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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

BUDO

| Geschichte und Konzept | Übungsablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich war schüchtern und gehemmt, brachte vor anderen Leuten kaum einen Satz heraus. Mein Therapeut hat mir zugeredet, eine Kampftechnik zu erlernen. Ich unterdrücke meine Aggressionen, sagte er, es stecke viel Wut in mir. Es hat mich Überwindung gekostet, in den Budo-Klub zu gehen, doch es wirkte wirklich gut. Besonders beim Training mit den Kampfstöcken fühlt man sich stark. Nach dem Kung-Fu habe ich auch noch Aikido gemacht, um die Bewegungen fein abzustimmen. Jetzt beherrsche ich meinen Körper durch und durch. Aber die militärisch strenge Hierarchie und der aggressive Geist in dem Klub stößt mich immer mehr ab, ich will da nicht mehr hin.

 

vikas / Budo
Geschichte und Konzept

Budo bedeutet, aus dem Japanischen übertragen, »Weg des Kriegers«. Damit sind die verschiedenen Disziplinen fernöstlicher Kampfkünste gemeint, die seit Ende der 60er Jahre auch im deutschsprachigen Raum Fuß fassen konnten: Taekwondo, Karate, T'ai-Chi-Chuan, Judo, Jiu Jitsu, Aikido und andere.

Ihre Entwicklung diente ursprünglich ausschließlich militärischen Zwecken, und sie sind — anders, als vielfach behauptet wird — nicht uralt. So wurde Taekwondo etwa erst in den 50er Jahren im Zuge des Koreakrieges entwickelt. Heute ist Karate- oder Taekwondo-Training weltweit fester Bestandteil der Ausbildung von Militär- und Sicherheitskräften. Zunehmend verbreiten sich diese Kampfformen auch als Sportdisziplinen. 1988 kam Taekwondo sogar zu olympischen Ehren. In den letzten Jahren mehren sich aber die Probleme mit Budo-Interessenten, in manchen Budo-Zentren haben sich rechtsradikale Gruppen ausgebildet.

Mit Körpertherapie werden fernöstliche Kampfsportarten seit Mitte der 70er Jahre verbunden. Eine Vorreiterrolle hat die -> Osho-Rajneesh-Sekte . Daneben wird Budo vereinzelt auch in der Rehabilitation und Resozialisierung von Drogenabhängigen und von jugendlichen Strafgefangenen eingesetzt.

Die Budo-Ausbildung erfordert drei bis vier Jahre Training. Die abgeschlossene Prüfung berechtigt zum Unterricht von Schülern. Eine besondere Ausbildung für den therapeutischen Einsatz gibt es nicht.

Unter therapeutischen Gesichtspunkten versteht sich Budo als »Katalysator«: Das nach außen gerichtete, aggressive Handeln, Schlagen oder Treten in einen Sandsack etwa soll helfen, Hemmungen abzubauen. Gleichzeitig soll Budo einen kontrollierten Umgang mit Aggressionen vermitteln. Die Anbieter argumentieren, daß Budo in die spirituellen Traditionen des Ostens eingebunden sei, und wollen damit seinen meditativen und letztlich friedfertigen Charakter belegen.

Kampfformen des »sanften« Budo

Bei Judo, Jiu-Jitsu und Aikido stehen Hebel-, Wurf- und Würgetechniken sowie geschickte Ausweichbewegungen im Vordergrund, die GegnerInnen ins Leere laufen lassen. Aikido soll besonders geeignet sein, um Körperbewußtsein zu entwickeln und das Selbstwertgefühl zu steigern. Aggressive Gefühle sollen kontrollierbar gemacht werden.

Kampfformen des »harten« Budo

Bei Karate, Taekwondo, Kung-Fu oder T'ai-Chi-Chuan werden Fauststöße und Fußtritte eingeübt, die zum Teil vor dem Körper des Kampfpartners gestoppt werden, zum Teil aber harte Körperberührung zum Ziel haben (Kick-Boxen). Für den Ernstfall werden tödlich wirkende Stöße eingeübt.

 

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vikas /Budo
Übungsablauf

Die Trainingsstunde wird in der Regel mit einer Verbeugung vor dem Meister und einer kurzen Meditation eingeleitet. Nach dem Aufwärmtraining führen die TeilnehmerInnen nach Anweisungen der LehrerInnen Bewegungs-, Balance- und Koordinationsübungen durch, die sie zunächst allein und dann mit einem Partner oder einer Partnerin trainieren. Die Bewegungen der »sanften Budokünste« sind stets fließend und »rund«, die der  »harten«   jedoch  konzentriert, schnell und aggressiv.

Wesentlicher Bestandteil sind Übungen, bei denen man lernt, sich aus jeder Position zu Boden fallen zu lassen und den Körper abzurollen. Durch fortlaufende Wiederholung gehen die Kampf­und Ausweichbewegungen in Fleisch und Blut über.

Budo-Techniken werden im Rahmen von Gruppentherapien eingesetzt.

 

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Anwendungsbereiche

Budotechniken sollen Aggressionen abgeleitet werden, Selbstbewußtsein gefördert und Hemmungen abgebaut werden können.

 

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vikas / Budo
Kritik

Kampfkünste sind Techniken, die darauf abzielen, den Körper und vor allem die Gefühle zu kontrollieren (»Reiß dich zusammen!«, »Laß dir nichts anmerken!«). Psychotherapeutische Bemühungen richten sich jedoch auf das Gegenteil, nämlich Gefühle bewußt wahrzunehmen und sie angemessen auszudrücken.

Ob das Trainieren von Würgegriffen,  Faustschlägen  und  Fußtritten  zu einem bewußteren oder kontrollierteren Umgang   mit   aggressiven   Impulsen beiträgt, ist zu bezweifeln. Die auf den Verhaltensforscher     Konrad     Lorenz (1903-1989)    zurückgehende    These, harte sportliche Betätigung im Rahmen von Regeln baue aggressive Energien auf harmlose Weise ab, gilt als widerlegt.

Angeblich   liegt   der   besondere Wert  der  Budo-Kampfdisziplinen  in ihrem   »spirituellen  Wesen«,  das  sich auf die jahrtausendealte Verbindung zu Taoismus   und   Buddhismus   gründen soll. Solch eine spirituelle Verbindung läßt sich nicht belegen.

Für   therapeutische   Zwecke   ist Budo ungeeignet. Nur einzelne Bewegungs-,  Koordinations-  oder  Balanceübungen des Aikido können sinnvoll in ein therapeutisches Gesamtkonzept mit einbezogen    werden.     Voraussetzung hierfür ist allerdings eine qualifizierte therapeutische Anleitung  und  Begleitung.

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vikas / Budo
Bibliographie

 

 

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 ©    Edition VIKAS 2008