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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

FUNKTIONELLE ENTSPANNUNG

| Geschichte und Konzept | Übungsablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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In der Therapie wurde mir endlich klar, daß sich mein Seelenschmerz in meinem Körper ausdrückt. Ich glaube, daß ich nicht so weit gekommen wäre, wenn die Therapeutin mich nicht auch berührt, meinen Atem geleitet hätte. Bloß reden ist für mich so fremd. Ich brauche den Körperkontakt.

 

vikas / Funktionelle Entspannung
Geschichte und Konzept

Funktionelle Entspannung ermöglicht eine gezielte Entspannung, indem sie den Atem bewußt rhythmisiert. Urheberin der Methode ist die Gymnastiklehrerin und Krankengymnastin Marianne Fuchs (*1908). Sie arbeitete an mehreren psychiatrischen Kliniken, später zusammen mit einem der Väter der deutschen Psychosomatik, Viktor v. Weizsäcker (1886-1957). Marianne Fuchs entwickelte ihre Methode aus einer Kombination von angeleiteter Körperarbeit, Atemübungen und -> Tiefenpsychologie.

Das Konzept geht davon aus, daß der Atem eines gesunden und ausgeglichenen Menschen rhythmisch fließt. Spannungen und »Stauungen körperlicher und seelischer Energie« führen zu Verschiebungen, die den Atemfluß stören.

In der Therapie werden KlientInnen auf Störfelder und »Blockaden« hingewiesen. Verhalten und Einstellung sollen sich so ändern, daß sich diese »Blockaden« auflösen. Dabei wird viel Wert auf die Körperempfindungen der KlientInnen gelegt, um die Sensibilität zu fördern.

Um Funktionelle Entspannung lehren zu können, reicht die Arbeit am Körper allein nicht aus: Marianne Fuchs fordert von Therapeutinnen tiefenpsychologische Kenntnisse und Erfahrungen. Mit Hilfe der -> Tiefenpsychologie können TherapeutInnen die körperlichen Empfindungen denken, unbewußte Sinnzusammenhänge erkennen und im therapeutischen Gespräch mit den KlientInnen bearbeiten.

Funktionelle Entspannung wird von KrankengymnastInnen, BewegungstherapeutInnen, PsychologInnen und ÄrztInnen sowohl ambulant als auch in stationären Einrichtungen im Rahmen von Gesamtbehandlungskonzepten angewendet.

Die Verbände bieten in Deutschland, Österreich und der Schweiz vergleichbare Ausbildungen an, die mit einer Prüfung abgeschlossen werden. Eine fundierte Theorieausbildung in Tiefenpsychologie und Psychosomatik sowie über 100 Stunden Selbsterfahrung gehören zur mindestens dreijährigen Ausbildung.

 

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vikas /FUnktionelle Entspannung
Übungsablauf

Die Behandlung beginnt mit einem Gespräch, in dem zum Beispiel der Klient von sich erzählt und vor allem seine Beschwerden so genau wie möglich im Lebenszusammenhang schildert. Er sitzt oder liegt bei diesem Gespräch.

Die Therapeutin legt ab und zu die flache Hand leicht auf den Brustkorb des Klienten und überprüft seinen Atem während der Schilderung. Wenn der Klient an bestimmten Stellen stockt, wenn er ganz flach atmet oder gar nach Luft ringen muß, sind das Zeichen für intensive Gefühle, die der Inhalt der Erzählung in ihm auslöst.

Die Therapeutin erspürt und beobachtet den Atemrhythmus des Klienten. Um diesen Rhythmus gezielt zu beeinflussen und zu verbessern, fordert sie den Klienten auf, ganz bewußt in bestimmte Körperbereiche »hineinzuatmen«. Das hilft ihm, sich unter der Berührung durch die Therapeutin zu lösen und zu entspannen. Die Gefühle, die in ihm dabei aufwallen, werden besprochen und gedeutet. Gemeinsam probieren der Klient und die Therapeutin schrittweise, ob ein anderer Atemrhythmus auch die Befindlichkeit verändert, ob beispielsweise ruhiges und gleichmäßig tiefes Atmen ein Gefühl der Ruhe auslöst. So kann der Klient lernen, sich mit Hilfe seines Atemrhythmus in entspannte Ruhe zu versetzen.

Die drei »Spielregeln« der Funktionellen  Entspannung:

        1. »Alles im Aus aufsuchen«   Nur beim Ausatmen, ohne Druck von innen oder
          außen, werden die Wahrnehmungen und Empfindungen des Körpers bewußt erlebt.
          Einatmen oder Luftanhalten bewirkt Anspannung und blockiert die Gefühle.
        2. Alles nur zwei- bis dreimal tun: Die neuen bewußten Wahrnehmungen sollen nur
          wenige Male probiert werden, um zu verhindern, daß man in zu tiefe Entspannung
          abgleitet, die das Bewußtsein verändert
        3. Nachspüren: Das heißt, sich bewußt und konzentriert den kleinen Veränderungen
          im Erleben während der Übung hingeben, sie erinnern und nachwirken lassen.

 

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vikas /Funktionelle Entspannung
Anwendungsbereiche

Marianne Fuchs entwickelte anfänglich die Funktionelle Entspannung vor allem für Kinder, die an Asthma und anderen Krankheiten der Atemwege litten. Die guten Erfahrungen, die Marianne Fuchs dabei machte, regten sie dazu an, das Verfahren bei allen Störungen einzusetzen, die im weiteren Sinne mit Verkrampfungen und Verspannungen zu tun haben. Dazu gehören Muskelverspannungen, Rheuma, chronische Schmerzen ohne organische Ursache, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Störungen und Ängstlichkeit. Die Behandlung von schweren Organkrankheiten kann Funktionelle Entspannung nur begleiten. Das Verfahren kann nur wirken, wenn die KlientInnen Körperberührung dulden.

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vikas / Funktionelle Entspannung
Kritik

Bei starken Ängsten, Depressionen, Schizophrenie und zur Behandlung von schweren Körperkrankheiten ist die Funktionelle Entspannung ungeeignet. Sie könnte eine Krisensituation auslösen.

Funktionelle Entspannung ist zur Behandlung von Verspannung in den angegebenen Bereichen wirksam, eignet sich jedoch nicht als alleinige psychotherapeutische Methode bei seelischen Störungen.

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vikas / Funktionelle Entspannung
Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008