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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

AROMATHERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik|Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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In der Drogerie habe ich mir eine wunderschöne Duftlampe gekauft. Den blauen Keramikkegel krönt eine kleine Wasserschale. Wenn ich mich müde fühle und bei der Arbeit am Computer nur noch Tippfehler mache, träufle ich ein paar Tropfen Zitronenöl hinein, zünde die Kerze an, und dann duftet in kurzer Zeit der ganze Raum erfrischend. Da geht die Arbeit gleich besser von der Hand.

 

vikas / Aromatherapie
Geschichte und Konzept

»Nachbarin! Euer Fläschchen!« seufzt Gretchen in Johann Wolfgang v. Goethes »Faust«, bevor sie ohnmächtig niedersinkt. Das Fläschchen mit Essig­oder Ammoniaktinktur war ein beliebtes Hausmittel der Bürgerinnen, sie trugen es mit sich und griffen danach, wenn eine Kreislaufschwäche drohte.

Mit dem Duft von Aromen und wohlriechenden Kräutern wollen Menschen schon seit Jahrtausenden Krankheiten vertreiben. Der Begriff Aromatherapie wurde 1928 von dem französischen Chemiker Rene-Maurice Gattefosse geprägt, der im Zuge zahlreicher Selbstexperimente die Heilwirkung von Duftstoffen erprobt hatte. 1977 griff der englische Heilpraktiker Robert Tisserand diese Arbeiten auf und veröffentlichte aktualisierte Gebrauchsanweisungen, auf denen die heutige Aromatherapie im wesentlichen beruht. Im Rahmen der Naturmedizin fand sie wachsende Beliebtheit. Sie geriet zur Mode, als 1985 »Das Parfüm« von Patrick Süskind (*1949) zum Bestseller wurde. Seit einigen Jahren erfreuen sich besondere Lampen großer Beliebtheit, die den Duft ätherischer Öle verbreiten. In eine Wasserschale werden einige Tropfen Öl geträufelt, die über einer Kerzenflamme verdunsten.

Ätherische Pflanzenöle dienen der Selbsthilfe und der Therapie. Sie werden eingenommen, inhaliert oder als Massageöl eingerieben. Sie sollen nicht nur medizinische, sondern auch psychotherapeutische Heileffekte bewirken.

Düfte können starke, unbewußte Erregung  auslösen,  da  sie  direkt   im Gehirn auf das limbische System einwirken,  
ein   Gehirnzentrum,   das die Gefühle steuert. Wissenschaftliche Untersuchungen haben erwiesen,  daß Menschen individuell und je nach Herkunft unterschiedlich auf Aromen reagieren: Amerikanerinnen   sprechen   etwa   auf Grapefruitduft an, Japanerinnen begeistern sich für Jasmingerüche. Mit Düften lassen sich Stimmungen steuern und Menschen manipulieren. Diesen Effekt machen    sich    Geschäftsleute    gezielt zunutze und beduften ihre Verkaufstäume, um den Warenabsatz zu steigern.

Ätherische Öle  wirken  über das vegetative Nervensystem
auf Blutdruck, Kreislauf, Atmung und Hormonsystem. Medizinische Wirkungen    sind für die Inhaltsstoffe einiger Öle nachgewiesen: Eukalyptus   und   Menthol   sind   gut gegen   Husten,   Rosmarinöl   hilft   bei Ischias     und     Prellungen,     indischer Weihrauch    wirkt    entzündungshemmend — jedoch nicht in der geringen Konzentration als Raumduft.

Die  psychischen  Wirkungen  der Duftaromen   sind   nur   unzureichend erforscht. 
Nachgewiesen  ist,  daß Aromaöl von Johanniskraut einen mild aufhellenden Effekt bei Depressionen hat, daß  Hopfenaroma  beruhigend  wirkt, Erdbeeraroma Angst und Unruhe mindert. Fichtennadelduft    regt an, Düfte von Pfefferminz und Veilchen erhöhen die Lernleistung im Klassenzimmer.

In der Vorstellung der AromatherapeutInnen beruht die Wirkung der Öle jedoch nicht auf chemischen Stoffen. Sie ordnen ihnen eine spezifische Heilwirkung zu, entsprechend dem »höheren Wesen« der Pflanze, aus der sie hergestellt werden.
Ihr Duft soll — ähnlich wie die Mittel der Homöopathie - eine Art Information übermitteln, die Men­schen umstimmen kann, wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten sind. Nach dem Prinzip »gleich zu gleich« soll sich für die Umstimmung jene Pflanze besonders eignen, deren Charakter der Persönlichkeit der Hilfesuchenden am ehesten ähnelt. Ein System, nach dem man diese Ähnlichkeit feststellen könn­te, gibt es jedoch nicht. Die verschiede­nen Anbieter ordnen die Aromen unter­schiedlichen Beschwerden zu.

Behandelt wird auch gemäß anderer Konzepte:
Die Mittel werden nach astrologischen oder nach den chinesischen Vorstellungen von Yin und Yang charakterisiert (-> Qigong). Je nachdem, welches Prinzip in einem Menschen geschwächt oder im Übermaß vorhanden ist, sorgt dann das Aroma des anderen pflanzlichen Prinzips für den Ausgleich.

Eine einheitliche Schule oder Ausbildung in Aromatherapie gibt es nicht.
Die Kenntnisse über verschiedene Behandlungsgrundsätze können in einem Schweizerischen Institut erworben oder den zahlreichen Büchern für Laien entnommen werden

 

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vikas / Aromatherapie
Therapieablauf

Meist massieren AromatherapeutInnen ihre KlientInnen mit duftenden Ölen, das ist sehr angenehm und wohltuend. Oft geschieht dies entlang dem Verlauf bestimmter »Körpermeridiane«, wie sie aus der -> Akupunktur und -> Akupressur bekannt  sind.   Manche AromatherapeutInnen   empfehlen   die Essenzen auch zur Einnahme. Zur Selbstanwendung läßt man die ätherischen Öle meist aus einer Duftlampe verdampfen. Es ist auch möglich, sie zu inhalieren, indem man einem Bad   oder   Dampfbad   einige   Tropfen der Essenz zusetzt.

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vikas / Channeling
Anwendungsbereiche

Die Pflanzendüfte werden gezielt gegen Befindlichkeitsstörungen eingesetzt: Sandelholz gegen Depression, Bergamotte gegen Ängste und so weiter. Ätherisches Kamillenöl soll beim »Annehmen des eigenen Schicksals« helfen, Rosen- und Geranienöl sollen es erleichtern, »seelischen Schmerz loszulassen«. Die Angaben in Aromatherapiebüchern variieren, eine einheitliche Zuordnung gibt es nicht.

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vikas / Aromatherapie
Kritik

Die Vorstellung, daß Pflanzen ein »höheres Wesen« haben, das eine Heilwirkung entfalten könne, ist mystisch­magischen     Ursprungs.    
Synthetisch erzeugte Aromen können gleiche Wirkungen   hervorrufen   wie   pflanzliche Aromen.   So  lassen  synthetische  Blumendüfte  ebenso  wie  die  natürlichen Pflanzenextrakte Menschen beschwingt und fröhlich werden.

Acht  von  zehn  der  im   Handel angebotenen Aromaöle sind synthetisch hergestellt.
Nur selten sind sie als solche  gekennzeichnet.   Oft  wissen  auch TherapeutInnen nicht, daß sie synthetische Mittel anwenden.    Wer selbst im Fachhandel ätherische Öle besorgt und sich durch die Kraft der Pflanze beruhigt oder angeregt wähnt, spürt nur die Wirkung  chemischer Substanzen.  Das hat  1995  eine Studie erwiesen: Nicht die Lindenblüte, sondern das darin enthaltene Benzaldehyd wirkt entspannend; nicht die Orangenblüte, sondern Neroli, das Öl der Bitterorange, beruhigt. Pflanzenaromen wirken überdies anders als Tees der gleichen Pflanzen.

Ihre  Wirkung  erzielen  Aromen nicht durch die Haut auf den Körper, sondern über die Nasenschleimhäute auf das Gehirn.

Allerdings  kann  die  Erwartung allein eine Wirkung hervorrufen.
Experimente zeigten, daß Menschen die versprochene Wirkung  eines  Dufts  sogar dann   »verspürten«,  wenn  ihnen  bloß vorgegaukelt   wurde,   daß   der   Raum beduftet sei.

Die esoterischen Bücher über Aromatherapie  widersprechen  einander  in vielen Aussagen.

Für die innerliche Anwendung gelten bei vielen ätherischen Ölen Dosierungsbeschränkungen;  nicht  alle  Aromatherapiebücher weisen darauf hin.

Einige der rund 70 ätherischen Öle lösen heftige allergische Reaktionen aus. Die Mischung mehrerer Raumdüfte gilt als besonders risikoreich.

Aromatherapie in der Hand verantwortungsvoller Anwenderinnen kann bei Befindlichkeitsstörungen entspannende, beruhigende und wohltuend anregende Wirkung  entfalten. Zur Behandlung seelischer Störungen ist sie nicht geeignet.

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vikas / Bibliographie
Bibliographie

 

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