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Akupunktur / Traditionelle Chinesische Medizin

Colin Goldner / 09.10.2010


Die „Traditionelle Chinesische Medizin" (TCM), wie sie sich seit Anfang der 1970er in Europa und den USA verbreitet hat, stellt einen nur minimalen Restbestand an Ideen und Praktiken der tatsächlichen Heilertraditionen Chinas dar.


 

Die „Traditionelle Chinesische Medizin" (TCM), wie sie sich seit Anfang der 1970er in Europa und den USA verbreitet hat, stellt einen nur minimalen Restbestand an Ideen und Praktiken der tatsächlichen Heilertraditionen Chinas dar. Diese Traditionen basierten auf regional sehr unterschiedlichem Volksheilwissen, auf taoistischen beziehungsweise konfuzianischen Lehr- und Leitsätzen, Beobachtungen der Natur und vor allem: auf Magie samt ausgeprägtem Geister- und Dämonenglauben. Im Zuge des erstmalig breiteren Kontakts Chinas mit dem Westen und westlicher Medizin während der Opiumkriege (1840-1842) brach die traditionelle Heilkunde massiv ein. 1929 wurde ihre Ausübung sogar verboten. In den 1950ern wurde sie im Rahmen der Rückbesinnung auf nationales Kulturgut wieder erlaubt, allerdings in gestraffter, vereinheitlichter und von den groteskesten Auswüchsen magisch-schamanischen Unsinns bereinigter Form.

 

Während die insofern neu geschaffene TCM im Westen großen Anklang fand und findet, tendiert ihre Bedeutung in China gegen null - vor allem des Umstandes wegen, dass sie Erkenntnisse und Errungenschaften der wissenschaftlichen Medizin schlichtweg ignoriert. Sie dient über den Export einschlägiger Produkte und Dienstleistungen allenfalls noch als willkommener Devisenbringer.

 

Die „philosophischen Grundlagen" der TCM, wie sie im Westen kolportiert werden, entbehren jedweder Plausibilität. In den einschlägigen Publikationen finden sich die immer gleichen Behauptungen, die dem Leser alleine dadurch als verifiziert vorgegaukelt werden, dass sie drapiert in chinesische Begrifflichkeit und als Teil „uralter Überlieferungen" daherkommen. Eine Unzahl an Heilpraktikern, Alternativmedizinern und „Sachbuch"-Autoren fühlt sich berufen, das prinzipiell „andere" Medizinverständnis der TCM zu erläutern. Ohne Kenntnis des Taoismus etwa sei jeder Versuch, TCM verstehen zu wollen, von vornherein zum Scheitern verurteilt.

 

In merkwürdigem Kontrast zu dieser Behauptung findet sich in der Literatur allerdings nur wenig Substantielles zu diesem vorgeblich bestimmenden Wesensgrund: „Der Taoismus geht von der Vorstellung aus, dass alle Gegebenheiten der Welt in einem dynamischen, aber geordneten Zusammenhang stehen. Die beiden wichtigsten Ordnungsprinzipien sind Yin und Yang. Ursprünglich Bezeichnungen für Licht- und Schattenseite eines Hügels, sind sie Ausdruck für die Polarität aller Naturerscheinungen und Lebensabläufe: Yang ist der jeweils aktive, bewegte und bewegende Aspekt, Yin der statische, bewahrende, verdichtete Aspekt eines Sachverhalts. Unter dem Einfluss von Yin und Yang entsteht und vergeht alles. Yin und Yang sind Gegensätzlichkeiten, die sich gegenseitig hervorbringen, bedingen, wandeln und zu einer Einheit ergänzen."

 

Yang seien etwa die Sonne, das Männliche, das Warme, das Feuer, die Hohlorgane Magen, Darm, Gallenblase. Yin seien der Mond, das Weibliche, das Kalte, das Wasser, die Speicherorgane Herz, Lunge, Milz.

 

Besagte Ordnungsprinzipien würden aufrechterhalten durch den Fluss einer als Qi (bzw. Ki oder Chi [sprich: Tschi]) bezeichneten Lebensenergie, die für eine ausgewogene Balance von Yin und Yang sowie ungestörten Ablauf der elementaren Wandlungsphasen sorge. Jedes Lebewesen werde von Qi-Energie durchströmt. Diese zirkuliere in einem an der Körperoberfläche gelegenen Netz so genannter Meridiane, vergleichbar einem in sich geschlossenen System auf- und absteigender Wasserrohre. Es werden vierzehn ineinander übergehende Hauptmeridiane sowie eine Reihe an Nebenmeridianen unterschieden, die (auf nicht näher erläutertem Wege) mit jeweils zugeordneten Organen oder Funktionskreisen in Verbindung stünden.

 

Jede organismische Erkrankung oder Funktionsstörung zeige sich (noch bevor sie manifest werde) in einer Blockade des Qi-Flusses im entsprechenden Meridian. Umgekehrt löse die Behebung dieser Blockade das verursachende (bzw. sich abzeichnende) Problem auf. Sämtliche Verfahrensformen der TCM zielen auf Diagnose und Behebung eben dieser Qi-Blockaden ab. Zusammenfassend werden sie als „Energiemedizin" bezeichnet.

 

Zentrale Verfahrensform der TCM - die auch ein Diagnosesystem (Puls-/Zungendiagnose) sowie eine je eigene Heilmittel-, Ernährungs- und Bewegungslehre kennt - ist die Akupunktur, die davon ausgeht, über das Einstechen (lat. = pungere) von Nadeln (lat. = acus) in bestimmte Meridianpunkte die blockierte Qi-Energie wieder in Fluss bringen zu können. (Der Begriff „Akupunktur" wurde von jesuitischen Missionaren geprägt, die bereits im 17. Jahr­hundert das in China als „Zhen Jiu" bekannte Nadelstechen kennengelernt hatten.) Die Begriffe Akupunktur und TCM werden vielfach synonym verwandt.

 

Auf jeder der erwähnten vierzehn Meridianbahnen befinde sich eine Vielzahl an Punkten, die, in Position und Funktion durch „mehrtausendjährige empirische Forschung" exakt festgelegt, gezielt akupunktiert werden könnten.

 

Auf dem absteigenden (= von oben nach unten verlaufenden) und damit Yin-energetischen „Lungenmeridian" beispielsweise, der sich von der Schulter über die Ellenbeuge zum Daumen erstrecke, seien 11 Punkte angeordnet (Lu1-Lu11).

 

Eine Akupunktur des auf Höhe des unteren Bizepsansatzes gelegenen Punktes Lu4 etwa sei angezeigt bei Husten, Asthma und Kurzatmigkeit, des am Handgelenk gelegenen Punktes Lu8 bei Atemnot und Krämpfen.

 

Der parallel dazu aufsteigende, sprich: Yang-energetische „Dickdarmmeridian", der von der Zeigefingerspitze über die Armaußenseite zum Schüsselbein und von dort weiter zur Nase verlaufe, weise zwanzig Punkte auf (Di1-Di20). Eine Akupunktur etwa des Punktes Di3 am Ansatz des Zeigefingers helfe bei „Rumpeln in den Eingeweiden", Di11 auf der Ellenbogenspitze bei Durchfall.

 

Praktisch sämtliche Erkrankungen und Funktionsstörungen könnten über Akupunktur allein der entlang der Wirbelsäule gelegenen Punkte (Bl10-Bl54) behandelt werden: der zwischen den Schulterblättern gelegene Punkt Bl11 beispielsweise wirke gegen Husten, Fieber und Gelenkserkrankungen, Bl23 auf Lendenhöhe gegen Hör-und Sehstörungen, Bl25 auf Kreuzhöhe gegen Verdauungsprobleme und Koliken.

 

Insgesamt seien auf den vierzehn Hauptmeridianen 361 Punkte angeordnet, über die Blockaden im Fluss der Qi-Energie samt den ebendiese verursachenden Krankheiten und Funktionsstörungen behoben werden könnten.

 

Die Zahl der Akupunkte ist allerdings in der einschlägigen Literatur keineswegs einheitlich angegeben: die Rede ist wahlweise von 220, 533, 695, 750, 1054 und so weiter bis hin zu mehreren tausend Punkten, die auf einer divergierenden Zahl von zwölf bis zweiunddreißig Haupt- und zahllosen Nebenmeridianen verteilt seien.

 

Der Verlauf der Meridiane weicht bei einzelnen Autoren erheblich voneinander ab, ebenso die Lage und/oder Funktion der angegebenen Punkte. Letztere, so wird in einschlägigen Lehrbüchern behauptet, lägen an so genannten „Triggerpunkten" der Muskulatur, an denen diese besonders schmerzempfindlich sei und/oder an Durchtrittsstellen von Gefäß-Nerven-Bündeln durch Muskelfasern; jedenfalls unterschieden sie sich von ihrer Umgebung durch erhöhten Hautwiderstand (was sie mit Hilfe entsprechender Punktsuchgeräte problemlos auffindbar mache), auch ließen sie sich als kleine Einbuchtungen oder Knötchen leicht ertasten. Bei anderen Autoren wird genau das Gegenteil behauptet: die Akupunkte wiesen verminderten Hautwiderstand auf und seien gegenüber dem umgebenden Hautareal erhaben. Meinen die einen, eine erhöhte Temperatur an den Akupunkten festgestellt zu haben, meinen andere, sie sei leicht vermindert. Und wieder andere sind der Auffassung, nichts dergleichen treffe zu: die Punkte seien auf physikalische Weise überhaupt nicht feststellbar, sondern nur intuitiv zu ermuten.

 

Auch die Praxis der Akupunktur ist alles andere als einheitlich: Nach einer - auf unterschiedlichstem Wege vorgenommenen - Diagnose und damit Bestimmung der zu nadelnden Punkte werden die Akupunkturnadeln, bestehend aus biegsamem Stahl in einer Stärke zwischen 0,2 und 0,4 Millimetern und einer Länge von zwei bis zwanzig Zentimetern, zwischen 0,2 und 0,8 Zentimeter tief in die Haut eingestochen.

 

Ist eine tonisierende (anregende) Wirkung gewünscht, werden sie schräg in Fließrichtung der Qi-Energie appliziert, soll eine sedierende (beruhigende) Wirkung erzielt werden, entgegen dieser Fließrichtung oder auch senkrecht zum Meridian. Verschiedene Schulen machen hierzu allerdings sehr unterschiedliche Angaben.

 

Vereinzelt wird auch behauptet, eine tonisierende Wirkung sei nur mit goldenen Nadeln zu erzielen, eine sedierende nur mit silbernen. Nach dem Einstechen werden die Nadeln zur „Stimulierung des Qi-Flusses" ein paar Mal hin-und hergedreht.

 

Gelegentlich werden mehrere Nadeln eng nebeneinander eingestochen, um die nur wenige Quadratmillimeter großen Akupunkte nicht zu verfehlen. Nach Angaben eines Lehrbuchautors sei das „betroffene Gebiet großzügig mit Nadeln zu spicken wie ein Nadelkissen".

 

Die Nadeln verbleiben zwischen zehn und dreißig Minuten in der Haut und werden dann herausgezogen. Je nach Schule werden zwischen zehn und fünfzig Punkte gleichzeitig genadelt, wobei sich bei 361 (oder mehr) Punkten eine praktisch unendliche Zahl an Kombinationsmöglichkeiten ergibt.

 

Die Behandlung wird als einmalige Therapie durchgeführt oder ein- bis dreimal pro Woche über mehrere Wochen hinweg wiederholt. Es gibt auch Dauernadeln mit einer Art Widerhaken, die, eingestochen und mit Heftpflaster fixiert, tagelang in der Haut verbleiben.

 

Entgegen aller Behauptung kommt dem angeblich so wesensbestimmenden „philosophischen Hintergrund" der TCM und damit der Akupunktur allenfalls die Rolle zu, das Verfahren mit der Aura des Exotischen zu umgeben und insofern als nicht weiter hinterfragbar auszuweisen. Hierzu dient auch die notorische Verwendung der chinesischen Punktebezeichnungen - z.B. Dü8 = Xiaohai = „Punkt des Kleinen Meeres" (am Ellenbogen).

 

Genadelt wird nicht gemäß der „Ordnungsprinzipien von Yin und Yang" sondern in einfachster symptombezogener Kausalmanier: Die Nadeln werden anhand eigener Atlanten, in denen sämtliche nur denkbaren Krankheitssymptome mit entsprechenden Akupunktkombinationen verknüpft sind, sowie dazugehöriger Körperschemata, in die die Meridiane und Punkte genau eingezeichnet sind, gesetzt.

 

Akupunktur wird in einer Vielzahl methodischer Variationen angeboten: Mancher Praktiker sucht die Wirkung seiner Behandlung zu verstärken, indem er an die eingestoßenen Nadeln Elektroden anklemmt und schwache Stromimpulse einleitet. (Eine Sonderform solchen Vorgehens stellt die „Elektroakupunktur nach Voll" - EAV -dar.)

 

Vielfach werden die eingestochenen Nadeln auch mit einem Infrarotstab oder aufgesetzten und abgebrannten kleinen Kegeln aus getrocknetem Beifußkraut (Moxi­bustion) erwärmt.

 

Weitverbreitet ist auch die Methode, in Wasser gelöste Homöopathika, Schüßler-Salztabletten oder TCM-Präparate auf den Akupunkten zu verreiben oder in diese zu injizieren. Auch Eigenblut oder Eigenurin wird dergestalt eingesetzt. Ebenfalls weitverbreitet ist das Bestrahlen der Akupunkte mit Färb- oder Laserlicht, das Auftragen von Bach-Blütenessenzen, Aroma- oder Aura-Soma-Ölen, das Befestigen kleiner Magnetstreifen und so weiter.

 

Einen ernstzunehmenden Wirkbeleg für die Akupunktur oder eine ihrer Varianten gibt es, entgegen aller Erfolgsmeldungen in den Boulevard- und Alternativheilermedien, bis heute nicht. Die bislang durchgeführten Modellversuche, mit deren Hilfe Wirksamkeitsnachweise erzeugt werden sollten, waren - bis auf zwei nennenswerte Ausnahmen - durch die Bank mangelhaft konzipiert und/oder mit eklatanten methodischen Fehlern behaftet. Die mit gro­ßem Aufwand publizierten positiven Ergebnisse wurden entweder nie einer unabhängigen Überprüfung unterzogen oder konnten solcher nicht standhalten.

 

Besagte Ausnahmen sind die Ende 2004 vorgestellten Studien zweier Zweckgemeinschaften deutscher Krankenkassen, in denen zum einen die Auswirkung von Akupunktur auf Schmerzpatienten und zum anderen auf Patienten mit Kniegelenks- und Rückenbeschwerden untersucht wurde. Übereinstimmendes Ergebnis beider Studien war, dass 1. gezieltes Setzen der Nadeln nach Atlas oder Punktsuchgerät und beliebiges Setzen der Nadeln an irgendwelchen („falschen") Stellen des Körpers absolut gleichwertige Resultate zeitigten; und dass 2. die genadelten Gruppen deutlich besser abschnitten als „konventionell" behandelte Kontrollgruppen. Letzteres Resultat, das in den Medien als „durchschlagender Beweis der Wirksamkeit von Akupunktur gefeiert wurde, muss indes unter großem Vorbehalt gesehen werden: bedingt durch das methodische Problem, dass Doppelverblindung bei Akupunktur prinzipiell nicht möglich ist, da der Behandler immer weiß und wissen muss, was genau er tut, können suggestive Wirkfaktoren nicht ausgeschlossen werden. Hinzu kommt, dass durch das Einstechen der Nadeln die Freisetzung stimmungsaufhellender Serotonine und schmerzlindernder opioider Peptide ausgelöst werden kann, die die überlegene Wirkung der Nadelung erklären könnten. In keinem Fall jedoch hat diese gänzlich unspezifische Wirkung mit irgendwelchen Meridianen oder Akupunkten zu tun, vielmehr ist es völlig gleichgültig, an welcher Stelle die Nadeln eingestochen werden.

 

Tatsache ist: es liegt bis heute nicht der geringste Hinweis auf die Existenz irgendwelcher Energiekanäle vor, die den Körper durchzögen; ebensowenig auf die Existenz irgendeiner Energie, die darin fließen könnte. Ein System an Punkten auf der Hautoberfläche, über deren Nadelung (oder sonstige Manipulation) organismisches Geschehen in einer Weise beeinflusst werden könnte, wie die Akupunkteur sich das vorstellen, gibt es nicht.

 

Hingegen birgt die Akupunktur ungeahnte Risiken. So sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen die Einstichstellen sich durch mangelhaft sterilisierte Nadeln oder Dauernadeln infizierten. Nicht selten ist es auch vorgekommen, dass die haarfeinen Nadeln abbrachen und in der Haut verbliebene Spitzen chirurgisch entfernt werden mussten.

 

Darüber hinaus sind Verletzungen von Herz, Blase, Lunge, Auge, Rückenmark, Nervenleitungen und Gefäßen dokumentiert, selbst Todesfälle durch zu tiefes Anstechen des Brustkorbes, was zu einem Zusammenfall der Lunge (Pneumothorax) führte.

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Bibliographie


Colin Goldner, "Alternative Diagnose- und Therapieverfahren - Eine kritische Bestandsaufnahme", Alibri-Verlag 2008, S. 21 ff