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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

HOLOTROPE THERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Im Knien weit nach hinten gebogen, war mein Rücken zum Zerreißen angespannt, bohrender Schmerz in den Knien, die Beine zitterten, ich rang nach Luft. Der Atem ging in immer kürzeren Stößen. Wie sollte ich das nur aushalten? Mir wurde schwarz vor Augen, und ich fiel auf die Matte. Ich fühlte mich zusammengepreßt, wie von Erdmassen erdrückt. Endlich entrang sich meiner Kehle ein Schrei, noch einer, in langgezogenem Heulen entkam ich dem Grauen. Licht umgab mich wieder, gleißende Helligkeit. Bin ich dem Tod begegnet? Ich lebe.

 

 

vikas / Holotrope Therapie
Geschichte und Konzept

Der tschechische Arzt und Psychotherapeut Stanislav Grof (*1931) begann Mitte der 60er Jahre Berichte über außergewöhnliche Bewußtseinszustände zusammenzutragen. Sein Interesse galt insbesondere der Beschreibung von Nahtod-Erfahrungen, aber auch von verändertem Bewußtsein in akuten Krisen, in Trance, unter Einfluß psychedelischer Substanzen und Drogen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Christina Grof entwickelte er die Holotrope Therapie, deren Ziel es ist, solche veränderten Bewußtseinszustände herbeizuführen. Der dem Griechischen entlehnte Begriff weist darauf hin, daß das gesamte (holos) Wesen (tropos) des Menschen erfaßt werden soll.

Als eigenständiges Verfahren ist Holotrope Therapie im deutschsprachigen Raum kaum verbreitet. Grof selbst aber gilt unter transpersonalen und spirituellen Therapeuten als Kultfigur, seine Schriften dienen vielfach als »wissenschaftliche« Grundlage für ihr Vorgehen. Grof führt im deutschsprachigen Raum in unregelmäßigen Abständen Veranstaltungen durch. Für die Teilnahme an solchen Ausbildungen wird keinerlei Qualifikation vorausgesetzt.

Laut Grof ist die Geburt das Tor zur Erfahrung der kosmischen Einheit. Der Geburtsverlauf soll bestimmen, ob ein Mensch der Welt mit Vertrauen oder Mißtrauen entgegentritt, ob er seelisch gesund oder gestört ist. Grof macht zum Beispiel Probleme während der Eröffnungswehen für spätere Depressionen verantwortlich, Sado-Masochismus soll seiner Meinung nach entstehen, wenn Schwierigkeiten in der Austreibungsphase auftreten. In der Holotropen  Therapie  soll  der  Geburtsprozeß wiedererlebt und vergegenwärtigt werden, um die Selbstheilungskräfte des Organismus zu befreien. Diese neuerliche »Urerfahrung« soll Menschen mit den Mysterien von Tod und Wiedergeburt konfrontieren.

Psycholyse -Therapie mit Drogen

In den 60er Jahren führte Grof in den USA zahlreiche Experimente mit der psychedelischen Droge LSD durch. Er hielt das bereits 1943 von dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann (*1906) entdeckte Halluzinogen für ein psychotherapeutisches Wundermittel. Nach heftiger Schelte durch Kollegen mußte Grof jedoch seine Versuche einstellen - ebenso wie im deutschsprachigen Raum der Göttinger Psychiater Hans-Carl Leuner (-> Katathymes Bilderleben), der gleichfalls mit Halluzinogenen experimentiert hatte. Schon zehn Jahre zuvor hatten Drogenexperimente an der amerikanischen Elite-Universität Harvard Furore gemacht. Gemeinsam mit StudentInnen hatten die Professoren Timothy Leary (*1921) und Richard Alpert Experimente mit LSD vorgenommen und die veränderten Bewußtseinszustände erforscht. Leary und Alpert, der Universität verwiesen, wurden nicht nur zu Kultfiguren der Hippieszene, sie trugen wesentlich zur Entwicklung der Transpersonalen Psychologie sowie zum Aufkeimen des New-Age bei. Alpert, bekannt unter seinem »spirituellen Namen« Baba Ram Dass, spielt als Lebenslehrer noch heute eine tragende Rolle innerhalb der New-Age-Esoterik.

Einige TherapeutIinnen schätzen halluzinogene Drogen nach wie vor. Neben LSD wird insbesondere der Modedroge MDMA, auch bekannt unter den Namen XTC oder Ecstasy (s. Seite 94), großer therapeutischer Wert als »Herzöffner« zugesprochen, der blockierte Gefühle freilegt. MDMA wurde 1914 entwickelt, ursprünglich als Mittel, um Hunger zu unterdrücken. Heute gilt MDMA als Partydroge der Erfolgsgeneration und ist in einschlägigen Kreisen leicht erhältlich.

Da der Gebrauch halluzinogener Drogen im deutschsprachigen Raum gesetzlich streng geregelt ist, werden LSD oder MDMA offiziell bei Therapien nicht mehr eingesetzt.

In der Schweiz hat sich ein Arbeitskreis zusammengefunden,  dem  von   1986  bis Ende 1993 gestattet war, unter bestimmten Auflagen mit Halluzinogenen zu arbeiten, und der alljährlich interdisziplinäre Symposien zur »Psycholytischen Psychotherapie« veranstaltet. Dreimal jährlich bekamen die PatientInnen im Verlauf von Therapien Drogen verabreicht. Ihre tagtraumartigen Imaginationen wurden therapeutisch bearbeitet. Die MDMA-Therapie erwies sich günstig bei chronisch neurotischen Depressionen, psychosomatischen Krankheiten und bei Menschen mit angeschlagenem Selbstwertgefühl. Allerdings hat die meist angstlösend wirkende Droge auch psychische Nebenwirkungen: Sie kann Herzrasen, psychotische Symptome und Angstzustände verursachen.

In der Esoterischen Szene tauchen immer wieder psycholytische Mittel und Drogentees bei Therapiegruppen auf, die von schamanistischen Lehrerinnen geleitet werden. Dort werden sie unkontrolliert eingesetzt.

 

 

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vikas / Holotrope Therapie
Therapieablauf

Holotrope Therapie wird sowohl in Einzelarbeit als auch in Gruppen angeboten. Die Dauer der Therapie und die Behandlungsabstände variieren erheblich, oft wird lediglich eine einzige Sitzung durchgeführt oder eine Wochenendgruppe ohne Möglichkeit der Nacharbeit besucht.

Zur Vorbereitung werden die KlientInnen, die leicht bekleidet oder gar nackt an der Sitzung teilnehmen, angeleitet, bestimmte Haltungen und Positionen einzunehmen, wie sie etwa in der -> Bioenergetik üblich sind. Sie versetzen den Organismus nach kurzer Zeit in Streß, Muskeln beginnen zu zittern, Schweiß bricht aus, die Atmung geht hechelnd. Ohrenbetäubend laute Musik peitscht den Zustand hoch, mitunter wälzen sich KlientIinnen schreiend oder wimmernd auf dem Boden.

Die TherapeutInnen greifen in diesen Prozeß nicht ein, bestenfalls ermutigen  sie,  sich  voll  auf das  aktuelle Geschehen einzulassen. Erklärte Absicht ist, die eigene Geburt nochmals zu durchleben. Oft kommt es dabei zu dramatischen und qualvollen »Durchbruchserfahrungen«, oder die TeilnehmerInnen haben »Gipfelerlebnisse« von unbeschreiblichem Einssein mit sich selbst und der Welt. Diese Erfahrungen werden anschließend den TherapeutInnen oder der Gruppe berichtet und gemeinsam besprochen. Eine derartige Sitzung dauert etwa eineinhalb bis zwei Stunden. Sie wird beendet mit angeleiteter Tiefenentspannung. Um das Erlebte zu verarbeiten, werden häufig auch Meditationsbilder (Mandalas) gemalt

 

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vikas / Holotrope Therapie
Anwendungsbereiche

Die AnbieterInnen empfehlen Holotrope Therapie allgemein bei seelischen Störungen, insbesondere aber für Menschen, die nach transpersonalen oder religiösen Erfahrungen suchen.

 

 

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vikas / Holotrope Therapie
Kritik

Der Prozeß der Holotropen Therapie wird in erster Linie durch Hyperventilation hervorgerufen: Durch die hohe Atemfrequenz wird mehr Kohlendioxid (CO2) ausgeatmet, als im Stoffwechsel neu entsteht. In der Folge kommt es zu einer erheblichen Störung des Mineralhaushaltes. Damit gehen anomale Körperwahrnehmungen und Krämpfe einher, vor allem Hände und Mund verkrampfen sich. Die regionale Durchblutung verändert sich, insbesondere die des Gehirns nimmt ab, was zu Schwindelgefühlen, Bewußtseinsstörungen und Wahnvorstellungen, gelegentlich sogar zu Ohnmacht führen kann. Die Atemmanipulation kann für Personen mit Herz-Kreislauf-Labilität oder mit   psychosomatischen   Krankheiten wie beispielsweise Asthma oder Colitis ulcerosa gefährlich werden. Menschen, die an einer neurotischen oder psychiatrischen Erkrankung leiden, können durch Holotrope Therapie in psychotische oder suizidale Krisen geraten.

Wochenend-Workshops ohne Möglichkeit, die »Urerfahrung« aufzuarbeiten, sind verantwortungslos und abzulehnen.

Wenn  sich  auftauchende  Bilder häufig auf die Geburt beziehen, so liegt dies am erklärten Ziel der Holotropen Therapie - prinzipiell kann jedes Erleben  suggeriert  werden.   Gelegentlich wird auch der eigene Tod »vergegenwärtigt«.

Die Theorie, daß ein natürlicher Vorgang wie die Geburt in jedem Fall zu seelischen Problemen führen soll, ist absurd. Die behaupteten Zusammenhänge bestimmter Störungen mit bestimmten Geburtsvorgängen sind nicht belegt und weisen den Müttern Schuld für Schwierigkeiten der Kinder zu.

Zur Behandlung psychischer oder psychosomatischer Probleme ist Holotrope Therapie nicht geeignet.

Der unkontrollierte therapeutische Einsatz von Drogen ist in jedem Fall abzulehnen.

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vikas / Holotrope Therapie
Bibliographie/Ergänzungen

 

 

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 ©    Edition VIKAS 2008