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Psychotherapien
auf dem Prüfstand

INITIATISCHE THERAPIE

| Geschichte und Konzept | Therapieverlauf | Anwendungsbereiche | Kritik| Bibliographie |


Quelle: Krista Federspiel, Ingeborg Lackinger Karger: "Kursbuch Seele"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln 1996
...........Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch


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Ich war an einer Wegkreuzung angelangt. Nach außen hin ging es mir gut, aber ich war mit mir und der Welt unzufrieden, hungrig und durstig nach mehr — aber wonach? Lange war ich auf der Suche, dann kam ich in das existentialpsychologische Zentrum. Hier habe ich gelernt, jede Handlung meditativ zu tun, mit ruhiger Ausdauer. Bei einer Körperarbeit erlebte ich einen Durchbruch ungeheurer Emotion, der mich zutiefst erschütterte. Es fügte sich gut, daß ich den Auftrag bekam, bei geschlossenen Augen mit beiden Händen eine Schale zu zeichnen. Ich richtete meine Aufmerksamkeit nach innen, und immer deutlicher wurde mir, daß es um meine eigene Form, meine Seinsform ging. Aus dem Schwung der Zeichenbewegung wurde Schwung in meinen Gebärden und meinem Lebensgefühl. Es war, als würden sich alle Übungen, die ich vornahm, in eins zusammenfügen.

 

vikas / Initiatische Therapie
Geschichte und Konzept

Die Initiatische Therapie wurde Anfang der 50er Jahre von dem Leipziger Religionsphilosophen Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988) und seiner langjährigen Mitarbeiterin und späteren Ehefrau, der Psychologin Maria Hippius-Dürckheim (*1909) begründet. Sie waren einander an der Universität Leipzig begegnet, beide interessierten sich für Gestaltpsychologie. Dann trennten sich ihre Wege. Als sie sich nach dem Krieg 1947 wieder trafen, standen beide vor derselben Situation: Sie hatten ihre Lebensgrundlage und Lebenspartner verloren. Sie beschlossen einen gemeinsamen Neuanfang.

Die Ideen der Initiatischen Therapie beruhen wesentlich auf den Erfahrungen, die Dürckheim während der acht Jahre in Japan gemacht hatte, die er dort als Botschafter für Nazideutschland akkreditiert war. Seine Auseinandersetzung mit östlicher Mystik, insbesondere mit dem Zen-Buddhismus, hat die Arbeit geprägt, sein Studium europäischer Mystiktradition, in erster Linie der Werke des Dominikanermönches Meister Eckhart (1260-1327), ihr Konzept. Maria Hippius brachte ihre Erfahrungen mit Jungscher Analyse in die Therapie ein.

Die Initiatische Therapie will »das Tor zum Geheimen öffnen« und zeigen, daß das »wahre Selbst« weit über die pragmatischen Bezüge des Alltags hinaus reicht. Sie will den Prozeß zur Höherentwicklung initiieren. Therapie ist sie insoweit, als sie die Symbole und Bilder, die in den verschiedenen Übungen zutage treten, psychoanalytisch zu deuten sucht.

Ein grundlegendes Element der Arbeit ist die meditative Haltung, mit der die verschiedenen Übungen durchgeführt werden. Sie beruht auf Formen der -> Zen-Meditation, die durch die Initiatische Therapie in Europa bekannt wurden.

In Todtmoos-Rütte, einem kleinen Ort im Hochschwarzwald, errichteten die Dürckheims eine »Bildungs- und Begegnungsstätte«, die als Zentrum der Initiatischen Therapie gilt. Dort praktizieren 50 von den insgesamt 150 TherapeutInnen, die nach den Prinzipien dieser »Existential-Psychologie« tätig sind. Das Ideengut wird von vielen Menschen aus helfenden Berufen, die sich in Todtmoos-Rütte fortbilden lassen, in ihre Arbeit integriert.

Zweigstellen des Instituts bestehen in einigen deutschen Städten;  in verschiedenen europäischen Ländern und auch in Übersee wurden Außenstellen eingerichtet. Sie alle bieten wöchentliche Kurse und Einzelstunden an.

Die Aus- und Fortbildung findet jedoch in Todtmoos-Rütte statt, je nach Reife der InteressentInnen dauert sie unterschiedlich lange, erstreckt sich aber in jedem Fall über mehrere Jahre. Sie wird als ein persönlicher Stufenweg der Selbstfindung betrachtet und ist, unabhängig von der Vorbildung, grundsätzlich jeder Person zugänglich. Bedingung ist ausschließlich der eigene Prozeß, die initiatische Selbsterfahrung.

 

 

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vikas / Initiatische Therapie
Therapieverlauf

Initiatische Therapie ist ein »Übungsweg«: Wer ihn beschreiten will, muß lernen, bestimmte Übungen (Exerzitien) regelmäßig zu wiederholen, um die »Ausgewogenheit seiner inneren Kräfte« zu entwickeln. Zu diesen Übungen zählen östliche Disziplinen wie -> Aikido, -> T'ai-Chi, Bogenschießen und insbesondere die Sitzmeditation des Za-Zen. Entscheidend ist die meditative Ausführung, der Inhalt des Tuns ist zweitrangig.

Das gilt auch für das »Geführte Zeichnen«. Malt eine Klientin etwa mit einem Tuschepinsel oder Kohlestift wiederholt einen Kreis auf Papier und gestaltet die Bewegung immer wieder neu, so soll dies archetypische Erfahrungen vermitteln und an eine übergeordnete, transpersonale Wirklichkeit heranführen. Entscheidend ist auch hier die ständige Wiederholung der Übung. Auch andere Medien, wie Musik, Tanz und die Arbeit mit Tonerde, werden in die Exerzitien mit einbezogen.

Als »dialogische Begegnung durch Berührung« gilt es, wenn der Therapeut oder die Therapeutin direkt am Körper der KlientInnen arbeitet, ihn etwa in der Art des -> Shiatsu kräftig massiert oder die KlientInnen mit verschiedenen -> Atemtechniken anleitet, ihr Körpergefühl zu intensivieren.

 

 

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vikas / Initiatische Therapie
Anwendungsbereiche

AnwenderInnen empfehlen die Initiatische Therapie besonders für Menschen, die auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens sind, oder für Menschen in persönlichen Lebenskrisen und Umbruchphasen, die einer Neuorientierung bedürfen.

Auch zur Behandlung psychischer Störungen, wie Phobien oder Depressionen, und psychosomatischer Störungen, wie etwa Magersucht, soll sie geeignet sein, ausdrücklich jedoch nicht für die Behandlung von Alkohol-, Tabletten-und Drogensucht.

 

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vikas / Initiatische Therapie
Kritik

Initiatische Therapie arbeitet ausschließlich  auf transpersonaler  Ebene. Eine Auseinandersetzung mit bestehenden Problemen auf »realer« Ebene sieht sie nicht vor.

Initiatische Therapie kann auf der Suche nach Lebenssinn und spiritueller Seinserfahrung  wichtige  Impulse  vermitteln,  zur  Behandlung  psychischer Störungen sind nur einzelne ihrer Elemente  geeignet,  wie  die  Meditation oder   das   meditative   Zeichnen,   und diese ausschließlich im  Rahmen eines klinischen Gesamtkonzepts.

 

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vikas / Initiatische Therapie
Bibliographie

 

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 ©    Edition VIKAS 2008