Zeit.

Manchmal streuen die TherapeutInnen - beiläufig und nebenbei — mit veränderter Stimmlage indirekt Anweisungen in eine Geschichte, einen Witz, ein Gleichnis oder eine Anekdote ein, oder sie knüpfen an eine Erinnerung an. Ein Beispiel: Leidet ein Klient an Schmerzen im Fuß, so erinnert der Therapeut ihn an das typische Taubheitsgefühl, das jeder kennt, dem einmal der Fuß eingeschlafen ist. Daraufhin stellt sich beim Klienten dieses Taubheitsgefühl ein, und der Fuß wird allmählich schmerzfrei, weil der Klient lernt, an den schmerzenden Stellen veränderte Wahrnehmungen zu erzeugen. Bei chronischen Schmerzen wird versucht, die damit verbundenen Erfahrungen zu bearbeiten, traumatische Erlebnisse noch einmal in der Phantasie zu beleben und abzuschließen. Dies geschieht entweder im gefühlsmäßigen Durchleben oder dadurch, daß man ihnen eine neue Bedeutung zuschreibt.

Werden in der Sitzung positive Erfahrungen aktiviert und in der Vorstellung mit einer Problemsituation gekoppelt (assoziiert), so gelingt einem dann im Alltag die Problemlösung leichter.

Am Ende der Sitzung wird der hypnotische Zustand mit gezielten Anleitungen wieder gelöst.

 

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Anwendungsbereiche

Hypnose eignet sich nur zur Einzelbehandlung. Allerdings sprechen nicht alle Menschen auf Hypnose an.

In der Medizin wird Hypnose zur Vorbereitung von Operationen eingesetzt und hilft, den Heilvorgang zu beschleunigen. Geburtshilfe und Zahnheilkunde nutzen den angst- und schmerzlindernden Effekt. Hypnose kann Beschwerden bei Migräne, Allergien, Heuschnupfen, Schlaf- und Eßstörungen, Asthma und Darmerkrankungen lindern. Sie fördert die Heilung von Wunden und Hauterkrankungen. Da sie Angst und Schmerzen löst, kann sie den Bedarf an Schmerzmitteln senken. Schmerzkliniken wenden zunehmend öfter Hypnose an, um chronisch Leidenden und Krebskranken zu helfen. Bereits eine einzige Hypnosesitzung kann Schmerzen wesentlich erleichtern, üblicherweise  sind  jedoch mehrere Sitzungen nötig.

Hypnotherapie   eignet   sich,   um Angst, Unruhe, reaktive Depression und Minderwertigkeitsgefühle zu behandeln und um verschüttete Erinnerungen aufzudecken. Bei Kindern hilft sie gegen Bettnässen und Stottern. Seelische Störungen erfordern Behandlungen über einen längeren Zeitraum, doch  sind  auch  spontane  Wirkungen möglich.

Hypnose ist in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz anerkannt.

 

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Kritik

Vegetativ sehr labile Personen und Kinder unter fünf Jahren sollten nicht hypnotisiert werden.

Menschen   mit   Psychosen   und Wahnzuständen können durch Hypnose in schwere Krisen geraten. Auch diffuse Ängste schließen eine Hypnose aus.

Bei psychosomatischen Erkrankungen und Schmerzzuständen sollte Hypnose  nur  bei  gleichzeitiger  ärztlicher Behandlung durchgeführt werden.

Jede Hypnose muß beendet werden. Geschieht dieses zu abrupt, können Schwindel, Müdigkeit, Angst, Unruhe und Benommenheit die Folge sein.

Wenn Personen ohne klinische Erfahrung und ohne medizinische Vorkenntnisse,  Hypnose ausüben, ist die Gefahr falscher Anwendung groß.

Hypnose  sollte  nie  in  spielerischer Absicht durchgeführt werden.

In der Hypnose können dramatische Erinnerungen auftauchen. Die KlientInnen können in der Trance jedoch nicht immer zwischen der Erinnerung an wirkliches Geschehen und Phantasiebildern unterscheiden. Es liegt an den TherapeutInnen, klare Grenzen zu ziehen, es braucht jedoch eine fundierte Ausbildung,   um   dies   zu   erkennen. Unseriöse TherapeutIinnen  suggerieren häufig,  daß  die  Phantasiebilder  echt seien (Beispiel: - > Reinkarnationstherapie). Dadurch können sich seelische Probleme verschärfen.

Wurde ein Vergewaltigungserlebnis reaktiviert, sollte eine weitere Hypnose  erst  durchgeführt  werden,  wenn das Geschehen aufgearbeitet worden ist.

Die Wirksamkeit der Hypnose ist durch   umfangreiche   Forschung    bestätigt.  Hypnose allein ist noch keine Therapie. Erst wenn sie innerhalb einer Psychotherapie angewendet wird, kann sie mithelfen, die Persönlichkeitsstruktur zu verändern.

 

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Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008