federspiel2V I K A S
Psychotherapien
auf dem Prüfstand

SCHAMANISCHE THERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


| Therapien - Geschichte und Selbstverständnis | Therapien - tabellarischer Überblick | INFOSERVER |Anbieter in Sachsen und Thüringen |

Wir kauerten im Halbkreis auf der Lichtung, die Luft war voller Glühwürmchen. Werner, der Schamane, fächelte jedem von uns mit einer Feder den Rauch aus brennender Myrrhe, Salbei und Lavendel ins Gesicht, um uns zu reinigen, im Indianerschritt liefen wir dann zum Wald - erst schleichend, dann mit dem linken Fuß fest auf den Boden stampfend. Im Dunkeln umarmte ich einen Baum, um mit der Natur eins zu werden. Nachher suchte jeder alleine den Weg zurück. Am nächsten Tag erklärte Werner uns das indianische Medizinrad, weihte uns in Trommelzeremonien ein und vermittelte uns den Leitsatz: Jeder soll vor allem an dem arbeiten, was er nicht kann. Da kommt eine harte Arbeit auf mich zu!

 

vikas / Schamanische Therapie
Geschichte und Konzept

In jeder Stammesgesellschaft gibt es zumindest einen Medizinmann, Magier oder Priester, der mit den Geistern, Göttern und Ahnen der Gemeinschaft in Kontakt steht. Diese heiligen Männer oder Frauen - gemeinhin als Schamanen bezeichnet - versetzen sich mit Hilfe ritueller Tänze, Gesänge und Gebete, durch den Rhythmus von Trommeln und anderer Perkussionsinstrumente oder durch die Einnahme von Drogen in eine Trance. In diesem Zustand begibt sich ihre Seele, wie es heißt, in eine andere Wirklichkeit, um von dort Rat, Erkenntnis und Heilkräfte zu holen. Die Rituale sind allerdings an die Stammesgemeinschaft, meist auch an das Land des Stammes sowie an den Jahreszyklus gebunden. Eine Ablösung von diesen Bezügen ist aus der Sicht einer Stammeskultur undenkbar.

Anfang der 70er Jahre veröffentlichte der peruanisch-amerikanische Schriftsteller Carlos Castaneda (Geburtsdatum geheim) mehrere Berichte über seine angebliche zehnjährige Lehrzeit bei dem indianischen Medizinmann und Zauberer Don Juan Matus [Inzwischen wurde nachgewiesen, dass die angeblichen Berichte über eine Lehre bei Don Juan reine Fiktion sind- d.V.]. Durch seine Bestseller wurde die okkulte Welt der Schamanen mit einem Schlag einem breiten Publikum bekannt. In der Folgezeit eroberten schamanistische Lehrbücher die Buchhandlungen, bald wurden Schamanenrituale kopiert und rituelle Sitzungen veranstaltet. Die Modewelle erfaßte zunächst die USA, ab Ende der 70er Jahre auch Westeuropa. Seitdem bereisen selbsternannte Schamanen verschiedener Völker Europa, und auch Mitteleuropäerinnen führen schamanistische Therapien durch.

Anfang der 80er Jahre hat die Weltgesundheitsorganisation echten Schamanismus zur Behandlung psychischer und psychosomatischer Beschwerden der westlichen Medizin gleichgestellt.

Inzwischen ist die Schamanismus-Welle etwas abgeklungen [Stand 1996 -zum heutigen Zeitpunkt ist wieder eine zunehmende Aktivität von "Plastik-Schamanen" zu verzeichnen]— Nachprüfungen hatten massive Zweifel an Castanedas Berichten aufkommen lassen. Nach wie vor werden aber willkürlich zusammengestellte Rituale aus verschiedenen Traditionen zu neoschamanistischen Heilprogrammen zusammengestellt und im Rahmen von Gruppentherapien oder in Form von eigenständigen Workshops, auch unter der Bezeichnung »Elementartraining«, angeboten. Ihr Ziel ist, -> transpersonale Erfahrungen herbeizuführen. [

Kaum einer der Veranstalter neoschamanistischer Veranstaltungen verfügt über eine traditionelle Ausbildung bei einem Medizinmann oder eine fundierte psychotherapeutische Ausbildung.

 

^

vikas / Schamanische Therapie
Therapieablauf

Neoschamanismus ist ein Weekenderlebnis: Man kommt an einem entlegenen Ort zusammen und vollzieht in der Gruppe ein nach genauen Vorgaben gestaltetes Programm. Gelegentlich werden - trotz Einfuhr- und Anwendungsverbots — auch »magische Pilze« oder Drogentees eingenommen.

Die Rituale werden jeweils von den Gruppenleitern zusammengestellt und richten sich nach dem kulturellen Hintergrund aus, dem sie enstammen. Oft tanzt die Gruppe zu Trommelrhythmen unter freiem Himmel. Aufgefordert, sich in einer Vision (Vision Quest) ein persönliches, »spirituelles Krafttier« vorzustellen, wählen viele das Bild von Wolf, Bär oder Adler. Sie nehmen Kontakt dazu auf und stellen es dann tänzerisch dar. Sie umarmen Bäume, um sich deren Kraft einzuverleiben, und suchen Felsen auf, in denen die Erdenergien gespeichert sind.

Pfeifenzeremonien machen die Runde, Beschwörungsformeln werden in die vier Himmelsrichtungen gemurmelt, man verbrennt duftende Kräuter, behängt sich mit besonders gewählten »Kraftgegenständen«. Beliebt als Rituale sind das Baden in Eiswasser oder ein ->Feuerlauf.

Höhepunkt des Seminars ist meist die »Indianische Schwitzhütte« (Lakota: Inipi). Gemeinsam bauen alle Teilnehmer ein Weidengestell in Iglu-Form, bedecken es mit Planen und Decken. Darin kauern sie dann nackt um ein Becken mit glühenden Steinen, auf die unter rituellen Gesängen regelmäßig etwas Wasser gegossen wird. Sie rufen den »Großen Geist« an und tragen ihm ihren größten Wunsch vor, etwa: »Gib, daß ich meine sexuellen Ängste und Unfähigkeiten überwinde!« Dann harren sie biszu drei Stunden schweigend in dem saunaähnlich heißen, dampfenden und dunklen Iglu aus. Das Reinigungsritual soll die Gruppe mit der Urmutter wiedervereinigen. Tatsächlich rufen Enge, Feuchtigkeit und Hitze Erinnerungen an den Mutterschoß wach, Gefühle der Einheit und Verbundenheit, aber auch den unbedingten Drang nach Befreiung. Die Gemeinsamkeit des Rituals soll jedoch verhindern, daß einer aus der Runde den »Wandlungsprozeß« frühzeitig abbricht.

Anschließend kühlen sich alle TeilnehmerInnen im nahen Bach oder Pool. Einige Neoschamanlnnen schließen noch Körperübungen an. Nur selten werden die Erlebnisse in einem Abschlußkreis oder in Gesprächen in Art der -> Gestalttherapie therapeutisch verarbeitet.

Die »Neue Hexenbewegung« bietet Frauen Seminare an, bei denen sie sich auf ihre »angeborenen magischen Kräfte« wiederbesinnen können. Menstruationsfeste, rituelle Tänze und Gesänge sollen die Kräfte der Mondgöttin auf die teilnehmenden Frauen übertragen. Kritik an gesellschaftlichen Zwängen ist — im Gegensatz zur -> Feministischen Therapie - in diesen Kursen nicht vorgesehen. Die neue Mondbewegung der 90er Jahre verbreitet den Glauben, daß der Mond die Persönlichkeit intensiv beeinflusse, und regt dazu an, auch die alltäglichsten Handlungen, wie etwa den Friseurbesuch, nach den Mondphasen auszurichten.

Rückbesinnung auf das »wahre Mann-Sein« bieten Gruppen sogenannter »Wilder Männer« (Wild-Men-Camps) an: Riten und Initiationen sollen zu neuer Männlichkeit führen. Die Bewegung wurde vom Kultbuch »Eisenhans — Iron John« des amerikanischen    Lyrikers     und    Schriftstellers Robert Bly (*1926) ausgelöst. In den Wochenendseminaren robben die Männer durch den Wald, beschmieren sich mit Erde, erleben trommelnd, brüllend und stampfend ihre Kräfte.

Der Guru der europäischen Bewegung, der Italoamerikaner und Grafik-Designer John Bellicchi (*1945), bietet im deutschen Sprachraum, unterstützt von sechs Schweizern, eine intellektuellere Spielart an: Vorträge, Aktionen und Spiele, gekoppelt mit Initiationsriten.

^

vikas /Schamanische Therapie
Anwendungsbereiche

Neoschamanistische Angebote und Kurse für das Männer- oder Frauenbewußtsein wollen zivilisationsgeschädigten Menschen einen Weg zeigen, wie sie wieder in Kontakt mit ihrem »eigentlichen Wesen« kommen können.

^

vikas /Schamanische Therapie
Kritik

Manche Bestandteile eines »Schamanen-Workshops«,    wie    etwa    die Schwitzhütte, sind für körperlich oder psychisch labile Menschen  nicht ohne Risiko.   Die  LeiterInnen  sind   in  der Regel nicht ausreichend qualifiziert, um etwaige Probleme zu erkennen und entsprechend aufzufangen.

Viele Rituale waren ursprünglich zweckgerichtete magische und religiöse Handlungen   mit   einem   bestimmten Ziel: Es sollte regnen, die Ernte sollte gut ausfallen, jemand sollte geheilt werden, Jungen und Mädchen sollten in die Erwachsenenwelt  eingeführt  (initiiert) werden.    Aus  ihrem    ursprünglichen Kontext    herausgerissen,    haben    die Rituale  ihren  Sinn  verloren  und  verkommen  zum  Hokuspokus. 
 
Populäre indianische     »Medizinmänner«,     wie Archie Fire Lam Deer oder Sun Bear, setzen   Rituale   willkürlich   ein.   Das Council of Traditional Tribal Leaders -der Rat der Stammesführer — hat sich viermal öffentlich gegen derlei weltweiten »Ausverkauf indianischer Spiritualität durch »Plastikschamanen« ausgesprochen.

Cherokees grenzen sich von ihrem ehemaligen Medizinmann Harley Swift Deer ab, einem Vietnamveteranen, der Europäer in Workshops einweiht und in seinen neugegründeten Stamm Deer Tribe aufnimmt.

Der Wert derartiger Veranstaltungen liegt bestenfalls in einer neuen Form der Selbsterfahrung, es kann aber auch sein, daß Kulthandlungen Vorstellungen verstärken, die abhängig machen, wie etwa die Mondgläubigkeit.

Zu therapeutischen Zwecken eignet sich Schamanismus in unserer Kultur nicht.

 

 

^

vikas / Schamanische Therapie
Bibliographie

Links:

Publikationen:

Colin Goldner: Die Psycho-Szene, Alibri Verlag 2000

Harner, M.: Der Weg des Schamanen. Rowohlt, Reinbek 1988

Lessing, L.: New-Age & Co. Einkauf im spirituellen Supermarkt. Knesebeck, München 1993

^

 


    Edition VIKAS 2008