V    I   K   A   S -  i N F O T H E K 

Psychomarkt/Esoterik -> Hintergrundwissen

 

Der direkte LINK:| VIKAS -Regional| VIKAS -Spezial | VIKAS-Infothek-Übersicht |VIKAS info - der aktuelle Klick| WHO`S WHO der ESOTERIK | WHO`s WHO mitgestalten | Aktuelle Umfrage |

 

    

 

Enneagramm


Colin Goldner / aus "Die Psychoszene" / 06.07.2011


Das Enneagramm, wie es in heutigen Esoterikkreisen benutzt wird, ist eine simple Aufteilung menschlichen Wesens in neun mögliche Charaktere. Über die Beantwortung von Fragebögen könne jeder Mensch einem dieser neun Typen zugeordnet werden, woraus sich (zirkelschlüssig) Erkenntnisse über die vorgegebenen Persönlichkeitseigenschaften und insofern Maßgaben für eine mit diesen übereinstimmendere Lebensführung herleiten ließen.


 

Das Enneagramm stellt eine geometrische Figur dar, die aus den Verbindungslinien von neun (ennea: griech. = neun) in gleichem Abstand auf einer Kreislinie eingezeichneten Punkten besteht. Durch die Verbindung der Punkte 3-6-9 innerhalb des Kreises entsteht ein Dreieck, durch die Verbindung von 1-2-4-5-7-8 ein Sechseck.

Ursprünglich das Sinnbild eines islamischen Mystikerordens, der darin die neun Aspekte des Angesichts Gottes sah, wurde das Enneagramm von dem russischen Okkultprediger Georgei Ivanovitch Gurdjieff (1866?-1949) aufgegriffen, der es als eigene Erfindung ausgab und zum Symbol seines 1915 in Moskau gegründeten (und 1922 nach Paris verlagerten) Instituts zur harmonischen Entwicklung des Menschen machte. Gurdjieffs Lehren haben bis heute zahlreiche Anhänger, die sich in eigenen Gurdjieff-Ouspensky-Zentren zusammenfinden. Im Mittelpunkt steht Gurdjieffs sogenannte „Schock"-Methodik, mit deren Hilfe der Schüler aus seinem „Dämmerschlaf zu höherem Bewußtsein erweckt werden soll. Dazu zählt vor allem härteste körperliche Arbeit - bevorzugt wird hierbei völlig Sinnloses angeordnet, wie etwa das Ausheben und Wiederzuschütten einer Erdgrube -, daneben auch Arbeiten, die als erniedrigend empfunden werden, beispielsweise Latrinenputzen mit einer Zahnbürste. Hinzu kommen spezifische Atem-, Konzentrations- und Bewegungsübungen (=> Sufitanz) sowie eine eigene „Meditationstechnik", bei der der Schüler auf Kommando mitten in seiner jeweiligen Bewegung zur Statue erstarrt und minutenlang, bis auf ein weiteres Kommando, so stehenbleibt (-> Dynamic Meditation). Ziel des Gurdjieffschen „vierten Weges", jenseits der traditionellen „Leidenswege" des Fakirs, des Mönchs und des Yogis, sei der schockartige Verlust allen bisherigen Selbstverständnisses und dadurch die Hinfindung zu wahrer Selbsterkenntnis; die wiederum zu Unsterblichkeit führe. Gurdjieffs Lehre wurde vor allem durch seinen Schüler, den Theosophen Pyotr Demianovitch Ouspensky (1878-1947) verbreitet.(1038) Mitte der 1970er Jahre wurde das Enneagramm auch zum Symbol der Bewegung um -> Bhagwan-Osho Rajneesh, der eine Vielzahl Gurdjieffscher Techniken in sein eigenes Verfahrenssortiment einbaute.

Das Enneagramm, wie es in heutigen Esoterikkreisen benutzt wird, ist eine simple Aufteilung menschlichen Wesens in neun mögliche Charaktere. Über die Beantwortung von Fragebögen könne jeder Mensch einem dieser neun Typen zugeordnet werden, woraus sich (zirkelschlüssig) Erkenntnisse über die vorgegebenen Persönlichkeitseigenschaften und insofern Maßgaben für eine mit diesen übereinstimmendere Lebensführung herleiten ließen. Durch die Dreiecks- und Sechsecksverbindungen ließen sich zudem Harmonien beziehungsweise Disharmonien zu Menschen anderen Typs erkennen. In umfänglichen Repertorien - angeblich geschöpft aus jahrhundertealter Tradition, tatsächlich aber von modernen Autoren willkürlich zusammengestellt - werden die einzelnen Typenmerkmale aufgelistet: Der „Reformator" oder „Moralist" (1) etwa verfolge hohe ethische Werte und habe ein besonderes Gespür für natürliche Ordnung, seine „emotionale Fehlhaltung" sei der Zorn; der „Helfer" oder „Schmeichler" (2) sei besitzergreifend und manipulativ; aus Stolz könne er nicht zugeben, daß er selbst Hilfe von anderen brauche; der „Karrierist" oder „Konkurrent" (3) sei narzißtisch fixiert auf sich selber; seine Fehlhaltung sei die Lüge (als Beispiel hierfür wird Oskar Lafontaine angeführt); der „Künstler" oder „Melancholiker" (4) neige dazu, sich von anderen unverstanden zu fühlen, der „Denker" und „Wissenschaftler" (5) zu exzentrischem Eskapismus; der „Loyalist" (6) sei pflichtbewußt und autoritär, der „Generalist" (7) optimi­stisch, der „Führer" (8) dominant und der „Phlegmatiker" (9) faul. Menschen der Kategorie 2, 3 und 4 seien soziale „Herztypen", 5, 6 und 7 zurückgezogene „Kopftypen", 8, 9 und 1 sexuelle und feindselige „Bauchtypen"; 1er kämen gut aus mit 7ern, schlecht aber mit 4ern, mit denen dafür 2er gut auskämen, die mit 8ern nicht könnten, und so fort.1039 Interessant sind weitere Zuordnungen, wie sie in der Szenezeitschrift Esotera aufgelistet werden: 6er-Typen hätten eine besondere Affinität zu Deutschland, zum Schäferhund und zur Farbe beige-braun (als Beispiel gälte Kardinal Ratzinger); die passiven und nachlässigen 9er-Typen (Papst Johannes XXIII.) dagegen repräsentierten sich durch das Faultier sowie durch „afrika­nische Stämme", Mexiko und Osterreich.(1040)

Zu den Hauptprotagonisten enneagraphischer Charakteranalyse zählt neben den amerikanischen New-Age-Vordenkern Eli Jaxon-Bear und ->John C. Lilly vor allem der -> Hoff-man-Quadrinity-Vorreiter Claudio Naranjo (1041). Im deutschsprachigen Raum wurde das Enneagramm Anfang der 1990er von dem Franziskanermönch Richard Rohr und dem evangelischen Pfarrer Andreas Ebert bekannt gemacht. Ihr Buch über die Neun Gesichter der Seele, verlegt im evangelischen Claudius-Verlag, wurde mit über 300.000 verkauften Exemplaren zu einem ungeahnten Bestseller und zog eine Vielzahl an Trittbrett-Publikationen nach sich. In christlich angehauchten Exerzitien und Einkehrtagen findet das Enneagramm ebenso regelmäßige Verwendung wie in kirchlicher Seelsorgearbeit und „spiritueller" Psychotherapie.(1042)

Die Aussagekraft der Enneagramm-Typologie, vergleichbar mit astrologischen, numerologischen oder sonstigen Kategorisierungsversuchen - seit einiger Zeit macht unter dem Namen „Enertree" ein Verfahren die Runde, das auf zwölf „Baumprinzipien" abstellt -, ist gleich null. Bestenfalls kann das Enneagramm, etwa in Form des Brettspieles, als das es im esoterischen Zubehörhandel angeboten wird, zur Partyunterhaltung dienen.

 

^

 

Bibliographie


Colin Goldner, "Die Psychoszene", Alibriverlag 2000, S. 251 f

Anmerkungen:

1038 vgl. Wilson, C.:(Ed):Dark Dimensions: A Celebration of teh Occult, New York, 1973
1039 vgl.Rohr R./Ebert A.: Das Enneagramm: Die neun Gesichter Der Seele, München, 1990
1040 vgl. Ebert, A.:Die Zahl des Lebens, in Esoterika, 5/1990, S.18f
1041 vgl. Naranjo, C.: Ennea-type Structures, Oakland (USA), 1991
1042 vgl. Zuercher, S.: Spirituelle Begleitung: Das Enneagramm in Seelsorge, Beratung und Therapie, München, 1999