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Dachverband Geistiges Heilen (DGH)

Der Parapsychologe und Publizist Harald Wiesendanger gründete Mitte der 1990er einen eigenen Dachverband Geistiges Heilen mit dem Ziel, "seriöse" Praktiker von "unseriösen" zu trennen, um so der "durchaus eigenständigen, wirksamen und medizinisch-wissenschaftlich überprüfbaren Behandlungsform" des Geistheilens dazu zu verhelfen, "endlich legalisiert und in ein staatliches Gesundheitssystem einbezogen" zu werden (1).

Kriterium für "Seriosität" scheint dem Verband ganz offenbar zu sein, ob der einzelne Heiler selbst an seine Fähigkeiten glaubt oder ob er seine Kundschaft wissend betrügt.

Wiesendanger jedenfalls trat bei einem Geistheiler-Kongreß 1994 zusammen mit den fragwürdigsten Gestalten der Szene auf den Plan. Unter der Moderation von Rainer Holbe und Jenseitsstimmenforscher Ernst Senkowski gaben sich über fünfzig einschlägig bekannte Referenten ein Stelldichein, von Rolf Drevermann, Johannes von Buttlar und Uri Geller hin zu Tom Johanson, Doris Forster, Eli Lasch und Trutz Hardo-Hockemeyer; daneben Georg Rieder („der Mann mit dem Röntgenblick"), die russische Geistheilerin „Prinzessin Kuragina" und UFO-Spezialist Michael Hesemann; nicht zu vergessen die philippinischen „Geistchirurgen" Jun und Juko Labo und der indianische „Medizinmann" Larson Medicinehorse.(2)
Veranstaltet wurde der Kongreß von der Geisterpostille Die Andere Realität, die Ende des Jahres eine eigene Demonstration zur „Legalisierung der Geistheilung" nach Bonn organisierte. Auf einem früheren Kongreß der Zeitschrift war auch der amerikanische Wunderdentist Paul Esch aufgetreten, der seiner (zahlenden) Kundschaft mit der Behauptung aufwartet, er könne durch mediale Kontaktnahme zu jenseitigen Zahnärzten jedes Gebiß sanieren: Schiefe Zähne würden sich begradigen, abgebrochene oder ausgefallene nachwachsen, Amalgamplomben würden sich in Gold verwandeln. Allerdings erst nach einer gewissen Zeit. Zusammen mit Reinkarnationstherapeut Trutz Hardo-Hockemeyer tourt Esch völlig unbeanstandet quer durch die Lande. (Harald Wiesendanger ist 1998 nach massiven internen Querelen aus sei­nem Dächverband Geistiges Heilen ausgetreten - es hatte seit Gründung des Verbandes außer ein paar Info-Ständen auf Esoterikmessen und der Herausgabe eines Mitteilungsblattes kaum vorweisbare Arbeit [und keinen einzigen (!) dokumentierten Erfolgsfall] gegeben (3) -, seine Nachfolge übernahm der Rechtsanwalt Bernhard Firgau.)

Als eine seiner wenigen Serviceleistungen bietet der Dachverband Geistiges Heilen seit 1996 einen 160seitigen juristischen Ratgeber, wie jedermann/frau auch ohne Zulassung nach dem Heilpraktikergesetz straffrei als „Heiler" auftreten und praktizieren könne. Für den Umgang mit Gesundheits-, Ordnungs- und Finanzamt, ebenso mit Polizei und Staatsanwaltschaft, gibt es exakte Verhaltensmaßgaben sowie vorformulierte Musterbriefe für den Fall, eine der genannten Behörden sei hellhörig geworden. Der Trick zur Umgehung der rechtlichen Bestimmungen liegt im wesentlichen in der der jeweiligen Behörde vorzutragenden Behauptung, man sei nur „gelegentlich seelsorgerisch tätig" und erhalte in diesem Zusammenhang „keine nennenswerte finanzielle Gegenleistung oder Spende".
Zur Untermauerung der „seelsorgerisch/religiösen" Tätigkeit, so Ratgeber-Autor Bernhard Firgau (seit 1998 DGH-Präsident), sei empfehlenswert, sich „nicht nur pauschal auf die Bibel [zu] berufen, sondern auch einige Textstellen [zu] kennen und ihre Bedeutung erklären zu können". Handauflegen etwa sei im theologischen Sinne zu verstehen als „Segensgeste, Weiheritus und Krankensalbung", Exorzismus als „feierliches Gebet zu Gott im Namen und Auftrag Christi und der Kirche um seinen Schutz vor Unheilsmächten". Umfänglich werden einschlägige Stellen aus dem Neuen Testament angeführt (z.B. Matthäus 8,3-4, Marcus 1,40-45 oder Lukas 9, 1-6), die sich eignen, die Heilertätigkeit als "Ausübung der religionsfreiheit" (Gebet, Fürbitte) zu deklarieren, als welche sie nicht dem Heilpraktikergesetzt unterliege.(4)

Tatsächlich erfordert Wunder- oder Geistheilerei allemal eine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde (nach dem HeilPrG). Im Falle des „Warendorfer Wunderheilers" Rolf Drevermann stellte das zuständige Oberverwaltungsgericht Münster klar, daß auch „solche Verrichtungen unter die Erlaubnispflicht [fallen], die Gesundheitsgefährdungen mittelbar dadurch zur Folge haben können, daß ein frühzeitiges Erkennen ernster Leiden, das ein Fachwissen voraussetzt, verzögert werden kann. (...) Eine mittelbare Gefahr dieser Art besteht dabei insbesondere, wenn die in Rede stehende Heilbehandlung als eine die ärztliche Berufsausübung ersetzende Tätigkeit erscheint!'(5).
Schon zuvor hatte der Bundesgerichtshof im Verfahren gegen den oben angeführten „Pneumotherapeuten" festgestellt, „die Meinung des Angeklagten, seine Tätigkeit falle nicht unter das Heilpraktikergesetz, da sie keinerlei wissenschaftliche Fachkenntnis voraussetze und er auch keine medizinischen Diagnosen stelle, trifft nicht zu, auch das bloße Handauflegen und kurze Bestreichen der ihm als krank oder schmerzend bezeichneten Körperstellen ist Ausübung der Heilkunde im Sinne des Gesetzes, da sie in dem Behandelten den Eindruck erweckt, daß seine Heilung oder Besserung mit übernatürlichen oder übersinnlichen Kräften bewirkt werden". Daran ändere auch nichts, „daß der Angeklagte vor jeder 'Behandlung' ein kurzes Gebet spricht und die Hände faltet (...). Wollte man diese Art der 'Behandlung' deshalb nicht als Ausübung der Heilkunde ansehen, weil der Angeklagte keine medizinischen Fachkenntnisse hat, dann käme man zu dem mit dem Gesetzeszweck nicht zu vereinbarenden Ergebnis, daß ein Heilbehandler sich nur möglichst weit von den Regeln ärztlicher Wissenschaft entfernen müsse, um sich gegen die Anwendung des Heilpraktikergesetzes auf sein Verhalten zu sichern."(6).

Zitat Ende
Colin Goldner: "Die Psychoszene", Alibri Verlag 2000, S. 514 ff

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Synonyme / Analogien:

Weitere Informationen:

Bibliographie:

(1) Wiesendanger, H.: Das große Buch vom geistigen Heilen: Die umfassende Darstellung sämtlicher MEthoden, Krankheiten auf geistigem Wege zu erkennen und zu behandeln. Bern, 1994, S.17 (Wiesendanger gehört dem Dachverband Geistiges Heilen mittlerweile nicht mehr zu.)

(2) Akademie für Esoterik e.V.: Geistige Heilung (Kongreßprogramm) Gladbeck, 1994

(3) Den "Niedergang des ´Dachverbandes Geistiges Heilen`beschreibt Wiesendanger in einem eigenen Kapitel seines Buches: Geistiges Heilen für eine neue Zeit: Vom ´Wunderheilen`zur ganzheitlichen Medizin. München 1999, S. 381f.

(4) Firgau, B.: Rechtshandbuch für Heiler. Weinheim (E.i.S.) 1997 (3. Auflage)

(5) Oberverwaltungsgericht Münster Az.: 13 A 4973/94 vom 8.12.1997, zit. in AGPF-Info 4/1998 in http://home.t-online/home/AGPF.Bonn/inf98--4.htm vom 30.11.1998

(6) Bundesgerichtshof Az.: 1 StR 389/77 vom 13.9.1977, in: NJR 78,599, zit. in: AGPF-Info 4/1998, in: http://home.t-online/home/AGPF.Bonn/inf98-4.htm vom 30.11.1999

 


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Bearbeitungsstand: 07.06.2009