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Orgontherapie

Autor: Colin Goldner / 2008

 


Der Wiener Arzt Wilhelm Reich (1897-1957) galt lange Jahre als Musterschüler Sigmund Freuds. Nach einer steilen Karriere innerhalb des psychoanalytischen Establishments wurde er allerdings seiner zunehmend unorthodoxen Vorstellungen wegen Anfang der 1930er aus diesem verbannt.



Der Wiener Arzt Wilhelm Reich (1897-1957) galt lange Jahre als Musterschüler Sigmund Freuds. Nach einer steilen Karriere innerhalb des psychoanalytischen Establishments wurde er allerdings seiner zunehmend unorthodoxen Vorstellungen wegen Anfang der 1930er aus diesem verbannt. Reich entwickelte ein eigenständiges Konzept, das wesentlich auf der Beobachtung basierte, daß alle erfolgreich behandelten Klienten im Zuge ihrer Therapie ein befriedigendes Sexualleben entwickelten, die erfolglosen hingegen nicht. Reich glaubte, als Ursache für den Erfolg therapeutischen Bemühens die Fähigkeit des Klienten zu „orgastischer Entladung" entdeckt zu haben, die sich in der Auflösung muskulärer Panzerungen und der Wiederherstellung des darin blockierten Flusses an Lebensenergie freisetze.

Diese Energie, keineswegs (wie bei Freud) in metaphorischem Sinne, sondern als physikalische und objektiv meßbare Größe verstanden, bezeichnete Reich als „Orgonenergie", sein Verfahren zu deren Freisetzung als „Orgon-" oder „Vegetotherapie". (Gleichwohl ihm „Orgasmotherapie" sehr viel treffender schien, nahm er, als Konzession an die „Schamhaftigkeit der Welt in sexuellen Dingen", von dieser Bezeichnung Abstand.694)

Unter „Panzerung" versteht Reich chronische muskuläre Verkrampfungen als körperliche Seite der Verdrängung frühkindlich psychosexueller Konflikte - Unterdrückung beziehungsweise Nicht-Befriedigung oraler, analer oder genitaler Bedürfnisse -, deren psychische Seite sich in charakterlichen Verhärtungen darstelle. Ausgehend von der Vorstellung prinzipieller Identität von Körper und Seele schlägt er vor, „den komplizierten Umweg über die psychischen Gebilde wenn nötig zu vermeiden und direkt von der körperlichen Haltung ins Gebiet der Triebaffekte durchzubrechen".695 Zur Behandlung liegt der nicht oder nur leicht bekleidete Klient mit angewinkelten Knien auf einer Matte; er wird angewiesen, bewußt durch den Mund zu atmen und seine Atmung zunehmend zu intensivieren. Durch dergestalt energetische „Aufladung" des Organismus werde enormer innerer Druck auf die Panzerung ausgeübt, der durch äußere Einwirkung des Therapeuten weiter verschärft wird: Mit größtem Krafteinsatz drückt dieser Daumen, Fäuste oder Ellbogen solange auf die „verpanzerte" Muskulatur, bis der Klient die Krampfspannung nicht länger aufrechterhalten kann und das darin festgehaltene verdrängte Gefühl sich in unwillkürlicher Entladung Bahn bricht: „Angst ist die Basis aller Verdrängung und steht hinter allen Verspannungen. (...) Eine Heilung erfolgt dadurch, daß man (den Klienten) zwingt, dieser Angst gegenüberzutreten und die verbotenen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Das wichtigste Gefühl, das hervorgerufen werden muß, ist Wut."696

Vom Kopf abwärts wird der Körperpanzer - Reich unterscheidet sieben ringförmige Muskelgruppen um Augen, Mund, Hals, Brust, Zwerchfell, Bauch und Becken - systematisch bearbeitet. Der Klient wird ermuntert zu schreien, um sich zu schlagen, in die Matratze zu beißen oder sich auf beliebig sonstige Weise hemmungslos gehen zu lassen. Zur „Befreiung" des Beckens „fordern [wir] den Klienten auf, zu treten, oder zu stampfen, um die anale Wut zu entladen, und mit dem Becken zu stoßen, um die phallische Wut herauszulassen. (...) Die unterschiedlichen Verkrampfungen müssen gelöst werden. Hierzu wird der Klient angeleitet, seine Schließmuskeln wiederholt zu entspannen und zu kontrahieren. Sobald dies gelingt, bewegt sich das Becken nach jedem Ausatmen spontan nach vorn, und man bezeichnet dies als OrgasmusreHex, Der Organismus ist nun in der Lage, sich vollständig hinzugeben"697 und daher „außerstande, eine Neurose aufrechtzuerhalten, da Neurosen nur auf der Basis von Energie-(Libido-)Stauungen existieren".698 Die Therapiedauer zur völligen Wiederherstellung „orgasmischer Potenz" liege zwischen zwei und vier Jahren.

Unterstützt wird die Therapie Reichs durch die sogenannten Orgonakkumulatoren, mit Eisenplatten abgedeckte, schrankähnliche Holzkästen - portablen Freiluftplumpsklos nicht unähnlich -, deren Innenwände mit mehreren Schichten abwechselnd organischen und anorganischen Materials ausgeschlagen sind. Reich hielt diese Kästen, die er nach seiner Emigration in die USA (1937) entwickelte, für Batterien zur Sammlung und Speicherung kosmischer Energie.

Er berichtete von phantastischen Heilerfolgen bei Patienten, die sich der gebündelten Orgonstrahlung ausgesetzt hatten, insbesondere im Kampf gegen Krebs wollte er phänomenale Durchbrüche erzielt haben. Reich stieß seiner Orgonexperimente wegen zunehmend auf Kritik, in der Wissenschaft galt er längst als Verrückter. Die amerikanischen Behörden ließen Anfang der 1950er seine Akkumulatoren zerstören und seine gesamten Unterlagen vernichten. Da er sich nicht an das Verbot der Benutzung seiner Orgonkästen hielt, wurde er 1956 zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt, im Zuge derer er 1957 starb. (Kritiker der Psychoszene sucht man gerne unter Hinweis auf diesen „Mord" an einem „genialen Visionär" mundtot zu machen.)

Ob Reich tatsächlich verrückt war (oder in späteren Jahren wurde), läßt sich nicht mehr beurteilen. Seine abstrusen Orgonakkumulatoren und seine zunehmende Verstrickung in Verschwörungstheorien - unter anderem glaubte er die Erde von bösartigen Außerirdischen bedroht, die die Atmosphäre mit tödlicher negativer Orgonenergie vergifteten (1954 wollte er gar eines der feindlichen UFOs höchstpersönlich vertrieben haben) - deuten allerdings sehr auf wahnhaftes Geschehen hin. (Die psychoanalytischen Schriften Reichs, die er vor seiner Emigration in die USA verfaßte, insbesondere seine Studie zur Massenpsychologie des Faschismus [1933], sind von seinen späteren Orgon-Verirrungen klar getrennt zu sehen; auch der Wert seiner in den späten 1920ern begründeten [sozialistischen] Sexualaufklärungsarbeit ist unbestritten.)

Für die behauptete Wirksamkeit der Vegeto- oder Orgontherapie (auch als SKAN-Arbeit bekannt) liegt bis heute kein ernsthafter Nachweis vor, hingegen wird von seriösen Praktikern seit je auf das Risiko schwerster körperlicher und/oder psychischer Störungen hingewiesen, das mit den tiefen Eingriffen in das organismische Geschehen einhergehe. Besonders gefährlich sind die Techniken in der Hand mangelhaft qualifizierter „Neo-Reichianer", die nicht befähigt sind, mit möglicherweise auftretenden Krisensituationen angemessen umzugehen.699 Vielfach erscheinen derlei Neo-Reichianer auch als Opfer ihrer eigenen Praktiken, sprich: nicht mehr recht zurechnungsfähig: Als szenetypische Figur gilt insofern der Worpsweder Heilpraktiker Anton-Peter Neumann, der in seinem Studio für Körperpsychotherapie und Transformation orgonenergetische Arbeit nach Reich anbietet (verknüpft mit -> Kristalltherapie [„Heilung durch Information"] und einer selbsterfundenen Art von -> Meditation [„Neue Pforten in den Geist"]): „Wir lernen Lebensenergie direkt sinnlich wahrzunehmen und als Strömung im Körper zu fühlen. (...) Die erfahrbare Bewegung von Energiewellen im Körper führt in den Bereich von 'Bliss', d.h. absoluter, ekstatischer Glückseligkeit." In einem eigens für seine Klientel zusammengebastelten Orgonakkumulator würden gar „Engel-Energien" freigesetzt, die hinführten zum Erleben des „Eins-Seins mit Gott". Für seinen - laut Werbetext - „jenseits von Mystik und Esoterik" sich bewegenden Ansatz hat Neumann sogar einen eigenen Begriff geprägt: „Streaming - zurück zu den kosmischen Wurzeln". Seit 1998 bietet er bundesweit entsprechende Seminare und Workshops an. 700 Die Baupläne für seinen „Engel-Energie-Akkumulator" seien im übrigen von Wilhelm Reich persönlich aus dem Jenseits übermittelt worden: Dieser habe sich dazu des Worpsweder Neumann-Kompagnons Jürgen Fischer bedient, dem er sie „auf medialem Wege" diktiert habe (-> Channeling). Fischer baut seither en gros entsprechende Energieakkumulatorenkästen (und weitere „spirituell-orgonomische" oder „orgon-plasmatische" Gerätschaften wie etwa den sogenannten „Orgon-Energie-Transformator"), die er auf Esoterikmessen (u.a. dem o Bremer Großkongreß „Visionen menschlicher Zukunft") und über das Internet vertreibt (Kosten eines „Möbel-Akkus": ab 3.990 Mark).701 Zudem gibt er umfangreiches Schrifttum sowie CDs über seine medialen Gespräche und Interviews mit Reich heraus (z.B. „Willi on Earth Again" oder - besonders witzig -: „Neues vom Himmel-Reich").702 Laut Fischer empfehle Reich, der „im Jenseits in einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe" zugange sei, auf die Orgon-Kästen größere Mengen von Halbedelsteinen aufzukleben: „Nehmen Sie Rosenquarze. Rosenquarze haben eine gewisse Schwingungs-Potenz (nicht -Frequenz!). Diese Schwingungsebene ist stimmungsgleich mit der Herzebene der höheren Engelwelt und bringt die Engel-Energie in den Akkumulator hinein. Das potenziert sich dabei auch noch." Im übrigen könnten mit Hilfe des „Engel-Energie-Akkumulators" simple Massageöle mit der „energetischen Information der fünf Erzengel" aufgeladen und damit zu allheilenden „Engel-Remedies" umgewandelt werden.703

Der „reinen Lehre" nach Wilhelm Reich (d.h. nach dessen diesseitigem Vermächtnis) haben sich die Berliner Orgontherapeuten Hebenstreit, Lassek & Runge verschrieben, die seit Ende der 1990er mit großem publizistischem Aufwand deren wissenschaftliche Rehabilitation zu betreiben suchen. Über ihr Zentrum für Orgontherapie und lebensenergetische Me­dizin (mit Dependancen in Hamburg und Zürich) bieten sie einschlägige Behandlungen an (einschließlich Nutzung des Orgonakkumulators, den sie u.a. bei Krebs für angezeigt hal­ten).704 Gleichermaßen werbeaufwendig, allerdings ungleich weniger orthodox, tritt das in Hannover ansässige Institut für Energologie in Erscheinung, an dem ein gewisser A. Kapur „Grundlagenforschung" betreibt hinsichtlich „jeder Form und Art von Energie, die mit dem Menschen und seiner Existenz in Zusammenhang steht". Über ein eigenes Kurs- und Work­shop-Programm sucht Kapur seine „völlig neuen Ansätze (...) ganzheitlicher und erfolgrei­cher Diagnostik- und Therapiemethoden" unters Volk zu bringen. Bei Lichte besehen stellen diese, trotz allen Marken- und Begriffsschutzbrimboriums, unter dem sie daherkommen (©, ® und ™), nichts anderes dar als das szeneübliche Sammelsurium altbekannter Techniken (vor allem aus Bioenergetik [einschließlich Charakteranalyse], Atemtherapie und Yoga); dazu, sehr originell: „Selbstfindung über das Höhere Selbst".705

Neben den schrankförmigen Orgonakkumulatoren findet auch die sogenannte „Vitronschale" Verwendung, eine Art Rundwanne, die gleich diesen in der Lage sei, kosmische Energie (hier als „Vitron" bezeichnet) zu akkumulieren und an eine darinliegende Person abzugeben. Die Behauptung von Vitronschalen-Vertreiber Günter Skwara, mit seiner Wanne sei der „Durchbruch bei der Anwendung der Orgontechnologie" gelungen, nunmehr sei „der Sieg über den Krebs und viele andere Krankheiten möglich",706 liegt auf derselben Ebene wir die Verlautbarungen der Engel-Energetiker Neumann und Fischer. Orgon oder eine vergleichbare Energie gibt es nicht; Schränke oder Wannen, in denen man solch nichtexistente Energie zu akkumulieren sucht, sind insofern doppelter Unsinn.707  

Nicht unerwähnt bleiben darf ein portabler „Orgonakkumulator" in Gestalt einer kleinen Keramikpyramide (9x9x13cm), den die Münchner Firma Fuchs Bio-Energie-Systeme (neuerdings Vit-Theragon®) vertreibt: Im Wohnbereich aufgestellt säubere der (völlig hohle) „Pyragon-Biophotonen-Schwingungsverstärker" diesen von „Eiterbakterien, Fäulnisbakterien und T-Bazillen" (gemeint sind „Todesbazillen", C.G.), darüberhinaus von „Milbenkot" und sonstigen „degenerierten Orgonenergien" (insbesondere Elektrosmog). Mit der Pyragon-Pyramide ließen sich auch durch T-Bazillen verseuchte Nahrungsmittel bestrahlen und damit genießbar machen. Kosten: 239,80 Mark708.

 

Bibliographie


Colin Goldner: Die Psychoszene, Alibri Verlag 2000, S. 172 ff

Quellenverzeichnis

694     vgl. Wirth, B.: Charakteranalytische Vegetotherapie, in: Stumm, G./Wirth, B. (Hrsg.): Psychotherapie:
Schulen und Methoden. Wien, 1992, S. 212
695     Reich, W.: Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus. Frankfurt/Main, 1977, zit. in: Wirth,
B.: Charakteranalytische Vegetotherapie, in: Stumm, G./Wirth, B. (Hrsg.): Psychotherapie: Schulen und
Methoden. Wien, 1992, S. 217
696     Baker, E./Nelson, A.: Orgontherapie, in: Corsini, R. (Hrsg.): Handbuch der Psychotherapie (Band 2)
München, 1987, S. 850f.
697     ebenda, S. 853
698     ebenda, S. 849
699     vgl. Petzold, H.: Gegen den Mißbrauch von Körpertherapie: Risiken und Gefahren bioenergetischer,
primärtherapeutischer und thymopraktischer Körperarbeit, in: ders. (Hrsg.): Die neuen Körpertherapien.
Paderborn, 1977, S. 478f.
700     Studio für Körperpsychotherapie und Transformation (Werbeanzeige), in: Böning, R./Neuwald, B. (Hrsg.):
Handbuch für Ganzheitliche Therapie und Lebenshilfe. Gschwend, 1999, S. 120
vgl. http://www.doit.de/Orgon.htm (6.3.2000) (Ein gewisser Thomas Kühl aus Modautal erhebt gleichfalls den Anspruch, den Original-Engel-Energie-Akkumulator nach Wilhelm Reich entwickelt zu haben.) vgl. Fischer, J.: Der Engel-Energie-Akkumulator: Mediale Gespräche mit dem Entdecker der Orgonenergie. Düsseldorf, 1997
703     Fischer, J: Lebensenergie aus der Atmosphäre. Worpswese, 1996
704     vgl. Hebenstreit, G./Lassek, G./Runge, W.: Lebensenergie-Forschung: Dies Orgontherapie Wilhelm Reichs
und ihre Weiterentwicklung zu einer energetisch orientierten Medizin. Berlin, 1997
705     Institut für Energologie (Werbeanzeige), in: Böning, R./Neuwald, B. (Hrsg.): Handbuch für Ganzheitliche
Therapie und Lebenshilfe. Gschwend, 1999, S. 179 (auch: http://members.aol.com/energologie/ [28.3.2000])
706     Vitronstudio (Werbematerial). Rehau, o.J.
707     vgl. Oepen, I./Löb, H.: Der Orgon-Strahler, in: Skeptiker, 4/1998, S. 148f.