federspiel2V I K A S
Psychotherapien
auf dem Prüfstand

REINKARNATIONSTHERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieablauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


| Therapien - Geschichte und Selbstverständnis | Therapien - tabellarischer Überblick | INFOSERVER |Anbieter in Sachsen und Thüringen |

Bei meinen Auftritten hatte ich immer häufiger Angst, auf der Bühne könnte mir plötzlich die Stimme versagen. Ich wollte eine Psychotherapie machen und hörte von der Reinkarnationsmethode. Hätte ich mich doch nicht dazu überreden lassen — es war furchtbar. Ich erinnerte mich an das 15. Jahrhundert: Ich war Scharfrichter in Rothenburg. In der Therapie sah ich, wie ich Delinquenten an den Galgen knüpfte, wie ich dann den Hocker wegstieß und sie in die tödliche Schlinge fielen. Doch viele der Verurteilten waren unschuldig — ich habe furchtbares Karma auf mich geladen. Nach den Therapiestunden quälten mich die Schuldgefühle, und die Angst um meine Stimme wurde stärker.
Mich verließ die Vorstellung nicht mehr, daß ich dieses Karma nur abtragen kann, wenn ich mir selbst das antue, was ich meinen unschuldigen Opfern angetan habe. Ich sah keine andere Möglichkeit mehr, als mich selbst zu richten. Ich wollte mich auf dem Dachboden erhängen. Ein Glück, daß mich mein Partner überraschte, als ich das Seil knüpfen wollte. Man brachte mich auf die psychiatrische Station. Mehr als ein halbes Jahr lang wurde ich dort behandelt. Jetzt habe ich es überstanden.
Nach: Goldner, C.: Reinkarnationstberapie.In: Skeptiker, Heft 2/93, Zucksckwerdt-Verlag, München 1993

vikas / Reinkarnationstherapie
Geschichte und Konzept

In östlichen Religionen ist die Lehre von der Wiedergeburt (-> Reinkarnation) weit verbreitet. Sie beruht auf der Vorstellung, daß sich die Seele eines Menschen im Tod vom Körper löst und zu einem   späteren   Zeitpunkt   in   einem anderen Körper wiederkehrt. Diese Vorstellung steht im Zentrum buddhistischer und hinduistischer Überlieferung. »Samsara«, das Rad des Lebens, dreht sich für jeden Menschen in einer endlosen Folge von Geburten und Wiedergeburten, deren Schicksal bestimmt ist vom eigenen Handeln (-> Karma). Dieser Weg ist erst beendet, wenn der Mensch ohne Schuld und Begierde ist. Auch in der abendländischen Kulturgeschichte findet sich die Idee der Seelenwanderung, allerdings mit weit geringerer Bedeutung als im Osten. In der Antike ist nur in der Mysterienschule der Orphiker die Rede davon, am Rande auch bei Piaton (427-347 v. Chr.). In frühchristlicher Tradition spielt sie keine Rolle.

Unterschwellig blieb diese Vorstellung freilich lebendig, wurde in den Traktaten der Spiritualisten zu Beginn des 19. Jahrhunderts wiedergeboren und später zum zentralen Thema der -> Theosophie. Anders als im Osten galt sie hier nicht als notwendige Folge karmischer Belastung, sondern als »evolutionärer Weg zur Selbstvervollkommnung« des einzelnen und der gesamten Menschheit. Die anthroposophische Lehre Rudolf Steiners (1861-1925) greift wesentlich auf diese Reinkarnationsvorstellungen zurück.

Die Idee der Wiedergeburt wurde so selbstverständlich, daß sie sogar in populären Liedern ihren Niederschlag fand, etwa in dem Wiener Heurigenlied, der Hymne der Weinseligen: »I muß in an' früheren Leben a Reblaus g'wesen sein ...«

Seit den 50er Jahren wird die Idee der Reinkarnation auch in therapeutischem Zusammenhang eingesetzt. Im deutschsprachigen Raum ist sie vor allem mit dem Namen des Münchener Psycho-Astrologen  -> Thorwald  Dethlefsen (Geburtsjahr geheim) verbunden, der 1968 die Arbeiten amerikanischer Jenseitsforscherinnen aufgriff und in der Reinkarnationstherapie publikumswirksam aufbereitete. Seine Bücher enthalten seitenlange Protokolle von Therapiestunden mit Rückführungen in frühere Leben und wurden Bestseller. Leinwandstars, wie Shirley McLaine (*1934), und selbsternannte ProphetInnen, wie Chris Griscom (*1942), veröffentlichten Schriften und hielten Vorträge über ihre eigenen Trips in frühere Leben, was zur Verbreitung der Reinkarnationsidee beitrug. Im letzten Jahrzehnt sind auf dem deutschen Buchmarkt über hundert Titel zur Reinkarnation erschienen.

Inzwischen beschäftigen sich — so heißt es - rund 2.000 TherapeutInnen mit Rückführungen in frühere Leben. Die wenigsten von ihnen verfügen über eine ernstzunehmende klinische Qualifikation. In zahlreichen esoterischen Instituten und Akademien werden mittlerweile »Diplom-Ausbildungen« in Reinkarnationstherapie angeboten. Sie dauern zwischen drei Tagen und eineinhalb Jahren, Vorkenntnisse werden nicht verlangt. Zu therapeutischer Arbeit befähigen sie nicht. Auch »Selbststudium« per Kassettenkurs ist möglich.

Reinkarnationstherapie beruft sich auf die Theorien der -> Psychoanalyse vom Unbewußten, geht aber in der Lebensgeschichte der KlientInnen noch weiter zurück als die Psychoanalyse: Sie sucht die Ursachen seelischer Störungen nicht in ungelösten Konflikten der frühen Kindheit, sondern vermutet sie jenseits der Empfängnis in früheren Existenzformen. Traumatische Erfahrungen aus früheren Leben - schwere Krankheit, Folter, der eigene Tod - sollen sich in die jeweils nächste Inkarnation übertragen und dort als seelische oder psychosomatische Beschwerden niederschlagen: Ängste, Schuldgefühle, chronische Schmerzen, Allergien, Übergewicht, Epilepsie, Alkoholismus, Impotenz, Frigidität sind nach dieser Theorie allesamt Über­reste aus früheren Leben. Die Symptome lösen sich - laut Reinkarnationstheorie — auf, sobald ihre »wirkliche« Ursache erkannt und noch einmal bewußt durchlebt wird.

In jüngster Zeit beziehen einige Vertreterlnnen der Reinkarnationstherapie ihr Vorgehen auf die Psychologie -> Carl Gustav Jungs. Sie meinen, daß sich in den Erinnerungsbildern aus früheren Leben lediglich gegenwärtige Konflikte spiegeln, sind aber weiterhin überzeugt, daß es solche früheren Leben gibt.

 

^

vikas / Reinkarnationstherapie
Therapieablauf

Der Klient nimmt in einem bequemem Sessel oder auf einer Liege Platz. Nun wird er von den Therapeuten durch -> Hypnose in -> Trance versetzt. Manche TherapeutInnen leiten die KlientInnen auch an, ohne Pause zu atmen (-> Rebirthing), um eine Trance herbeizuführen. Oftmals reichen auch einfache -> Entspannungsübungen mit entsprechenden suggestiven Anweisungen, um durch Sich-Erinnern in die Lebensvorgeschichte zurückzugehen.

Gelegentlich verläuft die Rückführung noch einfacher: Der Therapeut fordert den Klienten auf, sich vorzustellen, er fahre in einem Lift. In verschiedenen Stockwerken soll er aussteigen und sich umsehen. Es heißt, jede Etage entspricht einem früheren Leben.

Rückgeführte berichten aus jedem vergangenen Zeitalter und aus der ganzen Welt. Meist erzählen sie davon, sich in privilegierten Schichten bewegt zu haben. Häufig ist von Mordtaten, Hinrichtungen, Selbsttötung und ähnlich aufregenden Vorfällen die Rede. In die Zukunft geführte KlientInnen - auch das ist möglich — beschreiben Landungen auf dem Mars oder anderen Himmelskörpern. Auch Erlebnisse in Tier-, Pflanzen- oder Mineralform gibt es, ebenso wie Berichte aus Himmel, Hölle oder dem »Leben zwischen den Leben«. Die Anzahl der Therapiestunden ist prinzipiell unbegrenzt: Hinter der jeweils gerade bearbeiteten Existenzform kann immer noch eine weitere angenommen werden. Meist wird die Reinkarnationstherapie jedoch in sehr intensiver Weise durchgeführt, 40 Doppelstunden verteilt auf vier Wochen. Daneben gibt es Wochenendworkshops mit Gruppenrückführungen. Auch Tonbandkassetten für die Regressions- und Reinkarnationstherapie zum Selbermachen werden angeboten.

 

^

vikas /Reinkarnationstherapie
Anwendungsbereiche

Reinkarnationstherapie will die Ursachen aller seelischen Störungen aufdecken und diese beheben. Sie wird auch zur Selbsterkenntnis und zur Bewußtseinserweiterung angeboten.

^

vikas /Reinkarnationstherapie
Kritik

Menschen in Trance phantasieren fast  immer  bestechend  plausibel  und detailgetreu.   Zudem   sind   ihre   Geschichten   oft   begleitet   von   heftigen Gefühls Wallungen, so daß sie selbst, wie auch eventuelle Augenzeugen der Rückführung, unverrückbar an die faktische Realität  des   Erlebten glauben.  
Tonband- und Videoprotokolle sind oft von beklemmender vermeintlicher Authentizität. Das läßt viele Menschen glauben,    daß    Rückgeführte tatsächlich
Erlebtes wiedergeben. Vielfach wurden Angaben  aus   Reinkarnationssitzungen überprüft, und es stellte sich fast immer heraus, daß sie historisch nicht haltbar - also Phantasieprodukte - waren. Ausnahmen von nicht erklärlicher Information sind äußerst selten und gehen vermutlich auf nicht mehr bewußt faßbare Erinnerungen  zurück.   Äußerungen  in einer   fremden    oder   ausgestorbenen Sprache haben sich jeweils als Erinnerungsbruchstücke aus Erlebtem heraus gestellt - als die Sprache der Babysitterin, als fragmentarisch erinnerte Buchtexte  oder als  Szenen  aus  Kinofilmen und ähnlichem.

In Trance verengt sich das Wahrnehmungsfeld,   während   gleichzeitig enorme   Phantasietätigkeit   freigesetzt wird (-> Hypnose).
Die Suggestionen von TherapeutInnen werden leicht aufgenommen und in die jeweiligen Phantasiebilder eingebaut.  Die in der    Reinkarnationstherapie     übliche Gesprächsführung ist sehr suggestiv.

Erinnerung allein — und das ist erwiesen — hilft in keiner Therapie weiter:
Auch wenn die Berichte nicht auf tatsächlichem Geschehen beruhen — als subjektives   Erleben  der   KlientInnen sind die auftauchenden Bilder authentische seelische Produkte und bedürfen, ähnlich  wie  Träume,   therapeutischer Bearbeitung. Denn sie geben Aufschluß über verdrängte Bedürfnisse und Ängste. Eine solche Aufarbeitung ist jedoch ausdrücklich nicht vorgesehen, und die KlientInnen werden mit der vorgeblichen Erinnerung alleingelassen. Erinnerung allein — und das ist erwiesen — hilft in keiner Therapie weiter.

Reinkarnationstherapie kann Zustände akuter Verwirrung,    Identitätskonflikte   und   schwere   psychotische Krisen  auslösen.  Auch  von  Selbsttötungsversuchen   wird   berichtet.   Die Ausbildung der TherapeutInnen reicht zumeist nicht aus, um diese Krisen zu erkennen und aufzufangen.

Reinkarnationstherapie   ist   zur Behandlung  seelischer  Probleme  und Störungen nicht geeignet. Sie ist insgesamt  abzulehnen,  da  sie  mit  hohem Risiko verbunden ist.

^

vikas / Reinkarnationstherapie
Bibliographie

Links: | religio |

Publikationen:

Colin Goldner: Die Psycho-Szene, Alibri-Verlag 2000

^

 


 ©    Edition VIKAS 2008