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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

GRUPPENDYNAMIK

| Geschichte und Konzept | Trainingsablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Von den dreißig anderen, die rundum in dem Saal saßen, kannte ich keinen. Anfangs war es still, kein Laut, kein Wort. Fünf Minuten, zehn Minuten lang. Dann begannen die ersten, sich zu räuspern. Nachdem dann jeder gesagt hatte, aus welcher Berufssparte er kommt, vergingen wieder zwanzig, dreißig Minuten in Schweigen. Plötzlich heulte eine Frau los: »Ich halte das nicht aus!«, ein Mann, schimpfte lauthals mit ihr, noch ein paar andere drehten durch - es war ein Affenzirkus. Irgendeiner gewann die Oberhand und versuchte, das Chaos zu lichten, gleich hatte er einige gegen sich. Sie wollten zwar keinen Dirigenten, aber selbst die erste Geige spielen. Es kam mir vor wie ein Orchester, in dem jeder gegen jeden antont. Was das Ganze soll, habe ich erst viel später begriffen, als wir gemeinsam die Scherben sichteten. Ich selbst habe nicht mitgekämpft um eine Führungsposition, das hat mich angewidert — ich bin offenbar die geborene Beobachterin.

 

vikas / Gruppendynamik
Geschichte und Konzept

Gruppendynamik  ist  keine  Therapie, sondern die Lehre von den Strukturen und Prozessen, die in Gruppen wirken. Sie vermittelt Fähigkeiten, mittels derer  zwischenmenschliche  Beziehungen positiv verändert werden können. Solche Techniken zu beherrschen erleichtert jede Teamarbeit und ist wichtig für Leute in Führungspositionen.

Die wesentlichen Impulse für die Gruppendynamik gingen von zwei Emigranten aus: dem Österreicher Jacob Levy Moreno (1889-1974), dem Urheber  des   -> Psychodramas, und dem deutschen Psychologen Kurt Lewin (1890-1947). Lewin befaßte sich in Berlin mit Gestalt- und Sozialpsychologie. 1933 emigrierte er in die USA. Bei der Arbeit mit Kindern beobachtete er, daß sich alle Gruppen nach bestimmten unausgesprochenen Gesetzen verhalten, die vom Führungsstil des Gruppenleiters beeinflußbar sind.

1945 gründete Lewin das Institut für Gruppendynamik. Dort wurde in den folgenden Jahren die Bedeutung des Feedbacks in der Gruppe entdeckt (s. -> Gruppentherapie). Die Systemtheorie hat zur Diskussion beigetragen und die Gruppendynamik verändert. Es entstanden »Trainer-Gruppen«, in denen Menschen zusammenkommen, die nun in Gegenwart von GruppenleiterInnen zu einer Gruppe zusammenwachsen. Dabei erleben und beobachten die TeilnehmerInnen, wie sich ihr eigenes Verhalten und das der anderen in einer Gruppe auswirkt.

Nach Europa kam die Gruppendynamik aufgrund einer Initiative der OECD, der internationalen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Das erste Gruppendynamische Laboratorium enstand 1954 in Österreich. Es sollte das Know-how des amerikanischen Managements vermitteln und der darniederliegenden Wirtschaft der Nachkriegsjahre neue Impulse bringen.

In den 70er Jahren verzweigte sich die Gruppendynamik einerseits in Gruppen- und Managementarbeit (s. -> Betriebspsychologie), deren Ziel das reibungslose Funktionieren von Organisationen ist, und andererseits in Richtung der Encountergruppen (s. -> Humanistische Therapie), in denen Menschen neue persönliche Erfahrungen suchen.

Heute grenzen sich Gruppendynamikerlnnen kritisch von der Encounter-Bewegung ab. Sie wollen ausschließlich professionelles Grundlagenwissen zur Verfügung stellen. Ihr Angebot richtet sich an Berufstätige in Sozialberufen, wie PsychologInnen, KrankenpflegerInnen, JugendgruppenleiterInnen, PädagogInnen, BewährungshelferInnen, SozialarbeiterInnen und an Vorgesetzte in Wirtschaft und Verwaltung. Die Erfahrungen mit den in Gruppen gesetzmäßig ablaufenden Verhaltensweisen soll sie sicherer im Umgang mit den Menschen machen und sie befähigen, Gruppen und Teams kompetent zu leiten und Reibungen möglichst gering zu halten.

Der berufliche Werdegang von Gruppentrainerlnnen ist sehr unterschiedlich. Nur wenige haben eine für etwa drei Jahre angelegte Ausbildung in der Arbeitsgemeinschaft für Gruppendynamik absolviert, die als seriöse Grundlage gelten kann. Eine Qualitätskontrolle der Arbeit gibt es nicht.

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vikas / Gruppendynamik
Trainingsablauf

Die klassische Trainingsgruppe (T-Gruppe) besteht aus acht bis zwölf TeilnehmerInnen, die mit ein bis zwei TrainerInnen arbeiten. Die TeilnehmerIinnen sollten sich nicht aus dem Alltagsleben kennen und auch nachher möglichst nicht im gleichen Betrieb arbeiten. Die Trainingsgruppe findet in Klausur statt und dauert zwischen zwei und zwanzig Tagen.

Die TrainerInnen halten sich anfangs völlig im Hintergrund. Das ist Absicht, um die Gruppenprozesse in Gang zu bringen. Für die GruppenteilnehmerInnen ist das jedoch sehr ungewohnt, denn die meisten Menschen erwarten von Gruppenleitern, daß sie Anleitungen  geben, die  Gruppe führen oder Aufgaben stellen. Das geschieht nicht, und die GruppenteilnehmerInnen sind damit auf ihre eigene Aktivität angewiesen.

Zu Beginn der Sitzungen herrscht oft hilfloses Schweigen, meist versuchen dann einige, mit »Vorstellungsritualen« eine gewisse Sicherheit aufzubauen. Dies gelingt üblicherweise nicht dauerhaft, so daß sich die Gruppe um Hilfe an die TrainerIn oder den Trainer wendet: »Was sollen wir jetzt tun?« Die GruppenleiterInnen greifen jedoch nicht ein: Sie beobachten und konzentrieren sich auf den Umgang der GruppenteilnehmerInnen miteinander (Interaktion) und achten auf die Spannungen und Konflikte, die sich sehr bald auftun. Sie greifen in den Gruppenprozeß zunächst nicht ein. So verfallen meist alle TeilnehmerInnen wieder in Schweigen. In der nächsten Phase beginnt die Auseinandersetzung mit Autorität, Konflikt und Macht. Erst dominieren einzelne verdeckt, dann reißen sie offen das Wort an sich, es entsteht Konkurrenz. Manche TeilnehmerInnen verweigern sich, flüchten aus dem Kurs, andere bekämpfen einzeln oder in Koalitionen die TrainerInnen.

So stellen sich in der T-Gruppe im Laufe der Zeit Verhältnisse »wie im richtigen Leben« heraus, nur viel schä­fer pointiert. Normen bilden sich heraus, Rollen und Funktionen werden zugewiesen, und »Seilschaften« entstehen in mehreren Untergruppen. Erst später erwächst darüber hinaus ein Geflecht vertrauter persönlicher Beziehungen.

Welche Bedeutung jemand für die Gruppe hat, läßt sich daran ermessen, wie lange die anderen ihr oder ihm zuhören und ob sie ihre oder seine Vorschläge akzeptieren. Meist schreibt die Gruppe einem bestimmten Teilnehmer oder einer Teilnehmerin die Außenseiterrolle zu: Sie werden zum »schwarzen Schaf«. Wird ihnen die Spannung unerträglich, können betroffene TeilnehmerInnen die Gruppe verlassen. In diesem Fall wird die Gruppenstruktur verändert, und die gesamte Gruppe muß sich genauso, wie wenn jemand neu hinzukommt, wieder neu arrangieren.

Jede Gruppe bildet unausgesprochene Normen aus, die anfangs sinnvoll wirken, später aber eine Eigendynamik entwickeln, die alle in ihrer Beweglichkeit einschränken kann. Typischerweise spalten sich auch Untergruppen ab, zum Beispiel eine Gruppe der älteren oder jüngeren Teilnehmerinnen, der Erfahrenen oder der Neulinge, der Männer oder Frauen. Die Untergruppen halten häufig nur durch Aggression und Vorurteile gegenüber den anderen zusammen.

Die TrainerIinnen machen auf die Ereignisse aufmerksam, äußern Vermutungen, stellen Fragen zur Situation. Es geht nicht um persönliche Dinge: Verhalten und Äußerungen der TeilnehmerInnen werden dahingehend besprochen, welche Bedeutung sie für den Gruppenprozeß haben.

Hat sich die Gruppe in einseitig hierarchischer Weise nach dem Muster »Befehl und Gehorsam« miteinander arrangiert und maßen sich dabei einige eine überzogene »Chefrolle« an, wird dies so lange diskutiert, bis die Gruppenmitglieder einen für alle zufriedenstellenden Kompromiß gefunden haben. Entweder akzeptieren alle die Hierarchie, oder man entschließt sich zum gleichberechtigten Umgang miteinander und gründet ein Team.

Die TrainerInnen planen bewußt Spiele ein, die Gruppenkonflikte provozieren, und andere, um sie wieder aufzulösen. Gemeinsam spielt man bestimmte vorgegebene Situationen durch und wechselt die Rollen, um sie auch aus der Perspektive anderer zu erleben.

Selten arbeiten zwei oder mehr Gruppen gleichzeitig, um zu erforschen und zu erleben, welche Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gruppen entstehen.

Das kann eine Gruppe bewirken

 

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vikas / Gruppendynamik
Anwendungsbereiche

Gruppendynamik wird zur Aus- und Weiterbildung in Lehr- und Sozialberufen angeboten, zur Weiterbildung von Führungspersonal, sowie zur Organisationsberatung und -entwicklung. Sie ist ausdrücklich keine Therapie. Sie wendet sich an seelisch gesunde Menschen und ist nur für Personen anwendbar, die seelisch so stabil sind, daß sie auch Frustration und Ablehnung ertragen können.

 

 

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vikas / Gruppendynamik
Kritik

Training in Gruppendynamik steigert die Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion, fördert Einfühlsamkeit in das seelische Geschehen anderer und erhöht die Fähigkeit, auf neue Situationen flexibel zu reagieren. Wenn Gruppentrainerlnnen und BeraterInnen jedoch keine seriöse Ausbildung haben, ist das Risiko groß, daß Gruppenprozesse außer Kontrolle geraten. Dann besteht die Gefahr, daß bei einzelnen TeilnehmerInnen auftauchende  seelische Probleme nicht erkannt, massiv verschärft und in der Gruppe nicht aufgearbeitet werden können.

Arbeiten die GruppenteilnehmerInnen nach abgeschlossenem Training noch miteinander in derselben Organisation, können sich die gemeinsam gemachten Erfahrungen auf die Arbeitsbeziehungen erschwerend auswirken, weil die einzelnen die »wunden Stellen« der anderen zu gut kennen und bewußt oder unbewußt ausnutzen können.

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vikas / Gruppendynamik
Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008