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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

ANTHROPOSOPHISCHE THERAPIE UND BIOGRAPHIEARBEIT

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Sanfte Farben, keine Hektik, ständiges Lächeln rundum. Anfangs kam mir die Atmosphäre im Krankenhaus unecht und befremdlich vor. Ich konnte auch nicht begreifen, warum sie mich in feuchte Tücher hüllten oder warum ich bei der Eurythmie diese seltsamen Bewegungen machen und »Töne bilden« sollte. Aber in den Stunden mit den Klängen der Gongs senkte sich tiefe Stille in mich. Das, glaube ich, hat mir geholfen.

 

vikas /Anthroposophiische Therapie
Geschichte und Konzept

Die Anthroposophische Medizin wurde zu Beginn der 20er Jahre von dem deutschen Philosophen und Pädagogen Rudolf Steiner (1861-1925) gemeinsam mit der holländischen Ärztin Ita Wegmann (1876-1943) entwickelt. Sie unterscheidet nicht zwischen körperlichen oder seelischen Krankheiten. Anthroposophisch orientierte ÄrztInnen behandeln sowohl mit Medikamenten als auch mit spirituell ausgerichteten Behandlungsverfahren. Dazu gehören künstlerische Übungen, wie Malen und plastisches Gestalten, Musik und die spezielle Bewegungstherapie namens Heileurhythmie, Massage, gezielte Gespräche mit den Patienten und eine Form von Psychotherapie, die Biographiearbeit genannt wird.

Steiner war bis 1913 deutscher Generalsekretär der Internationalen Theosophischen Gesellschaft. Diese Vereinigung verbreitete eine »Geheimlehre«, in der sich Okkultes, östliche und westliche Esoterik und Rassenideologie mischten. Später gründete Steiner seine eigene, die »Anthroposophische Gesellschaft«, in der er die theosophische Lehre in humanistischem Geist weiterentwickelte. An der Vorrangstellung der »indoarischen Rasse« hielt er allerdings unbeirrt fest. Die Anthroposophische Gesellschaft hat heute ihre größten Zentren in Stuttgart, Freiburg und Dornach bei Basel.

Steiner war in vielen Bereichen tätig. Unter anderem begründete er die Waldorfschulen und entwickelte den dynamisch-biologischen Gartenanbau. Er gilt als einer der Vorreiter der -> esoterisch-spirituellen Psychologie des heutigen New-Age.

Im deutschen Sprachraum arbeiten nach anthroposophischen Gesichtspunkten einige hundert ÄrztInnen in niedergelassener Praxis und in einigen Krankenhäusern, Sanatorien sowie in einer Psychiatrischen Klinik. In Deutschland gibt es darüber hinaus etwa achtzig, in Österreich nur wenige »Therapeutika«: Das sind Praxen, in denen anthroposophisch orientierte ÄrztInnen gemeinsam mit Heilpädagoglnnen tätig sind.

Die Ausbildung der ÄrztInnen findet in den Krankenhäusern statt, in eigenen Schulen erlernen Heilpädagoglnnen in mehrjährigen Ausbildungsgängen die Methoden der Heileurythmie und Massage, die künstlerischen Therapieformen, sowie Kranken- und Altenpflege.

Die Qualifikation für die anthroposophische Gesprächstherapie erwerben sich ÄrztInnen und HelferInnen - laut Steiner — dadurch, daß sie ihre eigene Imaginationsfähigkeit, Inspiration und Intuition herausbilden. Die spezielle -> Biographiearbeit wird in berufsbegleitenden Kursen in mehrjährigen Ausbildungsgängen erlernt. Zugelassen sind ÄrztInnen, PsychologInnen und Personen aus Sozialberufen.

Das anthroposophische Menschenbild

Steiner entwarf ein esoterisches Bild vom Menschsein: Das Leben eines Menschen ist durch Karma und Wiedergeburt mit früheren Seinsformen verbunden und hat Vergeistigung zum Ziel.

Nach Steiner besteht der Mensch aus vier »Wesensgliedern«: Aus dem »physischen« Leib, dem sichtbaren Körper; dem »Ätherleib«, der die Kräfte umfaßt, die den Körper beleben; dem »Astralleib«, der für das Gefühlsleben sowie für das kosmische Bewußtsein steht; und schließlich der »Ich-Organisation«, die Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung ausmacht.

Wenn die vier Wesenheiten nicht miteinander im Einklang wirken, wird man krank: Schwermut und Depression werden in diesem Rahmen als »Hemmung des Ätherleibes« erklärt, weil dieser »unter der Dominanz der Schwerkraft des physischen Leibes« steht.

Anthroposophische Psychotherapie ist deshalb eine Behandlung auf vier Ebenen:

  1. Äußere Anwendungen, wie Einreibungen,  Wickel,   Bäder,   rhythmische Massagen  und  Gymnastik,  sollen  die »Lebensprozesse wieder an den physischen Leib zurückführen«
  2. Mineral- und Pflanzenmittel sollen das »Einwirken ätherischer Strukturen in den seelischen Bereich« vermindern.
  3. Künstlerisch therapeutische Übungen - Malen, Gestalten, Musiktherapie, Sprachübungen, Heileurythmie — sollen zwischen  körperlichen  und  seelischen Prozessen  ausgleichen,  selbsterziehend wirken und zur Eigenaktivität anregen.
  4. Gesprächstherapie soll die gesunden Seelenanteile stützen, Biographiearbeit den Kranken tröstend einbinden in das Weltgeschehen.

Aus anthroposophischer Sicht entwickelt sich die Seele in siebenjährigen Etappen. Jeweils am Übergang der einen Phase zur anderen soll es zu Reifungskrisen kommen. Der Lebensabschnitt ab 42 dient dem Herausbilden des »Geistesmenschen«. Doch mit der Erdenbiographie ist laut Steiner die Entwicklung des »Ich« noch nicht abgeschlossen: In rhythmischer Abfolge inkarniert sich das Ich angeblich in anderen Körpern, je nachdem, wie es sich verhalten hat. Damit wird Leiden verstanden als Folge des selbst erworbenen, schicksalhaften »Karma«.

 

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Therapieablauf

Die Behandlung findet in einer speziellen Abteilung oder Klinik statt, in der man einige Wochen verbringt, oder wird in freier Praxis vorgenommen. Die ÄrztInnen diagnostizieren nach schulmedizinischen und anthroposophischen Kriterien und verschreiben — je nach Krankheit und Beschwerden - verschiedene Anwendungen und Übungen. Eine andere Möglichkeit ist, daß niedergelassene ÄrztInnen zu einem Therapeutikum überweisen, in dem künstlerische Therapie, Heileurythmie und Biographiearbeit angeboten werden. Heileurythmikerlnnen arbeiten darüber hinaus auch in freier Praxis.

Häufig werden therapeutische Übungen drei- bis viermal wöchentlich angesetzt. Künstlerische Therapien wer­den meist in Einzelstunden angeboten.

Plastisches GestaIten

Kranke bekommen Holz oder Knetmasse in die Hand, die TherapeutInnen leiten sie an, das Material auf bestimmte Art zu gestalten. Das Erlebte wird weder emotional aufgearbeitet noch analysiert. Es gilt nur, Erfahrungen zu machen und Erinnerung ins Bewußtsein Bewußtsein zu heben. Diese Therapie wird bei Konversionsneurosen und Halluzinationen eingesetzt, die Behandlung erfolgt in Kliniken und Therapeutika.

Maltherapie

Neben dem Zeichnen wird vor allem das Malen mit Wasserfarben gefördert. PatientInnen stellen sich die »Farbe ihrer Krankheit« vor und gestalten mit ihr die Fläche des Zeichenblattes. Im Laufe der Therapie sollen sie durch Anleitung allmählich zur Farbe des »Gesundens« finden. Personen, die unter Depressionen oder Zwängen leiden, beginnen zum Beispiel mit dunklem Blau zu malen und erarbeiten sich helle Rot- und Gelbtöne, um eine heitere Stimmung in sich wachzurufen.

Musiktherapie

Die Therapiestunde kann damit beginnen, daß man dem Klang eines Instruments, zum Beispiel der Altleier, lauscht. Später spielen Therapeut und Klient auf Instrumenten und treten in einen musikalischen Dialog. Die KlientInnen können Tonfolgen auch nachsingen oder den Rhythmus schreitend im Raum ausdrücken. Musiktherapie wird vor allem bei Störungen eingesetzt, die mit depressivem, ängstlichem, zwanghaftem oder manischem Verhalten einhergehen. Die Behandlung erfolgt in Kliniken, in Therapeutika und in freien Praxen.

Therapeutische SprachgestaItung

Sie ist eine besondere rhythmische Form der Rezitation, der Deklamation und des Schauspiels. KlientInnen erproben neue Möglichkeiten der Ausdrucksfähigkeit. Deshalb wird diese Methode besonders bei depressiven, schüchternen Menschen mit mangelndem Durchsetzungsvermögen eingesetzt. Die Behandlung erfolgt in Kliniken und Therapeutika.

Heileurythmie

Jedem Vokal, Konsonanten und Ton entspricht in der Eurythmie eine spezifische Bewegungsgestalt des Körpers. Jede Geste geht mit einer Empfindung einher: Vokale sollen angeblich Gefühle ausdrücken, Konsonanten den Menschen nach außen ausrichten. So können KlientInnen einzeln oder in einer Gruppe Dichtungen oder Musikstücke choreographisch darstellen. Jede Übung wird mehrmals wiederholt, damit sie sich einprägt. Die Bewegungsabläufe werden für Kranke ähnlich individuell zusammengestellt wie medikamentöse Behandlungen. Heileurythmie wird in der Klinik, im Therapeutikum und in freier Praxis angeboten.

Gesprächstherapie

So wird das intensive ärztliche Gespräch genannt, das jede Krankenbehandlung begleitet.

Biographiearbeit

Von den konkreten Beschwerden, von der sozialen und aktuellen Situation ausgehend, halten die KlienIinnen gemeinsam mit den BeraterInnen Lebensrückschau. Man versucht, den eigenen Lebenslauf möglichst distanziert »von außen« zu betrachten und jene Lebensthemen herauszuarbeiten, mit denen man immer wieder konfrontiert wird. Die BeraterInnen suchen in der Biographie den »roten Schicksalsfaden« und deuten kritische Phasen aus der individuellen Lebensgeschichte nach den »Lebensjahrsiebten«: Um negative Einstellungen zu verändern, übt man, die kleinen Dinge und Begebenheiten der Umgebung besser wahrzunehmen. Gleichsam als Modell studiert man die Biographien berühmter Menschen, um sich selbst besser zu verstehen und über sich hinauszuwirken.

Biographiearbeit kann in Einzelstunden - in der Klinik oder im Therapeutikum — oder in Wochenendkursen in Gruppen durchgeführt werden. Auch öffentliche Beratungsstellen bieten Biographieberatung an.

 

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Anwendungsbereiche

Anthroposophlnnen bieten ihre Heilkunst an, um Lebenskrisen und neurotische Erkrankungen zu überwinden. Sie wird als unterstützende Therapie auch bei Psychosen eingesetzt.

 

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Kritik

Das  Behandlungskonzept  erfaßt gleichermaßen  körperliche  Beschwerden,  seelische  Probleme und  religiöse Bedürfnisse,    dadurch    vermittelt    es ganzheitliche  Zuwendung.   Dies  kann Leidende  entlasten.   Konflikte  werden allerdings nicht aufgearbeitet, sondern häufig eher zugedeckt. Nicht Selbstentfaltung  ist  das  Ziel  der  Behandlung: Anthroposophlnnen   erwarten   Selbstüberwindung durch das Annehmen des auferlegten Schicksals.

Die    anthroposophische    Lehre widerspricht  über weite  Strecken den heute  geltenden   medizinischen   und naturwissenschaftlichen  Erkenntnissen. Das gilt auch für die rituellen Anleitungen  zur  Herstellung  der  Medikamente.   So  werden  etwa  Bienen  und Rote Ameisen noch lebend püriert, um ihre »Lebenskraft« in bestimmte Mittel zu übertragen.

Die Vorstellung von Karma und Wiedergeburt ist Glaubenssache. Die beratende Biographiearbeit leitet KlientInnen jedoch nach dieser zweifelhaften Lehre an.

Das Versprechen dieser Therapieform,    mit    höheren    Mächten,    wie »Engeln« und »Geistwesen«, Kontakt aufnehmen zu können, ist für psychisch labile   Menschen   gefährlich.   Solches Vorgehen   kann   einen   psychotischen Schub  auslösen  oder Wahnvorstellungen unterhalten.

Bei  spirituell  orientierten  Menschen hat anthroposophische Behandlung einen gewissen Wert für die Behandlung von psychosomatischen und leichten seelischen Störungen. Zur Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen ist sie nicht geeignet.

 

 

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Bibliographie

 

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