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Schnellkurse unter der Lupe: Qualifikation der Therapeuten

Colin Goldner, "Die Psychoszene", Alibri Verlag 2000, S. 75 ff. / 25.06.2009

 


Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die amtsärztliche Überprüfung angehender Heilpraktiker und heilpraktischer Psychotherapeuten setzt nicht voraus, dass diese irgendeine heilkundliche Ausbildung absolviert haben. Selbstverständlich können sie eine solche durchlaufen haben oder sich im Anschluß an den Erwerb der Ausübungsbefugnis einer solchen unterziehen.

Da Sie an Einrichtungen, die die Ausbildung für Ärzte, Diplompsychologen oder sonstige Akademiker durchführen, (in der Regel) nicht zugelassen werden, erwerben sie sich ihre psychotherapeutische "Qualifikation" entweder über Heilpraktikerschulen oder auf dem freien Psychomarkt. Das Niveau dieser Ausbildungen ist zwar recht unterschiedlich - es reicht von 2-Tage-Seminaren und Fernlehrgängen bis hin zu zweieinhalbjährigen Abendkursen mit immerhin 332 Unterrichtsstunden-, als ausreichende Qualifikation zur Ausübung von Psychotherapie kann aber selbst der "anspruchsvollste" Laienkurs nicht gelten.


 


Vermutlich würde sich niemand einer Behandlung bei einem Zahnarzt unterziehen, der seine Kompetenz und Befugnis auf solche Weise erworben hätte, im Bereich der heilpraktischen Psychotherapie hingegen scheint es offenbar zu genügen, wenn die Behandler irgendeinen Schnellsiedekurs durchlaufen haben.


Zur Verdeutlichung: Die o.a. vergleichsweise umfängliche 332-Stunden-„Ausbildung" (Paracelsus-Schule) - Vorbildung nicht erforderlich - verwendet 115 Stunden (á 45 Minuten) auf die Vermittlung „psychologischer Grundkenntnisse", von Persönlichkeits- und Sozialpsychologie über Neurosenlehre, Psychosomatik und Psychopathologie sowie Schul-, Ehe-, Management- und Umweltberatung bis hin zu Gerontologie und Sterbebegleitung. Die aufgelisteten Themen des Lehrplanes entsprechen etwa dem, was ein akademisches Psychologiestudium von acht bis zehn Hochschulsemestern (mit Schwerpunkt: Klinische Psychologie) umfaßt. Im zweiten Teil der Ausbildung, der ebenfalls in 115 Stunden absolviert wird, geht es um „Theorie und Praxis" von nicht weniger als zwanzig grundverschiedenen Therapieverfahren: Psychoanalyse (Freud), Analytische Therapie (Jung), Individualpsychologie (Adler), Psychodrama (Moreno), Katathymes Bilderleben (Leuner), Transaktionsanalyse (Berne), Verhaltenstherapie (Skinner), Systematische Desensibilisierung (Wölpe), Rational-emotive Therapie (Ellis), Kognitive Verhaltenstherapie (Mahoney), Klien­tenzentrierte Gesprächspsychotherapie (Rogers/Tausch), Logotherapie (Frankl), Gestaltthera­pie (Perls), Kommunikationstherapie (Watzlawick/Jackson/Bateson), Familientherapie/Systemischer Ansatz/Struktureller Ansatz/Gruppentherapie und Gruppendynamik, Bioener­getik (Löwen), Körperorientierte Therapieansätze, Entspannungstechniken (Autogenes Training), Integrative Therapie (Petzold). Zumal auch noch die Behandlung von Alkohol-, Medi­kamenten- und Drogenabhängigkeit, von Sexualstörungen, Persönlichkeitsstörungen und Suizidalität, Einblicke in Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie eine Vielzahl weiterer Punkte hinzukommen, entfallen auf jedes der Therapieverfahren bestenfalls vier bis fünf Unterrichtsstunden: nicht viel mehr als ein schlechter Witz, hält man sich vor Augen, daß allein die Ausbildung beispielsweise in Integrativer Therapie (Petzold) ein abgeschlossenes Medizin-, Psychologie- oder sonstig humanwissenschaftliches Studium voraussetzt und sich mit mehr als 1.300 Stunden über fünf Jahre erstreckt (420 Stunden Selbsterfahrung/Supervision in der Gruppe, 572 Stunden theoretische und praktische Ausbildung, 80 Stunden Fallsupervision [von 460 Arbeitsstunden als Therapeut], eine Einzelanalyse von 100-250 Stunden sowie eine Kontrollanalyse von 100 Stunden).238 In den verbleibenden 102 Unterrichtsstunden bei Paracelsus geht es um Kurzzeittherapie und Supervision, um Psychiatrie, Psychosomatik, Berufskunde sowie die Vorbereitung auf die amtsärztliche Überprüfung. Kosten der Ausbildung, einschließlich eines rund 100 Stunden umfassenden Videolehrprogramms: je nach Studien- und Bezahlungsmodus zwischen 13.650 und 21.350 Mark.239 Die Paracelsus-Schulen gelten mit über fünfzig Filialen als die mit Abstand größte Aus- und Fortbildungseinrichtung für Heilpraktiker bzw. heilpraktische Psychotherapeuten im deutschsprachigen Raum.

 

Zu Zeiten, als Fachleute noch die baldige Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes herbeisehnten, wurde gerade die Psychotherapieausbildung der Paracelsus-Schulen für deren Unabdingbarkeit angeführt, auf daß, wie es in Kritikerkreisen hieß, wenigstens in Zukunft eine „Gefährdung der hilfebedürftigen Klienten durch unzulänglich Ausgebildete unterbleibt".240 Das zum 1.1.1999 in Kraft getretene Gesetz ändert indes, wie dargestellt, praktisch gar nichts, außer der Einführung eines (weitgehend wirkungslosen) Titelschutzes bleibt alles beim Alten: Es bleibt Heilpraktikern und nach dem HeilPrG zugelassenen Psychologischen Beratern (oder wie auch immer sie sich nennen) völlig unverwehrt, auch mit unbrauchbarster „Qualifikation" psychotherapeutisch tätig zu werden. Paracelsus eröffnet schon nach Abschluß des 115-Stunden-Basiskurses eine Mitgliedschaft im hauseigenen Verband Freier Psychotherapeuten und Psychologischer Berater e. V. (VFP), mit Beendigung der kompletten 332-Stunden-Ausbildung wird ein „Diplom" als „Psychologischer Berater" verliehen. Nach Bestehen der amtsärztlichen Überprüfung nach dem HeilPrG kann ein weiteres Paracelsus „Diplom" als „Fachtherapeut für Psychotherapie" erworben werden. Selbst der Titelschutz nach dem neuen Psychotherapeutengesetz ist damit in praxi ausgehebelt.

 

Auch wenn es kaum glaubhaft erscheint: Das Niveau der Paracelsus-Ausbildung wurde in den zurückliegenden Jahren schon wesentlich verbessert. Noch Anfang der 1990er bestand die „Ausbildung" zum Psychotherapeuten aus einem Abendkursus von gerade einmal 210 Unterrichtsstunden, verteilt auf eine Endloskette 9- bis 16-stündiger „Themenblocks", in die der Aspirant jederzeit einsteigen konnte. Seinerzeit wurde auch eine „umfassende Ausbildung" zum „Sexualtherapeuten" angeboten, zu absolvieren in knapp zwei Dutzend Samstagvormittagsseminaren (115 Stunden á 45 Minuten). Das erworbene Wissen, wie es in Hochglanzbroschüren hieß, sollte „entsprechend dem US-'Sexual Therapist' hauptberuflich oder als sinnvolle Zusatzqualifikation" eingesetzt werden können und die Absolventen (medizinische und psychologische Laien!) befähigen, „hervorragende Hilfe zu leisten", wenn „gestörte Sexualfunktionen auftreten (Frigidität, Impotenz, sexuelle Aberrationen)" oder wenn „sexualindizierte Kinder-, Jugend-, Pubertäts-, Ehe- und Partnerprobleme nicht bewältigt werden". Kosten der „Hinführung zu Kompetenz ohne Tabu": 4.776 Mark zuzüglich 780 Mark Einschreibgebühr.241

Bis heute werden bei Paracelsus ständig neue „Ausbildungsgänge" und „Curricula" samt dazugehörigen „Abschlüssen", „Diplomen" und großsprecherischen „Berufsbezeichnungen" erfunden: So können sich neuerdings komplette Laien an fünf verlängerten Wochenenden in „Integrierter Lösungsorientierter Psychotherapie" schulen lassen und dabei, wie es im Werbe­text heißt, „solide Kenntnisse und Fähigkeiten für die Praxis" erwerben in „Lösungsorientier­ter Kurztherapie, Fortgeschrittenem NLP, Systemischer Kurztherapie, Prozeßorientierter Persönlichkeitstypologie und Integrierter Kurztherapie". Kosten des 160-Stunden-Kurses: 5.200 Mark242.

 

Daneben führt Paracelsus eine ganze Seminarpalette esoterischer "Heilverfahren" im Angebot: Reiki, Farblichtpunktur, Enneagramm, Aromatherapie, Channeling, Bach-Blüten, Reinkarnationstherapie, Psychokinesiologie, Ayurveda u.v.m.; daneben natürlich „Astrologie als ganzheitliches Diagnosemittel" oder auch „Meditation und Stilleübungen mit Kindern". Dauer der Kurse: jeweils 1-2 Tage.243 Im Internet firmiert Paracelsus denn auch ausdrücklich als „Forum für Naturheilkunde, Psychotherapie und Esoterik".244 Die 1999 neueingerichtete „Ausbildung" zum diplomierten „Fachberater für Geriatrie und Gerontopsychiatrie" (für heilpraktisch Vorgebildete gibt es ein „Diplom" als „Fachheilpraktiker für Geriatrie und Rehabilitation" bzw. „Fachtherapeut für Gerontopsychiatrie und Rehabilitation [HPG]") läßt Esoterik folglich nicht außen vor: Der berufsbegleitend in zehn Monaten zu absolvierende Wochenendkurs schließt neben einer angeblich umfassenden Qualifikation in Altenpflege, Geriatrie und Geriatrischer Psychiatrie (einschließlich Pflegeorganisation, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation, Sozialrecht etc.) konsequenterweise auch Homöopathie, Reflexzonenmassage und Bach-Blütentherapie mit ein.245 (Es begreift sich von selbst, daß solche „Ausbildung" in keinerlei Relation zur seriösen Fachschulqualifikation - drei Jahre Vollzeit - eines staatlich anerkannten Altenpflegers steht.246) Interessant ist insofern, daß der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) das 1999 in München veranstaltete „Centrai­symposium" der Paracelsus-Schulen mit einem eigenen Grußwort versah und den versammelten Heilpraktikerinnen „Anerkennung und Dank" aussprach: „Mündige Patienten", so Stoiber, „können und sollen in der Vielfalt konkurrierender Verfahren auf dem 'Medizinmarkt' diejenigen wählen, die ihren individuellen Bedürfnissen entgegenkommen". Seiner Meinung nach „brauchen wir auch in Zukunft die Arbeit der Heilpraktiker als Alternative und Ergänzung zu den seit langem etablierten Institutionen des Gesundheitssystems". 247 (Die Paracelsus-Schulen stehen im übrigen seit je in der Kritik, und dies nicht nur ihrer Studieninhalte sondern vor allem auch des „Kleingedruckten" ihrer Studienbedingungen wegen248: Jede Menge Beschwerden von Teilnehmern, die sich getäuscht fühlten und den einmal eingegangenen Vertrag nicht mehr kündigen konnten, liegen vor.249 Laut Paracelsus-Studienordnung ist selbst bei einer Änderung der Rechtsgrundlagen, etwa des HeilPrG, eine Kündigung ausgeschlossen.)

Die Kursinhalte der einzelnen Heilpraktikerschulen - an die hundert davon (zuzüglich zahlloser Filialen) gibt es im deutschsprachigen Raum - unterliegen keinerlei öffentlicher Kontrolle, es kann dort gelehrt werden, was immer den Betreibern gutdünkt; auch hinsichtlich der Lehrbefähigung der einzelnen Dozenten gibt es keinerlei überprüfte Mindestanforderungen. Neben Paracelsus zählen zu den Marktführern die sogenannten Thalamus-Schulen für Ganzheitliche Heilkunde, die, zusammen mit affiliierten Einrichtungen wie Ellcrys, Amara und Ahnert, in sämtlichen größeren Städten des Bundesgebietes vertreten sind. Der Dozentenstamm der Thalamus-Schulen ist zu großen Teilen dem Osho-Rajneesh-Umfeld zuzuordnen, einzelne Mitarbeiter firmieren im Katalog auch ganz unverblümt unter ihren sekteninternen (Sannyas-)Namen. (Zu den Thalamus -„Highlight"-Dozenten zählen mithin Phyllis Kristall, Daniel Whiteside, Peter Schellenbaum oder der unvermeidliche Rüdiger Dahlke.)

Neben den üblichen Ausbildungsgängen für Heilpraktiker (auch im Fernstudium) bietet Thalamus ein zehnwöchiges Abendseminar (10mal 4'/2 Stunden), das hinreicht, selbst als völliger Laie mit großer Wahrscheinlichkeit die amtsärztliche Überprüfung zum „heilpraktischen Psychotherapeuten" zu bestehen (1.590 Mark). Darüberhinaus finden sich u.a. „Fachausbildungen" für Akupunktur (12 Wochenenden/3.480 Mark), Farbakupunktur (8 Wochen­enden/2.376 Mark), Bach-Blütentherapie (3 Wochenenden/960 Mark), Aura-Soma (6 Tage/900 Mark), Irisdiagnose (5 Tage/800 Mark), Hypnose (4 Tage/480 Mark), Reiki I (2 Tage/350 Mark), Edelsteintherapie, NLP, Orgontherapie, Feng-Shui (je 2 Tage/320 Mark); selbst eine aus vier Wochenenden bestehende „Fachausbildung für Spirituelle Sterbebegleitung" wird angeboten (1.120 Mark). Die von Thalamus veranstaltete „Ausbildung in Humanistischer Psychologie und Psychotherapie" mag auf den Laien - vor allem in Relation gestellt zu den hanebüchenen „Ausbildungen" anderer Heilpraktikerschulen - zunächst einen etwas profunderen Eindruck machen, der allerdings bei näherer Hinsicht schnell verfliegt: Die „Ausbildung" - Zulassungsvoraussetzungen gibt es keine - erstreckt sich über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren und umfaßt 20 verlängerte Wochenenden sowie 19 Supervisionsabende (je einmal pro Monat), aufgeteilt in fünf thematische Blocks. Je nach Vorliebe und Befähigung der lokal verfüglichen Dozenten sind diese Blocks an jedem Ausbildungsort unterschiedlich ausgestaltet. In Köln beispielsweise wird in sieben Wochenenden „Körperzentrierte Psychotherapie" (Bioenergetik, Atemtherapie, Psychosomatik/Psychiatrie) abgehandelt, in zwei Wochenenden „Systemische und Familientherapie", in fünf Wochenenden „Gesprächstherapeutische Methoden" (NLP, Klientenzentrierte Psychotherapie, Voice Dialogue) und in zwei Wochenenden „Gestalttherapie"; an den verbleibenden vier Wochenenden geht es um „Sexualität", „Suchtstrukturen", „Sexuellen Mißbrauch" und „Tod" (8.970 Mark).250

(Nochmals zum Vergleich: Für eine seriöse Ausbildung allein in Gestalttherapie werden zumindest 1.000 Stunden, verteilt auf vier Jahre, veranschlagt; Voraussetzung, im Gegensatz zu heilpraktischen Ausbildungen, die jedem Laien offenstehen, ist ein abgeschlossenes akademisches Fachstudium.251)

 

Das (aus der Unzahl an HP-Schulen beispielhaft herausgegriffene) Münchner Zentrum für Naturheilunde stellt noch unverhüllter auf Esoterik ab als Paracelsus oder Thalamus. Neben dem Schwerpunkt des Ausbildungsprogramms, einem zweieinhalbmonatigen „Intensivlehrgang" in Homöopathie (ein Nachmittag pro Woche plus drei Samstage = 56 Stunden), finden sich Wochenendkurse unter anderem in Bach-Blütentherapie, Astrologie der Heilkräuter, Kinesiologie, NLP, Katathymem Bilderleben und DAN-Energie (eine Art Reiki). Die Vermittlung von „Grundprinzipien der Magie (...), um selbständig magisch arbeiten zu können" (einschließlich der Herstellung von Schutzamuletten), erfordert zwei Wochenenden, desgleichen die „Praxis der Geistheilung", deren Ziel es sei, „ein klarer und brauchbarer Kanal für die göttliche Heilkraft zu werden". Eine „Einführung in das I-Ging" dauert dagegen nur einen Tag.252 Ein „Psychotherapie-Jahrestraining", bestehend aus einem Wochenende plus einem Übungsabend pro Monat, basiert auf dem sogenannten „Voice Dialogue", einem gänzlich unfundierten Verfahren der US-Amerikaner Hai und Sidra Stone, das eine herausgegriffene Einzeltechnik der Gestalttherapie (innerer Dialog einzelner Persönlichkeitsanteile) zu einem eigenständigen Therapieverfahren aufbläst; eingebunden in Voice Dialogue soll auch noch Primärtherapie, Bioenergetik, Atemtherapie und Meditation vermittelt werden. Mitte der 1990er wurde das Jahrestraining auf (angeblich) 432 Stunden (tatsächlich sind es sehr viel weniger), verteilt auf 17 Seminartage, 6 Wochenenden und 5 Trainingsabende, aufgestockt. Kosten: 5.100 Mark.253

 

Die mit Abstand billigste „Psychotherapieausbildung" wird von der Bayerischen Gesellschaft für Ganzheitliche Medizin angeboten (die sich bei näherem Hinsehen als Privatinstitut in Füssen mit Kleinfiliale in Landsberg entpuppt): Das 9-monatige Training (ein Wochenende pro Monat) kostet 2.250 Mark, in Form von neun Skripten zum „Selbststudium" gar nur 800 Mark. In einem eigenen „Heilerkurs" kann man sich zudem, in jeweils einem Wochenende (!), in „Familienaufstellung" (nach Bert Hellinger), „Gesicht- & Handlesen" oder „Hypnose" ausbilden lassen.254 (Bei noch näherem Hinsehen stellt sich die Bayerische Gesellschaft für Ganzheitliche Medizin als verlängerter Arm des sogenannten „Wankmiller-Clans" heraus, einer sektoiden Organisation um den als „Sex-Messias" bekanntgewordenen Allgäuer Lederhosenguru Wolfgang Wankmiller[*1956]. Dieser kommt sich u.a. als Wiederkunft Jesu Christi vor, daneben auch als Reinkarnation Ludwig II. von Bayern; den Beginn seiner Karriere markierte er als Ehrenvorsitzender der Füssener Jungen Union.255 Sein aus rund 120 Mitgliedern bestehender Clan beschäftigt seit Jahren die Behörden, die Vorwürfe lauten mithin auf „absolute Beherrschung der Anhängerschaft", auf „sexuellen Mißbrauch" [auch von Kindern] und „dubiose Geldgeschäfte".256 Wankmiller und seine Gruppe arbeiten wirtschaftlich höchst erfolgreich: umfänglicher Immobilienbesitz, Esoterikläden, ein High-Tech-Verlag, eine Veranstaltungsfirma für esoterische Seminare (ProExpo) sowie ein eigener Naturheilmittelversand (Asklepios) werden dem Clan zugerechnet; daneben besagte Bayerische Gesellschaft für Ganzheitliche Medizin e. V., deren Vorsitzende, die Alternativmedizinerin Ingrid Müller-Mackert, seit je als „rechte Hand" Wankmillers gilt. Im hauseigenen Molinari-Verlag gibt sie ein Vierteljahresmagazin "Ganzheitlich Heilen" heraus, über das Teilnehmer für die Ausbildungskurse der Gesellschaft geworben werden.257 Der Füssener Bürgermeister Paul Wengert hält die Aktivitäten der Organisation für „bedrückend und bedenklich",258 Greifbares unternommen hat er bislang freilich nicht.)

 

Unabhängig von Dauer, Qualität und Niveau der jeweiligen Aus- und Fortbildungskurse: Der heilpraktische Psychotherapeut ist nicht verpflichtet, sich über eine Heilpraktikerschule oder dergleichen zu qualifizieren. Er kann seine Qualifikation auch über eine Ausbildung auf dem freien Psychomarkt erwerben. In tausenden von Einrichtungen und Seminarhäusern quer durch die Republik findet sich buchstäblich alles und jedes im Angebot: Fernlehrgänge, Tagesseminare, Wochenendkurse, gelegentlich sogar Ausbildungen, die sich über einen etwas längeren Zeitraum erstrecken, abgeschlossen meist mit prunkvollen Zertifikaten, Urkunden und Diplomen sowie der Verleihung beeindruckender Berufsbezeichnungen wie Diplom-Lebensberater, Beratender Schriftpsychologe, Zertifizierter Reinkarnationsanalytiker, Geprüfter Antlitzdiagnostiker und dergleichen mehr (-> Esoterischer Psychomarkt).

Diese „Ausbildungen", oftmals durchgeführt von Praktikern, die ihrerseits nicht viel mehr als einen Fernlehrgang absolviert haben, befähigen inhaltlich praktisch zu nichts, die Urkunden und Diplome sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt sind. Da die Berufsbezeichnungen frei erfunden beziehungsweise nicht geschützt sind, kann jedermann sie verleihen oder führen. Szeneüblich ist die Kompetenz suggerierende Tapezierung von Behandlungszimmern mit den Abschlußurkunden irgendwelcher Trainings, auch in Werbeannoncen werden die erworbenen Meriten umfänglich aufgelistet.

 

Bezeichnend, wie sich beispielsweise die Münchner Heilpraktikerin Helga „Sonya" Triendl in großformatigen Anzeigen anpreist: „Psychotherapeutin und Schriftstellerin, Literatur- und Psychologiestudium, Selbsterfahrung und Ausbildung in Psychoanalyse und Counselling, Bioenergetik, Heilatmen, Primär- und Gestalttherapie, Encounter, Tarot, Tantra, Massage, Hypnose und Meditation. Arbeit in eigener Praxis mit ihrem meditativen und kreativtherapeutischen Ansatz Der Triadische Weg, der die Ganzheit von Körper, Seele und Geist verwirklicht. Einzel-, Paar- und Gruppentherapie." Bei Lichte besehen erweisen sich Triendls „schriftstellerische" Arbeiten vor allem als Werbeartikel in esoterischen Szeneblättern, ihre „Ausbildungen" und „Studien" als Teilnahme an ein paar Workshops bei Szenekollegen (vor allem aus dem Rajneesh-Umfeld). Der Triadische Weg, in dem Triendl auch Nachwuchstherapeuten ausbildet, besteht aus willkürlich zusammengebastelten Tantra-, Tanz- und NLP-Elementen. Triendl ist seit 1985 im Psychogeschäft zugange.259 Eine andere, beliebig aus der Unmenge sich anbietender Szene-„Therapeuten" herausgegriffene Figur, eine unter ihrem Osho-Rajneesh-Namen firmierende „Ma Prem Kalpa", listet auf, sie sei „ausgebildet in Neo-Reichianischer Körperarbeit, Pulsation, Counselling, Primärtherapie, Tantra, Hypnose und Craniosacral Balancing"; die Stärke ihrer Arbeit liege in einem „subtilen Erfühlen der unbewußten Muster des Klienten".260 Von klinischer Qualifikation oder rechtlicher Befugnis zur Ausübung der Heilkunde ist bei „Kalpa" ebensowenig zu entdecken wie bei den meisten ihrer Kolleginnen.

 

Ein Großteil der Praktiker auf dem Psychomarkt hat indes noch nicht einmal eine Ausbildung der besagten Art absolviert, viele halten die Teilnahme an irgendwelchen Selbsterfahrungsworkshops für völlig ausreichend, die dort kennengelernten Techniken in der eigenen Praxis einzusetzen. Oftmals entnimmt man die erforderlichen Kenntnisse auch irgendwelchen Lehrbüchern oder Standardwerken, oder, falls das die eigenen Kapazitäten übersteigt, entsprechenden Fernlehrgängen, in denen das gewünschte Material in Einfachstsprache dargestellt und zu leichtverständlichen Kleinstkapitelchen zusammengefaßt ist.


Zu den ältesteingesessenen Fernlehrinstituten zählt das Wuppertaler Institut Kappel, das als „Europäisches Studienkolleg für Aus- und Weiterbildung in Studiengängen zu Hause" eine Vielzahl „ganzheitsmedizinischer" und „naturheilkundlicher" Kurse anbietet. Neben dem obligaten Lehrgang zum „Heilpraktiker" (2.640 Mark) qualifiziert ein weiterer zum „Tierheilpraktiker" (2.340 Mark) mit Spezialisierungsmöglichkeit zum „Pferdeakupunkteur" oder „Pferdehomöopathen" (je 1.560 Mark). „Diplom-Kurse" in „Traditioneller chinesischer Akupunktur" (1.560 Mark) und chinesischer „Antlitzdiagnose" (975 Mark) finden sich im Angebot, daneben Lehrgänge zum „Reflexzonen-Masseur", zum „Bach-Blütentherapeuten" (je 975 Mark) oder zum „NLP-Trainer" (1.400 Mark). Weitere Kurse führen wahlweise zum Zertifikat als „Kinderpsychologischer Berater", als „Gesprächspsychologe" oder als „Ehe-(Paar) und familientherapeutischer Berater", als welcher man selbstverständlich auch in „Sexualtherapie" ausgebildet wird (je 1.400 Mark). Krönung des KappelAngebols ist der Fernlehrgang zum „Psychotherapeuten", bei dem „effektives Fachwissen" vermittelt werde, unter anderem in Verhaltenstherapie, Transaktionsanalyse und Gesprächspsychotherapie zur Behandlung von Depressionen, Zwanghaftigkeit, Hysterie, Alkoholismus, schizoiden Persönlichkeitsstrukturen, von Magersüchtigen, AIDS-Kranken und Selbstmordgefährdeten (3.340 Mark). Zu weiterer Qualifikation wird ein Studiengang zum zertifizierten „Tarot-Analytiker" (975 Mark) anempfohlen, denn: „Tarot-Analytiker werden von zahlreichen Ratsuchenden aufgesucht. (...) Früher nannte man sie Wahrsager und die waren genauso beliebt, als daß man sie  auch verfolgte". Angeblich sollen die Kosten der Kappel-Fernlehrgänge voll von der Steuer abgesetzt werden können.261

 

Auf ähnlichem Niveau bewegt sich das Institut für berufliche Weiterbildung (IBW) in Weil am Rhein, das ebenfalls „Diplom-Lehrgänge" per Post anbietet: Für je 265 Mark kann man sich in Bio-Kosmetik, Fitnessmassage, Mentaltraining, NLP, Reflexzonentherapie oder auch Seniorenbetreuung ausbilden und diplomieren lassen. Ein „Dipl. Pädagoge (IBW)" hat, so unfaßlich es klingt, nicht mehr absolviert als einen einzigen IBW-Fernlehrbrief zu 265 Mark (zuzüglich 140 Mark Diplomgebühr); ein „Dipl. Yogalehrer (IBW)" immerhin zwei, ein „Dipl. Musiktherapeut (IBW)" oder ein „Dipl. Gesprächstherapeut (IBW)" gar drei Lehrbriefe. Das Institut wirbt mit über 300.000 erfolgreichen Kursteilnehmern (von denen nicht wenige den „IBW'-Hinweis einfach weglassen und hinfort etwa als - vermeintlich akademisch qualifizierte -„Dipl. Pädagogen" firmieren). Etwas seriöser gibt sich die Haaner Akademie für ganzheitliche Lebens- und Heilweisen (ALH), deren Fernkursus zum „Geprüften Psychotherapeuten ALH" immerhin zwölf Lehrbriefe (á ca. 45 Seiten) umfaßt. Kosten: 2.184 Mark262. (Der Trick, mit dem „Diplom" irgendeiner Privatlehranstalt oder eines Fernlehrinstituts einen akademischen Abschluß vorzugaukeln, ist in der Szene weitverbreitet: Nicht wenige der als „Diplom-Pädagogen" und dergleichen auftretenden Praktiker haben nie eine Hochschule von innen gesehen.)

 

Abgesehen von der (in der Regel) völlig unzureichenden inhaltlichen Befähigung zur Ausübung von Psychotherapie verfügt die überwiegende Mehrzahl der Praktiker über keinerlei rechtliche Befugnis dazu.

Um die Bestimmungen des Heilpraktikergesetzes zu umgehen, wird die Heiltätigkeit oftmals unter phantasievollen Kunstbezeichnungen, als „Lebenshilfe", „Beziehungsberatung", „Bewußtseinserweiterung" und dergleichen, angeboten, die diesen - per definitionem - nicht unterliege. Besonders schlau wähnt sich insofern die Deutsche Gesellschaft für Alternative Medizin (DGAM), eine private Einrichtung, die in 15 Wochenendeinheiten zum „Diplom-Gesundheitspraktiker" ausbildet (4.000 Mark); zu den Inhalten der Ausbildung zählen laut Programmbroschüre „Naturheilkundliche Methoden, Körpertherapien, energetische und spirituelle Therapien, Arbeit mit Farben, Edelsteinen, Bachblüten usw., Methoden der humanistischen Psychologie und der Kunstpädagogik u.a.m. Die meisten dieser Methoden werden als Heilmethoden unterrichtet und ihre Anwendung fällt unter das Heilpraktikergesetz. Im Rahmen der DGAM Gesundheitspraxis ist dies nicht der Fall."263 Ungeachtet aber des Etiketts: Wer unbefugt diagnostische oder therapeutische Maßnahmen durchführt - auch wenn er dafür (angeblich) weder Honorar noch Spende erhält - macht sich strafbar (-> Gerichte contra Scharlatanerie). Ein weiterer szenetypischer Trick zur Umgehung des Heilpraktikergesetzes besteht darin, nicht als Therapeut sondern als „Trainer" zu firmieren, der andere Therapeuten ausbildet und von daher selbst keine Befugnis zur Ausübung der Heilkunde benötigt. Den Teilnehmern wird nach Abschluß des jeweiligen Workshops ein entsprechendes Graduierungsdiplom erteilt, das diese womöglich noch steuerlich veranschlagen können.

 

Ein insofern interessantes Konzept verfolgt das Gral-Lichtzentrum im fränkischen Ebermannstadt, eine „Mysterienschule für Alchemistische Lehren, Transzendente Psychologie, Meditation & Klausur". Leiterin dieses (angeblich gemeinnützigen) Zentrums ist die gebürtige Jugoslawin Bozenka Venediger (*1945), die laut eigener biographischer Angabe von dem Münchner Reinkarnationstherapeuten Thorwald Dethlefsen sowie einem Geistwesen namens „Aaron" in die „esotherische Psychologie" [sic!] eingeführt worden sein will. Die Kurzausbildung an der Gral-Schule besteht aus viertägigen Seminaren, in denen es um mediale Kontaktaufnahme mit „Engeln, Geistigen Führern, Lichtboten & der Weisen Bruderschaft" [sic!] geht. Interessenten lernen, Botschaften aus der „Geistigen Hierarchie" zu empfangen und selbst „von der 3. in die 5. Dimension aufzusteigen". Frau Venediger „channelt" selbst ein Geistwesen, das durch sie „Neueste Nachrichten aus dem Makrokosmos" verlautbart, etwa über eine „Raumflotte von 12.000.000 UFOs", die „für die Errettung der Erde" zuständig sei. Oberbefehlshaber der Flotte sei „Ashtar Sheran", der seinerseits „Jesus Christus" unterstehe. Dieser wolle die Menschen von „Fegefeuer und Verdammnis" befreien: „Wir leben jetzt in der Zeit von Harmagedon und Johannes-Apokalypse. Der Kampf zwischen Gut und Böse findet statt. Auf der Erde wird jetzt die Spreu vom Weizen getrennt." In der dreieinhalbwöchigen „Langzeitausbildung" des Gral-Zentrums kann man ein Diplom in „Transzendenter Psychologie" erwerben. Im ersten Teil dieser „Ausbildung" lernt der Kandidat seine „früheren Leben" sowie das „Höhere Selbst" kennen; überdies werden „psychosomatische & Personen-Konflikte" geklärt. Hierzu dienen „Rebirthing" und „Befreiungstanz nach Osho" (gemeint ist die -> Dynamic Meditation des Rajneesh-Kults). Der zweite Teil führt in die „Hermetischen Gesetze von Polarität, Reinkarnation & Karma" ein, zudem in die „Mysterien des Grals, der Genesis und des Johannesevangeliums". Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf „Nyingma Kagyü" (eine Art tibetisches Yoga). Im dritten Teil „lernen (wir) die geistigen Fähigkeiten zu entwickeln, die Voraussetzung für Hellsichtigkeit sind". Hierzu zählen vor allem „Gedanken-Zucht-Kontrolle-Beherrschung", Biomagnetismus" sowie „Kahuna-Magie". Nach Erstellen einer „Diplomarbeit" wird man zum „Transzendenten Psychologen" graduiert, nun sei man als „Lebensberater, Reinkarnationspraktiker und Seminarleiter fähig, Mitmenschen als ein selbstbewußter, verantwortungsvoller Helfer zu dienen". Überdies werde man in den „Gral-Tempel" aufgenommen. Kosten: 3.000 Mark.

Obgleich Frau Venediger den von ihr diplomierten „Transzendenten Psychologen" als „spirituellen Arzt" beschreibt, dem es um die „Heilung anderer" gehe, ist sie doch beschlagen genug, dessen Tätigkeit ausdrücklich aus dem Heilpraktikergesetz auszuklammern: „Das Wort Therapie möchte ich hier nicht verwenden, da laut Gesetz die Wörter Therapie und Therapeut nur Heilpraktiker, Diplom-Psychologen und Ärzte verwenden dürfen. Transzendente Psychologie ist keine Therapie, sondern ein Einweihungsweg zu sich und dem Höheren Selbst." Bozenka Venedigers gesammelte Erkenntnis gibt es auf Kassetten, auf Video oder in Buchform, sie selbst ist auf sämtlichen Esoterikkongressen zugange, um Kundschaft für ihr Gral-Zentrum zu rekrutieren. Seit geraumer Zeit wirbt sie auch für das sogenannte „Ashtar-Projekt", ein „spirituelles Schulungszentrum", das nach dem Willen des Raumflottenoberbefehlshabers Ashtar Sheran in der Dominikanischen Republik aufgebaut werden solle, um dort „lieben, heilen und gemeinsam mit allen anderen die ersten Schritte in das Tausendjährige Goldene Zeitalter gemeinsam beginnen" zu können: „Wir suchen Mitinvestoren und Sponsoren, die ab 100.000 DM investieren."264 Wie sich das mit den Durchsagen anderer Channelingmedien verträgt, weiß Frau Venediger allerdings nicht zu beantworten: Über das prominente „Volltrancemedium" Edeltraud Schröder beispielsweise tut Ashtar Sheran kund, die Menschheit solle auf einen anderen Planeten evakuiert werden, so wie dies bereits mit den Bewohnern des Jupiters geschehen sei.265

Natürlich sind nicht alle Seelenfummler derart offenkundig gestört. Vielen geht es ausschließlich um die schnelle Mark, die sie - ohne irgendwelche Qualifikation oder Befugnis ­als „Therapeuten" oder abstruser noch: als „Therapeutenausbilder" machen können. Ein schwäbisches Tujala-Institut etwa bietet neben Einzelsitzungen in „Körperarbeit", „Chakra-Reading" und „spirituellem NLP" auch eine Ausbildung zum diplomierten „Therapeutischen Lichtarbeiter" (4x5 Tage plus fünf Wochenenden/9.490 Mark) oder, etwas günstiger, zum zertifizierten „Reinkarnationstherapeuten" (3x5 Tage/6.075 Mark) an. Als zentrale Qualifikation listet Leiterin Iris „Shanti" Sautter, eine Anhängerin des Osho-Rajneesh-Kults, ihre Schulzeit bei den Anthroposophen sowie die Geburt eines Kindes auf. Eine Strafanzeige gegen Frau Sautter wegen unerlaubter Ausübung der Heilkunde wurde von der Staatsanwaltschaft Rottweil eingestellt mit der interessanten Begründung, es bestehe „kein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung, (...) da Schäden oder Gefahren, die durch die Beschuldigte hervorgerufen worden wären, bislang nicht bekannt sind".266 Offenbar muß in Rottweil erst jemand körperlich oder psychisch zu Schaden kommen, bis die Behörden dem unverantwortbaren (und gemäß HeilPrG widerrechtlichen) Herumgepfusche - neben Sautter sind noch drei weitere „Reinkarnationsanalytiker" am Tujala-Institut zugange - Einhalt gebieten. Am pseudo-feministischen Münchner Arinna-Institut kann frau sich zur „spirituellen Heilerin" ausbilden lassen (240 Std./8.500 Mark). Die Qualifikation der beiden Trainerinnen: sie praktizieren Reiki.

Wie dargestellt bürgt indes auch eine behördliche Erlaubnis keineswegs für fachliche Kompetenz (geschweige denn persönliche Integrität):Die Stuttgarter Heilpraktikerin (und Anhängerin der Surat-Shabd-Sekte) Gabriele Böhm etwa bildet an ihrem Institut für innovative Gesundheitsausbildungen sogenannte „Innergietherapeuten" aus. Kosten des „Basic Kurs" (4x5 Tage „Physiognomie", „Chakrenausrichten" und „Urzellhaufen-Aktivierung"): 7.900 Mark. Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen.

Vielfach wird von Heilpraktikern, Lebenslehrern oder sonstigen Anbietern auf dem Psychomarkt als ultimativer Beleg für Seriosität und Kompetenz die Mitgliedschaft in irgendeinem "Berufsverband" oder einer "Fachgesellschaft" aneführt. Solche Mitgliedschaft - nicht wenige Anbieter gehören einem halben Dutzend und mehr solcher Vereinigungen zu - sagt per se feilich nicht das geringste aus (im Einzelfalle noch nicht einmal über das Vorliegen einer rechtlichen Befugnis zur Ausübung des von dem jeweiligen Verband vertretenen Verfahrens.

Auch wenn einzelne Organisationen noch so beeindruckende Bezeichnungen als „offizielle" Berufsverbände auf Landes-, Bundes- oder gar Europaebene führen: In der Regel handelt es sich um verbandspolitisch völlig unbedeutende Privatvereine, meist Alumni (= Absolventen-)Einrichtungen irgendwelcher Heilpraktikerschulen oder sonstiger Ausbildungsträger (Bioenergetik, Kinesiologie, Mentaltraining etc.), deren Hauptzweck in einer Art „Meta-Legitimierung" der einzelnen Mitglieder liegt; hierfür - weitere Dienstleistungen haben die jeweiligen Verbände meist nicht zu bieten - sind viele Anbieter der Szene offenbar gerne bereit, selbst überzogenste Aufnahmegebühren und Mitgliedsbeiträge zu entrichten. Einzelne „Berufsverbände" scheinen überhaupt nur zu existieren, weil sie eine günstige Einnahmequelle darstellen (und zudem einzelnen „Funktionären" die Möglichkeit geben, sich vereinsmeierisch wichtig zu tun - vielleicht gar in den werbewirksamen Rang eines „Bundesvorsitzenden" oder „Europapräsidenten" aufzusteigen). Nicht alle Verbandsorganisationen der Szene sind als rechtsgültige Körperschaften verfaßt (überwiegend firmieren sie als eingetragene Vereine/e.V.), so daß von korrekten Finanzabläufen oder vereinsinterner Demokratie nicht immer die Rede sein kann.

Um es zu wiederholen: Die Mitgliedschaft eines Anbieters in einem der zahllosen „Berufsverbände" oder einer der „Fachgesellschaften" der Szene bietet für den Verbraucher keinerlei Gewähr oder Sicherheit.

Allein für die Heilpraktiker gibt es im Bundesgebiet dutzende voneinander unabhängiger bzw. einander konkurrenter Berufsverbände und Fachgesellschaften, denen der einzelne Praktiker beliebig beitreten oder dies ebenso beliebig auch bleiben lassen kann. Eine Kammer mit obligater Mitgliedschaft, die das Tun des einzelnen Heilpraktikers beaufsichtigen und gegebenenfalls Sanktionen einleiten könnte, gibt es, anders als in der Ärzteschaft, nicht: Es existiert, so unglaublich das klingt, innerhalb des Heilpraktikerwesens keinerlei öffentliche Beschwerdeinstanz. Heilpraktiker können in einem rechtlich und inhaltlich praktisch unüberwachten Freiraum - das HeilPrG schränkt diesen Raum nur unwesentlich ein - treiben, was immer ihnen gutdünkt: Kein Diagnose- oder Therapieverfahren, sei es noch so unbrauchbar und längst entsprechend ausgewiesen, das nicht in der Heilpraxis ganz legal eingesetzt werden dürfte und eingesetzt wird.

Hat ein Heilpraktiker einmal seine Zulassung erworben, kann sie ihm praktisch nicht mehr entzogen werden; aus einer Kammer kann er nicht ausgeschlossen werden, da es solche nicht gibt. Ein Heilpraktiker kann, wie beispielsweise der in München tätige Peter-Georg Gesell, gänzlich ungeniert „Therapieformen" anbieten wie „Geistheilung, Handauflegen, Magie" (und diese ggf. sogar über die Kasse abrechnen); daneben kann er als solcher völlig legal seine Dienste als „Lebensberater, Mediator und Hellseher, sowie als professioneller Rutengänger" (einschließlich Erdstrahlenmessung und Brunnenmutung) feilhalten. 267 Die rechtlichen Möglichkeiten, gegen derlei Unfug einzuschreiten, sind, solange der einzelne Anbieter sich auf der Grundlage des HeilPrG bewegt, gering. Bezeichnend sind insofern die Werbeannoncen des Mainzer Heilpraktikers Oleg Lohnes, in denen er fordert: „Schluß jetzt mit 'wissenschaftlich nicht bewiesen', 'nicht erklärbar', 'gibt es nicht' und ... und ... und Seine Patienten behandelt Lohnes mit garantiert außerhalb jeder Wissenschaft stehenden Verfahren, daneben bietet er Tages- und Wochenendkurse an, in denen er andere „Heilberuf-ler" in ebendiesen unterweist.268

Nicht unerwähnt bleiben darf die seit geraumer Zeit in der Szene um sich greifende Unsitte, für jedes selbsterfundene Verfahren bzw. die dazugehörige Bezeichnung einen Markenschutz (®,©,™) zu beantragen (der dann in Werbeannoncen propagandawirksam und seriositätssuggerierend angeführt werden kann269). Tatsache ist: Markenschutzzeichen stellen keinerlei Hinweis auf überprüfte Qualität oder sonst irgendeinen inhaltlichen Wert dar; sie weisen lediglich ein Exklusivrecht auf die Nutzung des jeweiligen Begriffs aus und können grundsätzlich für alles und jedes beantragt werden. Manche Heil- oder Lebenshilfepraxis bietet ein Dutzend und mehr Verfahren mit Markenschutzsiegel an, die, bei Lichte besehen, nichts anderes darstellen, als - um ein geflügeltes Wort aus der 68-Bewegung zu zitieren -: „alten Kack im neuen Frack". Im übrigen werden die Markenschutzzeichen vielfach auch angeführt, ohne daß eine entsprechende Registrierung vorgenommen worden wäre.

 

Bibliographie


Colin Goldner, "Die Psychoszene", Alibri Verlag 2000, S. 75 ff. / 25.06.2009

Anmerkungen
240 vgl. Klauer, C: „Der Staat hat versagt" (Kommentar zum Psychotherapeutengesetz), in: Psychologie Heute, 3/1997, S. 70
241 Deutsche Paracelsus-Schulen für Naturheilverfahren: Sexualberater/Sexualtherapeut (Ausbildungsprogramm) München, 1988 / vgl. Goldner, C.: Sexualtherapie: Qualifikation in 115 Stunden? in: Münchner Stadtzeitung, 10/1988
564_Colin Goldner, Psycho-Szene
242 vgl. Paracelsus-Report, 4/1999, S. 52
243 Deutsche Paracelsus-Schulen für Naturheilverfahren: Natur heilt (Seminarprogramm) München, 1996 (Das Programm ist von Jahr zu Jahr einem gewissen Wandel unterworfen.)
244 Paracelsus-Report, 4/1999, S. 70f.
245 Deutsche Paracelsus-Schulen für Naturheilverfahren: Geriatrie Projekt (Studieninformation) München, 1999
246 Bereits Anfang der 1990er hatte Paracelsus versucht, eine Art Altenpflegeausbildung zu etablieren. In zeitlichem Zusammengang damit hatte das Bayerische Verwaltungsgericht den Paracelsus-Schulen die Selbstbezeichnung als „Fachschulen" untersagt, da solche Bezeichnung den irreführenden Eindruck der Gleichwertigkeit staatlich anerkannten Schulen gegenüber erwecken könne.
247 zit. in: Paracelsus-Report, 4/1999, S. 36
248 vgl. Goldner, C.: Zweifelhafte Ausbildung, in: Psychologie Heute, 5/1992, S. 9f.
249 vgl. Fliegel, S.: „Unwissenschaftlich" (Kommentar zum Psychotherapeutengesetz), in: Psychologie Heute, 3/1997, S. 71
250 Thalamus-Schulen (Programm) Köln, 1996 (Das Programm ist von Jahr zu Jahr einem gewissen Wandel unterworfen.)
251 z.B. Symbolon-Institut für Gestalttherapie (Programm). Nürnberg, o.J.
252 Zentrum für Naturheilkunde (Programmkatalog). München, 1993/94 (Die Kursangebote des ZfN sind, je nach Verfügbarkeit entsprechender Dozenten, von Jahr zu Jahr einem gewissen Wandel unterworfen: einige der angeführten Esoterik-Seminare finden sich in neueren Programmen nicht mehr, andere [Radiästhesie, Feng-Shui, Kranio-Sakral-Therapie etc.] kamen hinzu.)
253 Zentrum für Naturheilkunde (Programmkatalog). München, 1993/94 (Bei angenommenen 8 Ausbildungsstunden pro Tag und 3 Stunden pro Trainingsabend kommt man auf insgesamt 247 Stunden. Wie die in der Ausschreibung ausgewiesenen 432 Stunden Zustandekommen, ist nicht nachvollziehbar: Rechenfehler oder bewußte Irreführung? Die Psychotherapie-Jahrestrainings des ZfN wurden mittlerweile eingestellt, dafür wird neuerdings ein „Grundlagenjahr Psychologie/Psychotherapie" mit ca. 168 Unterrichtsstunden angeboten.)
254 Bayerische Gesellschaft für Ganzheitliche Medizin (Programm). Füssen, 1996/97
255 Januschke, P.: Füssens Parteien sollten unterwandert werden: Ehrenvorsitzender der Jungen Union doch ein Sektenführer? in: Allgäuer Zeitung vom 6.10.1982 (Die Bezeichnug „Sex-Messias" entstammt einem Beitrag von Klaus Hiemer: Eine Stadt in Angst vor radikalem Sex-Messias, in: Münchner Abendzeitung vom 23./24.3.1996)
256 Weisgerber, M.: 'Füssener Sekte' beschäftigt Justiz: Gerüchte um Sexorgien und Ausbeutung von Mitgliedern, in: Allgäuer Zeitung vom 12.3.1996
257 Neumann, C.: Behörden stehen Sekte machtlos gegenüber, in: Süddeutsche Zeitung vom 10./11.2.1996
258 zit. in: Sturm, H.: 'Provinz-Guru' strebt 'Staat im Staate' an, in: Allgäuer Zeitung vom 18.4.2000
259 Arbeitsgemeinschaft für Körper-, Psycho- und Kreativitätstherapie (Werbematerial). München, o.J.
260 Osho Tao Zentrum für Spirituelle Therapie und Meditation (Programm). München, 1993/94
261 Institut Kappel (Studienprogramm). Wuppertal, 1995
262 Studienprogramme 1997 der Institute IBW und ALH
263 Deutsche Gesellschaft für Alternative Medizin (Programm). Seelze, 1998
264 Gral-Lichtzentrum (Seminarprogramm). Ebermannstadt, 1997
265 Metharia e.V. (Werbematerial). Eckenförde, o.J. / vgl. Flach, F.: Protokoll einer Santiner-Veranstaltung. Würzburg, 1996 (unveröffentlichtes Manuskript [beim Verfasser])
266 Staatsanwaltschaft Rottweil Az.: 15 Js 1615/98 vom 22.1.1999
267 Gesell, P.-G. (Werbeannonce), in: Böning, R./Neuwald, B. (Hrsg.): Handbuch für Ganzheitliche Therapie und Lebenshilfe. Gschwend, 1999, S. 203
268 Therapeutikum/Integrale Parapsychologie (Werbeannonce), in: Esotera, 6/1998, S. 64
269 vgl. http://www.holoenergetic.ch/TX-jazumr.htm (10.4.2000)