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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

AUTOGENES TRAINING (AT)

| Geschichte und Konzept | Übungsablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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vikas / Autogenes Training
Geschichte und Konzept

Das Autogene Training leitet sich aus den Beobachtungen des Neurologen und Hirnforschers Oskar Vogt (1870-1959) her. Er stellte an PatientInnen, die er mit Hypnose behandelte, fest, daß sie sich nach einiger Zeit auch allein in Hypnose versetzen konnten. Etwa ab 1915 begann der junge Internist und spätere Nervenarzt Johannes Heinrich Schultz (1884-1970) auf Vogts Anregung hin, sich mit Selbsthypnose und deren Auswirkungen auf den Organismus zu beschäftigen.

Während des Ersten Weltkrieges betreute er als Chefarzt ein Lazarett mit Invaliden, die an kriegsbedingten seelischen Störungen litten, vor allem an schwersten Ängsten. Diese Patienten konnten die Schrecken des Krieges mit Hilfe der von Schultz entwickelten Beruhigungs- und Entspannungstherapie deutlich besser verarbeiten, wurden allerdings daraufhin auch schneller wieder ins Feld geschickt. In den folgenden Jahren untersuchte Schultz die Wirkungen des Autogenen Trainings an interessierten ÄrztInnen und PatientInnen. Während des Nationalsozialismus spielte er eine führende Rolle im regimetreuen Berliner Psychotherapeutischen Institut, unterstützte beispielsweise aktiv den Ausschluß von jüdischen KollegInnen. Autogenes Training fand in Europa und über die emigrierten EuropäerInnen in Südamerika weite Verbreitung.

Der Name dieser Therapie ist ein griechisch- lateinisches Kunstwort: »autos« heißt »selbst«, »gen« bedeutet »entstanden«. Autogenes Training beruht auf der Erkenntnis, daß sich jeder Mensch selbst so intensiv in einen Gefühlszustand versetzen kann, daß er auch die begleitenden Körperreaktionen auslösen und spüren kann. Mit -> Selbstsuggestion können sich manche Menschen beispielsweise so intensiv vorstellen, Angst zu haben, daß sie sich schließlich zitternd und mit Herzklopfen den Schweiß von der Stirn wischen müssen.

Autogenes Training beeinflußt das vegetative Nervensystem. So werden Organe erreicht, die sonst dem Willen nicht zugänglich sind. Autogenes Training kann die Funktion dieser Organe anregen oder verlangsamen.

Ziel des Autogenen Trainings ist, die Fähigkeit zu erlernen, sich selbst in einen Zustand der Entspannung zu versetzen. In den ersten Stunden (Unterstufe) erläutern die TrainingsleiterInnen Prinzipien und Grundlagen der Therapie, sprechen aber die Formeln und Sätze beim Üben der Grundübungen nicht vor. Alle KlientInnen sollen für sich selbst eigene beruhigende Formeln finden. Auf diese Weise wird ausgeschlossen, daß statt -> Selbstsuggestion -> Hypnose stattfindet. Die KlientInnen sollen von den TherapeutInnen unabhängig sein und deren Dienste nur zur Anleitung und zum Lernen nutzen.

In der Oberstufe des Autogenen Trainings lernen Klientinnen, sich Bilder und selbstgewählte Situationen vorzustellen und sich innerlich so in diese Szenen hineinzuversetzen, als seien sie real. So lassen sich in der Phantasie neue Möglichkeiten zur Bewältigung von Alltagsproblemen durchspielen

Eine spezielle Abwandlung des Autogenen Trainings ist die -> Relaxation nach de Ajuriaguerra, die der Schweizer Psychiater Julian de Ajuriaguerra (*1911)entwickelte. Sie legt den Schwerpunkt auf das therapeutische Gespräch; Entspannungsübungen dienen mehr zur Einleitung in eine tiefenpsychologisch orientierte Gesprächstherapie.

Seit der Erstveröffentlichung der Methode 1932 ist das Autogene Training unverändert geblieben. Allenfalls haben sich die beruhigenden Formeln sprachlich der heutigen Zeit angepaßt.

Die Ausbildungsinstitute erwarten die Teilnahme an mindestens zwei Kursen in Autogenem Training, die jeweils acht bis zwölf Doppelstunden umfas­sen. Es werden dabei Kenntnisse der Grund- und Oberstufe, theoretisch-psychologische und medizinische Grundlagen gelehrt.

Grundregeln des Autogenen Trainings

Die Übungen der Oberstufe

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vikas /Autogenes Training
Übungsablauf

Zum Autogenen Training treffen sich die KlientInnen in einer Gruppe von zehn bis zwölf TeilnehmerInnen. Auch Kinder können AT lernen. Für sie werden altersgemäße Erklärungen und Vorschläge für Formeln ausgewählt.

Nachdem die Therapeutin oder der Therapeut die Grundregeln erklärt hat, beginnt das Training. Die KlientInnen sitzen dazu entweder gerade und angelehnt oder in der »Droschkenkutscherhaltung«: leicht vorgebeugt, die Füße fest auf dem Boden, die Arme auf den Knien. Die Körperhaltung soll beim Üben entspannt, aber nicht schlaff sein.

In der Unterstufe werden in sechs bis zehn Übungsstunden von 50 bis 70 Minuten die sechs Grundübungen und das »Zurücknehmen« aus der Entspannung durch tiefes Einatmen, Muskelan-und -entspannen und Augenöffnen geübt. Die Erfahrungen, die jeder beim Üben in der Stunde und zu Hause macht, werden besprochen, Fehler korrigiert, Anregungen zur Erleichterung gegeben und die nächstfolgende Übung angeleitet.

Hat man sich durch die Grundübun­gen in tiefe Entspannung gebracht, kann man sich eine Formel vorsprechen, mit der ein persönliches Problem bewäl­tigt werden soll. Diese formelhafte Vorsatzbildung könnte für einen ängstlichen oder schreckhaften Menschen etwa lauten: »Ich bin ruhig und gelassen. Ich lasse mich nicht schrecken.« Je nach individuellem Problem kann sich jeder Übende seine Formel selbst suchen.

Die Übungen in der Oberstufe des Autogenen Trainings sollen zur meditativen Versenkung anregen. Daran sollte sich ein Gespräch anschließen, in dem die oder der Übende die Bilder mit der Therapeutin oder dem Therapeuten gemeinsam  deutet;  es  ist  nicht gut, wenn Menschen, die darin noch ungeübt sind, sich ohne Hilfe selbst überlassen bleiben.

Wer Erfahrungen mit allen Übungen der Oberstufe gemacht hat, kann sich mit selbstgewählten Bildern beschäftigen. Sie sollten mit dem Thema zu tun haben, zu dessen Lösung die oder der Übende sich Hilfe aus dem Unterbewußten erwartet.

 

 

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Anwendungsbereiche

Autogenes Training der Unterstufe ist eine gute Entspannungshilfe, die sich, einmal erlernt, zu jeder Zeit und in nahezu jeder Situation einsetzen läßt. Zur Streßbekämpfung und in Überlastungssituationen können schon fünf Minuten am Tag nützlich sein. Erkrankungen, die mit Verkrampfungen, Verspannungen und leichten Fehlfunktionen von Organen einhergehen, wie Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen, Bluthochdruck, Magenbeschwerden und vor allem Schlafstörungen, lassen sich mit Autogenem Training mildern. Bei innerer Unruhe, Zappligkeit und Störungen der Konzentrationsfähigkeit können formelhafte Vorsätze nützen. Zur Geburtsvorbereitung eignet sich Autogenes Training, um Spannungen und Ängste abzubauen.

Die meditativen Übungen der Oberstufe des Autogenen Trainings können die Selbsterkenntnis fördern. Wer zur Selbsterkenntnis aber bewußtes Nachdenken vorzieht, sollte andere Methoden wählen.

Menschen mit Herzrhythmusstörungen können sich ängstigen, wenn sie ihren Pulsschlag bewußt empfinden. Asthmatikerinnen kann zu Beginn des Trainings die Atemübung schwerfallen; es kann sie irritieren oder beunruhigen, wenn sie sich auf ihren Atemrhythmus konzentrieren. Doch durch das Üben in der Gruppe und unter kompetenter Anleitung verlieren sich diese Sorgen bald.

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Kritik

Menschen, die schon einmal Wahnerscheinungen hatten, sollten nicht versuchen, sich innere Bilder vorzustellen. Sie könnten aus der Selbstversenkung in eine Psychose gleiten.

Für Menschen mit schweren Depressionen und Angstzuständen eignet sich AT nicht, weil sie sich ohnehin meist zu stark nach innen zurückziehen.

Autogenes Training ist ein wirksames Entspannungsverfahren, mit Ausnahme der Behandlung von Schlafstörungen kann es jedoch nicht als eigenständige therapeutische  Methode gelten.

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Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008