federspiel2V I K A S
Psychotherapien
auf dem Prüfstand

GEISTHEILUNG, WUNDERHEILUNG

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


| Therapien - Geschichte und Selbstverständnis | Therapien - tabellarischer Überblick | INFOSERVER |Anbieter in Sachsen und Thüringen |

Schon seit Wochen konnte ich nicht mehr schlafen, kein Mittel half, ich war völlig erschöpft und verzweifelt. Als ich dann in der Zeitung von dem Wunderarzt las, dachte ich, das kann kein Zufall sein. Dieser Mann würde mir helfen. Aufgeregt bestieg ich den Zug, und als ich ihm nach drei Stunden endlich gegenüberstand und seine Hände auf meinen Schultern lagen, wurde ich ganz ruhig. Ich spürte eine seltsame Spannung, wie ein Kribbein, von seinen Händen ausgehen. Voll Zuversicht ging ich an diesem Abend zu Bett — tatsächlich schlief ich bis zum Morgen durch. Für mich war es wie ein Wunder, von der Folter befreit zu sein. In den folgenden Wochen schlief ich wie ein Murmeltier. Später kamen die Schlafstörungen jedoch wieder, deshalb habe ich nun eine Psychotherapie begonnen.

vikas / Geistheilung
Geschichte und Konzept

In Krisenzeiten hoffen viele Menschen auf Wunder, Wundertätige finden zunehmend Interesse. In Frankreich soll die Zahl der WunderheilerInnen die Anzahl der ÄrztInnen übertreffen, in England sind schon seit längerem etwa 1.800 GeistheilerInnen in Krankenhäusern tätig, 1994 wurde die erste von ihnen offiziell angestellt. Auch in den ländlichen Gebieten des deutschsprachigen Raums ist die Tradition des Besprechens und Gesundbetens nie abgebrochen, und heute betreuen etwa 10.000 Geistheiler und wundertätige Frauen Hilfesuchende. Der Zulauf ist groß: Etwa zweieinhalb Millionen deutsche Bundesbürgerinnen nehmen Dienste von Wundertätigen in Anspruch.

Diese rekrutieren sich aus allen Berufsgruppen, Ärztinnen und PsychologInnen eingeschlossen. Die meisten HeilerInnen haben zwar keine medizinische oder psychologische Ausbildung, besitzen aber oft eine charismatische Ausstrahlung. Manche WunderheilerInnen bieten ihre Dienste in aller Welt an.
Die neuen GeistheilerInnen kombinieren alte bodenständige Bräuche mit fernöstlichem Ritual, importieren afrikanische und indianische Zaubermittel und berufen sich auf übernatürliche Kräfte, andere beziehen sich ausdrücklich auf ihr Vorbild Jesus Christus. Viele HeilerInnen erleben sich selbst als Medien, durch die Geistwesen handeln. Manche führen ihre Verbindung zum Übernatürlichen auf mystische Erlebnisse zurück, die »wie ein Blitz« über sie gekommen seien, bei anderen erwächst diese Überzeugung aus der Überwindung einer schweren Krankheit.

Die meisten GeistheilerInnen legen einfach ihre Hände auf. Hinter dieser Methode steht der Gedanke, daß sich in ihren Händen und Fingerspitzen kosmische Energien sammeln (s. Reiki, Seite 512) und sie diese Heilkräfte an die KlientInnen weitergeben. Vermehrt wenden sie auch Formen der Fernheilung an.

HeilerInnen reagieren auf spezielle Ängste ihrer KundInnen. Auf Verkaufsmessen und in Anzeigen bieten sie neben kupfernen Armreifen oder magnetischen Halsketten gegen chronische Schmerzen auch glückbringende Talismane an, Amulette gegen die Bedrohung durch Umweltgifte und »Nuklearrezeptoren« gegen atomare Gefahren. Verschiedene Versandhäuser verschicken heilkräftige Gegenstände auch per Nachnahme.

^

vikas / Geistheilung
Therapieablauf

Wer Geistheilung sucht, kann in einen magischen Zirkel voller wundersamer Gegenstände geraten, in ein nüchternes, computergesteuertes Büro, an eine Briefkastenfirma oder in eine Sektengruppe.

Manche WunderheilerInnen schaffen eine wohltuende Atmosphäre und lassen ihre KlientIinnen entspannt auf einer Liege oder in einem Sessel ruhen, bevor sie ihre Hand auflegen. Andere behandeln mehrere Hilfesuchende gleichzeitig. Manche bestreichen ihre KundInnen mit Salben und Tinkturen und rezitieren dazu Spruchformeln. Sie geben den Heilsuchenden Aufträge, etwa ein bestimmtes Gedicht zu lernen oder bei bestimmtem Mondstand an einen »Ort der Kraft« zu gehen und ähnliches.

Zur Fernheilung müssen KlientInnen dem Heiler oder der Heilerin ein Foto schicken oder einen Gegenstand aus ihrem persönlichen Besitz oder einen Blutstropfen auf einem Löschblatt, ein Haarbüschel oder ähnliches. Häufig genügt für die heilende Gedankenübertragung auch die telefonische Schilderung der Beschwerden und die Überweisung einer Spende auf das Heilerkonto.

^

vikas / Geistheilung
Anwendungsbereiche

WunderheilerInnen bieten ihre Fähigkeiten für und gegen alles Mögliche an: bei Schlaflosigkeit ebenso wie bei Partnerproblemen, gegen Schmerzen, zur Verlängerung des Lebens, zur Erfüllung sexueller Wünsche und zur Behandlung unheilbarer Krankheiten.

Jede Berührung kann wohltuend und beruhigend wirken. GeistheilerInnen  sind  fest  überzeugt von ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten. Ihr Glaube überträgt sich auf ihre KundInnen, und Suggestion und Selbstsuggestion wirken zusammen. Weil die KlientInnen daran glauben, führen Gebete und magische Sprüche zu einem Resultat und sind vor allem dann wirksam, wenn Hilfesuchende unter besonderem Streß stehen.

Bei Befindlichkeitsstörungen kann Hoffnung  allein  schon  zur  Besserung führen, bei seelischen Störungen kurzfristig   Beschwerden   lindern.   Schlafstörungen,  Angst-  und  Spannungszustände gehen zurück. Zu einem gewissen   Grad   sprechen   auch   organische Krankheiten auf solche suggestive Therapie an.  Bekannt ist das Besprechen, eine Behandlung durch Zaubersprüche und sonstige Rituale, die Warzen oder Gürtelrose durch Stärkung der Immunabwehr tatsächlich  zum Verschwinden bringen kann

 

^

vikas / Geistheilung
Kritik

Wunderheilung beruht nicht auf der besonderen Fähigkeit der Wundertätigen, sondern auf dem Vertrauen und Glauben der Kranken in die Fähigkeiten  der  Heilerinnen. 
Das  erwies  eine holländische Studie:  Zwölf angesehene Wunderheiler  waren  aufgerufen,   ihre Kunst unter Beweis zu stellen. 115 Kli nikpatientinnen, die an Bluthochdruck litten, stellten sich für den Versuch zur Verfügung: Ein Drittel von ihnen sollte durch  mentale  Fernheilung  behandelt werden,  einem  weiteren  Drittel  sollte durch Handauflegen geholfen werden, die dritte Gruppe diente zur Kontrolle. Diese Kranken wurden nicht behandelt, was man ihnen aber nicht verriet. Fazit: Bei allen Personen sank der Blutdruck. Die  Behandlung  durch  Handauflegen und  durch  Fernheilen  war  also  nicht erfolgreicher  als  die  Erwartung  einer Behandlung, die gar nicht stattfand.

Falsche  Versprechungen  können bei   Hilfesuchenden  trügerische  Hoffnung wecken.
Wird die Hoffnung enttäuscht, verschärfen sich die bestehenden Probleme. Wenn die Heilung ausbleibt, behaupten Heilerinnen oft, dies sei  von  den   »Höheren  Mächten«   so gewollt,   oder  die   Klientinnen  seien durch Karma gehindert gewesen oder hätten gar nicht gesund werden wollen.

GeistheilerInnen  verfügen  selten über medizinische oder psychologische Fachkenntnisse
Sie sind daher in der Regel nicht in der Lage, Störungen und Erkrankungen, die kompetenter fachlicher Hilfe bedürfen, zu erkennen. Einige   Fälle   von   Geistbehandlung   mit Todesfolge sind bekanntgeworden.

Gefahren
bergen auch die irrealen Vorstellungen, daß verstrahlte oder vergiftete   Lebensmittel   mit   magischen Ritualen   wieder   genießbar   gemacht
werden könnten.

Heilbehandlerlnnen ohne Heilerlaubnis werden in Deutschland nach § 5 des   Heilpraktikergesetzes   mit   einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bedroht, wenn sie nachweislich gewerbsmäßig tätig sind »zur Feststellung,  Heilung  oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen«. Das gilt auch dann, wenn der Heiler nur »freiwillige Spenden« entgegennimmt. Einige Heilerinnen, die sich auf spirituelle, übernatürliche Kräfte beriefen, wurden verurteilt. Auch der Betrug mit angeblichen  Wundermitteln  hat  zu  etlichen Verurteilungen geführt.

Die paranormalen Fähigkeiten, auf die sich Geistheilerinnen    berufen, konnten bislang nicht bestätigt werden,
obwohl es in einer Reihe von parapsychologischen Untersuchungen versucht wurde. Bei der Nachprüfung von »Heilungen«, die vor laufender Fernsehkamera durchgeführt worden waren, stellte sich heraus, daß es sich um nur kurzfristige Effekte handelte.

Wunderheilerinnen wenden häufig Tricks an.  
Wissenschaftsjournalisten und Zauberkünstler haben aufgedeckt, daß die philippinischen Geistheiler, zu denen jährich 50.000 Kranke pilgern und   die   unerlaubterweise   auch   im deutschsprachigen  Raum  praktizieren, Taschenspielertricks anwenden.

Oft geht magische Heilung mit der Bedrohung einher, daß man ohne Heiler verloren wäre.
Es kommt nachweislich immer wieder vor, daß Klientinnen    von    ihren    Geistheilerinnen abhängig gemacht und erpreßt werden.

^

vikas / Geistheilung
Bibliographie

 

^


 ©    Edition VIKAS 2008