buch2 V I D S - INFOTHEK PUBLIC / Beitrag kommentieren
Vogtländische Informations- und Dokumentationsstelle destruktive Kulte / Psychogruppen / Esoterik


Autor / Datum / Thema /Status Glaser, Roland / 2016-08-21 15:40 / Bio-Elektromagnetismus - eine Spielwiese für Phantasten? / INFOTHEK abbrechen Kommentarfunktion aktiv
Zusammenfassung

Im letzten Jahrhundert hat sich unser Wissen über elektrische Eigenschaften von Zellen und ebenso über elektrophysiologische Vorgänge des Organismus ganz wesentlich erweitert. Dies, zusammen mit dem Fortschritt der Elektronik, führte nicht nur zur Entwicklung neuer diagnostischer Verfahren wie z. B. des Elektrokardiogramms oder -enzephalogramms, sondern auch zu neuen Möglichkeiten einer gezielten Beeinflussung biologischer Prozesse zum Nutzen der Biotechnologie und der medizinischen Therapie. Auf dieser Basis wurden ferner wissenschaftlich fundierte Grenzwerte maximal zulässiger Feldstärken festgelegt, um die Menschen vor gesundheitlichen Schäden durch elektromagnetische Felder und Strahlen der Technik zu schützen.

Bio-Elektromagnetismus - eine Spielwiese für Phantasten?

Glaser, Roland in: Heilende Magnete - strahlende Handys; Bioelektromagnetismus Fakten und Legenden

Hat Wasser ein Gedächtnis? Können sich Zugvögel am Magnetfeld der Erde orientieren? Schaden Handys der Gesundheit? Kann man mit Spulen und Magneten heilen? Roland Glaser, Biophysiker und langjähriger Forscher auf dem Gebiet des Bioelektromagnetismus, gibt Antworten und schlägt eine Schneise durch das Dickicht von Fakten und Legenden. Wenn Sie wissen wollen, was sich hinter den klangvollen Schlagzeilen zu Elektrosmog und Magnettherapie verbirgt, liegen Sie mit diesem Buch genau richtig. Unterhaltsam, dabei immer wissenschaftlich fundiert, erklärt Roland Glaser auch komplizierte Zusammenhänge und sorgt dafür, dass sich niemand zwischen Wasseradern und Nervenbahnen verläuft. Staunen Sie auf Ihrem Weg über elektrifizierte Damen, Kugelblitze und elektrisch schnarchende Schollen - Sie werden sich wundern, wie spannend (und kurios) elektromagnetische Phänomene sein können!


 

Im letzten Jahrhundert hat sich unser Wissen über elektrische Eigenschaften von Zellen und ebenso über elektrophysiologische Vorgänge des Organismus ganz wesentlich erweitert. Dies, zusammen mit dem Fortschritt der Elektronik, führte nicht nur zur Entwicklung neuer diagnostischer Verfahren wie z. B. des Elektrokardiogramms oder -enzephalogramms, sondern auch zu neuen Möglichkeiten einer gezielten Beeinflussung biologischer Prozesse zum Nutzen der Biotechnologie und der medizinischen Therapie. Auf dieser Basis wurden ferner wissenschaftlich fundierte Grenzwerte maximal zulässiger Feldstärken festgelegt, um die Menschen vor gesundheitlichen Schäden durch elektromagnetische Felder und Strahlen der Technik zu schützen.

So gesehen, unterscheidet sich dieses Forschungsgebiet nicht von vielen anderen, in denen unser Wissen ebenfalls nahezu sprunghaft anwuchs. Von Experiment zu Experiment führte die Forschung nicht nur zu neuen Erkenntnissen, sondern gleichermaßen auch zu immer neuen Anwendungen, die letztlich den technisch-medizinischen Fortschritt unserer Zeit prägen.

Bei allem Fortschritt fehlt es in dem vorausgegangenen Text dieses Buches allerdings auch nicht an Fragezeichen. Können sich Vögel und andere Tiere tatsächlich magnetisch orientieren? Spüren sie ein Magnetfeld, dessen Flussdichte viel geringer ist als jenes, bei dem man biologische Wirkungen tatsächlich nachweisen und biophysikalisch verstehen kann? Haben die Ausschläge der Wünschelrute oder hat gar die Gedankenübertragung durch Telepathie, falls es dies überhaupt gibt, etwas mit elektromagnetischen Feldern oder Strahlen zu tun? Warum werden immer wieder Therapien mit elektrischen oder magnetischen Feldern angeboten und von Patienten auch willig genutzt, die weder sinnvoll noch empirisch belegbar sind? Warum kursiert immer noch die Angst vor dem »Elektrosmog«, obgleich es wissenschaftlich gesehen eigentlich klar ist, dass unterhalb der festgelegten Grenzwerte keine nachweisbaren Gefahren durch elektromagnetische Felder lauern?

So unterschiedlich die hier angesprochenen Fragen und Problemkreise auch sein mögen, so nähren sie doch zusammengenommen den Zweifel an der Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Aussagen: Wenn die Vögel sich im Magnetfeld der Erde orientieren, die Wissenschaft dies aber nicht erklären kann, so fehlt ihr doch wohl auf der anderen Seite auch die Kompetenz, die Wirksamkeit von Magnetarmbändern zu bestreiten oder die Grenzwerte für »sicher« zu erklären, unterhalb derer angeblich keine gesundheitlichen Schäden auftreten.

Dies mag auf den ersten Blick einleuchten, erweist sich jedoch bei näherem Hinsehen als Trugschluss.* Es ist nämlich deutlich zu unterscheiden zwischen der Forschung über die Wirkung physikalischer Agenzien als Träger von Informationen auf spezielle Sinnesorgane einerseits und jener zu ihrer Rolle als unspezifische energetische Störgröße. Natürlich muss es auch in den Sinnesorganen eine Umsetzung der physikalischen Energie in ein biologisch relevantes Signal geben, bevor dessen möglicher Informationsgehalt entschlüsselt werden kann. Auch hier ist also zuerst einmal ein physikalischer Primärprozess erforderlich, mag der dazu notwendige Energiebetrag auch noch so klein sein.

Man kann beliebige Wechselwirkungen berechnen, so schwach sie auch sein mögen. Es lässt sich zum Beispiel ermitteln, welche Anziehungskraft der Mond auf den Bleistift ausübt, der auf meinem Schreibtisch liegt. So ist auch berechenbar, mit welcher elektrischen Kraft das Magnetfeld des Trafos meines Computers durch Induktion von Wirbelströmen in meinem Körper an den Transportproteinen meiner Nervenzellen »zerrt«. Entscheidend ist jedoch nicht die prinzipielle Existenz solcher Kräfte, sondern vielmehr deren Relevanz im Vergleich zu anderen Einflüssen. Mein Bleistift wird sich mit Sicherheit nicht auf den Weg zum Mond machen, denn die Anziehungskraft der Erde ist um viele Größenordnungen stärker. Auch sind die in meinem Körper durch den Trafo induzierten elektrischen Felder um viele Zehnerpotenzen geringer als jene, die dort ohnehin bestehen. Zudem gehen sie im sogenannten thermischen Rauschen unter. Genau auf solchen Relationen zwischen zusätzlichen und ohnehin vorhandenen Kräften, auch im Vergleich zu dem Pegel thermischen Rauschens, beruhen die Abschätzungen möglicher oder unmöglicher Wirkungen elektrischer und magnetischer Einflüsse auf biologische Funktionen, die wir in diesem Buch überall vorgenommen haben.

Doch wie ist das nun mit den erstaunlichen Leistungen der Sinnesorgane? Es sind ja nicht nur die in diesem Buch besprochenen Rezeptoren für elektrische Felder, die uns verwundern. Am Ende des Kapitels 5 haben wir kurz das Beispiel unserer Schallempfindung, also unseres Hörens, erwähnt. Dabei erstaunt nicht nur die Empfindlichkeit dieses Organs, die minimalen Schalldrücke, auf die unser Ohr anspricht, sondern mehr noch die Mechanismen der Rauschunterdrückung und des Herausfilterns wichtiger Informationen aus dem Lärm der Umgebung. So können wir uns noch mühelos im Verkehrslärm einer Großstadt unterhalten. Wir filtern die Information des Gespräches aus dem eventuell viel lauteren Umgebungslärm heraus. Die Reihe solcher Sinnesleistungen ließe sich noch leicht verlängern: Wenige Photonen reichen für die Lichtempfindung des Auges aus. Das Grubenorgan von Riesenschlangen reagiert auf Temperaturschwankungen von einigen Tausendstel Grad und kann somit eine Maus aufgrund ihrer infraroter Strahlung im Dunkeln orten!

In all diesen Fällen gibt es bereits beim Empfang dieser Signale raffinierte Mechanismen zur Rauschunterdrückung, entstanden in vielen Jahrmillionen der Evolution. Der physikalische Einfluss am einzelnen Rezeptormolekül liegt in den allermeisten Fällen unterhalb des thermischen Rauschens. Die Technik kennt und nutzt inzwischen die Methode der stochastischen Resonanz, ein Verfahren, bei welchem unter bestimmten Bedingungen das Rauschen die Informationsgewinnung aus einem Signal bis zu einem gewissen Grad sogar fördern kann. Vielleicht spielt dieses Prinzip auch in den Sinnesorganen eine Rolle. Eine Rauschunterdrückung ist ferner durch Bildung des Mittelwertes über eine große Anzahl von Einzelereignissen erreichbar: Tausende von Stäbchen in unserer Retina versorgen eine einzige Nervenendigung. Höher noch liegt die Zahl thermosensibler Transportmoleküle in der Membran einer einzigen wärmeempfindlichen Zelle. Sehr viele Zellen wiederum versorgen jeweils einige wenige Neuronen des Thermosensors. Immer wieder wird ein Mittelwert gebildet. Mit zunehmender Anzahl und Dauer der Messungen hebt sich dann schließlich der Pegel des Nutzsignals über den des Rauschens hinaus an. Dergleichen Mechanismen der Rauschunterdrückung und Informationsauswertung gibt es bei diesen Sinnesorganen von Stufe zu Stufe der Verarbeitung, vom Einzelmolekül bis hin zum Großhirn. Bei dem derzeitigen schnellen Fortschritt der Neurobiologie können wir noch viel Aufklärung darüber erwarten. Sicher wird auch einmal das Rätsel der Elektro- und Magnetsensoren geklärt. Bis dahin müssen wir uns an die Fakten halten und versuchen, die Resultate experimenteller Untersuchungen durch kritische Sicht und Reproduktion zu kontrollieren.

Völlig anders ist nun aber die Situation, wenn wir nach einer möglichen Wirkung elektrischer oder magnetischer Felder auf Gesundheit und Wohlergehen des Menschen fragen, sowohl im Sinne einer möglichen Therapie als auch des Umweltschutzes. Ein Wirkungsmechanismus, vergleichbar biologischer Informationsverarbeitung, wie mitunter behauptet, würde erstens einmal einen tatsächlichen Informationsgehalt des Feldes mit evolutionärem Selektionswert voraussetzen und zweitens ein Sinnesorgan mit einem daran anschließenden neuronalen Mechanismus, der in der Lage wäre diese Information auszuwerten. Wenn ein Arzt einem Patienten aufmunternd auf die Schulter klopft und ihm gut zuredet, kann dies unter Umständen schon einen therapeutischen Prozess auslösen, auch wenn die mechanische Kraft des Klopfens und der Schalldruck der Sprache physikalisch völlig unbedeutend sind. Dafür verfügt der Patient jedoch über ein Tastempfinden und ein gut geschultes Gehör mit anschließender Sprachverarbeitung und einer Datenverarbeitung im Großhirn, in welche Kenntnis über die medizinische Kompetenz des Arztes und Vertrauen auf dessen Wohlwollen und therapeutische Fähigkeiten einfließen.

Natürlich ist der zuletzt genannte Mechanismus auch bei der Anwendung eines Magnetarmbandes, einer Magnetspule oder eines Bioresonanz-Gerätes denkbar, stuft man diese Methoden einfach als Placebotherapie ein. Unvorstellbar ist jedoch, wie immer wieder behauptet, dass ein echter biophysikalischer Einfluss vorliegt oder dabei gar »Bioinformationen« übermittelt würden. Dazu fehlt sowohl der Informationsgehalt des Signals als auch das entsprechende biologische Auswertesystem.

Das Gleiche gilt natürlich auch für das Magnetfeld eines Transformators oder für das Handy am Ohr. In den elektromagnetischen Schwingungen, die unser Handy empfängt oder sendet, ist natürlich ein Informationsgehalt verschlüsselt, sonst wäre schließlich das Telefonieren sinnlos. Aber dieser ist für uns erst dann nutzbar, wenn die Elektronik des Geräts die modulierten elektromagnetischen Signale in Schallwellen transformiert hat, die unserem Sinnesorgan und Sprachzentrum im Gehirn zugänglich und auswertbar wird. Auf diesem Wege kann die Information des Telefonats tatsächlich zu einer Adrenalinausschüttung führen oder zu emotional bedingten Veränderungen im EEG. Das ist aber psychologisch verursacht und hat nichts mit dem Einfluss der elektromagnetischen Wellen aus dem Handy auf unser Gehirn zu tun. Eine solche Wirkung könnte nur energetisch erfolgen und ist im Rahmen der geltenden Grenzwerte weder theoretisch vorstellbar noch experimentell nachgewiesen, trotz jahrzehntelanger Bemühungen durch Experimente und epidemiologische Erhebungen.

Dies alles scheint klar und einsichtig, und so stellen sich uns um so dringlicher die Fragen: Warum kursieren immer wieder elektromagnetische Therapiemethoden, die weder neu sind noch vorschriftsmäßig therapeutisch überprüft, wie z. B. die Darstellung zum magnetischen Wasser im Kapitel 4 oder die »Electronic Reac- tions of Abrams«, die wir im Kapitel 13 erwähnten? Warum gibt es immer wieder Aufregung beim Bau eines neuen Sendemastes des Mobilfunks oder einer Hochspannungsleitung?

Die Antwort auf diese Fragen ist kompliziert und vielschichtig. Es gibt biologische, soziologische und auch kulturgeschichtliche Argumente, die dieses Problem verständlich machen. Bleiben wir zunächst in der Biologie, d. h. bei der Grundfrage nach möglichen Wirkungen elektrischer und magnetischer Felder und Wellen auf das biologische Geschehen, sei es im Sinne einer Therapie, sei es als gesundheitsschädliches Agens.

Das biologische System, seine physiologischen und biomolekularen Funktionen, die das Leben und die Gesundheit des Menschen ausmachen, gehört zu den höchst organisierten und kompliziertesten Strukturen der Natur überhaupt. Auch wenn sich unsere Erkenntnis auf diesem Gebiet in den letzten Jahrhunderten atemberaubend schnell entwickelt hat, so sind wir doch noch weit davon entfernt, es voll zu verstehen und Einflüsse darauf in jeder Hinsicht zu beurteilen und alle Konsequenzen daraus abzuschätzen. In vielen Fällen ist der Arzt auf Methoden der Therapie angewiesen, deren Mechanismen analytisch durchaus noch nicht klar sind, deren Wirksamkeit vielmehr auf Erfahrung und gründlichen empirischen Studien beruht.

Studien, die den exakten Nachweis der Wirksamkeit einer therapeutischen Maßnahme mit einiger Zuverlässigkeit belegen, so wie sie der Gesetzgeber vorschreibt, sind jedoch außerordentlich aufwändig, langwierig und teuer. Dies liegt natürlich auch daran, dass KrankheitsSituationen nur begrenzt miteinander vergleichbar sind und in Patienten mit unterschiedlichen physiologischen Eigenschaften ablaufen. Solche pharmakologischen Tests erfordern einen großen Patientenkreis sowie umfangreiche methodische und biometrische Maßnahmen, die für den Laien oftmals kaum nachvollziehbar sind. Selbst dann, und dafür gibt es genügend Beispiele, werden Nebenwirkungen noch oft übersehen.

Zumeist ist die Beschreibung partikulärer Fälle angeblicher oder tatsächlicher Heilerfolge für den Laien wesentlich überzeugender als der Wust statistischer Berechnungen umfangreicher Studien. Wissenschaftlich sind solche Fallberichte jedoch ziemlich wertlos. Selbst wenn die erstaunlichen singulären Heilerfolge einer propagierten Methode, wie der Reklame zu entnehmen, tatsächlich da und dort stattgefunden haben sollten, so beweisen sie natürlich noch lange nicht die Wirksamkeit des eingesetzten Mittels. Könnten die genannten Patienten nicht auch ohne diese Therapie gesund geworden sein?

In der Wissenschaft gilt eine Erkenntnis dann als »gesichert«, wenn ein Experiment - beliebig oft wiederholt - immer das gleiche Resultat erbringt. Dies ist in der Medizin so nicht möglich, denn jeder Fall liegt etwas anders. Da helfen eben nur die oben erwähnten groß angelegten und statistisch gut abgesicherten Studien, die mehr oder weniger verlässliche Mittelwerte liefern.

Die gleiche Aussage, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, gilt natürlich auch für vermeintliche schädliche Einflüsse. Berichte über Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Nervosität, Hautausschläge etc. in Korrelation mit der nahen Errichtung einer Trafostation oder eines Sendemastes sollten zwar nachdenklich stimmen und eine nähere Recherche auslösen, können aber per se nicht als Kausalitätsbeweis dienen. Es könnten ja auch andere Ursachen dafür verantwortlich sein. Handelt es sich doch gerade bei dieser Art von Beschwerden um solche, denen medizinisch schwer beizukommen ist. Nur zu gut ist es verständlich, wenn der darunter Leidende dringend nach Ursachen sucht und eine ihm angebotene Erklärung bereitwillig aufgreift. 

Damit sind wir bei der Soziologie angelangt, dem zweiten der drei oben angeführten Aspekte. Zwar gibt es bereits ein Werk zur »Theologie der Elektrizität«, das wir im Kapitel 15 zitierten, eine zusammenfassende Soziologie des Elektromagnetismus muss allerdings wohl erst noch geschrieben werden, obgleich es dazu bereits viele Untersuchungen gibt. Es sei hier auf zwei Aspekte diesbezüglich eingegangen. Zum einen sind wir alle Opfer der durch die Medien verbreiteten Halbbildung. Eine Stunde Fernsehen über die Geheimnisse ägyptischer Pyramiden, und schon fühlen wir uns kundig auf diesem Gebiet. Ebenso lässt sich über Elektrosmog berichten oder über die erstaunlichen Erfolge der Therapie mit magnetischen Sitzkissen oder Ähnliches. Die Optik wirkt überzeugend. Und wenn dazu ein ernst blickender »Experte« interviewt wird, dann sind die letzten Zweifel behoben. Mitunter ist es daher auch nicht nur eine Halb-, sondern sogar eine Fehlbildung, welche die Medien verbreiten, teils aus bewusst tendenziösen Gründen, teils weil es den Sendern oftmals vorwiegend um die Einschaltquote geht oder wohl auch, weil eventuell der Produzent einer Sendung einem Scharlatan auf den Leim gegangen ist. Und doch sind wir auf solche Informationen angewiesen. Was versteht schon ein Arzt von der Hochfrequenztechnik und ein Ingenieur von den molekularen Grundlagen der Krebsentstehung? Schließlich sind wir angesichts des immensen Ausmaßes modernen Wissens bestenfalls auf einem kleinen Gebiet sachkundig. Der große Rest unserer Allgemeinbildung stammt aus Sekundärinformationen, aus denen sich eine nicht immer richtige Überzeugung bildet. 

Der zweite Aspekt soziologischer Art liegt tiefer. Wir erwähnten bereits im ersten Kapitel Peter L. Berger, der sein Buch im Untertitel: »Glauben in einer Zeit der Leichtgläubigkeit« nannte. Er widmet sich dem modernen Zeitalter als »Schauplatz einer massiven Säkularisierung«, das aber »ebenso Schauplatz mächtiger Gegenbewegungen« ist. Der hinsichtlich religiöser Bindungen haltlos gewordene Mensch sucht nach neuen Bezügen. In diesem Zusammenhang, so Berger, ist es erstaunlich, »was an irrationalen Vorurteilen selbst diejenigen zu glauben bereit sind, denen wissenschaftliche Rationalität qua Ausbildung mit Löffeln verabreicht wurde«1"1. Es sind also nicht nur die Fernsehkonsumenten niedrigeren Bildungsgrades, welche von der Realität bioresonanter Therapien, aufsteigender Chakraenergien im Körper, Wünschelruteneffekten oder eben auch krebserregender Mobilfunkmasten überzeugt sind, sondern auch Leute, die es eigentlich besser wissen sollten. Mitunter nehmen derartige Tendenzen sogar den Charakter von Ersatzreligionen an. 

Dies alles mögen vordergründige Ursachen der oben genannten Probleme sein. Sie reichen jedoch zum vollen Verständnis der Situation nicht aus, erklären nicht das Ausmaß elektromagnetischen Wunderglaubens einst und jetzt. Man muss vielmehr die Besonderheiten dieses Gebietes noch tiefgründiger suchen. Nicht umsonst haben wir in den vorausgegangenen Kapiteln hin und wieder einen Blick auf die Wissenschafts- und Kulturgeschichte geworfen. Mehrfach sind wir auf den Umgang mit Elektrizität und Magnetismus im Zeitalter der Aufklärung, der Romantik und der Naturphilosophie eingegangen.

Man müsste dabei beinahe an dem vor- und frühgeschichtlichen Verhalten des Menschen zu den Naturgewalten ansetzen, dem magischen Erfassen von Feuer, Blitz und Donner und dem Versuch, sie irgendwie in das zumeist religiös geprägte Weltbild einzuordnen. Der Mensch will die Welt verstehen, er will erkennen, was hinter den Dingen steckt. Geht es nicht rational, quasi als wissenschaftliche Erklärung, so sucht er ein Verständnis im Irrationalen, im Mystischen.

Im Verlauf der Menschheitsgeschichte und besonders in den vergangenen Jahrhunderten engten bekanntlich die Naturwissenschaften den Bereich der als magisch empfundenen Naturphänomene immer weiter ein, bauten sie ein in ein sich logisch erhaltendes und auf empirischen Fakten basierendes Denkgebäude und domestizierten quasi die Naturkräfte zum Zwecke ihrer technischen Nutzung. Im Hinblick auf den zivilisatorischen Fortschritt war dies außerordentlich erfolgreich und nützlich, gleichzeitig verdrängte es jedoch offenbar elementare Bedürfnisse der menschlichen Natur. Wir verwiesen im ersten Kapitel bereits auf die Neigung des Menschen zur Wundergläubigkeit und seine Reaktion auf die »Entzauberung der Welt« um die Wende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert, wie es Max Weber ausdrückte. Auch die Romantik und die romantische Naturphilosophie in zeitlicher Folge der Aufklärung können als Ausdruck dieses Bedürfnisses betrachtet werden2).

Im christlichen Abendland hat die Kirche dieses mystische Bedürfnis des Menschen kanalisiert, damit aber gleichzeitig auch eingeengt. Wie die Begradigung unserer Flüsse zwar Sümpfe trockenlegte und uns vor Überschwemmungen so lange sicherte, bis eine große Flut die vermeintliche Sicherheit hinwegspülte, so führte auch diese geistige Melioration im letzten Jahrhundert immer wieder zu Ausbrüchen aus den vorgegebenen Bahnen. Gute Möglichkeiten alternativer Orientierung boten neben vielen Primitivreligionen diesbezüglich auch Heilslehren aus dem fernen Asien, wo es eine vergleichbar religiöse Kanonisierung wie in der westlichen Welt nicht gab. Die Anschauungen des chinesischen Taoismus und die vielen hinduistischen und buddhistischen Spielarten bis hin zum Lamaismus bieten reichlich Material für Spekulationen mannigfaltiger Art und zum Aufbau einer modernen Patchwork-Weltanschauung, in der sich auf einer Ebene der Halbbildung Elemente dieser Religionen mit denen des Elektromagnetismus kombinieren lassen. Über die Uminterpretation des chinesischen ch’i zu einer Energie im physikalischen Sinne haben wir ja bereits mehrfach gesprochen.

Im Unterschied zu anderen Naturphänomenen, wie zum Beispiel Gravitation, Druck, Wärme, Licht etc. gerieten die Erscheinungen von Magnetismus und Elektrizität erst relativ spät ins Blickfeld forschender Theoretiker und Experimentatoren. Dies war die Zeit der europäischen Aufklärung und später der romantischen Naturphilosophie. Somit wurden eben diese unsichtbaren, nur durch ihre Wirkungen wahrnehmbaren, andererseits jedoch allgegenwärtigen und zum Teil alles durchdringenden Kräfte elektromagnetischer Art zu einem der letzten Rückzugsgebiete für dieses dem Menschen offenbar immanenten Bedürfnisses nach Transzendenz, zumindest im vordergründigen Sinne.

Hinzu kommt natürlich, dass die technische Nutzung von Elektrizität und Magnetismus das Leben der Menschen in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten in einem Maße verändert hat, welches vergleichbar ist mit dem Umbruch, den einst für den Menschen die Zähmung des Feuers bedeutet haben mag. Dabei brauchen wir uns gar nicht die gesamte kulturelle Revolution der letzten Jahrhunderte vor Augen zu führen, sondern können uns ganz vordergründig auf das Ausmaß praktischer Nutzung der Elektrotechnik im weitesten Sinne des Wortes im Alltag des modernen Menschen beschränken: die Verfügbarkeit universell nutzbarer Energie an jedem Ort, die schier unbegrenzte Möglichkeit der Kommunikation über weite Entfernungen.

Diese tiefgreifenden technischen Neuerungen und die damit verbundene Umgestaltung menschlicher Lebensgewohnheiten im Verlauf von wenigen Generationen hat der moderne Mensch psychologisch offenbar noch längst nicht verarbeitet. Er ist heute kaum in der Lage die sich ihm bietenden technischen Möglichkeiten ohne Exzesse sinnvoll zu nutzen - die Fernsehsucht, die Bewegungsmanie des Autofahrers, der Telefonier- und Computerspiel-Enthusiasmus der Jugend mögen als Beispiele gelten. Der moderne Mensch hat das Gleichgewicht zwischen Ratio und Intuition und die innere Stabilität offenbar noch längst nicht wiedererlangt, zumindest nicht in dem Maße, wie wir es uns vom Menschen der Zeit des Barock oder früherer Perioden vorstellen. Die Unsicherheit in der Begegnung mit dem Neuen ist also verständlich und daraus vielleicht auch die untergründige Angst vor den unsichtbaren Strahlen aus einem neu errichteten Antennenmast in der Nachbarschaft ebenso wie der Glaube an die Wunderheilung durch einen Magneten.

So wollen wir dieses Kapitel und damit auch das Buch mit drei Zitaten schließen, welche die Breite möglicher Denkansätze und die individuelle Reflexion des Zeitgeistes auf diese Situation widerspiegeln. Die Aussagen stammen beinahe von Zeitgenossen, auch wenn es sich dabei um eine Großvater-, eine Vater- und eine Enkelgeneration handelt und um eine Zeit großen geistigen Umbruches vor zwei Jahrhunderten.

Der Großvater, Immanuel Kant als nüchterner Philosoph der Aufklärung: »Die Maxime der gesunden Vernunft ist aber diese: alle solche Erfahrungen und Erscheinungen nicht zu erlauben, sondern zu verwerfen, die so beschaffen sind dass, wenn ich sie annehme, sie den Gebrauch meiner Vernunft unmöglich machen, und die Bedingungen, unter denen ich meine Vernuft allein gebrauch kann, aufheben«3.

Der Enkel, E.T.A. Hoffmann als romantischer Schriftsteller: »Man sagt, das Wunderbare sei von der Erde verschwunden, ich glaube nicht daran. Die Wunder sind geblieben, denn wenn wir selbst das Wunderbarste, von dem wir täglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer Reihe von Erscheinungen die Regel der cyklischen Wiederkehr abgelauert haben, so fährt doch oft durch jenen Kreis ein Phänomen, das alV unsere Klugheit zu Schanden macht, und an das wir, weil wir es nicht zu erfassen vermögen, in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben. Hartnäckig leugnen wir dem inneren Auge deshalb die Erscheinung ab, weil sie zu durchsichtig war, um sich auf der rauhen Fläche des äußeren Auges abzuspiegeln«4).

Und was sagt der Herr von Goethe als Vermittler aus der Vatergeneration kurz und bündig: »Geheimnisse sind noch keine Wunder«5.


1 Berger 1994, P35

2 Safranski 2007

3 I. Kant: Träume eines Geistersehers

4 E.T.A. Hoffmann: Diie Elixiere des Teufels

5 W.v.Goethe: Maxime und Refelexionen




Bibliografie

Glaser, Roland; Heilende Magnete-strahlende Handys; Bioelektromagnetismus: Fakten und Legenden; WILEY-VCH Verlag Weinheim, 2008, S. 313 ff.




Kommentar / Mitteilung schreiben --> oder zurück zum Textanfang



Kommentar nicht übernehmen externer Link: https://vikas.de/datenbank/beitragpublicartikel.php?ARTCOUNTER=706 email vikas email Autor VIKAS-Startseite

Creative Commons Lizenzvertrag Edition VIKAS 2006-2016/FEPA V 2.1-2016