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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

BIODYNAMIK (BIODYNAMISCHE PSYCHOTHERAPIE)

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Die Berührungen waren wunderbar sanft und entspannend. Mir kam es so vor, als verführten mich die Hände der Therapeutin, meinen Empfindungen nachzuspüren und über meine Gefühle zu sprechen. In seltenen Augenblicken erlebte ich tatsächlich das überwältigende Gefühl des Strömens, das diese Behandlung verspricht. Aber in den Alltag kann ich - außer größerer Gelöstheit — kaum, etwas davon einbauen.

vikas / Biodynamik
Geschichte und Konzept

Biodynamik, eng verwandt der -> Vegetotherapie Wilhelm Reichs, gilt als sanfte Methode der therapeutischen Körpermanipulation.

Das Verfahren wurde von der Norwegerin Gerda Boyesen (*1922) entwickelt, die bei ihrem Landsmann Ola Raknes, einem Schüler und Mitarbeiter Reichs, Erfahrungen gesammelt hatte. Als Physiotherapeutin war ihr aufgefallen, daß manche ihrer PatientInnen auf Massage- und Atemtherapie mit starken körperlichen und seelischen Entladungen reagierten: Sie zitterten und schluchzten. Die Suche nach den Zusammenhängen führte Boyesen zur Entwicklung der Biodynamik. »Bio« bedeutet Leben, »Dynamik« die Lehre von den bewegenden Kräften - der Name soll anzeigen, daß seelische Probleme an organische Prozesse gebunden sind.

Boyesen übersiedelte nach London, gründete 1968 ein privates Therapiezentrum und begann bald mit Ausbildungsprogrammen. Auf großangelegten Touren quer durch Europa lehrt und praktiziert Gerda Boyesen seit Mitte der 70er Jahre ihre Methode in zahlreichen Therapiezentren. Unterstützt wird sie durch eine ganzen Reihe von »TrainerInnen«, die sie selbst geschult hat, und von ihren Kindern Monalisa Boyesen und Paul Ebba. Biodynamik ist im deutschen Sprachraum inzwischen weit verbreitet.

Die Ausbildung umfaßt 30 Stunden Selbsterfahrung und mehrere praktische Kurse, verteilt auf vier Jahre. Sie schließt mit einem Zertifikat ab. Zulassungsbeschränkungen gibt es kaum, Qualitätskontrollen sind nicht vorgesehen. Darüber hinaus bieten viele »BiodynamikerInnen«, die keinerlei Ausbildung haben, ihre Dienste an. Die Qualifikation dieser »Neo-Reichianerlnnen« ist entsprechend zweifelhaft.

Kennzeichen der Biodynamischen Therapie ist das Hörrohr, das Stethoskop: Damit lauschen Biodynamikerlnnen während der Arbeit immer wieder auf die Darmgeräusche ihrer KlientInnen, um zu erkunden, welchen Entspannungszustand diese erreicht haben.

Die Biodynamik hat das »Muskelpanzer«-Konzept der -> Vegetotherapie um den Gedanken erweitert, daß sich durch seelische Dauerbelastung auch die glatte Muskulatur der inneren Organe und das muskelumschließende Gewebe verspannen und zum einengenden »Panzer« werden können. Der Biodynamik liegt Boyesens Annahme zugrunde, daß seelisches Geschehen in direktem Zusammenhang mit dem Verdauungstrakt stehe: Mit dem auf den Bauch gelegten Hörrohr registrierte sie, daß Entspannung die Darmgeräusche stärker werden läßt. Die Biodynamik schließt daraus, daß der Körper psychischen Streß »bindet« und daß eine lebendige Darmtätigkeit (Psychoperistaltik) ihn wieder vollständig abbaut.

Nach diesem Modell entlädt sich jede Erregung, wenn Stimme, Blick und Gesten ihr Ausdruck verleihen. Zurückbleibende Energie sinkt in den Darmbereich und wird dort abgebaut. Das äußert sich in gesteigerter Verdauungstätigkeit. So reguliert der »Darmmotor« das innere Gleichgewicht: Der Darm kann nervösen Streß »verdauen«. In Notsituationen läuft der Motor auf Hochtouren: Durchfall befreit von großer Angst. Wird psychischer Streß zur Dauerbelastung, versagt der Darmmotor, weil sich die Darmmuskulatur -so heißt es — panzert. Die verbleibende chronische »Restspannung« soll sich zu seelischen Krankheiten, Neurosen und sogar Psychosen steigern. Boyesen ist daher der Auffassung, Neurosen seien »Fremdkörper im Gewebe«.

Wie Wilhelm Reich nimmt Boyesen an, daß die im Körper zirkulierende Energie Teil eines kosmischen Energiestromes sei. Diese mystische Kraft heißt bei ihr nicht Orgon, sondern »Aura«.

Ziel der Biodynamischen Therapie ist es, mit Massagen die »Panzerungen« in den Gewebeschichten zu lösen und so die Erregungen »zum Abschluß« zu bringen. Das soll den Organismus wieder zur Selbstregulation befähigen.

TherapeutInnen der Biodynamischen Psychotherapie gehen mit den Abwehrmechanismen der KlientInnen, mit denen diese sich gegen das Aufdecken seelischer Verletzungen wehren, respektvoll um: Panzerungen werden nicht gebrochen, wie etwa beim -> Rolfing, sondern »geschmolzen«. Das soll die KlientInnen befähigen, die Energie wieder »fließen« zu lassen und an Stelle des Panzers neue Möglichkeiten der Selbstbehauptung zu entwickeln.

 

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vikas / Biodynamik
Therapieablauf

Die KlientInnen liegen leicht bekleidet und möglichst entspannt auf dem Rücken. Therapeutin oder Therapeut streichen ihnen mit sanften Bewegungen über den Bauch, dann wieder greifen sie tief in das Bindegewebe hinein, bis sie an die Muskeln und  Knochen vordringen. Dort wollen sie den Gewebepanzer zum »Schmelzen« bringen. Zwischendurch lauschen sie immer wieder auf die Darm- und Bauchgeräusche. Dieses »Feedback« leitet sie bei den Massagen, denn es gibt ihnen an, ob die körperliche Spannung im Steigen oder Sinken begriffen ist.

Empfinden KlientInnen Schmerzen und brechen heftige Emotionen aus ihnen heraus, versuchen die TherapeutInnen, diese nach oben drängende Energie mit Massage in den Bauch zu lenken, so daß der Darm die Erregung abbauen kann.

Angeregt, sich den unwillkürlichen Impulsen hinzugeben und den Empfindungen im Körper nachzuspüren, lernen KlientInnen frei zu sagen, wie sie empfinden und was ihnen durch den Kopf geht. So wie sich unbewußte Impulse beim Reden durch Versprecher äußern können, kündigt der Körper sie durch kleinste, fast unbemerkte Bewegungen an, wie zum Beispiel durch ein Zucken der Augenbrauen, durch Rötung der Haut und tieferes Atmen. Diese körperlichen Äußerungen unterstützen die TherapeutInnen durch Berührung. So kann aus leichtem Zucken tiefes Schluchzen oder ein Schrei werden, verschüttete Erinnerungen können auftauchen. Ziel der Behandlung ist jedoch nicht das bloße Ausagieren dieser Gefühle, sondern die Entspannung. Deshalb werden KlientInnen angeregt, über die aufwühlenden Gefühle zu sprechen. Die TherapeutInnen unterstützen sie und achten darauf, wie weit das Gesagte mit Tonfall, Gestik, Mimik und Atmung übereinstimmt.

Gearbeitet wird auf dem Massagetisch, auf der Matte, im Sitzen und im Stehen. Auch Körperübungen ähnlich denen der -> Bioenergetik werden durchgeführt. Üblich ist Einzelbehandlung im Abstand von einer Woche. Es gibt Kurztherapieformen und Therapie mit der Dauer von ein bis zwei Jahren. Darüber hinaus werden Intensivgruppen mit geringer Teilnehmerinnenzahl, Großgruppen und Wochen­endworkshops angeboten. Als eine Weiterentwicklung wird Biorelease gelehrt, eine Art Selbsthilfeprogramm zur Streßlösung.

 

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vikas / Biodynamik
Anwendungsbereiche

Biodynamische Psychotherapie wird empfohlen bei psychosomatischen Krankheiten, bei Verspannung »an Leib und Seele« sowie als Mittel zur Selbsterfahrung.

BiodynamikerInnen schließen Personen mit Magen- und Darmgeschwüren sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen von der Behandlung aus, weil die Gefahr besteht, daß sich diese Krankheiten verschlimmern. Das gleiche gilt für akute seelische Störungen.

 

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vikas / Biodynamik
Kritik

Da BiodynamikerInnen nicht medizinisch ausgebildet werden,  besteht das Risiko, daß TherapeutInnen Störungen und Krankheiten, die eine biodynamische Behandlung ausschließen, nicht erkennen. Die Ausbildung befähigt sie nicht,  emotionale  Krisen  aufzufangen. Auch ist die Gefahr der Grenzverletzung bei dieser Therapieform hoch.

Bis jetzt belegt keine wissenschaftliche Dokumentation die behaupteten Erfolge.

Die Theorie von der Neurose als Gewebevergiftung  ist  nicht bewiesen. Das gleiche gilt für die Vorstellung der im Körper zirkulierenden und im Kosmos gründenden vitalen Energie.

Zur Behandlung seelischer Störungen eignet sich Biodynamische Therapie nicht. Zur Behandlung psychosomatischer Störungen und als Möglichkeit der Selbsterfahrung hat sie einen gewissen Wert.

 

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Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008