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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

ASTROLOGISCHE PSYCHOLOGIE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik | Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich wollte einen Bericht über Sterndeutung schreiben und vereinbarte einen Termin mit einem bekannten Astropsychologen. Meine Freundin bestand darauf, mitzugehen. Sie trat als Kollegin von der Zeitung auf, und wir gaben nicht an, daß wir ein Paar sind. Der Astrologe erstellte für jeden von uns aus den Sternen ein Psychogramm. Er fertigte komplizierte Zeichnungen an, las Zahlen von Tabellen ab und erzählte einiges Belangloses. Im Grunde waren, es nur Gemeinplätze. Meiner Freundin aber sagte er nebenbei, sie werde sich In naher Zukunft aus ihrer Partnerschaft lösen,
Sie nahm das vorerst nicht wichtig, doch Stunden nachdem wir den Astrologen verlassen hatten, geriet sie in eine tiefe Krise. Bald kreisten ihre Gedanken nur noch um die schicksalhafte Vorhersage. Sie war kaum mehr zu beruhigen und von den quälenden Gedanken abzubringen. Heute können wir darüber lachen, aber es ist schrecklich, welche Konfusion solch eine Schicksalsspielerei anrichten kann.
Nach: GWUP (Hrsg,): Der Fall. In: Skeptiker, Heft 4/90. Zuckschwerdt, München 1990

 

vikas / Astrologische Psychologie
Geschichte und Konzept

Keilschrifttafeln aus der Zeit des babylonischen Königs Hammurabi (1728-1686 v. Chr.) und aus der Bibliothek des assyrischen Königs Ashurbanipal (668-630 v. Chr.) zeugen von den Anfängen der Astralreligion. Im Mittelpunkt der Omen standen ursprünglich der König und die politische Konstellation. Man erhoffte, aus Beobachtungen und Berechnungen der Planetenstellungen den Willen der Götter herauszufinden. Das erste bekannte Horoskop im heutigen Sinn datiert auf den 29. April 410 v. Chr. Nachdem die Astrologie nach Persien, Indien, China, und Ägypten, nach Griechenland und Rom gekommen war, diente sie dazu, Krankheiten und Temperamente der Menschen zu beschreiben und die Zukunft vorauszusagen.

Im christlichen Rom war die Sterndeuterei als Teufelswerk verpönt. Aber über die arabische Kultur drang sie im 12. Jahrhundert nach Europa vor. Thomas von Aquin (1225-1274) zum Beispiel führte Körperbau, Geschlecht und Charakter eines Menschen auf die Sternenkonstellation zum Zeitpunkt seiner Geburt zurück; die italienischen Stadtrepubliken richteten an den Universitäten eigens Lehrstühle für Astrologie ein. Die Astrologie beeinflußte das Weltbild der Humanisten, fand unter ihnen aber auch Gegner. Nur widerstrebend und als Konzession an den Zeitgeist erstellte zum Beispiel der Astronom Johannes Kepler (1571-1630) Horoskope, weil er damit seinen Lebensunterhalt verdienen mußte. Aus dieser Zeit kennt man Geburtsdarstellungen, auf denen neben Wöchnerin, Kind, Vater und Hebamme auch immer der Sterndeuter abgebildet war.

Die Aufklärung verwies die Sterndeutung ins Reich des Aberglaubens, allmählich sank das allgemeine Interesse daran. Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Astrologie eine Wiedergeburt, in den 20er Jahren gab es die ersten Zeitungshoroskope in Amerika, und in der Zeit des Nationalsozialismus hatte die Astrologie Hochkonjunktur. Rudolf Steiner (-> Anthroposophische Therapie) und -> Carl Gustav Jung verbreiteten Vorstellungen von der schicksalhaften Bindung an die Sterne. In den 50er Jahren wurde der Sternenglaube durch Zeitungshoroskope in deutschen Blättern populär. New-Age-Denker wie Thorwald Dethlefsen (Geburtsjahr geheim) haben dem Sternenglauben in den 70er Jahren erneut Auftrieb gegeben. Seit I960 werden psychoanalytische Betrachtungsweisen bei astrologischen Interpretationen angewendet, 1976 wurde von Fritz Riemann (1902-1979) eine eigene astrologisch-analytische Typenlehre entwickelt.

Heute ist Astrologie ein Massenphänomen: Nahezu alle Menschen im deutschsprachigen Raum kennen ihr Tierkreiszeichen, jeder Zweite denkt, daß »an der Sache etwas dran« ist, jeder Zehnte ist überzeugt, daß das Schicksal »in den Sternen steht«, viele erklären ihre charakterlichen Eigenheiten unter Hinweis auf ihr Sternzeichen. Drei von hundert Menschen richten sogar ihr Verhalten nach den Ratschlägen von Zeitungshoroskopen.

Die Zunft der AstrologInnen ist in verschiedene, miteinander streitende Schulen aufgesplittert. Viele nehmen für sich in Anspruch, Wissenschaft zu betreiben und schätzen die jeweils andere Schule gering.

Astrologie läßt sich aus unzähligen Büchern erlernen, auch die Computertechnik hat mittlerweile neue Möglichkeiten erschlossen: Es gibt vorgefertigte Programme für den Personalcomputer, tauglich für jeden Geburtstermin und Geburtsort. Mit ihnen lassen sich Planetenbahnen einfach errechnen, eingespeicherte Tabellen und Deutungsversatzstücke lassen sich mit Knopfdruck abrufen und in allen möglichen Varianten kombinieren. Verschiedene Firmen bieten komplette Computersets an. Um eine »astrologische Praxis« zu eröffnen, braucht man zusätzlich zum PC nur noch  einen  Gewerbeschein.   »Machen Sie Ihren Computer zu Gold«, so wirbt ein großer Schweizer Betrieb (Cosmosoft, früher: Cosmotronics, früher bep; mit 30 Neben- und Tochtergesellschaften) für seine Horoskopsoftware.

Hauptberuflich betreiben im deutschen Sprachraum etwa 400 Personen, darunter einige PsychologInnen und PsychotherapeutInnen, »astrologische Charakteranalyse« und Schicksalsdeutung. Für einige tausend andere Menschen ist Sterndeuterei ein einträgliches Nebengeschäft.

Neue Strömungen rücken von der traditionellen Behauptung ab, daß die Sterne direkten Einfluß auf die Menschen und ihr Schicksal hätten. Nach Ansicht vieler moderner AstrologInnen ist der Sternenhimmel nur ein Abbild des Geschehens auf Erden. Zur Erklärung dient das New-Age-Prinzip der Analogie, das bereits aus der Antike stammt: »Wie unten, so oben, wie hier, so dort.« Es gehe nicht darum, sich den Sternen zu beugen, heißt es, sondern darum, sich mit ihnen zu bewegen. Der Augenblick, in dem ein Mensch das Licht der Welt erblickt, sagt nach dieser Vorstellung Wesentliches aus über seinen Charakter und über die Themen, mit denen er sich in seinem Leben auseinandersetzen muß. Die Grundlage der astrologischen Deutung ist das Horoskop.

Trivialhoroskope beziehen sich nur auf das Tierkreiszeichen, in dem die Sonne zum Zeitpunkt der Geburt stand. Alle Menschen, die zwischen dem 21. Juli und dem 20. August geboren sind, sind demnach Löwen und haben einen herrischen Charakter.

Anspruchsvollere Horoskope erstellen aus den Beziehungen von Tierkreiszeichen, Häusern und »Planeten« zueinander ein hochkompliziertes Geflecht.

Angesichts der ungezählten Deutungsmöglichkeiten kann aus dem Horoskop jede beliebige Charaktereigenschaft herausgelesen werden.

 

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vikas / Astrologische Psychologie
Beratungsablauf

Die meisten astrologischen Analysen werden heute auf dem Versandweg erstellt: Die Bestellunterlagen finden die KundInnen in Werbeanzeigen. Nachdem sie Geburtstag, -ort und -zeit angegeben und den geforderten Betrag eingeschickt haben, erhalten sie per Post das Persönlichkeitsbild als Computerausdruck.

Auch auf Bewußtseinsmessen, in Hörfunkprogrammen und Fernsehsendungen werden Persönlichkeitsbilder und Horoskope dieser Art angeboten.

Bei der persönlichen Beratung gehen die Astrologinnen intuitiv auf die Wünsche ihrer KlientInnen ein. Die meisten von ihnen haben durch jahrelange Erfahrung Menschenkenntnis gesammelt und schließen aus Äußerlichkeiten, kleinsten Andeutungen und Verhaltensweisen ihres Gegenübers auf die Erwartungen ihrer KlientInnen. Sie formulieren ihre Aussagen meist so vage, daß sie auf jeden Menschen und viele Situationen zutreffen, oder sie wählen Aussagen, die es Ratsuchenden leicht machen, darin etwas von sich selbst wiederzuerkennen.

Die Beratung beginnt mit der Anfertigung eines astrologischen Persönlichkeitsbildes. Das therapeutische Gespräch bezieht sich dann auf die darin behaupteten Fakten. Die AstrologInnen deuten das Horoskop als symbolisches Abbild des Lebenspotentials und der darin enthaltenen Konflikte. Schicksalhaft sollen sich im Horoskop die Lebensthemen der KlientInnen mitteilen. Störungen rühren, wie es heißt, daher, daß man im Leben von seinen persönlichen Themen abweicht. Durch »tiefenpsychologische« Deutung des Horoskops sollen solche Abweichungen festgestellt und korrigiert werden

Meist werden die KlientInnen in einer einzigen astrologischen Sitzung beraten, manche Astropsychologlnnen bieten auch Gesprächsserien an. Viele AstrologInnen raten ihrer Kundschaft zu weiteren esoterischen Deutungen, wie Numerologie oder Kartenlegen, oder alternativen Heilverfahren, wie -> Reinkarnationstherapie.

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Anwendungsbereiche

Astrologie beansprucht, eine Form der Lebenshilfe zu sein. AstrologInnen bieten Unterstützung in kritischen Lebenslagen an sowie Hilfe für die Partnerwahl und die berufliche Entscheidung. Sie sehen sich auch in der Lage, seelische Störungen zu heilen.

Im Auftrag von Firmen erstellen sie Horoskope  von    BewerberInnen  als Grundlage von Personalentscheidungen und berechnen aus der Stellung der Himmelskörper aktuelle Börsenkurse und politische Entwicklungen.

Darüber hinaus hat Astrologie einen globalen Deutungsanspruch und eine weltanschauliche Funktion.

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Kritik

Schon einfache Kenntnisse in Astronomie führen Astrologie ad absurdum:
Sie sieht nicht die dreidimensionale Verteilung der Himmelskörper, ignoriert alle physikalischen Bedingungen, unterteilt den Tierkreis willkürlich in real gar nicht existierende »Zeichen« und stellt dann dieses Zerrbild des Universums in einen Zusammenhang, der gar nicht besteht.

Astrologische Berechnungen beruhen   auf  willkürlichen   Vermutungen und Annahmen:
Erst werden bestimmten Erscheinungen am Himmel - ohne empirische  Grundlage,  aber  aufgrund von   Analogieschlüssen   -   bestimmte Eigenschaften     zugeschrieben,     anschließend werden diese Eigenschaften dann  allen  Menschen  zugeordnet,  die unter  diesen  Konstellationen  geboren sind.

Es fehlt der Nachweis, daß
es zwischen dem Stand der Sterne und dem Charakter oder Schicksal von Menschen eine  ursächliche  oder  andere  Verbindung gibt. Unzählige Experimente und Forschungen haben die Behauptungen der Astrologie längst widerlegt. Grundsätzlich  kritisiert  die  Wissenschaft  an den  astrologischen  Schulen,   daß  der Horizont ihres Wissens vor Jahrtausenden gezogen und kaum erweitert wurde und daß sie sich trotzdem als wissenschaftlich ausgeben.

Astrologische  Charakteranalysen sind so abgefaßt, daß
sie plausibel erscheinen und den KlienIinnen schmeicheln. Sie müssen nicht wahr sein, um als stimmig und hilfreich erlebt zu werden. Astrologie stillt den Wunsch, in sich und andere hineinschauen zu können, und das Bedürfnis, die ängstigende Ungewißheit     der     Zukunft     abzuschwächen. Horoskope schläfern jedoch die   Kritikfähigkeit   ein   und   können abhängig machen, da Hilfesuchende der persönlichen Interpretation der Astrologinnen ausgeliefert sind.

Aussagen,   die   sich   auf  höhere Mächte berufen, sind gefährlich.
Horoskope funktionieren nach dem suggestiven Prinzip der »sich selbst erfüllenden Prophezeihung«: Sie werden zur Projektionsfläche für Wünsche und Phantasien. Die KlientInnen glauben sogar dann daran, wenn der Todestag angekündigt wird. Die Angst - nicht die Macht der Sterne — läßt dann manchen tatsächlich am vorhergesagten Tag verunglücken.

Den meisten AstrologInnen mangelt es an psychotherapeutischen Kenntnissen,   viele   sind   Scharlatane.   
Ein Großteil  astrologischer  Aussagen  beruht, wie oftmals nachgewiesen wurde, auf Irreführung. So wurden etwa Horoskope mit identischen Texten jahrelang von astrologischen Zeitschriften wiederholt in die Seiten gesetzt — allerdings wechselweise   für   verschiedene   Tierkreiszeichen.

Barnum-Effekt

»Sie brauchen unbedingt Menschen um sich, die Sie mögen und bewundern. Sie neigen zur Selbstkritik. Sie verfügen über ungenutzte Fähigkeiten, die Sie nicht zu Ihrem Vorteil nutzen. Obwohl Sie einige persönliche Schwächen haben, sind Sie im allgemeinen in der Lage, sie auszugleichen. Ihre sexuelle Anpassung bereitet Ihnen Probleme. Nach außen sind Sie diszipliniert und haben sich unter Kontrolle, nach innen sind Sie jedoch unruhig und unsicher. Manchmal haben Sie ernste Zweifel, ob sie die richtigen Entscheidungen getroffen oder ob sie das Richtige getan haben. Sie bevorzugen gewisse Veränderungen und Abwechslungen und werden unzufrieden, wenn Sie durch Vorschriften und Begrenzungen eingeengt werden. Sie glauben, geistig unabhängig zu sein, und akzeptieren die Meinung anderer nicht ohne eingehende Überpüfung. Sie halten es für unklug, anderen gegenüber offen zu sein. Manchmal sind Sie extrovertiert, freundlich, gesellig, während Sie zu anderer Zeit introvertiert, vorsichtig und reserviert sind. Ihr Streben ist manchmal ziemlich unrealistisch. Sicherheit ist eines Ihrer Hauptziele im Leben.«
Dieser Text wurde in unzähligen Studien verschiedenen Menschen als ihr »ganz persönliches« Horoskop vorgelegt. Die meisten Personen waren der Meinung, er sei höchst zutreffend und genau. Diese Akzeptanz von nur scheinbarer Wahrheit nennt man den »Barnum-Effekt« nach dem legendären englischen Zirkusdirektor Phineas Taylor Barnum (1810-1891), der sein Programm nach dem Motto gestaltete: »Ein bißchen für jeden.«

 

Astrologische  Deutungen  haben nachweislich   unzählige   Male   Ratsuchenden  geschadet und sie so beeinflußt, daß es zu einer gefährlichen Krise kam. Sie haben Partnerschaften zerrüttet   und   KlientInnen in den Suizid getrieben.

Astrologische Psychologie ist weder zur Therapie seelischer Störungen noch als Möglichkeit zur Selbsterkenntnis geeignet.

 

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Ergänzende Literatur / Links

GWUP - Astrologie

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